Samstag, 25. Dezember 2010

Weihnachtsbäume


Heute könnte man sie umsonst bekommen, gestern waren sie noch teuer, obgleich sie angeblich nicht teurer geworden sind seit dem letzten Jahr. Beliebtester Weihnachtsbaum ist in Deutschland die Nordmanntanne, die kommt meistens aus Dänemark. Die exportieren Millionen von dem Zeug. Wenn man im Verkehrsfunk hört, dass auf der A7 ein Lastwagen Tannenbäume verloren oder im Elbtunnel die Höhenkontrolle ausgelöst hat, dann weiß man, dass es wieder so weit ist. Dabei haben die Tannenbäume ein kurzes Leben. Wenn die Zwölften zu Ende sind, müssen sie aus dem Haus sein. Bringt sonst Unglück. Es sei denn, man bewahrt sie das ganze Jahr im Keller auf, soll nach manchem Volksglauben gegen Blitzschlag schützen. Die Zwölften sind sowieso vollgepackt mit Volksbräuchen und Aberglauben. Man darf da keine Wäsche waschen, oder auf jeden Fall keine aufhängen. Weil da Wotan mit seiner wilden und verwegenen Jagd nächtens reitet, und die könnten sich in den Wäscheleinen vertüddeln.

Wenn Sie eben die Zwölften für einen Schreibfehler hielten und noch nie etwas von der Sache mit dem Waschverbot gehört haben, dann hatten Sie keine Großeltern und Urgroßeltern, die vom platten Land kamen, in einer Zeit als es noch kein Radio und kein Fernsehen gab. Als die Menschen noch miteinander redeten und sich Geschichten erzählten. Früher redeten die Leute, wenn sie eingeladen waren, beim Essen darüber, was sie erlebt hatten. Heute reden sie darüber, was sie im Fernsehen gesehen haben. Das sind schlechte Zeiten für den Aberglauben. Und auch für die Volksbräuche. Das Fernsehen präsentiert uns gestern Bruce Willis mit Stirb Langsam, offensichtlich der typische Festtagsfilm. Am Tag zuvor wurden wir Schwarzenegger und Collateral Damage und Geena Davis als Profikillerin mit Gedächtnisverlust (Tödliche Weihnachten) schon auf das Fest eingestimmt. Im Radio hört man nicht Es ist ein Ros' entsprungen sondern Last Christmas I gave you my heart von Wham.

Es ist ein Ros' entsprungen ist eins unserer ältesten Weihnachtslieder. Stille Nacht, Heilige Nacht stammt aus dem 19. Jahrhundert, ebenso O Tannenbaum (das auch die Hymne von Maryland ist). Das Lied begann seine weltweite Karriere als eine Liebesklage. Denn nach der bekannten ersten Strophe geht so weiter:

O Mädelein, o Mädelein,
wie falsch ist Dein Gemüthe!
Du schwurst mir Treu in meinem Glück,
nun arm ich bin, gehst Du zurück.
O Mädelein, o Mädelein,
wie falsch ist Dein Gemüthe!

Die Nachtigall, die Nachtigall
nahmst Du Dir zum Exempel.
Sie bleibt so lang der Sommer lacht,
im Herbst sie sich von dannen macht
die Nachtigall, die Nachtigall,
nahmst Du Dir zum Exempel.

Der Bach im Thal, der Bach im Thal
ist Deiner Falschheit Spiegel.
Er strömt allein, wenn Regen fließt,
bei Dürr' er bald den Quell verschließt,
der Bach im Thal, der Bach im Thal
ist Deiner Falschheit Spiegel
.

Nicht sehr weihnachtlich. Als das Lied 1820 entsteht, gibt es in Wien noch keine Weihnachtsbäume. In seinen Lebenserinnerungen erzählt der Schauspieler Heinrich Anschütz: Es kostete mir Mühe, ein Tannenbäumchen aufzutreiben. Das ändert sich jetzt schnell, denn schon im nächsten Winter [1822] wurden förmliche Waldungen nach Wien geschleppt. Wenige Jahre zuvor (1816) taucht der erste Weihnachtsbaum am kaiserlichen Hof in Wien auf (in Windsor Castle wird der Prinzgemahl Albert 1841 den ersten aufstellen), aber das ist eine Ausnahme. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in vielen Gegenden Deutschlands schon Weihnachtsgrün, auch wenn es nicht im Zimmer steht, sondern als Reifenbaum von der Decke hängt. Oder auf dem Tisch steht, wie es in dem Buch von Albrecht Jacob Zell Erweckte Nachfolge zum irdischen Vergnügen in Gott (1735) auf Seite 612 erwähnt wird. In Freude der Kinder über Weyhnachts=Gaben heißt es da:

Wird je ein Kind im ganzen Jahre froh,
So wird es um die Abendzeit.
Vor dem Hochheiligen Weihnachtsfest,
Ganz ungemein erfreuen;
Gewohnheit will es so,
Daß sich der Eltern Huld durch Geben blicken läßt;
Ich habe selbst mit Lust der Freude zugesehen :
Das Kind sah einen Tisch mit Lichtern stehen,
Drauf Spiel- und Hausgerät von Holz und Bleche lag,
Samt Marcipanen und Macronen,
Gewundnen Kringeln, Zuckerbohnen,
Und was ein Kind sonst gerne naschen mag.
Es ward bestürzt, es stund erstaunet dort,
Und redete für starker Lust kein Wort,
Es traf Medaillen an und freute sich darüber,
Doch nichts war ihm lieber,
Als daß auch hier zwei kleine Lichter brannten;
Doch endlich ging es hin, besahe dies und das,
Und freute sich in solcher Übermaß,
Daß es fast anders nichts zu seiner Lust erwählte,
Und allen, ihm Bekannten,
Was es bekommen, froh erzählte.


Der Maler Carl August Schwerdgeburth hat 1856 auf einem Stich Martin Luther im Kreise seiner Familie vor einem Weihnachtsbaum dargestellt, was schnell zu der Irrmeinung führte, Luther habe den Weihnachtsbaum erfunden. Hat er nicht. Die Herkunft unserer in Dänemark gezüchteten Nordmanntanne hat nichts mit dem Christentum zu tun. Die Kirche hat das Objekt aus dem volkstümlichen Geisterglauben der Mittwinterzeit ja auch über Jahrhunderte bekämpft. Unser Tannenbaum hat eine lange, komplizierte Entstehungsgeschichte bis er im 19. Jahrhundert zu einem kommerzialisierten Symbol für Weihnachten wird. Inzwischen gibt es schon Bücher zu dem Thema. Die erste seriöse Publikation war von dem Hamburger Volkskundler Otto Lauffer: Der Weihnachtsbaum in Glauben und Brauch (Berlin: de Gruyter, 1934). Ist leider völlig vergriffen (beim ZVAB gibt es noch ein Exemplar), aber natürlich habe ich ein Exemplar. Woher sonst sollte ich alles über Weihnachtsbäume wissen?

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