Donnerstag, 7. Juni 2018

Publikumsbeschimpfung


Heute vor 52 Jahren wurde Peter Handkes Publikumsbeschimpfung unter der Regie von Claus Peymann Frankfurt am Main uraufgeführt:

Sie sind willkommen.
Dies ist eine Vorrede.
Sie werden hier nichts hören, was sie nicht schon gehört haben.
Sie werden hier nichts sehen, was sie nicht schon gesehen haben.
Sie werden hier nichts von dem sehen, was sie hier immer gesehen haben.
Sie werden hören, was sie sonst gesehen haben.
Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Sie werden kein Spiel sehen.
Hier wird nicht gespielt werden.
Sie werden ein Schauspiel ohne Bilder sehen.
Sie haben etwas erwartet.
Sie haben vielleicht etwas anderes erwartet.
Sie haben Gegenstände erwartet.
Sie haben eine Atmosphäre erwartet.
Sie haben eine andere Welt erwartet.
Sie sehen hier keine Gegenstände, die andere Gegenstände vortäuschen.
Sie sehen keinen Raum, der einen anderen vortäuscht.
Sie erleben keine Zeit, die eine andere Zeit bedeutet.
Diese Bühne stellt nichts dar.
Das Licht, das uns leuchtet, hat nichts zu bedeuten.

Das ist lange her. Es war der Beginn der Karriere von Peter Handke. Hat es das deutsche Thater verändert? Ich weiß es nicht, ich mag Handke sowieso nicht besonders. Ich habe ihn einmal auf der Bühne gesehen, es war ein schöner Abend im Kieler Schauspielhaus. Es gab nicht die Publikumsbeschimpfung, der junge Dichter las seine eigene Lyrik. Die bestand aus dem Aufsagen der Namen der Spieler Fußballmannschaft von 1. FC Nürnberg, dem Ablesen der Hitparade von Radio Tokio und ähnlichen Gedichten. Damit kann der Bürgerschreck Handke vielleicht pensionierte Lateinlehrer im Altersheim schrecken, aber hier am heutigen Abend waren zu 95 Prozent Studenten im Raum. Die auch noch viel witziger sind als Handke, die cat calls und Kommentare nehmen kein Ende. Normalerweise geht dieses Publikum in die Mitternachtsvorstellung von Eddie Constantine Filmen, um sie zu kommentieren. Die Kommentare in diesen Vorstellungen sind auf einem höheren Niveau als manche Vorlesungen an der Uni. An diesem Abend auch wieder, definitiv besser als Handke. Wer ist nun der Dichter? Der Bilderstürmer Handke oder der anonyme Zwischenrufer?

1969 wurde ein Peter Handke Reader veröffentlicht (dessen Texte der Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt entnommen waren), da fand sich alles wieder. Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968, der Vorspann zum Film Bonnie und Clyde etc. Handke wird vom deutschen Feuilleton geliebt, aber ein wirklicher Dichter ist er nicht. Wenn man witzige Lyrik lesen will, dann sollte man Uli Becker lesen, wenn man richtige Lyrik aus dieser Zeit lesen will, dann gibt es nur Rolf Dieter Brinkmann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen