Donnerstag, 18. August 2011

Robbe-Grillet


Ich hatte mich in letzter Minute noch in den vollen Saal geschummelt. Man hatte mich nur reingelassen, weil ich jemandem am Eingang zugeflüstert hatte, dass ich unbedingt den Helden meiner Jugend sehen müsste. Und das stimmte auch, ich hatte mal eine schwere Robbe-Grillet Phase. Da war er nun auf der kleinen Bühne des Auditoriums. Er wirkte leicht gelangweilt, als fragte er sich: was mache ich hier eigentlich? Er trug ein Cordjackett und einen Rollkragenpullover. Beide hatten schon bessere Zeiten gesehen, aber er trug sie mit einer gewissen grandezza.

Wahrscheinlich hatte er Jahre später die Absicht, die selben Sachen bei der Aufnahme in die Académie Française zu tragen. Er hatte sich ja geweigert, den grünen Frack (der in Wirklichkeit ein dunkelblauer Frack mit grüner Stickerei ist) zu tragen. Offensichtlich trägt den in der Académie auch nicht jeder, wie man dieser amüsanten Skizze von ➱Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1928 entnehmen kann. Als Pierre Cardin in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen wurde, hat er sich seinen eigenen grünen Frack entworfen. Offiziell ist also Robbe-Grillet niemals aufgenommen worden. Weil er nicht den mit grünen Palmzweigen bestickten Frack des habit vert tragen wollte und seine Lobrede auf seinen Vorgänger (die laut der Statuten vorgeschrieben ist) nicht vorher abliefern wollte. Wahrscheinlich war ihm das mit dem Frack zu teuer. Für Pierre Cardin war der Frack, den Napoleon der Academie am 23. floréal des Jahres IX verordnet hatte, sicherlich billiger, weil er ihn in seinem Haute Couture Haus hatte anfertigen lassen.

Aber die Ernennung zu einem Unsterblichen stand an jenem Tag, als ich mich in den Saal hinein geschummelt hatte, noch in den Sternen. Ich bin dann aber vorzeitig gegangen. Der Vortrag, den er hielt, hatte er schon hundertmal gehalten. Er trug seine Ansichten über den Roman, die einmal die französische Literatur bewegt und aus dem roman den nouveau roman gemacht hatten, ohne jede Beteiligung vor. Allerdings will ich auch gerne zugeben, dass ich nach Les gommes, Le voyeur und La Jalousie nichts mehr von ihm gelesen habe. Ich fand irgendwann Michel Butor interessanter.

Natürlich hatte ich Letztes Jahr in Marienbad gesehen, sogar mehrfach, weil wir kleinen Cinéasten damals in jedem französischen Film verborgene großartige Botschaften vermuteten. Wenn man diesen unverständlichen Film nur lange genug anguckte, entdeckte man vielleicht unter der Oberfläche des Dekors geheime Bedeutung. Also etwas mehr als die Staffage für die erotische Photographie von Helmut Newton, Jeff Dunas und Roy Stuart. Ich habe letzten Woche wieder in den Film hineingeschaut, zu dem Robbe-Grillet das Drehbuch geliefert hatte. Lief ja auf ARTE. Und was passierte? Ich war das französische Sabbelkino (wie mein Freund Georg das genannt hat) nach zehn Minuten leid. Habe dann Der letzte Bulle geguckt und hinterher auf Inspector Barnaby umgeschaltet. Wir Cinéasten wissen schon, was wir tun.

Aber ich hatte das Wichtigste gesehen (und wenn Sie sich den ➱Trailer anschauen, haben Sie den ganzen Film gesehen), und das war natürlich das Streichholzspiel und die eleganten Klamotten. Wie hatte ich das ➱Streichholzspiel vergessen können? Die eleganten Klamotten hatte ich natürlich nicht vergessen. Damals ging man ins Kino, um sich in den französischen und italienischen Filmen die modischen Leitbilder zu suchen. Jeder wollte so aussehen wie Giorgio Albertazzi (der X aus dem Film Letztes Jahr in Marienbad) oder Marcello Mastroianni in La notte. Elegante weiße Hemden und enggeschnittene, möglichst italienische, dunkle Anzüge. Mein guter blauer englischer Anzug von Charly Hespen war für solche Inszenierung nicht so recht geeignet. Er hat lange gehalten, ich trug ihn zum Abitur und noch viele Jahre später zur Doktorprüfung (und mein Freund Götz hat ihn später auch noch zu seiner Doktorprüfung getragen). Englische Anzüge sind O.K. und sind für die Ewigkeit, aber damals waren scharfe italienische Anzüge gefragt. An so etwas war bei Charly Hespen am Wall, in dessen Laden alle guten Marken Englands zu finden waren, nicht zu denken. Aber ➱Albert Dahle von der Firma Kass, über den ich schon einmal geschrieben habe, der hatte damals modischen Wagemut und hatte solche Teile von der italienischen Firma SIDI im Angebot. Und ich überredete meine Eltern, dass ich unbedingt so etwas haben müsste - dann könnte ich den guten englischen Anzug auch schonen. Ich bin Albert Dahle immer noch dankbar, dass ich zu einem Marcello Mastroianni look-alike werden konnte.

Alain Robbe-Grillet schrieb nicht nur Filmdrehbücher, er begann irgendwann auch als Regisseur. Und da zeigte der Theoretiker des nouveau roman sein zweites Gesicht. Anlässlich der deutschen Premiere von Just Jaeckins Softporno Die Geschichte der O. schrieb der Spiegel: Sogar Alain Robbe-Grillet, Veteran des eher unsinnlichen Nouveau roman, dreht Filme, die mit feiner Ästhetik unfeine Sexualgewohnheiten ausstellen und den Zuschauer zum Voyeur sadistischer Veranstaltungen machen: Sein "Spiel mit dem Feuer" zeigt bevorzugt blutjunge Mädchen in Ketten und an Betten gefesselt. Leute, wenn ihr ein wenig aufgepasst hättet, hättet ihr gemerkt: der machte schon seit Jahren nix anderes mehr. Denn gleichzeitig mit dem nouveau roman (und ein Jahrzehnt vor Arsans Emmanuelle) entstand in Frankreich eine neue Form des Roman, die nichts mit Robbe-Grillet, Michel Butor et.al. zu tun hatte, sondern ein Rückgriff auf den guten alten Marquis de Sade war. Also so etwas wie Die Geschichte der O.. Das Pikante ist, dass Robbe-Grillets Gattin ein Jahr vor ihrer Ehe auch solch einen Roman, L'imagegeschrieben hatte. Oder hat er sie vielleicht deswegen geheiratet?

Als die Verfilmung von L'Image gedreht wurde, drehte Robbe-Grillet gerade Glissements progressifs du plaisir und Le Jeu avec le feu, auch wieder Filme, auf die das gerade frisch erfundene Wort Porno Chic zutrifft. Der Unterschied zwischen Robbe-Grillet und Jess Franco war nur der zwischen softcore und hardcore. Der französische Pornofilm nahm diese Nobilitierung durch die Literatur gerne auf und produziert Filme wie Je suis à prendre mit Brigitte Lahaie. Das muss man den Franzosen lassen: zu der Zeit, wo wir den Schulmädchen Report haben, haben sie Pornos mit Stil. Aber es ist ja, seit der Gothic Novel, wo die verfolgte Unschuld im déshabillé von dem Bösewicht durch das Schloss gejagt wird, immer wieder die gleiche Geschichte. Da fällt den Franzosen seit de Sade nichts ein. Erinnern Sie sich an die Szene in Belle de Jour, wo Séverine (Catherine Deneuve) nackt in einem Sarg liegt? Die ganzen Zutaten - das Schloss, der reiche, aber leicht debile Adlige, die schöne Blondine - das sind doch alles abgeschmackte Versatzstücke aus der Welt des Marquis de Sade. An der Szene mit dem Auspeitschen im Wald hätte der Marquis seine Freude gehabt.

Nun sagen uns natürlich die französischen Filmkritiker: das ist kein Porno. Das ist ein ironisches Spiel mit diesen Elementen. C'est bien joli, mais... ich mag's nicht so ganz glauben. Denn Ähnliches hat schon Robbe-Grillet 1966 für sich in Anspruch genommen (was der Spiegel ein Jahrzehnt später immer noch nicht gemerkt hatte), als er Trans-Europ Express drehte. Die Herausgeber von Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms (Citadel-Goldmann. Vorwort von Laurens Straub) wussten 1983 schon, was sie taten, als sie Alain Robbe-Grillet in den Band aufnahmen. Da kam er gleich hinter unserem deutschen Nackedei Schnuckelchen Andrea Rau.

Nach seinem kurzen Beginn in der ernstzunehmenden französischen Literatur ist Alain Robbe-Grillet sehr schnell in die französische Pornographie gewechselt. Wenn Sie nicht wissen sollten, worüber ich rede, lesen Sie doch mal eben diese Rezension im Spiegel. Und das hat sich dann auch nie geändert. Zu seinem Alterswerk Die Wiederholung schrieb die FAZSeine erotischen Obsessionen Sadomasochismus, Voyeurismus und blutjunge Mädchen - sind im Roman präsent, der die besten Seiten von Robbe-Grillets umfangreicher Aktliteratur enthält: hier ist alles mehr Parodie als Pornographie. So kann man das natürlich verkaufen, aber ich glaube nicht an die Parodie. Ich glaube, der hatte nix anderes mehr im Kopf als das Recycling des schmuddeligen Charmes der Bourgeoisie.

So, diese hundert Zeilen Hass wollten mal eben geschrieben werden. Das war mir klar, als ich den Namen Alain Robbe-Grillet auf dem immerwährenden Geburtstagskalender des Arche Verlags entdeckte.

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