Sonntag, 31. März 2019

Rendezvous


Der Mann von der Renault Werkstatt war wirklich so nett, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Einmal Inspektion mit Ölwechsel, sagte sie, als sie bei ihm auf den Hof gefahren war. Und TÜV, fügte sie hinzu. Vor dem TÜV fürchtete sie sich. Wegen der Bodenbleche, die waren bei Renault nie eine Stärke. Der Händler kannte den roten Wagen, er hatte ihn damals als Sonderangebot verkauft, als er seinen Laden aufmachte. Er guckte sich den R4 ganz genau an, auch die Bodenbleche. Das wird noch halten, sagte er und bat sie in sein Büro, das im Gegensatz zum Hof erstaunlich aufgeräumt war. Sein Meisterbrief hing neben der Tür, daneben eine Urkunde der Firma Renault. Offenbar hatte er drei Jahre bei Renault in Billancourt gearbeitet. Wenn er nach Frankreich fahren müsste, würde er sie nicht als Übersetzerin brauchen. Während sie die gerahmte Urkunde las, war er an seinem Schreibtisch am Rechnen. Er brauchte dafür keinen Taschenrechner, er hatte die Preise im Kopf.

Kann man an dem Preis noch etwas machen? fragte sie. Nein, sagt er. Das ist schon ein Sonderpreis für Sie. Sagte er das zu jeder Kundin? Ich könnte Ihnen ein Radio einbauen, fügte er hinzu. Kostet nichts, nur den Einbau. Kommt aus einem Totalschaden, den die Versicherung abgeschrieben hat. Ein Radio, sie musste unwillkürlich lächeln. Die Sache mit dem Radio und Edith Piafs Non, je ne regrette rien, die würde sie wohl nicht vergessen. Sie bedankte sich für das Angebot, sie würde auf das Radio verzichten, sie sänge lieber im Auto. Da muss ich mal mit Ihnen mitfahren, sagte er. Flirtete er mit ihr, oder meinte er das ernst? Vielleicht später mal, sagte sie. Sie hielt ihn erst einmal auf Distanz, sie war unsicher geworden im Umgang mit Männern. Sie kam schon länger ohne sie aus. Wenn man auf niemanden wartet, tut die Einsamkeit nicht so weh.

Sie holte ihren R4 mit dem frischen TÜV Siegel am Dienstag der nächsten Woche in der Frühe wieder ab. Er hatte ihn sogar waschen lassen und das nicht auf die Rechnung gesetzt. Der Preis für das Ganze ging in Ordnung, sie zahlte sofort und lächelte ihn an. Wir könnten mal essen gehen, sagte er. Spargel und Schinken bei mir am Samstagtabend, sagte sie. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, das ging ihm zu schnell. Es war ihr, als hätte sie Fick mich gesagt. Sie hätte sich auf die Zunge beißen können. Hätte sie doch den Mund gehalten. Sollte es vorbei sein, bevor es angefangen hatte?

Was ist mit dem Fährkrug? fragte er. Der historische Fährkrug, das entspannte die Situation. Das war neutraler Boden. Sie war da zuletzt im vorigen Jahr zum Klassentreffen gewesen, Klassentreffen waren im Ort immer im Fährkrug. Sie war nach dem Klassentreffen sehr betrunken nach Hause gekommen, weil sie gemeinsam mit einer Freundin versucht hatte, sich den Kummer von der Seele zu saufen. Der Kummer, das waren die Männer, mit denen es nie klappte. Samstagabend? schlug er vor, sie sei natürlich sein Gast. Sie sagte Ja. Sie hatte den Rest der Woche Zeit, sich zu überlegen, was sie anziehen sollte. Sie war nicht der Typ für Jeans, auch an der Uni hatte sie selten welche getragen. In der Buchhandlung trug sie ein Kleid oder Rock und Bluse. Aber sie besaß einige Blue Jeans und eine mochte sie ganz besonders, weil die ihren Po so schön betonte.

Sie holte das alte Twinset aus dem Schrank, das sie schon vor Jahren in die Altkleidersammlung hatte geben wollen, aber es gefiel ihr noch immer. Die Uniform der Kleinstadtprinzessinnen, hatte der Typ, mit dem sie damals zusammenlebte, das Twinset genannt. Kommen aus guter Familie, sind hübsch und haben zu große Ansprüche an die Umwelt. Aber Twinsets trug damals jede junge Frau, manche auch mit einem Perlenkettchen. Die nächste Stufe in der Welt der Spießer wäre das Chanel Kostüm gewesen. Sie probierte das Twinset an, sie sah gut damit aus. Die Perlenkette, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, ließ sie in der Schatulle. Das war zu etepetete, man sollte das mit der Nostalgie auch nicht übertreiben.

Es war mit dem Typ damals zu ende gegangen, woran sie nicht ganz unschuldig war. Sie trauerte ihm immer noch nach. Er hatte ihr damals den R4 geschenkt, kurz danach trennten sie sich. Der R4 war ihr geblieben. Der Typ war dann weggezogen, hatte angeblich jetzt eine Blondine. Blondinen, das war doch das letzte. Sie hatte sich bisher nicht getraut, ihn anzurufen, obgleich er ihr seine Adresse und die neue Telephonnummer gegeben hatte. Was sollte sie sagen, wenn die Blondine dran war? Dass sie seine Ex wäre, und dass er verdammt gut im Bett gewesen sei?

Der Renault Händler hatte sie abholen wollen, aber sie sagte, das sei nicht nötig. Sie wohne eh nur um die Ecke. Sie kamen gleichzeitig im Fährkrug an und nahmen einen Tisch am Fenster. Er hatte sich feingemacht und trug zu den Jeans ein beige-gelbes Tweedjackett mit Fischgrätmuster. Wahrscheinlich in Paris gekauft, dachte sie. So etwas bekommt man hier nicht. Er roch gut. Nicht nach diesem furchtbaren Old Spice, das man jetzt an allen Männern roch. Nein, dies war etwas Herbes mit einem Hauch Lavendel, vielleicht aus England. Der Kellner fragte, ob er die Kerzen auf dem Tisch anzünden sollte, er hielt sie wohl für ein Liebespaar. Sie fand das mit den Kerzen ganz nett und sagte Ja. Vom Fluss und vom Hafen konnte man nicht viel sehen, der neue Besitzer hatte bei der Renovierung dickes Panzerglas in die Fenster einbauen lassen. Das Landesdenkmalamt war davon nicht begeistert gewesen, aber das letzte Hochwasser hatte einen Meter hoch im Speisesaal gestanden.

Sie wollte sich eine Zigarette anzünden, aber er war schneller und gab ihr Feuer mit seinem Feuerzeug. Es war nicht irgendein Feuerzeug, das sah sie sofort, es war ein silberfarbenes französisches Dupont. Hat mir die Firma Renault zum Abschied geschenkt, sagte er. Ist Edelstahl, Gold wäre nicht zu bezahlen. Er erzählte von seiner Zeit in Frankreich, er hatte in Billancourt interessante Leute kennengelernt. Einmal hätte er bei dem R4 von Yves Montand die Zündung eingestellt. In Frankreich waren Autos keine Statussymbole, viele Prominente fuhren als Zweitwagen einen R4 oder einen Döschewo. Sie erzählte ihm von ihren Frankreichreisen. Die Sache mit Lyon und Hendaye ließ sie unerwähnt, war besser so, die Geschichte war offenbar im Ort noch nicht rum. Je mehr sie sich erzählten, desto vertrauter wurden sie miteinander. Als hätten sie sich schon immer gekannt. Sie waren an den selben Orten gewesen, hatten die selben Filme gesehen, auf einem Johnny Hallyday Konzert hätten sie sich sogar treffen können. Wenn sie ihn jemals im Auto mitnehmen würde, würde sie ihm französische Chansons vorsingen. Also Dis, quand reviendras-tu? zum Beispiel und so etwas.

Während sie sich unterhielten, kam schon das Abendessen. Er hatte ihr die Speisekarte überreicht gehabt, als sie den Tisch wählten. Spargel und Schinken stand auch auf der Karte. Was wäre, wenn sie Spargel und Schinken bestellt hätte? Hätte er dann gelacht? Sie nahm die Bratkartoffeln mit Roastbeef und Gurke, da konnte der Koch nicht viel falsch machen, die nahm er dann auch. Sie hätte gerne ein Glas Wein getrunken, aber Wein und Bratkartoffeln, das ging nun gar nicht. Er riet ihr zu einem Tuborg, das sei nicht so herb wie das Beck's, das sie sich gerade bestellen wollte. Sie nahm das Tuborg. Sie tat jetzt alles, was er sagte. Seine ruhige Sicherheit in allen Dingen beeindruckte sie mehr und mehr.

Nach dem Essen bestand er darauf, sie nach Hause zu bringen, es würden sich in der Nacht seltsame Leute am Hafen herumtreiben. Es war ein kurzer Weg bis zu dem Altbau, in dem sie wohnte. Sie fürchtete sich jetzt ein wenig vor dem, was nun kommen würde. Sollte sie nur Gute Nacht sagen? Ihm einen Kuss auf die Wange geben? Ihn auf einen Kaffee hineinbitten? Oder zu mehr?

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