Samstag, 11. Dezember 2010

Jean-Louis Trintignant


Bon anniversaire, Jean-Louis! Er wird heute achtzig. Ich gratuliere mit dem Gedicht Les Feuilles Mortes von Jacques Prévert. Das natürlich alle französischen Chansonniers gesungen haben, inzwischen ist die Melodie ja auch schon zu einem Jazz Standard geworden:

Oh! je voudrais tant que tu te souviennes
des jours heureux où nous étions amis.
En ce temps-là la vie était plus belle
et le soleil plus brulant qu'aujourd'hui.
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle.
Tu vois, je n'ai pas oublié...
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
les souvenirs et les regrets aussi.
Et le vent du Nord les emporte dans la nuit froide de l'oubli.
Tu vois, je n'ai pas oublié la chanson que tu me chantais.

C'est une chanson qui nous ressemble.
Toi tu m'aimais et je t'aimais.
Nous vivions tous les deux ensemble
toi qui m'aimais
moi qui t'aimais.
Mais la vie sépare
ceux qui s'aiment
tout doucement
sans faire de bruit.
Et la mer efface sur le sable
les pas des amants désunis.

Sie könnten jetzt dazu ➱Juliette Gréco auflegen oder ➱Yves Montand. Ich hatte in den fünfziger Jahren diese schwere Existentialisten Phase. Da habe ich Jacques Prévert entdeckt. Zuerst in der Rowohlt Ausgabe aus dem Jahre 1950, übersetzt von Kurt Kusenberg. Später kamen noch alle möglichen französischen Ausgaben dazu. Ich erzähle das nur, weil der junge Jean-Louis Trintignant in seiner Jugend auch Prévert für sich entdeckt hat. Den liest er auch heute noch vor, begleitet von Daniel Mille. Seit Mille und er sich vor Jahren getroffen haben, arbeiten sie bei diesen Dichterlesungen - die eher kleine Gesamtkunstwerke sind - immer zusammen. Warum spielt Daniel Mille nicht mal Les Feuilles Mortes auf der Quetschkommode und zwingt Jean-Louis zu singen? Wäre bestimmt nicht schlecht.

Die Liebe zur Lyrik hat ihn nie losgelassen, und er hat in den letzten Jahren, wo ihn das Kino nicht mehr so interessiert, auch viel Lyrik vorgelesen. Seine Apollinaire Nacht in Avignon vor Jahren soll ein großes Ereignis gewesen sein. Eine Freundin hatte mir eine Raubkopie geschickt, auf der nur Trintignant steht. Mehr stand da nicht drauf. Aber es ist seine flüsternd raunende Stimme, begleitet von geheimnisvoller Musik von Daniel Mille (und Erik Satie), 79 Minuten lang. Wenn Sie keine Freundin in Luxembourg haben, die Ihnen so etwas raubkopiert, dann sollten Sie sich diese CD kaufen. Ist auch wahnsinnig beruhigend, selbst wenn Sie kein Französisch können. Ungefähr so wie die Platte mit dem Gesang der Buckelwale.

Er ist immer noch auf der Bühne, es gibt zahlreiche Videoclips im Netz, wenn Sie ➱diesen anschauen, werden Sie sehen, dass er trotz seiner achtzig Jahre noch erstaunlich lebendig ist. Aber wenn man auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten angefangen hat, dann lässt einen diese Welt wohl nicht mehr los. Nach dem schrecklichen Tod seiner Tochter ist er einige Zeit nicht aufgetreten, aber jetzt ist er wieder da. Und wenn man sich anschaut, was er in den letzten Jahren so gemacht hat, dann scheint ihm das alles wieder Spaß zu machen. Er dreht sogar gerade wieder einen Film. Mit Michael Haneke. Über das Alter und die Liebe.

Man kann auf dem Photo hier sehen, dass er nicht sehr groß ist, bestenfalls (wie es zu lesen ist) ein Meter siebzig, eher etwas weniger. Und er hat diese Art, seine Schultern hochzuziehen, wodurch er noch kleiner wirkt. Unsichere Menschen machen das, als ob sie sich in sich selbst verstecken wollen. Um seine Schüchternheit und Unsicherheit zu überwinden, ist er zum Theater gegangen. Er ist da nicht der einzige. Die Bühne und die Scheinwerfer scheinen eine therapeutische Funktion zu haben. Ich bringe diese Plattitüden mit Aplomb, weil ich mich da auskenne. Ich habe einmal ein Jahr lang eine Schultheater AG geleitet, da sind nur kleine Neurotiker auf der Bühne. Und kleine Zicken, die sich einbilden, Marilyn Monroe zu sein. Und deren Müttern niemand den Noel Coward Titel Don't put your daughter on the stage, Mrs. Worthington empfohlen hat. Ich hatte in dem Ensemble einen Schüler, der im normalen Leben stotterte. Immer. Aber wenn er auf der Bühne im Lichtkreis des Scheinwerfers stand, dann konnte der lange Monologe sprechen, ohne ein einziges Verhaspeln. Faszinierend.

Ich wollte nie auf die Bühne, ich war zwar in der Theater AG meines Gymnasiums, die damals noch Laienspielschar hieß, aber ich hatte da als Bühnenbildner angeheuert. Stieg dann auf zum Regieassistenten und wurde das Mädchen für alles, Kostüme, Souffleur und understudy für kleine Rollen. Mich fasziniert Theater, aber ich wollte nie wirklich auf die Bühne. Aber ich wollte wie Jean-Louis Trintignant sein. Als ich noch jung war, hatte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Sagten mir Frauen. Ich wußte damals nicht, dass er kleiner war als ich. Das kaschiert der Film ja immer sehr schön. Was haben sie nicht alles angestellt in Hollywood, um Zwerge wie Alan Ladd und Humphrey Bogart groß aussehen zu lassen. Ich hatte mir damals auch angewöhnt, die Schultern hochzuziehen wie Trintignant, das scheue Lächeln hatte ich schon drauf. Das wurde aber in meiner Familie überhaupt nicht gewürdigt. Halt Dich gerade, sonst kriegst Du einen Buckel, war die einzige Reaktion.

In einem seiner ersten ➱Filme, der ... und immer lockt das Weib hieß, konnte man das mit der Körpergröße manchmal sehen, weil da Curd Jürgens mitspielte, den Brigitte Bardot angeblich einen normannischen Kleiderschrank genannt hat. Ich durfte da rein, weil die FSK den Film ab 12 Jahren freigegeben hatte. Obgleich er, wie sein dramatischer Titel (offensichtlich nach und ewig singen die Wälder nachempfunden) schon andeutete, für die damalige Zeit ganz verworfen war. Nach diesem Film verschwand Trintignant erst einmal von der Bildfläche. Er hat den Medienrummel um seine angebliche (?) Affäre mit BB nicht so recht verkraftet, und ist erst einmal zur Armee gegangen. Er hat keine Autorennen gefahren, wie manche behaupteten. Das war sein Onkel. Eigentlich wollte er ja Rennfahrer werden wie sein Onkel Maurice, aber seine Familie (wohlhabende französische Bourgeoisie) war dagegen.

Aber als Rennfahrer kam er dann wieder auf die Leinwand. Zusammen mit Anouk Aimée und einem Ford Mustang in Un Homme et Une Femme. Der autoverrückte Regisseur Claude Lelouch hat den Film gedreht. Es gibt noch einen schöneren Autofilm von ihm. In dem zwar keine Scheibenwischer, plüschige Filmusik und Trintignant vorkommen, aber ➱PARIS. Klicken Sie ruhig mal auf den Namen der Stadt und steigen Sie zu Lelouch ins Auto. Dann können Sie zur Musik von Snow Patrol mit dem Regisseur einmal frühmorgens durch Paris fahren. Den Führerschein musste Lelouch hinterher allerdings abgeben. Er hat ihn inzwischen wieder, wie Sie in diesem making of sehen können, wo er die Strecke noch einmal fährt. Diesmal hält er sich (beinahe) an alle Verkehrsregeln.

Un Homme et Une Femme war in sich perfekt. Kitsch, aber perfekter Kitsch, das macht den Franzosen keiner nach. Die Kamera war aufregend, die Musik eingängig. Und hinterher wollte jeder mit dem Auto am Strand fahren. War einfach schön. Ich war wegen des Films so häufig im Kino, dass ich nicht weiß, ob ich ihn heute noch ertragen könnte. Den gleichzeitig entstandenen Film von La Peau Douce von ➱Truffaut kann ich immer wieder sehen, der ist stiller, nicht so spektakulär.

Trintignants nächster Film war auch spektakulär. Da spielte er den einsamen stummen Rächer in Il Grande Silenzio, einem Spaghettiwestern, der im Deutschen Leichen pflastern seinen Weg hieß. Lag hinterher tot im Schnee. Und wir saßen noch fünf Minuten stumm im Kino, weil wir dachten, der Vorführer hätte vergessen, die letzte Rolle einzulegen. Seit wann darf das Böse im Western siegen? Angeblich gibt es von dem Film auch eine Version mit happy ending, aber nicht an diesem Tag, nicht in diesem Kino.

Mit seinem nächsten Film versöhnte Trintignant all die kleinen Intellektuellen, die jetzt von der Nouvelle Vague berauscht waren. Es war wieder Winter, aber diesmal nicht in den Abruzzen (wo Il Grande Silenzio gedreht worden war) sondern im Zentralmassiv. Und Trintignant spielte diesen schüchternen katholischen Ingenieur, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann. Französisches Sabbelkino, würde mein Freund Georg dazu sagen. Der Film hieß Ma Nuit Chez Maude, und Trintignant war genau so, wie wir ihn haben wollten. In drei Jahren so unterschiedliche Filme wie Un Homme et Une Femme, Les Biches, Il Grande Silenzio, Z und Ma Nuit Chez Maude, dieser Mann ließ sich in seinen Rollen nicht festlegen. Der nahm jede Herausforderung an. Je suis comme je suis, hatte Prévert gedichtet, das passt auch zu ihm. Er ist einer der ganz Großen des französischen Kino. Und dabei immer still und vornehm, und immer noch schüchtern. Es ist inzwischen eine Art Markenzeichen geworden. Aber es wirkt immer noch.

Zum Beispiel in Truffauts Vivement Dimanche, diesem wunderbaren kleinen film noir Ableger, der der letzte Film von Truffaut war. Allerdings stiehlt ihm da Fanny Ardant ein wenig die Show, weil er sich wieder so zurücknimmt. Aber wir wollten ihn nie anders haben. Wenn er anders wäre, dann wäre er Rennfahrer geworden und müsste sich nicht von Fanny kutschieren lassen.

Lesen Sie auch: ➱Et dieu créa la femme, ➱Ma Nuit Chez Maude.

1 Kommentar:

  1. "Französisches Sabbelkino, würde mein Freund Georg". Guter Mann das. Schönen Gruß an Georg von Georg

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