Mittwoch, 10. August 2011

Holländer


Den weiten Himmel malen, das können die Holländer. Licht en lucht, dat is de kunst, hat Jan Hendrik Weissenbruch gesagt. Wobei das lucht nicht nur die Luft, sondern auch den ➱Himmel meint. Mit und ohne Wolken. Diesen Jan Hendrik Weissenbruch habe ich vor Jahrzehnten durch Zufall entdeckt, und er begeisterte mich mehr als viele andere holländische Maler. Wenn es nach Ruisdael und Constable einen Maler des Himmels und der Wolken gibt, dann ist er es. Jetzt mal von ➱Eugène Boudin abgesehen. Es ist ja schön und gut, wenn man in holländischen Museen die großen Meisterwerke abklappert, also die, die im Baedeker und jedem Kunstreiseführer stehen. Rembrandt, Vermeer, Frans Hals. Aber viel schöner ist es, wenn man sich auf sein eigenes Auge und seinen eigenen Geschmack verlässt. Und die kleinen Kostbarkeiten entdeckt. Die, vor denen keine Menschenmassen stehen.

Weissenbruch gehört zur so genannten Haager Schule, diesen Malern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre eigene Malerei des 17. Jahrhunderts und den holländischen Himmel wiederentdecken. Zu deren Begründern sicherlich Josef Izraels gehört, der heute vor hundert Jahren starb. Liebermann war mit ihm befreundet und ist sicherlich von ihm beeinflusst worden. Die holländischen Maler finden sich jetzt in Künstlerkolonien zusammen. Was Barbizon oder Auvers-sur-Oise für die Franzosen sind, sind Oosterbeek (da wo im II. Weltkrieg die Schlacht um Arnheim tobt), Katwijk oder Laren für die Holländer.

Nach Laren wird auch Max Liebermann kommen, auf seiner Hochzeitsreise 1884. Er hat ein Empfehlungsschreiben von seinem Freund Josef Izraels für Anton Mauve bei sich. Aber der ist gerade dabei abzureisen. Und die Begegnung mit dem elegant gekleideten Weltmann Liebermann schüchtert den gesellschaftlich unsicheren Mauve noch mehr ein, am nächsten Tag ist er weg. Es gibt schriftliche Zeugnisse über diesen Treffen in der kargen Gaststube im Hotel Hamdorff, die davon berichten, dass alles an Liebermann an Feinheit und Neuheit glänzte, von der Garderobe bis hin zur makellosen Malerkiste aus schönem Holz. Mit Feinheit und Neuheit haben es die Holländer nicht so. Von weiteren Treffen der beiden ist nichts bekannt, aber einen Einfluss des Malers Mauve auf Liebermann, den gibt es schon. Vielleicht ist der Einfluss sogar größer als der von Izraels. Dass Anton Mauve der Lehrer von Liebermanns Freund Thomas Herbst war, hatte ich ja schon einmal erwähnt.

Jan Hendrik Weissenbruch hätte auf der gesellschaftlichen Ebene der Großbourgeoisie auch nicht mit Liebermann verkehren wollen. Er hat sich zeitlebens nicht die Mühe gegeben, bei einem großen Publikum bekannt zu werden. Er wird in einem schlichten Haus in der Kazernestraat in den Den Haag wohnen, das alle Besucher an altholländische Wohnungen des Delftschen Vermeers oder Pieter de Hoochs erinnert (man kann das auf dem Bild oben gut erkennen). Er ist in Den Haag geboren, unweit des Mauritshuis. Dort hat er Vermeer und Ruisdael gesehen, dort kopiert er die Holländer des 17. Jahrhunderts. Er geht zu einer Zeichenakademie und will danach bei dem berühmten Andreas Schelfhout in die Lehre gehen. Aber sein junger Kollege Johannes Bosboom rät ihm ab. Er solle sich auf die eigenen Augen verlassen. Weissenbruch ist ihm ein Leben lang dankbar für diesen Rat gewesen. Jozef Izraels rät ihm, nach Barbizon zu gehen. Wird Weissenbruch auch tun, allerdings beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Brief von Izraels. Da kann er von den Franzosen nichts mehr lernen, er war eh schon weit über sie hinaus (er hat bei der Gelegenheit auch ➱Millets Haus gemalt). Vermeer und Ruisdael, licht en lucht und die eigenen Augen: das ist die Zauberformel. Wahrscheinlich ist es das ganze Geheimnis der holländischen Malerei.

So sehr wir die holländische Malerei schätzen, so wenig mögen wir ansonsten die Holländer. Wenn man bei Google holländische Malerei eingibt, bekommt man 799.000 Ergebnisse. Gibt man holländische Witze ein, bekommt man 916.000 Ergebnisse. Warum ist das so? Die Antwort ist einfach: unserer großer deutscher Philosoph Immanuel Kant ist schuld. In seinen ➱Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen von 1764 unternimmt Immanuel Kant im vierten Abschnitt eine kleine Psychologie der europäischen Völker, die vereinfacht darauf hinausläuft, dass sich die Italiener und Franzosen durch ihr Gefühl für das Schöne auszeichnen, die Engländer und die Deutschen durch ihr Gefühl für das Erhabene (darauf war Burke bei seiner Erfindung von sublime and beautiful nun nicht gekommen). Der Holländer aber hat nichts von beidem, er hat nur eine ordentliche und emsige Gemütsart aber wenig Gefühl für dasjenige, was in feinerem Verstand schön oder erhaben ist. Er ist für Kant gewissermaßen ein sehr phlegmatisierter Deutscher, der sich durch Aufgeblasenheit, Grobheit und Dummheit hervortut.

Kant ist mit seiner Ansammlung von Platitüden hier nicht so weit entfernt von Mike Krüger, der das jahrelang mit seinen Holländerwitzen auch gesagt hat. Vielleicht sollte man Immanuel Kant mal den Mike Krüger des 18. Jahrhunderts nennen. Herman Meyer, der führende holländische Germanist der sechziger Jahre, hat einen bezaubernden kleinen Aufsatz über Das Bild des Holländers in der deutschen Literatur geschrieben. Was hier interessant ist, ist die Tatsache, dass die deutsche Literatur nach Kant ein Jahrhundert lang (ohne jeden politischen Druck) ganz energisch an diesem Bild des Holländers arbeitet, auf das auch die Witze von Mike Krüger hinauslaufen. Der Amsterdamer Ordinarius für deutsche Literatur Herman Meyer, der auch als Vorsitzender der neugegründeten Niederländisch-Deutschen Gesellschaft viel zum Kulturaustausch nach dem Kriege getan hat keinen Wikipedia Artikel. Mike Krüger, der Wohnwagenwitze erzählt, hat natürlich einen.



Gut, Wohnwagen hatten sie im 19. Jahrhundert noch nicht. Und wahrscheinlich produzierten sie auch noch nicht diese wässigren Tomaten. Aber es sind phlegmatische Philister, diese Mynheers mit den Windmühlen, in ihren Holzschuhen mit den Tulipanen, Sternblumen und Levkojen vorm Fenster. Aber bei allem Phlegma (für Johann Caspar Lavater war der Holländer die ideale Verkörperung eines Phlegmatikers) und Philistertum gleichzeitig ständig auf ihren Vorteil bedacht. Wie der letzte im Zuge bei der Beerdigung des reichen, armen Herrn Kannitverstan, der eben in der Stille ausrechnet, was er an seiner Baumwolle gewinnen könne.



So viele Beispiele Herman Meyer in der deutschen Literatur an beschriebener Tölpelhaftigkeit seiner Landsleute, an einer Kultur der Hässlichkeit, an einer Symbolik der Windmühlen, der Kanäle und der Trekschuite (die immer als Beweis für die Langsamkeit und den technologischen Rückschritt dienen muß) auch herbeizitiert, er lässt etwas aus. Der brave Handwerksbursche aus Tuttlingen von Johann Peter Hebel, der im Leichenzug des Herrn Kannitverstan mitgeht, würde noch vor einem halben Jahrhundert in jeder holländischen Straße bei Anbruch der Nacht festgestellt haben, dass man in jedes Wohnzimmer hineinschauen kann. Keine Vorhänge. Lauter aneinandergereihte holländische Interieurbilder. Die uns sagen: wir haben nichts zu verbergen. Die roterleuchteten Wohnzimmerstübchen der Nutten in den Walletjes sowieso. Das reine Gewissen, die makellose Sittlichkeit wird, vielleicht nicht gerade im roten Licht vom Rosse Buurt, aber sonst überall in Holland, demonstrativ zur Schau gestellt. Aber niemand ist ganz gut, wir haben alle etwas zu verbergen.

Zwar hält Albert Vigoleis Thelen (über den ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit mal schreiben werde*), der vom Niederrhein kommt und lange im holländischen Exil gelebt hat, diese Offenheit des Wohnzimmers und des Lebens in seinem wunderbaren Roman Der schwarze Herr Bahßetup für eine zivilatorische Errungenschaft, aber wahrscheinlich sollten wir doch eher dem Kommissar Van der Valk von Nicolas Freeling trauen. Dessen Schöpfer ist zwar in London geboren, kennt aber sein Amsterdam genau. Und so ist für ihn der fehlende Fenstervorhang nur eine Scheinheiligkeit. Hinter aller nach vorn gestellten Frömmigkeit lauern Sünde und Verbrechen, da sind sich die Helden der Romane von Georges Simenon, Nicolas Freeling und Janwillem van de Wetering einig.

Bevor Kant die negative Sicht des Holländers eingeleitet hatte - gegen die sich immerhin Georg Forster am Ende des 18. Jahrhunderts wortreich zur Wehr setzte - galten sie als Muster für Fleiß und Rechtschaffenheit, die dem Meer ihr Land abgerungen hatten. Gott erschuf die Welt, die Holländer erschufen Holland. Dies ist die Nation, die sich ihre Freiheit noch vor der amerikanischen Revolution erkämpft hatte, die allen Philosophen Europas eine Heimstatt boten. Dennoch, das negative Bild hält sich lange. Auch auf Seiten der Holländer, die die Deutschen nicht mögen, wie die ➱Clingendael Studie von 1993 erschreckend deutlich machte.


Die Stereotypisierung des Nachbarn kommt bei allen Nationen vor, wir leben mit Vorurteilen. Auch wenn wir wissen, dass viele der Stereotypen gar nicht stimmen. Den kleinen Hansje Brinkers, der den Finger in den Deich hält und Holland vor der Überschwemmung bewahrt, hat es nie gegeben. Er ist die Erfindung einer Frau aus Amsterdam, allerdings Neu Amsterdam, Mary Elizabeth Mapes Dodge aus New York. Auch Frau Antje, die das Pikantje serviert, und die so typisch holländisch ist, gibt es natürlich nicht wirklich. Sie ist eine Erfindung des niederländischen Molkereiverbandes. Und der deutsche Jazzmusiker Klaus Doldinger hat damals die Musik zu dem Jingle geschrieben. Das ist doch mal ein Beispiel für deutsch-niederländische Zusammenarbeit.

In Münster, wo sie genauso viele fietsen haben wie in Holland (aber damit völlig anarchistisch fahren) gibt es ein ➱Haus der Niederlande, wo man sich wissenschaftlich mit der Erforschung der nachbarschaftlichen Beziehungen beschäftigt. Also mit Frau Antje und Rudi Carrell und den Wohnwagen. Wollen wir mal hoffen, dass es was nützt, und die Seele des Holländers einmal ebenso gut erforscht wird wie die holländische Kunst.

Die Bilder heute sind alle von Jan Hendrik Weissenbruch. Über die Haager Schule hat es in den letzten Jahrzehnten zwei sehr schöne Kataloge gegeben. Der ältere heißt Die Haager Schule und  wurde vom Gemeentemuseum Den Haag 1988 publiziert. Man bekommt den Katalog zum Schnäppchenpreis ab 3,17€ bei Amazon Marketplace. Der neuere Katalog heißt Der Weite Blick (Hatje Cranz 2008) und kommt aus dem Rijksmuseum Amsterdam. Erstaunlicherweise überschneiden sich beide Kataloge in keinem Punkt. Ich hätte ja wegen des symbolischen Datums wohl über Josef Izraels schreiben sollte, aber ich dachte mir, dass der schon berühmt genug sei.

Denn wer kennte schon Jan Hendrik Weissenbruch? Der seine Aquarelle auf den Boden seines Studios verstreute und mit Straßenschuhen darüber lief. Die am meisten belaufen werden, sind am feinsten in den Tönungen, versicherte er einem Besucher, die bringen höhere Preise. licht en lucht und Dreck an den Schuhsohlen. Ob holländische Holzschuhe auch den Effekt erzielt hätten?

Das letzte Bild hier soll zeigen, dass Weissenbruch - der übrigens den jungen Van Gogh ohne Vorbehalte gefördert hat - nicht nur den Himmel malen kann. Er kann auch Kühe. Und getreu unserer stereotypen Vorstellung vom Holländer, hat Weissenbruch auch Holzschuhe gehabt. Wenn es regnet und stürmt, ist der Maler in seinem Element. Dann zieht er seine Jacke und seine klompen an, und dann nix wie in die Natur: Als het stormt en regent, als het dondert en bliksemt, ben ik in mijn element. De natuur moet men in werking zien. Dan trek ik mijn jekker aan, steek mijn voeten in klompen, zet een soort hoed op en ga op mars. Als de buien bedaren, met houtskool of zwartkrijt een krabbel maken, om vast te houden wat ik zie. Bij het uitwerken komen kleur en toon vanzelf in herinnering.

*Das ist inzwischen geschehen, klicken Sie ➱hier.

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