Samstag, 26. März 2011

Walt Whitman


Als ich las, dass heute der Todestag des amerikanischen Dichters Walt Whitman ist, dachte ich mir, dass ich über ihn schreiben sollte. Aber dann fiel mir ein, dass ich ja schon einmal in diesem ➱Blog etwas über ihn geschrieben habe. Andererseits kann man über Whitman ja gar nicht genug schreiben. Vor einem halben Jahrhundert habe ich mir in unserer örtlichen Buchhandlung die erste Ausgabe von Leaves of Grass bestellt. Ich wurde da etwas seltsam angeschaut, bei der Buch- und Papierhandlung Otto&Sohn bestellte man nicht so häufig ein englisches Buch. Wahrscheinlich war ich der erste. Aber nach Wochen hatte ich meinen Whitman und fing in jugendlichem Überschwang an, den Song of Myself zu übersetzen. Habe ich nach zehn Seiten aufgegeben, es gibt leichtere Texte, die man übersetzen kann als Walt Whitman. Die zehn Seiten, sorgfältig mit meinem grünen Pelikan Füllfederhalter geschrieben, habe ich aber bis heute aufbewahrt. Es war, ohne, dass ich das damals wusste, sehr geschickt von mir, die 1855er Ausgabe von Leaves of Grass von Malcolm Cowley zu bestellen. Denn das sind sozusagen die Ur-Leaves, nur zwölf Gedichte, nur hundert Seiten.

Einige Jahre nach meinen Übersetzungsversuchen erschien bei Rowohlt in der Reihe der Rowohlts Klassiker unter dem Titel Grashalme die Übersetzung von Hans Reisiger, mit einem exzellenten Kommentar von Deutschlands damals berühmtesten Amerikanisten Hans-Joachim Lang. Der hatte für manche Bände der Rowohlts Klassiker Reihe wie zum Beispiel zu Coopers Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna ja hervorragende Nachworte geschrieben. Als ich ihn Jahre später kennenlernte, habe ich ihm das erzählt, wie er mich beeinflusst hat, er hat da nur gelächelt. Eigentlich ist es eine Schande, dass so bedeutende Gelehrte wie er keinen Wikipedia Artikel haben, wo sich heute jeder unbedeutende Jungprofessor seinen eigenen Eintrag schreibt. Immerhin hat ihn die Universität Erlangen-Nürnberg vor Jahren zu seinem 85. Geburtstag ein wenig gewürdigt.

Die Übersetzung von Reisiger war schon alt, sie war zuerst 1922 bei Fischer erschienen, und Dr. Reisiger hatte seinem Freund Thomas Mann gleich ein Exemplar geschickt. Den hat die Whitman Lektüre sehr beeindruckt. Inzwischen besitze ich die Originalausgabe von 1922 auch, ich habe sie einmal preiswert in einem Antiquariat gefunden. Man kann sie übrigens heute noch antiquarisch finden, und die Zeit hat dem Inhalt der beiden Bänden wenig anhaben können. Ein Gedicht ist mir immer rätselhaft geblieben. Es heißt Cavalry Crossing a Ford und es findet sich 1865 in der Sammlung Drum-Taps, zwei Jahre später hat es Whitman in die von ihm bis zu seinem Lebensende immer wieder erweiterte Ausgabe von Leaves of Grass aufgenommen.

A line in long array where they wind betwixt green islands,
They take a serpentine course, their arms flash in the sun--hark to
the musical clank,
Behold the silvery river, in it the splashing horses loitering stop
to drink,
Behold the brown-faced men, each group, each person a picture, the
negligent rest on the saddles,
Some emerge on the opposite bank, others are just entering the
ford--while,
Scarlet and blue and snowy white,
The guidon flags flutter gayly in the wind.


The real war will never get into the books ist die Überschrift des letzten Kapitels in Whitmans autobiographischen Specimen Days von 1865, da wird er erst 1876 weiterschreiben. Der ➱Bürgerkrieg wird in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur nur zögernd thematisiert, wenn wir einmal Herman Melvilles Shiloh, die Gedichte von Whitman und Miss Ravenel's Conversion from Secession to Loyalty von John William DeForest ausnehmen. Es gibt patriotische Gedichte, und es gibt Lieder, die von beiden Seiten gesungen werden. Das berühmteste (und schmalzigste) ist Lorena, es hat bis heute als Song überlebt. Selbst Johnny Cash hat es gesungen.

Das Gedicht Cavalry Crossing a Ford hat mit dem sentimentalen und dem patriotischen Kitsch nichts gemein, es hat auch mit Whitmans Ode auf Abraham Lincoln When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd nichts gemein. Man würde, wenn man es nicht wüsste, nicht glauben, dass die beiden Gedichte im gleichen Jahr vom gleichen Dichter geschrieben sind. Cavalry Crossing a Ford ist wie andere Gedichte in Drum-Taps ein sehr kurzes Gedicht. Das ist für Whitman untypisch, es ist ein künstlerisches Experiment, das Whitman leider nicht weiterverfolgt. Er ist in den letzten Jahren des Bürgerkriegs in einer Krise. Seine Gesundheit lässt nach, sein Bruder ist Soldat im Bürgerkrieg, er selbst hat als freiwilliger Krankenpfleger in den Lazaretten die Schrecken des Krieges kennengelernt. Und er spürt, dass seine Schaffenskraft nachlässt. In einem Brief an den Verleger Charles W. Eldridge schreibt er 1863: I feel to devote myself more to the work of my life, which is making poems. I must bring out 'Drum-Taps'. I must continually bring out poems - now is the hey day. I shall range along the high plateau of my life & capacity for a few years now & then swiftly descend. Das ist beinahe prophetisch. Neben den "experimentellen" kurzen Gedichten in Drum-Taps wird er nach Lincolns Ermordung noch When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd schreiben, vielleicht sein großartigstes Werk. Aber danach kommt nicht mehr mehr sehr viel Neues, er verwaltetet jetzt nur noch sein Werk. Kurz vor seinem Tod, als er Leaves of Grass (die sogenannte Deathbed Edition) wieder einmal vollendet hat, schreibt er: L. of G. at last complete—after 33 y'rs of hackling at it, all times & moods of my life, fair weather & foul, all parts of the land, and peace & war, young & old.

Flussübergänge gehören damals zum täglichen Brot der Armee, wenn man auf eine Landkarte von Virginia schaut, sieht man Flüsse über Flüsse, die parallel laufen und häufig indianische Namen haben: Potomac, Chickahominy, Rappahannock. Das hier ist der Rappahannock, über den angeblich der kleine George Washington einen Stein geworfen hat. So wie auf diesem Bild sieht es in Whitmans Gedicht natürlich nicht aus. Kein Regen und Schnee, es ist eher eine Sommeridylle. Und man braucht für das Gedicht auch keine Illustrationen, es ist ja selbst ein Bild.

Wir stehen als Betrachter vor diesem Gemälde, das uns Whitman mit Worten malt. Oder wir sind der Kameramann, der einen Film über den Bürgerkrieg dreht. Jeder der Verse des Gedichts ist eine Kameraeinstellung, vom Panoramatischen bis zur Teleobjektiveinstellung, das Ganze ist völlig filmisch gedacht. Das macht das Gedicht so erstaunlich. Und in dieser visuellen Ästhetisierung, diesem gleichsam eingefrorenen Moment ist eigentlich kein Krieg. Nichts von dem Schrecklichen, dessen Ergebnisse Whitman in den riesigen Lazaretten von Washington gesehen hat. Nichts von dem Schrecklichen, von dem ihm die verwundeten Soldaten erzählt haben. Und je länger wir schauen, desto lauter hören wir die gefürchtete Frage des Lehrers Was will uns der Dichter damit sagen?

Ich weiß es nicht. Aber mir fällt einen anderes Wortgemälde ein, das auch mit dem Bürgerkrieg zu tun hat, der Anfang von Stephen Cranes Roman The Red Badge of CourageThe cold passed reluctantly from the earth, and the retiring fogs revealed an army stretched out on the hills, resting. As the landscape changed from brown to green, the army awakened, and began to tremble with eagerness at the noise of rumors. It cast its eyes upon the roads, which were growing from long troughs of liquid mud to proper thoroughfares. A river, amber-tinted in the shadow of its banks, purled at the army's feet; and at night, when the stream had become of a sorrowful blackness, one could see across it the red, eyelike gleam of hostile camp-fires set in the low brows of distant hills.

Das ist nun schon, salopp formuliert, reiner Impressionismus. Noch hat Joseph Conrad seinen berühmten Satz noch nicht gesagt, dass es sein Ziel sei by the power of the written word to make you hear, to make you feel... before all, to make you see. That — and no more, and it is everything. Dieses to make you see beherrscht Whitman in seinem Gedicht. Die bange Frage bleibt, was dann? Vielleicht sind die brown-faced men, each group, each person a picture eine halbe Stunde später tot. Das ist das Beunruhigende an dieser impressionistischen Momentaufnahme. Es ist eine Seite des Kriegs, die andere sieht eher so aus wie in den Strophen aus When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd:

I saw askant the armies;
And I saw, as in noiseless dreams, hundreds of battle-flags;
Borne through the smoke of the battles, and pierc’d with missiles, I saw them,
And carried hither and yon through the smoke, and torn and bloody;
And at last but a few shreds left on the staffs, (and all in silence,)
And the staffs all splinter’d and broken.

I saw battle-corpses, myriads of them,
And the white skeletons of young men—I saw them;
I saw the debris and debris of all the dead soldiers of the war;
But I saw they were not as was thought;
They themselves were fully at rest—they suffer’d not;
The living remain’d and suffer’d—the mother suffer’d,
And the wife and the child, and the musing comrade suffer’d,
And the armies that remain’d suffer’d.


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