Sonntag, 12. Dezember 2010

Gustave Flaubert


In einem Brief an seine Freundin Louise Colet schreibt Flaubert über sein Projekt, das dann Das Wörterbuch der übernommenen Ideen heißen wird: Es wäre die historische Glorifizierung all dessen, was allgemein als richtig gilt. Ich würde demonstrieren, daß die Mehrheiten immer recht und die Minderheiten immer unrecht haben. Ich würde die großen Männer allen Dummköpfen opfern, die Märtyrer allen Henkern. Das Ganze wäre von ungeheurem Schrot. Im ganzen Buch dürfte kein einziges auf meinem Mist gewachsenes Wort vorkommen, und nach der Lektüre dürfte man gar nicht mehr zu reden wagen vor Angst, aus Angst einen der Sätze zu gebrauchen, die darin stehen.

Wenn man dort unter Romane nachschaut, findet man folgenden Eintrag: Verderben die Massen. - In Fortsetzungen sind sie weniger unmoralisch als in Buchform. - Einzig historische Romane darf man tolerieren, da sie die Geschichte vermitteln, z.B. Die drei Musketiere. - Es gibt Romane, die mit der Spitze eines Skalpells geschrieben sind, z.B. Madame Bovary, und andere, die auf der Spitze einer Nadel rotieren. Der Autor, der sich selbst in das Wörterbuch der Plattitüden schreibt, weiß schon, was er mit seinem Roman Madame Bovary angerichtet hat. Es ist natürlich ein Zitat, nicht auf seinem Mist gewachsen, denn Sainte-Beuve hatte geschrieben: Gustave Flaubert... führt die Feder wie andere das Seziermesser; überall spüre ich den Anatomen und den Psychologen! In den Kreis der Unsterblichen der Académie française hat man ihn nicht aufgenommen. Allerdings alle wichtigen Schriftsteller in dieser Zeit auch nicht: Stendhal, Balzac, Baudelaire. Und natürlich ist Zola auch nie ein Mitglied geworden, von Proust wollen wir jetzt mal  ganz schweigen.

Am 11. Dezember 1921, zum hundertsten Geburtstag Flauberts, schrieb Carl von Ossietzky: Heute vor 100 Jahren wurde in Rouen der größte französische Romancier seit Balzac geboren. Flaubert gehört ebenso wie Dostojewski zu den Gestalten, die für die gesamte moderne Literatur zum Schicksal geworden sind. In Deutschland sind Künstler wie z.B. Heinrich Mann und Max Brod, von vielen kleineren zu schweigen, ohne Flauberts Vorgang nicht denkbar. Es ist sein Verdienst, daß er den sozialen Realismus Balzacs von allem romanhaft überladenen Beiwerk befreite und mit dem kühnen Psychologismus eines Stendhal verband und in eine kristallklare durchsichtige Form brachte. Flaubert ist einer der größten Seelenkenner der Weltliteratur, zugleich einer der unermüdlichsten Kämpfer um den reinen Stil. Sein meistgelesenster und heute bereits klassisch gewordener Roman Madame Bovary, die Geschichte eines unglücklichen, an einem moralischen Defekt zugrunde gehenden Weibes, das zu einem Spielzeug lüsterner Männer wird, bedeutet einen Höhepunkt der Seelenmalerei, den keiner seiner Nachfolger erreicht hat und der sich durchaus auf der Linie der großen Russen hält. Flaubert, kränkelnd und menschenscheu, hielt sich von dem Getriebe der Welt fern; zu Lebzeiten war sein Ruhm nicht unbestritten und ein Pariser Brunner von 1857 erreichte es, daß die Bovary ein Verfahren wegen Unzüchtigkeit erdulden mußte. Unter Flauberts späteren Werken sind noch zu nennen die Salambo, der in einem kalten Glanze strahlende Karthagerroman, die Drei Erzählungen mit der Herodias, der Vorlage für Oskar Wildes Salome, und die Education sentimentale, in Deutschland gewöhnlich die Geschichte eines jungen Mannes benannt. In seinen Spätwerken wird Flauberts strenge Naturtreue und mitleidlose Objektivität oft von einem melancholischen Lyrismus überschattet. Er starb 1880 in Rouen. Seine Meisterschaft ist heute durchaus anerkannt, in Deutschland namentlich scheint er den viel gröberen Zola endgültig verdrängt zu haben.

Ich zitiere von Ossietzky gerne einmal, damit er nicht in Vergessenheit gerät, und seine kurze Würdigung Flauberts hat ja auch nach beinahe 90 Jahren noch Bestand. Erklärungsbedürftig ist vielleicht der Name Brunner im Text. Der Professor Karl Brunner ist Zentrumsabgeordneter und Dezernent im Berliner Polizeipräsidium. Und ein selbsternannter Sittenwächter in allen Fragen der Kunstzensur (und das bête noire des Weltspiegels). Wenn sich die Chinesen schon die Nazis als Vorbild für die Behandlung von Nobelpreisträgern nehmen, dann könnten sie doch auch diesen Brunner, der einen seiner ersten peinlichen Auftritte im Prozess um das Verbot von Schnitzlers Der Reigen hatte, zum Nationalhelden machen.

Das Sire, geben Sie Gedankenfreiheit ist in Peking noch nicht angekommen. Im Berlin der zwanziger Jahre nicht, und im Paris des Jahres 1857 beim Bovary Prozess erst recht nicht. Flaubert wurde zwar freigesprochen, aber der Mann, der über seine Heldin Madame Bovary, c'est moi gesagt hatte, empfand den Freispruch als eine Demütigung. Von Juristen hielt der Jurist Flaubert nicht viel die Rechtswissenschaften bringen mich um, verblöden und lähmen mich, es ist mir unmöglich, dafür zu arbeiten oder Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter im höchsten Maße: ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Aber der Freispruch zweiter Klasse im Prozess bedeutet auch, dass Madame Bovary ungekürzt erscheinen kann. Es bedeutet aber leider  auch, dass der nächste Prozess gegen einen Schriftsteller wegen Gotteslästerung und Beleidigung der öffentlichen Moral nicht mehr gut ausgeht. Die Justiz verliert nicht gerne. Am 20. August 1857 verurteilte ein Pariser Gericht den Dichter Charles Baudelaire zu einer Strafe von 300 Francs. Das Urteil wurde 1949 aufgehoben.

Seine Eltern hielten das ungewollte Kind für doof. Der Idiot der Familie hat Sartre seine fünfbändige Flaubert Biographie genannt. Melvilles Eltern hielten den kleinen Herman auch für doof. Wie man sich doch täuschen kann. Die menschliche Dummheit wird eines der wichtigsten Themen von Flaubert werden, leider hat er Bouvard und Pécuchet nicht vollendet. Er hat sich sogar vor ihm gefürchtet: Aber was für eine Angst ich habe! Was für Todesängste! Mir scheint, daß ich mich für eine sehr weite Reise in unbekannte Gegenden einschiffen - & aus ihnen nicht zurückkehren werde. Im Plan für das Ende des Romans sieht der Pessimist Pécuchet überall eine allgemeine Verpöbelung. Und es finden sich da die schönen Sätze: Es wird kein Ideal mehr geben, keine Religion, keine Moral. Dann wird Amerika die Welt erobern.

Das Wörterbuch der übernommenen Ideen, Bouvard und Pécuchet und die Reise in den Orient hat Carl von Ossietzky in seiner Würdigung Flauberts nicht erwähnt, das holen wir mal an dieser Stelle nach. Denn auf diese Werke sollte der Leser nicht verzichten. Auf Salammbô  und La Tentation de Saint Antoine könnte ich persönlich verzichten, auf Un cœur simple (in den Trois Contes enthalten) nie. Wenn man eine Lesehilfe braucht, um Flaubert zu lesen, dann sollte man zu dem Engländer Julian Barnes greifen. Sein Roman Flaubert's Parrot ist ein geniales Buch und eine wunderbare Einführung in die Welt von Flaubert.

Was auch sehr lesenswert ist, ist der Briefwechsel zwischen Flaubert und dem russischen Romancier Turgenjew. Wir sind Maulwürfe, die ihre Gänge in dieselbe Richtung graben, hat Turgenjew einmal geschrieben, und diese Briefe aus siebzehn Jahren Freundschaft (in deren Anreden Turgenjew für Flaubert vom lieben Kollegen zum lieben Freund und geliebten alten Kumpel wird) sind ein schönes Dokument zweier Schriftsteller, die gegen ihre Zeit schreiben. Am besten gefällt mir der Satz in dem Brief Flauberts vom 13. November 1872: Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; doch eine Flut von Scheiße schlägt an seine Mauern, so dass sie einzustürzen drohen.

Mein letzter Literaturtip betrifft Madame Bovary. Wenn man meint, dass man dazu noch etwas lesen müsste (was man eigentlich nicht zu tun braucht), dann sollte man nicht zu den Schriften von Universitätsprofessoren greifen. Ich möchte mit dem Satz die Verdienste von wirklich verdienten Leuten wie Hans Robert Jauß oder Hans-Martin Gauger nicht schmälern, aber eigentlich gibt es zu Madame Bovary nur ein Buch. Und das ist der Band 4 der Werke von Jean Améry, in dem sein Roman-Essay Charles Bovary, Landarzt: Porträt eines einfachen Mannes enthalten ist. Und seine Aufsätze zu Flaubert und Sartre. Es war das letzte Buch von Améry. Wenn man dieses furiose Plädoyer für den armen charbovari gelesen hat, wird man den Roman noch einmal lesen. Und Flaubert kann man gar nicht oft genug lesen.

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