Mittwoch, 8. Dezember 2010

Lady Day


Am 8. Dezember 1957 ist Billie Holiday, begleitet von Lester Young, mit Fine and Mellow in der TV-Sendung The Sound of Jazz aufgetreten. Kam live aus dem CBS Studio. Es gibt einen Mitschnitt davon, der ist ähnlich wie der Jazzfilm vom Newport Festival Jazz on a Summer's Day zu einem Klassiker geworden. Man kann Fine and Mellow auch hier bei Dailymotion sehen. Man kann es Billie Holiday ansehen, wie sehr sie von ihrer Drogensucht gezeichnet ist. Sie hatte noch anderthalb Jahre zu leben. Aber dank der Schallplatten und Filmaufnahmen bleibt sie uns immer erhalten. Denken wir bei dem Solo von Lester Young einen Augenblick an diesen Höhepunkt des Jazz.

My man he don't love me he treats me oh so mean
My man he don't love me he treats me oh so mean
He's the meanest man that I've ever see

My baby wears high peg pants stripes are really yellow
Baby wears high peg pants stripes are really yellow
When he starts into love me he's so fine and mellow

Love will make you drink and gamble make you stay out all night long
Love will make you drink and gamble make you stay out all night long
Love will make you do things that you know is wrong

Do right baby if you stay home every day
I'll do right baby if you stay home every day
You're so mean and evil I know you're gonna drive me away

Why did he leave me why did he have to go
Why did he leave me why did he have to go
Went off and left me baby I loved him so

I'll be a good wife to you if it means anything to you
I'll stay home every night and I'll love you
And kiss you every night and one of these days
If you're good to me honey one of these day
If God is good to me I'll bring you a little burny

Come back to me baby try me one more time
Cos without your loving I swear I'm gonna lose my mind



Der Dichter Frank O'Hara hat nach ihrem Tod ein sehr schönes Gedicht für sie geschrieben, das den Titel The Day Lady Died hat:

It is 12:20 in New York a Friday
three days after Bastille day, yes
it is 1959 and I go get a shoeshine
because I will get off the 4:19 in Easthampton
at 7:15 and then go straight to dinner
and I don’t know the people who will feed me

I walk up the muggy street beginning to sun
and have a hamburger and a malted and buy
an ugly NEW WORLD WRITING to see what the poets
in Ghana are doing these days
I go on to the bank
and Miss Stillwagon (first name Linda I once heard)
doesn’t even look up my balance for once in her life
and in the GOLDEN GRIFFIN I get a little Verlaine
for Patsy with drawings by Bonnard although I do
think of Hesiod, trans. Richmond Lattimore or
Brendan Behan’s new play or Le Balcon or Les Nègres
of Genet, but I don’t, I stick with Verlaine
after practically going to sleep with quandariness

and for Mike I just stroll into the PARK LANE
Liquor Store and ask for a bottle of Strega and
then I go back where I came from to 6th Avenue
and the tobacconist in the Ziegfeld Theatre and
casually ask for a carton of Gauloises and a carton
of Picayunes, and a NEW YORK POST with her face on it

and I am sweating a lot by now and thinking of
leaning on the john door in the 5 SPOT
while she whispered a song along the keyboard
to Mal Waldron and everyone and I stopped breathing

Und dazu sollten wir eine Billy Holiday CD auflegen und ganz leise sein, damit wir das whispered a song along the keyboard  gut hören können. Und natürlich sollten wir uns danach eine Gauloise anzünden. Es gibt das Gedicht von O'Hara, das auf alle Satzzeichen verzichtet, auch auf Deutsch. Rolf Dieter Brinkmann hat es ins Deutsche übersetzt. Die 83 Seiten der Erstausgabe von 1969 bei Kiepenheuer und Witsch kosten heute schon so viel wie das Buch Seiten hat. Ich kann nur hoffen, dass seine Witwe von diesem Wahnsinnsboom der Preise von alten Brinkmann Texten etwas abbekommt.

Es ist 12 Uhr 20 in New York ein Freitag 
drei Tage nach dem Bastille-Tag, ja 
es ist 1959 und ich laß mir die Schuhe putzen 
denn ich werde aus dem 4-Uhr-19-Zug in Easthamptom
um 7 Uhr 15 aussteigen und dann direkt zum Abendessen gehen 
und ich kenne die Leute nicht die mich füttern werden
ich gehe die muffige Straße hoch die sonnig wird
und laß mir einen Hamburger geben und einen Milchmix und kauf mir
ein fieses NEW WORLD WRITING um zu sehen was die Dichter
in Ghana heutzutage so machen
ich gehe weiter zur Bank
und Miss Stillwagon (mit Vornamen Linda hörte ich einmal)
sieht ausnahmsweise diesmal nicht nach meinem Kontostand
und aus dem GOLDEN GRIFFIN nehme ich für Patsy eine kleine
Verlaine-Ausgabe mit Zeichnungen von Bonnard mit obwohl ich
an Hesiod denke, übers. von Richard Lattimore oder an
Brendan Behans neues Theaterstück oder Le Balcon oder Les Nègres
von Genet, aber ich kaufs nicht, ich bleibe bei Verlaine
nachdem ich praktisch aus Unentschiedenheit schon eingeschlafen bin.
und für Mike schlendre ich eben noch in den PARK LANE 
Spirituosenladen und verlange eine Flasche Strega und 
gehe danach zurück wo ich hergekommen bin zur 6th Avenue
und dem Tabakladen im Ziegfeld Theatre und 
verlange beiläufig ein Päckchen Gauloises und ein Päckchen 
Picayune, und eine NEW YORK POST mit ihrem Bild vorne drauf 
und inzwischen schwitze ich schon sehr und denke wie 
ich an die Klotür im 5 SPOT gelehnt stand
während sie einen Song über die Tasten flüsterte 
rüber zu Mal Waldron und allen und mir stockte der Atem

Auch nicht schlecht, er hatte ein Händchen dafür. Wir sollten angesichts seiner Übersetzung der Lunch Poems auch daran denken, dass Brinkmann es war, der die ganze neuere amerikanische Lyrik nach Deutschland geschaufelt hat. Und so einen größeren Einfluss gehabt hat, als alle deutschen Amerikanistik Professoren zusammen. Nur um im Alter enttäuscht zu erkennen - und das findet sich in Eiswasser an der Guadelupe Str. - das da in Amerika gar nicht so viel an Kultur war. Ich weiß, dass dieser Satz meinem Leser in Pennsylvania jetzt Freude machen wird. Aber wir sollten nicht zu stolz auf unsere Kultur sein, das Volk der Dichter und Denker sind wir längst nicht mehr. Die Pisa Studie konstatiert zwar marginale Zugewinne in der Lesefähigkeit, aber unterm Strich bleibt: die Kiddies können nicht mehr lesen. Und wenn sie lesen können, verstehen sie es nicht.

Die moderne amerikanische Lyrik hat eine conversational quality entwickelt, und das ist es, was Brinkmann liegt. Dieses Gedicht in einem Atemzug, ohne Punkt und Komma, das sich liest wie die Einkaufsliste eines New Yorkers. Dies Totschlagen der Zeit am 17. Juli 1959 bis zu dem Augenblick, da er das Photo von Billie Holiday in der New York Post mit der Schlagzeile entdeckt. Es kann keine andere Zeitung als die New York Post sein, die diesen Artikel hat, denn da ist William Dufty Redakteur, der drei Jahre zuvor der Ghostwriter für Holidays Lady Sings the Blues war. Die Gauloises, die Todesnachricht, und dann der magische Moment, in dem everyone and I stopped breathing. Und nicht einmal da ein Punkt.

Das ist es, was die amerikanische Lyrik kann, aus dem Alltäglichen wird plötzlich Poesie, das einfache wahre Abschreiben der Welt wird zur poetologischen Forderung. Make it New! hatte Ezra Pound den Dichtern zugerufen. Wenn Sie die leckeren Pflaumen aus dem Eisschrank geklaut haben, die sich Ihre Liebste da fürs Frühstück aufbewahrt hat und ihr einen kleinen gelben Klebezettel mit dieser Nachricht an den Kühlschrank kleben: banal. Aber wenn Sie William Carlos Williams sind, dann schreiben Sie den Titel This Is Just To Say auf den Zettel, und schon ist es ein Gedicht:

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

Kommentare:

  1. Mmmmh. Mein Lieblingsgedicht. The plums. Danke. - Vergessen wollen wir aber auch nicht Brinkmanns Vorläufer: den Karlsruher Rainer Maria Gerhardt, der nach dem Krieg als Erster Pound, Olson, Creeley in Deutschland übersetzt und verlegt hat (und mit Creeley befreundet war), Hans Magnus Enzensberger und Walter Höllerer.

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  2. Das funktioniert auch mit Fischstäbchen:
    http://www.flickr.com/photos/kraftgenie/4563237064/

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