Mittwoch, 24. August 2011

Jean Desailly


Als Jean Desailles vor drei Jahren starb, erhielt er einen Nachruf, in dem sein immense talent au service d’auteurs dont il savait sublimer les textes gefeiert wurde und gesagt wurde, dass er restera un modèle pour des générations de comédiens et d’acteurs. Gut, das kann man über einen 87-jährigen Schauspieler schreiben. Aber das kam nicht von einem Journalisten, das kam direkt aus dem Élysée Palast: Je tiens à saluer la mémoire de Jean Desailly qui a traversé la vie théâtrale du XXème siècle dans ses symboles les plus prestigieux, de la Comédie Française à la Compagnie Renaud-Barrault, avant de dominer la scène dans ses duos avec Simone Valère. C’est à elle que nous pensons aussi car ils formaient tous deux un couple indissociable et merveilleux au service du théâtre. Also, ich nehme mal man, dass Sarkozy da einen Ghostwriter hatte.

Jean Desailly wurde heute vor 91 Jahren geboren, damals lebte Proust noch. Desaillys Vater war der Privatsekretär von Prousts Freund Reynaldo Hahn gewesen. Jean Desailly ist im Theater groß geworden, mehr als sechzig Jahre hat er auf den Brettern gestanden, die die Welt bedeuten. Häufig auch zusammen mit Simone Valère, die er nach beinahe einem halben Jahrhundert des Zusammenlebens endlich geheiratet hat. Wie viele französische Schauspieler hat er auch gesungen, hier können Sie ihn zusammen mit Simone Valère auf der Bühne sehen.

Natürlich war er auch auf der Leinwand zu sehen, aber obgleich er in beinahe neunzig Filmen mitspielte, blieb er meistens irgendwo im Hintergrund. Bis auf zwei Filme, für die man ihn nicht vergessen wird. Der erste ist Le Doulos (Der Teufel mit der weißen Weste) von Jean-Pierre Melville, in dem er einen Kommissar namens Clain spielt. Jean Paul Belmondo spielt hier einen Gangster, der schon viele Ähnlichkeiten mit der Figur von Alain Delon in Le Samurai (Der Eiskalte Engel) hat. Wenn auch das Büro des Kommissars Clain eine Kopie eines Büros aus Rouben Mamoulians City Streets (1931) ist, hat doch Melvilles Kommissar nichts von einem New Yorker Polizisten an sich. Auch nichts von einem Kommissar, wie ihn Jean Gabin spielen würde.

Desaillys Clain ist ein eleganter Großbürger, der bourgeois als flic, intrigant und verlogen hinter einer Maske der Bonhomie. Das passt in die Welt von Melvilles Film, in der alle etwas anderes sind, als sie zu sein vorgeben. Le Doulos hat noch die Reste eine B-Picture film noir an sich, weist aber in seiner Erzählform und in seinen Bildern auf Melvilles spätere Meisterwerke hin. Den Film Le Doulos erhält man ohne Schwierigkeiten auf DVD - aber versuchen Sie mal eine DVD von La Deuxieme Souffle zu bekommen! Wovon man noch Reste bekommen kann, ist der Band 27 Jean-Pierre Melville von Hansers Reihe Film (Herausgeber Peter W. Jansen und Wolfram Schütte), das Buch sollten Jean-Pierre Melville Fans unbedingt besitzen.

In Truffauts La Peau Douce war Jean Desailly ein Jahr später ein ganz anderer. Ein berühmter französischer Literaturkritiker namens Pierre Lachenay, der in einer amour fou einer jungen Stewardess verfällt (obgleich er als Balzac Spezialist die comédie humaine eigentlich kennen müsste), die von Françoise Dorléac gespielt wird. Filmfans wissen natürlich, dass sie die Schwester von Catherine Deneuve ist. Und wenn wir sie für einen Augenblick wieder zum Leben erwecken wollen, dann schauen Sie doch einmal in diesen Clip hinein. Außer dass Françoise Dorléac durch Cannes geht, passiert hier gar nichts, aber das ist schon aufregend genug. In La Peau Douve passiert eigentlich auch nichts. Außer dass Pierre Lachenay am Ende von seiner Ehefrau erschossen wird. Da ist dann auch die schwermütige Musik von Georges Delerue wieder, die von der ersten Szene an signalisiert, dass die Chose nicht gut ausgehen wird. Der amerikanische Kritiker Bosley Crowther sagte im letzten Satz seiner Filmkritik: Music by Georges Lelerue is in the spirit. So are the English subtitles. Bosley Crowther war mit seinem Verriss nicht der einzige, La Peau Douce war ein Flop. Heute stimmen die Kritiker eher Richard Brody vom New Yorker (one of Truffaut's best and rarest films...a masterwork of erotic frenzy) und Jonathan Rosenbaum (The most neglected and underrated of Truffaut's early features) zu.

Eine Ehebruchsgeschichte, von der man schon zweitausend im Kino gesehen hat, geht nie gut aus. Und dennoch gelingt es Truffaut, etwas Neues auf die Leinwand zu bringen, auf alle Fälle etwas, das man so noch nicht im Kino gesehen hat. Der Film (der mehr Schnitte enthält als andere Truffaut Filme) lebt von den Bildern, von den vielen Szenen, in denen überhaupt nicht geredet wirddiese stummen Szenen, so beschloß ich, sollten so lange wir möglich dauern. 

Truffaut mochte Desailly nicht. Er hat später gesagt, daß ich mich mit dem Darsteller, Jean Desailly, nicht allzu gut verstand. Es gab zwar keine Feindseligkeiten, aber immerhin verspürte ich das Bedürfnis, ihn in einem etwas kritischen Licht darzustellen, ihn ein wenig sarkastisch zu behandeln. In einem Brief an Helen Scott schreibt er Ende 1963: Die Dreharbeiten zu diesem Film sind wesentlich weniger angenehm als die zu meinen anderen Filmen, es ist mühsam, zu hart, entmutigend. Jean Desailly, der von Anfang bis Ende auf der Leinwand zu sein wird, mag weder den Film noch die Figur noch den Stoff noch mich. Unsere Beziehung ist folglich feindselig und nicht offen. Im nächsten Satz sagt er: Françoise Dorléac ist charmant, sehr talentiert.

Er sagt aber nicht, dass er schwer verliebt in Françoise ist. Eigentlich steht hinter allen Liebesgeschichten, die Truffaut in Filme verwandelt, seine eigene Liebesgeschichte. Wir sollten ihm dankbar sein, dass er sich so häufig verliebt hat.

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