Dienstag, 28. Dezember 2010

Leser


Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich, sich und die Welt vergißt, und in dem Buche nur lebt.

Hätte Goethe einen Computer gehabt, hätte er auch bestimmt einen Blog gehabt, http://Geheimrath-Göthe.blogspot.com. Er hätte wahrscheinlich auch mehr Leser als ich. Obgleich ich mich nicht beschweren kann, gestern haben 481 Leser diesen Blog angeklickt, und im Monat läppern sich diese Zahlen doch schon zu tausenden zusammen. Vielen tausenden. Gut, wenn dies ein Porno-Blog wäre, erreichte man solche Zahlen an einem Tag. Da hätte man wahrscheinlich auch den alten Goethen als Leser gehabt, denn man soll nach seinem Tod erotische Zeichnungen in seiner Nachttischschublade gefunden haben.

Der geneigte Leser wird sich gefällig erinnern, mehrere der eingebrachten Erzählungen und Anekdoten anderswo auch schon gehört oder gelesen zu haben, wäre es auch nur im Vademecum, von welcher Allmende oder Gemeinwiese sie der Verfasser zum Teil selber gepflückt hat. Doch ließ er's nicht beim bloßen Abschreiben bewenden, sondern bemühte sich, diesen Kindern des Scherzes und der Laune auch ein nettes und lustiges Röcklein umzuhängen, und wenn sie darin dem Publikum wohlgefallen, so ist ihm ein schöner Wunsch gelungen, und er macht auf die Kinder selbst keine weiteren Ansprüche.

Vor einigen Wochen wunderten sich manche meiner Leser in Kommentaren, dass es in meinem Blog kein größeres Leserecho gäbe. Also, es gibt durchaus Reaktionen, die hier im Blog nicht erscheinen. Manche meiner Leser haben meine E-Mailadresse, meine Postadresse oder Telephonnummer. Da bekomme ich durchaus reader response. Ich stelle hier mal eben eine E-Mail, eine Art monatlicher Sammelrezension, als ein Beispiel hin:

6. Dez.: Schön, dass Sie den Tag in Bremen ähnlich begingen wie wir in Hessen. Die holsteinischen
Rummelpott-Gesänge zu Silvester haben (hatten) ja auch etwas angenehm Folkloristisches an sich, ließen sie doch die zu Recht gerühmte Innigkeit der plattdeutschen Volksseele wunderbar hervorleuchten ( "Haut de Katt den Schwanz af / haut en awer nich ganz af / loot er noch en Stummel stoon / dat se kann to Danze goon"), aber es war halt doch der falsche Termin. 

   Korngold: Ein wirklich großartiger Mann, hätte er in Deutschland nach 1933 fürs Operntheater arbeiten können, hätte Richard Strauß vielleicht ziemlich alt ausgesehen. Aber Hollywood war ja auch nicht schlecht. Strauß hätte dort sicher keinen Fuß auf den Boden bekommen. Es ist schön und würdig, dass Sie ihn gebracht und auch mal wieder auf Rodenberg und Brügge hingewiesen haben. Korngold ist teilweise wieder entdeckt, Khnopff können Sie wahrscheinlich schon als Puzzle kaufen (Jugendstiel und Aat-Dekko - sind wir dafür!), aber Rodenbach und Brügge sind irgendwie weg vom Fenster. Ein Großvater von mir war im Ersten Weltkrieg als Militär-Richter in Flandern, und was hat er mitgebracht? Ungefähr 30 stimmungsvolle Postkarten aus Brügge. Eine vergleichbare Aura hat heute nur noch der Kerpeling-Weg ("Ich bin dann mal wech").
   Max Bill: Ihre Uhren-Texte haben immer den gleichen angenehmen Effekt wie Wundertüten: Man weiß nie, was alles rauskommt. Das macht Spaß. Es wird etwas über Militär-Uhren angekündigt und auch geliefert, aber dann erfährt man auch alle Ihre hübschen Rolex-Geschichten. Und nun auch: Max Bill ist natürlich präsent, aber auch "Nomos" (schön, der Ideengeber aus den 30-ern, den kannte ich nicht), Junghans, flache Uhren und aktuelles Ekel-Design. Das ist der positive Effekt dessen, dass jemand eben etwas mehr als alles über Uhren weiß.
   Dass man mal etwas Abgewogenes, nicht nur Hymnisches ("Seh'n Se det is Berlin, seh'n Se det is Berlin...") über Bode lesen darf, das freut ein denn ja auch!
   Harry Heine fand ich auch schön. Wenn ich das Lied der napoleonischen Grenadiere höre oder lese, höre ich in mir immer auch die Schumann-Vertonung. Vielleicht schreiben Sie auch mal über dessen Aneignung von Heine und anderen? Edda Ziegler, akademische Heinologin, hat übrigens 2005 mal ein Buch mit dem Titel "Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen" veröffentlicht. Ich hab's mir gekauft, wegen des Schutzumschlags. Da ist nämlich ein Brautbild Pauline Bendemanns drauf, gemalt von ihrem damaligen Verlobten und späteren Mann Julius Hübner, das jetzt in Berlin hängt. Sie ist dort als junge Schönheit jüdisch-orientalischen Typs dargestellt, was sicher authentisch ist. Heine und sie waren zwar beide mit den Berliner Mendelssohns befreundet, aber begegnet sind sie sich nie in ihrem Leben. Doch der Käufer des Buches hat sofort einen Eindruck: "So waren sie, die Frauen um den Heinrich Heine!" Wie hieß der schöne Film aus den 60ern? "Toll trieben es die alten Römer!"
   Mit Romney haben Sie wieder meinen Horizont erweitert und dafür herzlichen Dank!
   Von Gutzkow wusste ich etwas mehr als von Romney. "Wally" hatte das Antiquariat Eschenburg längere Zeit als EA, für 300 oder für 600 Euro. Vielleicht fragen Sie noch mal nach? "Die Ritter vom Geiste" (Neuausgabe bei 2001) habe ich ausgesprochen gern gelesen; den "Zauberer von Rom" würde ich wohl auch konsumieren, habe aber keine Lust, das am Bildschirm zu tun. Mit Oppermann hatte ich etwas größere Probleme. Der erste Teil ist ausgezeichnet. Aber je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr wird sie zu einer etwas drögen Nacherzählung der nur mit dürftigem Sujet drapierten historischen Ereignisse. Sonst, glaube ich, werden die deutschen Schmöker-Autoren des 19. Jahrhunderts etwas unter Wert gehandelt. Auch das plüschige Ambiente, was ihnen eigen ist, hat seinen Reiz. Ich denke da nicht an Ihren (und auch meinen) Raabe, sondern an Spielhagen ("Platt Land", könnte heute noch fast im "Stern" als Fortsetzungsroman erscheinen) oder auch an Freytag und - Marlitt.
   Aber wenn Sie über Flaubert schreiben, bewegen Sie sich natürlich in einer anderen Liga. So was haben wir nun leider nicht im Deutschland des 19. Jh's ab 1840. Wen seine pessimistischen Bilder aus dem bürgerlichen Heldenleben allerdings bedrücken, der sollte vielleicht entsprechende Texte bei Tschechow lesen. Die Symptome. die dieser wahrnimmt, sind die gleichen, aber sie werden auf andere Art wahrgenommen. Im Vordergrund steht die Komik, die Absurdität, nicht die sämige Dummheit, die Flauberts anständigem Bürger aus allen Poren quillt; also ein ästhetisches Phänomen, kein gesellschaftliches. Wenn man Tschechows frühe kurze Erzählungen liest (am besten in den jetzt herauskommenden Übersetzungen von Peter Urban) und dann, sagen wir, "Bouvard und Pecuchet" oder das "Wörterbuch der Gemeinplätze" dagegenhält, dann sieht man diesen Unterschied besonders deutlich. Flaubert ist ein Autor, der, genau wie Daumier, noch unter dem Scheitern der großartigen Ideale leidet, unter deren Banner man 1789 angetreten war. In Russland gab es kein 1789. Es gab eine honette, aber entsetzlich spießige Bourgeoisie, die sich etwa ab 1860 als Metastase der westeuropäischen Bourgeoisie breit machte. Tschechow hatte keine Illusionen zu verlieren, weil man in Russland nie Illusionen hatte. Man konnte sich nur totlachen.
   Und nun wünsche ich Ihnen weiter viele schöne Einfälle, damit ich etwas zu lesen habe. Ihr FH 

Mit solchen Briefen kann ich gut leben. Ich frage mich natürlich, warum hat FH keinen eigenen Blog? Erstens ist er viel schlauer als ich, zweitens kann er sehr gut schreiben. Dass letztens ein Leser (im Kommentar zu dem ➱George Romney Artikel) über meinen Blog gesagt hat: Ihr Weblog ist ein Diamant unter den unzähligen beliebigen und nichtssagenden Sandkörnern in der "blogosphere"! das ist natürlich besonders schön. Sollte ich vielleicht fett setzen. Und dass der amerikanische Dichter ➱Andrew Hudgins mir gerade anlässlich des Posts Weihnachtsfeiern nette Dinge geschrieben hat, gefällt mir natürlich auch. Es ist erstaunlich, wie viele Leute, die in meinem Blog vorkommen, mir geschrieben haben. Der Meisteruhrmacher Volker Vyskocil, Mitglied der Académie Horlogère des Créateurs Independants, begann seine E-Mail mit den Worten: Wow! Was ist das für ein Blog! Falls Sie sich noch an die wunderbare englische Dichterin ➱Fiona Pitt-Kethley erinnern, von der habe ich auch eine lange, sehr nette E-Mail bekommen.

Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
So sei mir wenigstens für das verbunden,
Was ich zurück behielt.


Es gibt natürlich auch Kritik. Ernst Jünger Freunde fanden den kleinen Artikel zu Jünger völlig daneben. Mein Onkel Karl war etwas beleidigt, dass ich seinen Bildhauerkollegen Wieland Förster so schnöde behandelt hatte. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich die freche Zunge von meiner Mutter habe und den harten Westfalenschädel von meinem Opa, ich kann mit Kritik leben. Ich habe vor vierzig Jahren angefangen, Bücher zu rezensieren. Meine despektierliche Art, mit heiligen akademischen Kühen umzugehen, hat damals viele verprellt. Andere empfanden diese Rezensionen als ein highlight der jeweiligen Zeitschrift, in der sie erschienen. Ein einziges Mal hat die Redaktion einer Zeitschrift eine Rezension von mir abgelehnt. Dafür war ich sehr dankbar, denn in dieser Zeitschrift hätte ich eh nicht erscheinen mögen. Ich hatte die Rezension nur aus Gefälligkeit übernommen. You can't win them all. Dafür habe ich mich bei Amazon in einem Jahr zu einem Top 1000 Rezensenten emporgearbeitet (mehrere meiner Leser stehen in dieser Rangliste aber weit, weit über mir).

Günstiger, geliebter Leser; ich halte dafür, daß diese meine Sinngedichte viel fürredens oder fürsprechens nicht bedürffen; denn ich werde alle Köpffe unter meinen Hut doch nicht bringen, nemlich niemanden zwingen, daß er meine Gedanken müsse gut heissen. Allerding es nicht möglich in einem Garten zu verwehren, daß auff die Blumen nicht so wol Spinnen als Bienen fallen.

Die Liste der Kritiker ist lang. Ich nehme mir das durchaus zu Herzen, aber andererseits: je suis comme je suis. Doch ich lerne auch ständig dazu. Und lerne ständig neue schöne Blogs kennen; die blogosphere ist eine interessante und geheimnisvolle Welt, in der sich intellektuell mehr zu bewegen scheint als an der Universität. Beinahe alles ist gut, solange es nicht langweilig ist. Oder wovor sonst hat uns Baudelaire in seinem Gedicht Au Lecteur gewarnt?

C'est l'Ennui! L'oeil chargé d'un pleur involontaire,
II rêve d'échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
— Hypocrite lecteur, — mon semblable, — mon frère!


Kommentare:

  1. Das Problem ist wahrscheinlich, dass man irgendein Konto (Google oder so) haben muss, um direkt kommentieren zu können. Ich jedenfalls komme fast jeden Tag hier vorbei, um Ihren Blog zu lesen und würde ihn auf meiner Lieblingsblogliste ganz, ganz oben notieren. - Schreiben Sie doch bitte immer mal wieder, welche wunderbaren Blogs Sie finden, das wäre doch auch für uns schön.

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  2. Die nicht allzu kleine Bloggerwelt definiert sich meist über Bilder, gute Texte findet man selten. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zum ersten Mal ihren Blog gelesen habe. Aber fraglos ist er mein Favorit 2010.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für das Neue Jahr. Und weiterhin die Kreativität uns mit wunderbar geschriebenen Texten zu erfreuen.

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