Freitag, 8. Juni 2018

Entnazifizierung


Kann man rechtschaffen, aufrecht und ehrlich durch die Zeit des Nationalsozialismus gehen, wenn man nicht emigriert oder ins Gefängnis kommt? Der Direktor der AG Weser Franz Stapelfeldt (der schon in dem Post Bremen, Mai 1945 erwähnt wird) wäre ein Beispiel. In Anlehnung an die Figur des General Harras in Zuckmayers Des Teufels General hat ihn einmal ein Journalist Des Teufels Generaldirektor getauft. Stapelfeldt ist ein mächtiger Mann gewesen, seine AG Weser und alles was zu dem Konzern Deschimag (an dem auch Krupp beteiligt war) gehörte, haben von den Rüstungsaufträgen profitiert. Stapelfeldt ist Wehrwirtschaftsführer gewesen (hat von diesem Titel aber nie Gebrauch gemacht), er war seit 1937 Parteimitglied.

Aber der skrupellose Kapitalist Stapelfeldt, der jede Chance für ein gutes Geschäft nützt und nicht nur Schiffe, sondern auch Flugzeuge baut, wendet sich schnell von den neuen Machthabern ab. Beinahe jeder in Bremen, der aus politischen Gründen entlassen wird oder nach einer Zeit im KZ keine Arbeit mehr findet, wird von ihm bei der AG Weser eingestellt, wie zum Beispiel Oskar Drees. Den Pastor Hans Asmussen von der Bekennenden Kirche beschäftigt er als Privatsekretär. Er unterstützt die Familien von Verfolgten ebenso wie die Familien von in Not geratenen Arbeitern, er gibt weiterhin bei jüdischen Kaufleuten Bestellungen auf. Den deutschen Gruß der Werkspolizei erwidert der Generaldirektor mit einem schlichten: Moin. Er äußert bei Kriegsausbruch öffentlich, dass Hitler wahnsinnig geworden sei. Er hat Verbindungen zu Admiral Canaris und finanziert die Widerstandsgruppe um General Hans Oster, der mit einer Bremer Industriellentochter verheiratet ist. 1941 kauft er im KZ Dachau vier seiner ehemaligen Arbeiter frei. Er holt den SPD Politiker Emil Theil (dessen Tochter Johanna er als Sekretärin beschäftigt) persönlich aus dem KZ und gibt dafür seinen großen Borgward in Zahlung. Als Theil sich bei ihm bedankt, sagt Stapelfeldt, dass Dank nicht notwendig sei, dies sei ja nur eine Kleinigkeit gewesen. 

Nach dem 20. Juli 1944 holt die Gestapo Stapelfeldt ab und nimmt ihn bis kurz vor Kriegsende in Schutzhaft. Kaum ist er entlassen, sperren ihn die Amerikaner für ein halbes Jahr in Westertimke bei Tramstedt ein. Da war vorher ein Kriegsgefangenlager für alliierte Marineangehörige. Als das Spruchkammerverfahren eröffnet werden soll, wenden sich hunderte von Bremern schriftlich an die Kammer. Es gibt keine Anklage. Er wird seinen Lebensabend als hochgeachteter Bürger in Bremen verbringen. Einer der wenigen, der Stapelfeldt als Kriegsverbrecher anklagen will, ist der KPD Politiker Hermann Prüser. Der hatte 1933 eine flammende Rede in der Bürgerschaft gegen den faschistischen Staatsstreich gehalten. Die Nazis haben ihn gleich für ein halbes Jahr ins KZ Mißler gebracht, danach noch mehrmals ins Gefängnis. Er ist dann 1935, wie so viele andere, bei Stapelfeldt auf der AG Weser untergekommen. Ohne Stapelfeldt hätte er das Dritte Reich vielleicht nicht überlebt. Jetzt fordert er als Vorsitzender der Spruchkammer Stapelfeldts Verurteilung. Dafür hat Wilhelm Kaisen wenig Verständnis.

Der Direktor der zweiten Bremer Großwerft Bremer Vulkan in Vegesack, Robert Kabelac, wird wie Stapelfeldt 1940 Wehrwirtschaftsführer. Er baut für die Nazis die U-Boote für den Endsieg, insgesamt 74 Stück. Zehn Jahre nach Kriegsende behauptet Kabelac frech, dass der Bremer Vulkan keine U-Boote gebaut hat. Die in Vegesack gebauten U-Boote wurden von der damals neu gegründeten ›Vegesacker Werft GmbH‹ gebaut, die nach Kriegsende aufgelöst und deren Unterlagen vernichtet wurden. Dass die Vegesacker Werft GmbH und der Vulkan identisch sind, davon ist nicht die Rede. Truth is the daughter of time. Kabelac beschäftigt für die Werft und den Bau des U-Bootbunkers in Farge zehntausende von Fremdarbeitern, die in Lagern und KZs untergebracht sind. Viele von ihnen werden durch Unterernährung und Misshandlungen sterben. Während sich Stapelfeldt persönlich um die Zwangsarbeiter kümmert und energisch versucht, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, ist ähnliches von Kabelac nie bekannt geworden. Kabelac wird im Gegensatz zu Stapelfeldt erstaunlicherweise niemals inhaftiert, seine zügige Entnazifizierung sorgt allerdings für einen Eklat in der Kammer für Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus. Aber er bleibt Direktor des Vulkans, der Besitzer des Bremer Vulkans, der Baron Heinrich von Thyssen-Bornemisza lässt seinen tüchtigen Mann nicht fallen. Schließlich hat Thyssen ja auch dafür gesorgt, dass die Alliierten seinen Vulkan kaum bombardiert haben. Kabelac sitzt in zahllosen Aufsichtsräten und wird 1958 Präses der Handelskammer. Aber niemand wird sich dankbar an ihn erinnern, so wie sich Tausende von Verfolgten in ihren Lebenserinnerungen, in Briefen und Zeugenaussagen an Franz Stapelfeldt erinnert haben.

Im Gegensatz zu Robert Kabelac, der in kein Arbeitslager oder Gefängnis muß (wohin er nach Meinung des KPD Politikers Hermann Prüser als Kriegsverbrecher gehörte), wird Opas etwas jüngerer Kollege Hermann Koch in Platjenwerbe drei Jahre in Arbeits- und Straflagern verbringen. Hermann Koch war vor dem Krieg am Königlichen Lehrerseminar in Verden. Danach Soldat im Ersten Weltkrieg, vor Verdun verschüttet und verwundet, Heimatfront, wieder Verdun, Gasvergiftung. Dann zehn Jahre lang Lehrer in Hinnebek bei Stade. 1929 endlich eine Stelle als Schulleiter in Platjenwerbe an der gerade eingerichteten Volksschule. Er ist ein enthusiastischer Lehrer, organisiert Musikgruppen und den Männergesangverein Arion, lässt ein Dorfheim bauen. Er tritt 1937 in die NSDAP ein (und macht im gleichen Jahr einen Schulausflug zum Hermannsdenkmal). Er ist niemals in der SA gewesen. Er wird dank seines Organisationstalents 1940 Ortsgruppenleiter. Er kümmert sich rührend um alle Belange der Bewohner des kleinen Kaffs, der gute Mensch von Platjenwerbe und Ihlpohl.

1945 holen ihn die Amerikaner ab, sperren ihn zuerst ins Weserstadion, dann wird er nach Westertimke verlegt, wo auch Franz Stapelfeldt ist. Es folgt eine Odyssee durch ein halbes Dutzend Lager. Sandbostel, das General Horrocks befreit hat, ist auch dabei. Am Ende steht ein Entnazifizierungsbescheid, der ihm bescheinigt, dass er sich für das Allgemeinwohl und seine Mitmenschen eingesetzt hat, viel auf kulturellem Gebiet geleistet hat und dass er ohne jede Beschränkung wieder in seinem Beruf arbeiten dürfe. Hermann Koch ist neunzigjährig im Jahre 1986 gestorben, und er hat sich bis zu seinem Tod die Frage gestellt: Ist es nicht hohnsprechend für die verantwortlichen Stellen, dass man deswegen drei Jahre interniert, aus dem Beruf entlassen und dass die Familie auf die Straße gesetzt worden war? Eine Frage, die sich Robert Kabelac in der Weserstraße (den meine Familie nie gegrüßt hat), der Erbauer des Farger U-Boot Bunkers Valentin und Herr über zehntausende von Zwangsarbeitern, nie zu stellen brauchte.

Entnazifizierung kann auch ganz anders sein. Zu Henry Rasmussen von der Bootswerft Abeking & Rasmussen kommt eines Abends ein amerikanischer Oberst mit einem dicken Packen Papier, Fragebögen, Namenslisten. Henry Rasmussen macht eine Flasche Wein auf, und dann machen die beiden Herren die Entnazifizierung der Werftangehörigen nach Gutsherrenart. Henry Rasmussen ist aus Svendborg auf Fünen, ist aber schon seit der Jahrhundertwende in Deutschland. War auf dem Bremer Vulkan, bevor er sich mit seinem Kompagnon Georg Abeking 1907 selbständig gemacht hat. In sein Heimatland Dänemark ist er jeden Sommer gefahren, da fährt er jetzt nicht mehr hin. Zu Anfang des Krieges hatte er eine Bootswerft in seinem Heimatort gekauft, auf dem Gelände, auf dem einst seine Vorfahren Boote gebaut hatten. Zurück zu den Ursprüngen, da hat er Segelboote gebaut, nichts Militärisches. Ist bei Kriegsende zwangsenteignet worden, die Dänen halten ihn für einen Kollaborateur. Das hat große Bitterkeit bei ihm hinterlassen.

Es gibt auch einen Widerstand gegen das Dritte Reich, der komische Formen annimmt. Heinz Bömers ist der Besitzer des angesehenen Bremer Weinhauses Reidemeister und Ulrichs. Er hat vor dem Krieg mit vielen französischen Winzern zusammengearbeitet und ist mit vielen seiner Geschäftspartner befreundet, er besitzt eigene Weinberge im Bordelais. 1940 wird der Hauptmann der Reserve Importbeauftragter für den Weineinkauf in Bremen, sein ihm zugewiesenes Gebiet sind Bordeaux, die Bourgogne und der Midi, die wichtigsten Weingebiete von Frankreich. Sein Auftrag als Reichsbeauftragter ist es, französischen Wein für Deutschland und die Wehrmacht zu kaufen. Im Gegensatz zu dem Reichsbeauftragten für Champagner, der in Frankreich den Haß aller Winzer auf sich zieht, denkt Bömers nicht daran, seine Geschäftspartner auszubeuten. Der Champagnerbeauftragte (der schnell den Spitznamen Champagner Führer bekommt) heißt Otto Klaebisch, er ist der Schwager des Außenministers Ribbentrop. Der war ja schon vorher im Sektgeschäft, hatte die Tochter von Otto Henkell geheiratet und vertrat die französischen Marken Mumm und Pommery. Ribbentrop wird in Nürnberg zum Tode verurteilt, sein Schwager (Mitbesitzer von Mathaeus Müller) steigt nach dem Krieg zur wichtigsten Persönlichkeit des deutschen Sekthandels auf. Aber der gute Ruf, wenn er den je hatte, ist dahin. 

Nicht bei Bömers. Der sorgt dafür, dass seine französischen Partner und Freunde genügend eigene Weine behalten können und liefert ungerührt minderwertige Qualitäten an die Wehrmacht. Als Göring einige Kisten Château Mouton-Rothschild bei ihm bestellt, besorgt sich Bömers Originaletiketten und lässt die fachmännisch auf Flaschen eines Durchschnittsweins kleben. Er will nicht, dass der von ihm verachtete Göring einen französischen Spitzenwein bekommt. Bömers hat auch nie im Traum daran gedacht, die großen jüdischen Weingüter wie Mouton-Rothschild oder Lafite-Rothschild zu arisieren. Als Bömers 1945 nach Bremen zurückkommt, ist sein Unternehmen von Bomben zerstört. Er fängt wieder von vorn an, mit selbstgebranntem Korn und Rübenschnaps, ist aber dank seiner französischen Freunde auch schnell wieder im Weinhandel. Er kauft einen ausgemusterten U-Boot Jäger (für irgendwas muß die Marine ja gut sein), der in den nächsten zehn Jahren Rotspon von Bordeaux nach Bremen transportiert.

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