Samstag, 6. August 2011

Brandenburger Tor


Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Cabinetsschreibens nach Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm seinen Weg durchs Brandenburger Tor und die große Tiergartenallee, links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht von Sommersprossen überdeckter Rotkopf mit übrigens noch röterem Backenbart, auf welchen roten und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu versichern pflegte, »daß man auch diesen Baarsch an seinen Flossen erkennen könne«. Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß, selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben.
    
Es war vier Uhr nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passierte den Landwehrgraben und ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren Sommerhäusern und Vorgärten ein.

Da hat er es wieder gemacht, ich ärgere mich jedesmal: trotzdem die Sonne schien. Er macht es immer -wo wir ein obwohl erwarten, nimmt Theodor Fontane das trotzdem. Es ist kurios. Wir sind in dem Roman Schach von Wuthenow, in der Zeit des Regiments Gensdarmes. Das Brandenburger Tor steht schon seit zwei Jahrzehnten. Damit der Rittmeister Schach von Wuthenow auf dem Weg zu seinem König da durchreiten kann. Preußen ist noch nicht zusammengebrochen, Napoleon ist noch nicht wie Schach von Wuthenow durch das Brandenburger Tor geritten. Und hat die Quadriga noch nicht geklaut.

Heute vor zweihundertzwanzig Jahren wurde es eröffnet, war aber noch nicht ganz fertig. Stadttore gibt es ja überall, vom Löwentor in Mykene über die Porta Nigra bis zum Holstentor in Lübeck. Das kennen wir noch vom 50-Mark-Schein (das Brandenburger Tor war uns nur fünf Mark wert), und bei Niederegger bekam man es aus Marzipan. Aber keins der Stadttore ist so berühmt geworden wie das Brandenburger Tor. Das scheint ja inzwischen eine Art Nationalheiligtum zu sein. Ich erregte am letzten Wochenende in einer geselligen Runde Aufsehen, weil ich der einzige war, der nach dem Fall der Mauer noch nicht durch das Brandenburger Tor spaziert war. Oder mit dem Pferd da durchgeritten war, wie Schach von Wuthenow. Ich bin schon durch das Brandenburger Tor gegangen, als das noch offen war und sich niemand darüber Gedanken machte, dass das ein symbolischer Akt sei. Na ja, vorher vielleicht Napoleon mit seinem Hang zu theatralischen Inszenierungen, als er da durchritt.

Ich habe irgendwie auch eine tiefsitzende Aversion gegen nationale Gedenkstätten. Wenn man als kleiner Pöks von seinem Opa stundenlang durch den Wald geschleift wird, damit man das Hermannsdenkmal bewundern kann und es an diesem Weiheort nicht mal Eis oder 'ne Limo gab, dann will die richtige Verehrung nicht so aufkommen. Außerdem war ich todmüde, aber er schien das nicht zu bemerken und erzählte mir den ganzen Rückweg lang von den Treffen des Stahlhelms auf dem Kyffhäuser. Und dann bekam ich gleich noch das ganze Gedicht aufgesagt. Bei den Zeilen Er hat hinabgenommen/des Reiches Herrlichkeit/und wird einst wiederkommen/mit ihr, zu seiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass Opa das wirklich glaubte.

Und wegen dieser Aversion gegen nationale Symbolorte gibt es heute zur 220 Jahre Brandenburger Tor Feier auch nichts Patriotisches an dieser Stelle. Außer einem Literaturhinweis und einer kleinen Anekdote aus der deutschen Geschichte. Die Literaturangabe ist der vorzügliche Artikel von Gustav Seibt im zweiten Band von Etienne François und Hagen Schulze, Deutsche Erinnerungsorte. Mehr als da steht, braucht man nicht über das Brandenburger Tor zu wissen.

Hundert Jahre nach dem Bau des Brandenburger Tors ist der Maler Max Liebermann in das Haus seines Vaters gezogen. Die Adresse war Pariser Platz Nummer 7, unmittelbar neben dem Brandenburger Tor: Gleich links, wenn man nach Berlin 'reinkommt. Am anderen Ende der Allee Unter den Linden gab es auch eine prominente Adresse. Da wohnte Wilhelm II. Der Max Liebermann nicht ausstehen konnte. Nicht dass die beiden Herren sich hätten sehen können, wenn sie aus dem Fenster guckten, allein die Tatsache, dass der Schmutzmaler da prominent an diesem symbolischen Platz neben dem Brandenburger Tor wohnt, stört den Kaiser. Aber een Anarchist ist der Kerl doch, soll er gesagt haben, nachdem er Liebermann nach langem Zögern den Roten Adlerorden verliehen hat. Er hätte so gerne diesen Anarchisten vom Brandenburger Tor vertrieben. So verfiel er auf den Plan, das Haus am Pariser Platz zu kaufen und es abreißen zu lassen.

Wir wissen, daraus ist nichts geworden. Der alte Liebermann konnte noch aus seinem Fenster die SA durch das Brandenburger Tor marschieren sehen. Was er mit dem Satz Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte kommentierte. Er mochte dann auch gar nicht mehr aus dem Fenster gucken: Ich lebe nur noch aus Hass. Ich schaue nicht mehr aus dem Fenster dieser Zimmer – ich will die neue Welt um mich herum nicht sehen. Sein Tod im Jahre 1935 hat ihm vieles erspart. Aber was Wilhelm II. mit der Vertreibung der Familie Liebermann nicht gelungen war, haben die Nazis geschafft. Indem sie einen Judenbann für den Pariser Platz aussprachen. Liebermanns Witwe musste vom Brandenburger Tor wegziehen. Bevor man sie in das KZ Theresienstadt deportieren konnte, hat sie Selbstmord begangen.

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