Sonntag, 5. Dezember 2010

Custer


William Armstrong Custer wurde heute vor 171 Jahren geboren. Er war der schlechteste in seinem Jahrgang an der Offiziersschule von West Point, wurde dann aber einer der jüngsten Generäle im Bürgerkrieg. Nicht in der US Army, da war er bei seinem Tod am Little Bighorn nur Oberstleutnant. Durfte sich zwar als General anreden lassen (und auch die Uniform tragen), kriegte aber nur den Sold eines Oberstleutnants und hatte auch keine Befugnisse, die über eine solche Stelle hinausgingen. Der Kuddelmuddel mit General Custer ist dadurch entstanden, dass sein Generalsrang nur ein so genannter brevet Titel ist. Zu Beginn des Bürgerkrieges hat die US Army ein halbes Dutzend Generäle. Am Ende hat allein der Norden über 500, und da sind die noch nicht vom Kongress bestätigten und die vielen brevet Ernennungen nicht mal mitgezählt. Custer wird niemals auf eine Liste der fähigsten amerikanischen Generäle kommen, auf einer Liste der unfähigsten ist ihm ein Platz unter den Top Ten sicher.

Das Erstaunliche ist, dass Leute wie Custer bei bestimmten Menschen zu Helden werden. Der Spruch auf einem US Army Klo in Saigon während des Vietnamkrieges, We'll bring peace to this land if we have to kill them all, signed General Custer, ist bestimmt nicht politically correct (Klosprüche sind das selten)Aber viele werden damals so gedacht haben. Seine wenigen kleinen Erfolge im Bürgerkrieg bleiben nicht im Gedächtnis. Dass er eine Schlacht gegen die Native Americans verloren hat, umso mehr.

Wer, außer Militärhistorikern, hat jemals von dem fähigen Brigadegeneral Herman Haupt gehört, der seinen Generalsrang ablehnte? Über den werden keine Bücher geschrieben, keine Romane. Über den werden keine Filme gedreht wie They Died with their Boots On, Fort Apache oder Little Big ManAber was wäre der Norden ohne Herman Haupt, seine Brücken und seine Eisenbahnen gewesen? Das findet bei der Journaille keinerlei Anerkennung, die Journalisten, die jetzt während des Krieges um jedes Generalszelt herumlungern, sind immer bei den schneidigen Kavalleristen. Kavallerie: nobler als die Infanterie, notiert Gustave Flaubert in seinem Wörterbuch der übernommenen Ideen. Viele Journalisten sind bei Joe Hooker, weil dessen Hauptquartier ein mobiles Bordell ist - obgleich es wahrscheinlich nicht stimmt, dass die hookers nach ihm benannt sind. Könnte aber sein, die Volksetymologie hat so etwas ja gerne. Da glaubt man auch, dass das Wort Fisematenten aus der Franzosenzeit von der Einladung visitez ma tente kommt. Es ist leider nicht so, aber es bleibt natürlich, genau wie die Sache mit den hookers, eine schöne Geschichte.

 Die Journalisten sind jetzt aber überall. Und manche Generäle, die die Lehre von Sewastopol begriffen haben und wissen, dass dies ein Krieg ist, wo Washington dank Eisenbahn und Telegraph nahe ist, 
verstehen es, mit der Presse zu flirten. Andere nicht. Die haben dann, man verzeihe mir den Kalauer, eine schlechte Presse und kommen mit ramponiertem Ruf aus dem Krieg zurück. George Gordon Meade wäre ein Beispiel. Custer ist, ohne dass er andere Fähigkeiten besäße, als dass er auf dem Pferd eine gute Figur macht und mit seinem Säbel fuchteln kann, ein Medienstar. Ein beau sabreur, eine amerikanische Variante von Banastre Tarleton. Der war ja auch nicht besonders intelligent. Vielleicht sollten wir uns nicht auf den blondlockigen Kavalleristen Custer kaprizieren als auf den deutschen 48er Revolutionär Franz Sigel. Ein großer Stratege, ein schwacher Taktiker. Vermeidet im Ernstfall jede Schlacht. Seine Soldaten sind im dafür ewig dankbar gewesen.

Ich mag eigentlich nichts über Custer sagen, obgleich ich eine Menge über ihn weiß. Ich lasse lieber die Popular Culture sprechen. Und das erste Zeugnis davon ist ein Song von Johnny Cash.

Now I will tell you buster that I ain't a fan of Custer
And the General he don't ride well anymore
To some he was a hero but to me his score was zero
And the General he don't ride well anymore
Now Custer done his fightin' without too much excitin'
And the General he don't ride well anymore
General Custer come in pumpin' when the men were out a huntin'
But the General he don't ride well anymore
With victories he was swimmin' he killed children dogs and women
But the General he don't ride well anymore
Crazy Horse sent out the call just to Sitting Bull and Gall
And the General he don't ride well anymore
Now Custer split his men well he won't do that again
Cause the General he don't ride well anymore
Twelve thousand warriors waited they were unanticipated
And the General he don't ride well anymore
It's not called an Indian victory but a bloody massacre
And the General he don't ride well anymore
There might have been more enthusin' if us Indians had been losin'
But the General he don't ride well anymore
General George A. Custer oh his yellow hair had lustre
But the General he don't ride well anymore
For now the General's silent he got bombarded violent
And the General he don't ride well anymore
Oh the General he don't ride well anymore


Das fasst die Geschichte doch nett zusammen. Mein zweites Beispiel ist ein Song von Floyd (Red Crow) Westerman, der den Titel Custer Died for Your Sins hat. Diesen Titel hat er von Vine Deloria, der sein Indian Manifesto so betitelt hatte. Vine Deloria hatte in seinem Manifest immer wieder auf die Parallelen Vietnamkrieg-Indianerkriege hingewiesen. Bei ihm findet sich auch der ironische Satz: a survey was taken and only 15 per cent of the Indians thought that the United States should get out of Vietnam. Eighty-five percent thought they should get out of America! Oder: When asked by an anthropologist what the Indians called America before the white man came, an Indian said simply, "Ours."

All the lies that were spoken
All the blood we have spilled
All the treaties that were broken
All the leaders you have still

Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
Oh, a new day must begin
Custer died for your sins

All the tribes you terminated
Or the myth you keep alive
All the land you compensated
For freedom you deprive

Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
oh, a new day must begin!
Custer died... for your sins

Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
Oh, a new day must begin
Custer died... for your sins.

For the truth that you pollute
For the life that you have tossed
for the good you prostitute
And for all that we have lost

Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
Oh, a new day must begin
Custer died... for your sins.

Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
Oh, a new day must begin
Custer died.. for your sins.

Custer diiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiied!

Custer ist hier mehr als der blondgelockte Kavallerist, er ist ein Symbol für das weiße Amerika, das in den Indian Wars nach dem Bürgerkrieg die Indianer dezimiert. Custer's Last Stand (hier in der Version von Frederic Remington) wird zu einem nationalen Symbol. Ironischerweise ist es ein kommerzielles Produkt, eine Bierreklame der Firma Anheuser-Busch. Kommerz und nationale Symbolik gehen hier, wie so häufig in Amerika, eine seltsame Symbiose ein.

Custer hat nach dem Bürgerkrieg ein Buch geschrieben, das den Titel My Life on the Plains hatte. In der Öffentlichkeit wurde My Life on the Plains allerdings schnell zu My Lies on the Plains. Seine Ehefrau hat nach seinem Tod noch mehrere Bücher über ihn geschrieben. Sie hat den Rest ihres Lebens damit verbracht, das Andenken an ihren geliebten Mann zu bewahren, ihn von allen Vorwürfen und Ehrabschneidungen reinzuwaschen - eine Sisyphus Arbeit. Einen Mann wie Vine Deloria hätte sie nie verstanden: Before any final solution to American history can occur, a reconciliation must be effected between the spiritual owner of the land – American Indians – and the political owner of the land – American Whites. Guilt and accusations cannot continue to revolve in a vacuum without some effort at reaching a solution.

Das erste Bild oben zeigt Custer (dekorativ mit der Flinte auf dem Boden liegend) zusammen mit dem russischen Großfürsten Alexei Alexandrovich bei der Büffeljagd im Jahre 1872. Wild Bill Hickok war bei dem Jagdausflug auch dabei. Diese seltsame Episode des amerikanischen Westens ist leicht verändert in die amerikanische Literatur hineingewandert. Arthur Kopit lässt in seinem Theaterstück Indians (das ständig die Parallele Indianerkriege-Vietnamkrieg betont) bei dem russischen Zarensohn den Wunsch aufkommen, nicht nur Büffel zu schießen, sondern auch einen Indianer zu erlegen.

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