Freitag, 24. Dezember 2010

Heiligabend



2:1
Soþlice on þam dagum wæs geworden gebod fram þam casere augusto. þæt eall ymbehwyrft wære tomearcod;
Forsoþe it is don, in þo daȝis a maundement wente out fro cesar august, þat al þe world shulde ben discriued,
And it came to passe in those dayes, that there went out a decree from Caesar Augustus, that all the world should be taxed.
2:2
þeos tomearcodnes wæs æryst geworden fram þam deman syrige cirino.
þis firste discriuyng was maad of ciryne iustise of cirie
(And this taxing was first made when Cyrenius was gouernor of Syria)
2:3
and ealle hig eodon. and syndrie ferdon on hyra ceastre;
& alle wenten þat þei shulden make professioun, eche bi hymself in to his cyte
And all went to bee taxed, euery one into his owne citie.
2:4
þa ferde iosep fram galilea of þære ceastre nazareþ: on iudeisce ceastre dauides. seo is genemned beþleem
soþli & Joseph steȝede vp fro galilee of þe cite of naȝareþ, in to Jude, in to a cite of dauid þat ys clepid beþlem,
And Ioseph also went vp from Galilee, out of the citie of Nazareth, into Iudaea, vnto the citie of Dauid, which is called Bethlehem


Es liegen einige hundert Jahre zwischen diesen drei Texten. Das erste ist ein altenglischer Text, die zweite Kolumne enthält Lukas 2 in der mittelenglischen Version von John Wycliff, und die dritte Kolumne bietet den Text der sogenannten King James Version of the Bible. Diese schöne Tabelle, die ich mir im Internet kopiert habe, lässt eine wichtige englische Übersetzung aus, nämlich die Übersetzung von William Tyndale. Die erste Übersetzung des Neuen Testaments, die durch den Druck verbreitet wurde, für viele ist es trotz der Popularität der King James Bible immer noch die schönste und sprachmächtigste englische Bibelübersetzung. Es ist auch die Bibelversion, die William Shakespeare gekannt und benutzt hat, und die über die Bibelzitate in seinem Werk weitergelebt hat. Die manchmal geäußerte Theorie, dass William Shakespeare von James I herbeigezogen wurde, damit die Bibel einen poetischen touch kriegte, ist völliger Unsinn. Eher ist es andersherum.

Der erste Text stammt aus den Wessex Gospels, die Sprache heißt Altenglisch, und wir sind vor dem Jahr 1000. Es ist eine germanische Sprache, in der hus Haus und mus Maus heißt. Es gibt auch eine Vielzahl von skandinavischen Wörtern: immer wenn Hägar der Schreckliche nach England kommt, plündert er nicht nur Burgen, sondern bringt auch Wörter mit. Von der Aussprache her klingt das Altenglische wie eine dänische Rachenkrankheit. Hören Sie einmal eine Minute in das altenglische Vaterunser hinein. In diesen Handschriften erscheinen die Bücher des Neuen Testaments zum ersten Mal in dem Englisch, das man vor der Eroberung durch die Normannen sprach - und das ohne den lateinischen Text als Beigabe.

Wenn Wilhelm der Eroberer 1066 nach England kommt, bringt er das Französische mit, und aus dem Altenglischen wird das Mittelenglische, ein langwieriger Vorgang. Es setzt sich beim Hofe und in der Verwaltung durch, nicht unbedingt auf den platten Land. Es ist auch, das muss dazu gesagt werden, nicht das ganz feine Französisch, sondern nur das Französisch, das damals in der Normandie gesprochen wurde. In Aquitanien rümpft man über diesen prolligen Akzent die Nase. In den hundert Jahren vor William Shakespeare hat sich der Sprachwandel vom Mittelenglischen zum Frühneuenglischen ungeheuer beschleunigt, und in diese hundert Jahre fallen auch die wichtigen Bibelübersetzungen, die dann letztendlich zu der Authorized Version von König James führen. Beginnend mit der Great Bible von 1539 (benannt nach ihrer Größe), die manchmal auch Cromwell Bible (nach Sir Thomas Cromwell, der die Entstehung überwachte) oder Coverdale Bible heißt (nach ihrem Übersetzer Myles Coverdale). Dann kam die so genannte Bishop's Bible von 1568, bis König James 1604 eine neue Bibelübersetzung anordnete. In den Religionskämpfen der Reformation, in der Zersplitterung der Protestanten in Calvinisten und Lutheraner (und in England der Anglican Church), kämpft man jetzt um jedes Wort. Glaubensinhalte werden in der Semantik festgemacht. For is the Kingdom of God become words and syllables? sagt Miles Smith in der Vorrede The Translators to the Reader der King James Bible. Aber da wird schon niemand mehr verfolgt, da redet er über die etwas zwanghafte Tendenz der Mitarbeiter, keinerlei latinisierte englische Wörter (die es in der Geneva Bible von 1557 massenhaft gab) mehr zuzulassen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein: damals ist das für die Übersetzer und die Prediger noch Gottes Wort. Der Gedanke, dass die Bibel Literatur ist, und dass wir sie als ein sprachliches Kunstwerk bewundern, ist neueren Ursprungs. Findet sich erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein immens erfolgreiches Werk wie The Bible. Designed to be read as Literature von Ernest Sutherland Bates stammt aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Literaturwissenschaftler glauben gerne, dass die King James Version die gesamte Entwicklung der englischen Literatur beeinflusst hat. Der schöne Satz, dass Hemingways Stil die King James Version plus Western Union Telegrammstil sei, hat sicherlich seine Berechtigung. Sicher wird man englische Dichter in der Zeit zwischen 1550 und 1700 (man denke nur an Milton) nicht verstehen können, wenn man keinerlei Bibelkenntnisse hat. Aber man kann sie auch nicht verstehen, wenn man keine Kenntnisse der klassischen Literatur, sprich Vergil oder Ovid, hat und die griechische Mythologie nicht kennt. Die englischen Bibelübersetzungen sind nur einer der Faktoren, der jetzt im elisabethanischen Zeitalter Sprache und Literatur prägt. Sicherlich nicht der geringste.

William Tyndale ist von Henry VIII zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden und von seinen Häschern 1536 in der Nähe von Brüssel ermordet worden. Danach hat man seinen Körper noch verbrannt. Auch alle Tyndale Bibeln, deren man habhaft werden konnte. Aber Wörter kann man nicht verbrennen, und Tyndales Übersetzung des Neuen Testaments scheint noch in allen späteren Übersetzungen durch. Sie war Wycliffes Bibel überlegen, weil Tyndale auch griechische und hebräische Quellen einbezogen und nicht nicht auf die Vulgata verlassen hatte. Und er hatte hierbei auch für das Englische sprachliche Wendungen erfunden, die die Sprache vorher nicht besaß. the wings of the dove, zum Beispiel (und damit meine ich jetzt nicht den Romantitel von Henry James), das finden wir heute so selbstverständlich wie the fish of the sea oder the fowls of the air. Aber vor Tyndale hat es im Englischen diese [noun]+of+[noun] Kombination überhaupt nicht gegeben, und Tyndale übersetzt damit nur eine Sprachfigur, die es im Hebräischen gibt. Hunderte von Wendungen wird Tyndale prägen, von Am I my brother's keeper? bis zu the salt of the earth. Die nachfolgenden Übersetzungen werden sich nicht mehr dagegen wehren, weil seine Formulierungen längst Teil der Sprache geworden sind. Heinrich, der vom Papst den Titel defensor fidei bekommen hat (die englische Königin trägt ihn noch immer) und jetzt gerade eine neue Kirche organisiert, mag Tyndale töten, aber Tyndales Übersetzung wird weiterleben.

Matthäus VI,34 (da, wo steht, dass wir uns keine Gedanken um den morgigen Tag machen sollen) heißt in der King James Version Sufficient unto the day is the evil thereof. Bedenken wir einen Augenblick lang, dass dieser Satz für den griechischen Schreiber wahrscheinlich eine Plattitüde gewesen ist, ist das doch sehr geschraubt. Tyndale ist da einfacher: For the day present have ever enough of his own trouble. Luther, ein Zeitgenosse Tyndales, macht das natürlich noch genialer: Darum sorget nicht fur den andern morgen / Denn der morgend tag wird fur das seine sorgen. Es ist gnug/ das ein jglicher tag sein eigen Plage habe.

Wir haben heute neuere Übersetzungen, hunderterlei, niemand wagt offensichtlich mehr Tyndales oder Luthers Übersetzung zu nehmen. Und so verliert die Sprache ihre Originalität, ihre Geschichtlichkeit. Aber je mehr moderne Übersetzungen es gibt, desto weniger Menschen gehen in die Kirche, um diese Übersetzungen zu hören. Denn eine moderne englische Version von Lukas II sieht so aus: About that time Emperor Augustus gave orders for the names of all the people to be listed in record books. These first records were made when Quirinius was governor of Syria. Everyone had to go to their own hometown to be listed. So Joseph had to leave Nazareth in Galilee and go to Bethlehem in Judea. Long ago Bethlehem had been King David's hometown, and Joseph went there because he was from David's family. Ist wahrscheinlich für die PISA Generation, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Verstehen von Texten hat.

Als ich klein war, wusste ich nicht, was ein Landpfleger ist. Aber wenn in der Weihnachtspredigt nicht Kyrenius Landpfleger in Syrien war, dann wäre kein Weihnachten gewesen. Wenn man einen Text nicht gleich versteht, weil er nicht in der Form eines easy readers daherkommt, dann erwächst der Wunsch, ihn verstehen zu wollen. Das Was ist das? Was ist das? bleibt die große Frage - auch wenn ihr nicht Je, den Düwel ook, c’est la question, ma tres chere demoiselle! nachgesetzt wird wie in Thomas Manns Buddenbrooks. Und deshalb gibt es heute, weil es so schön klingt, die Weihnachtsgeschichte in der Übersetzung von William Tyndale:

It followed in those days: that there went out a commandment from August the Emperor, that all the world should be valued. This taxing was first executed when Syrenus was leftenant in Syria. And every man went into his own shire town, there to be taxed. And Ioseph also ascended from Galilee, out of a city called Nazareth, into jewry: into the city of David, which is called Bethlehem, because he was of the house and lineage of David to be taxed with Mary his wedded wife, which was with child. And it fortuned while they were there, her time was come that she should be delivered. And she brought forth her first begotten son. And wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger, because there was no room for them within, in the hostry. And there were in the same region shepherds abiding in the field, and watching their flock by night. And lo: the angel of the Lord stood hard by them, and the brightness of the Lord shone round about them, and they were sore afraid. And the angel said unto them: Be not afraid: Behold I bring you tidings of great joy, that shall come to all the people: for unto you is born this day in the city of David a saviour, which is Christ the Lord. And take this for a sign: ye shall find the child swaddled, and laid in a manger. And straight way there was with the angel a multitude of heavenly soldiers, lauding God, and saying: Glory to God on high, and peace on the earth: and unto men rejoicing. And it fortuned, as soon as the angels were gone away into heaven, the shepherds said one to another: let us go even unto Bethlehem, and see this thing that is happened, which the Lord hath shewed unto us. And they came with haste, and found Mary and Ioseph, and the babe laid in a manger. And when they had seen it, they published abroad the saying, which was told them of that child. And all that heard it wondered, at those things which were told them of the shepherds. But Mary kept all those sayings, and pondered them in her heart. And the shepherds returned, praising and lauding God for all that they had heard and seen, even as it was told unto them.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Weihnachtsfest.

Kommentare:

  1. Wie es Ihnen mit Kyrenius dem Landpfleger erging, erging es mir als Kind mit der Abendmahlspräfaration: "Wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam ists ... deine Majestät loben die Engel / anbeten die Herrschaften / fürchten die Mächte; die Himmel und aller Himmel Kräfte samt den seligen Seraphim..." Die Seraphim vor allem hatten es mir angetan. Heute sind sie verschwunden. Dabei war es wie Magie, eine Art Zauberspruch, der jedes Mal mächtig Eindruck auf micht machte. Man mag das für naiv halten, im tieferen Sinne bezweifle ich, daß das so ist. So wie Teile des Körpers verlorengehen können und der Mensch überlebt irgendwie, ist es wohl auch mit der Seele und dem Empfinden für die tiefe Poesie der Sprache. Und daß das nichts Banales, irgendein Firlefanz ist, dieses ist bei vielen Menschen verdorrt, Seelenverkümmerung gewissermaßen, und wie sollte das andere inspirieren.

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  2. Guten Tag Jay,
    betreffend die Bibelübersetzung "I beg to differ". Tatsäch-
    lich finde ich das zeitgenössige Englisch besser weil
    verständlicher. Allerding muss ich hinzufügen, dass ich
    Atheist bin. Governor hört sich doch gut an und ich verstehe auf Anhieb. Das ist bei Landpfleger nicht der Fall. Man muss halt dem Volk aufs Maul schauen, jede Generation aufs neue.

    Irgendwo im Alten Testament steht, dass die Soldaten Israels so eine Art von Bodycount vornehmen wollten und deshalb verlangten, sie sollten von jedem der getöteten Feinde die Vorhaut mitbringen. In meiner Jugend habe ich mit oft gefragt, was das wohl gewesen sein mag......

    Übrigens glaube ich nicht, dass die Leute aus der Kirche austreten, weil der Bibeltext so modern klingt. In Europa - bei vielen Europäern - wirkt die Magie der Religion eben einfach nicht mehr so wie in früheren Zeiten.

    Irgendwo in Ihrem Blog befindet sich eine Liste mit Redewendungen und mit Spalten "was der Engländer
    damit sagen will" und eine andere "was ein Ausländer zu verstehen meint". Könnten Sie mir wohl die Verbindung zu dieser Liste geben: trotz langem Suchen habe ich sie nicht wiedergefunden. Ich habe hier im Dorf US-amerikanische Freunde und würde gerne herausfinden, ob Ihre Liste auch so für die USA gilt.

    Viele Grüsse nach Deutschland
    Georg

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