Dienstag, 22. Januar 2013

Élysée Vertrag


Im Frankreich des Spätsommers 1964 hört man in den kleinen Kaffs des Zentralmassivs keine Juliette Grèco. Was einem aus den Cafés entgegendudelt ist Tout les garçons et les filles de mon âge se proménent dans la rue deux à deux von Françoise Hardy, definitiv Musik für eine andere Generation als die der Juliette Grèco Verehrer. Ich kaufe trotzdem eine Platte. Die Verkäuferin sieht mich etwas skeptisch an. Ich spreche zwar Französisch, aber ich trage Uniform, eine Uniform, die sie nicht kennt. Ich bin der dritte aus unserer Familie in einem halben Jahrhundert, der in Uniform in Frankreich ist. Es ist ein seltsames Gefühl, vor wenigen Jahren noch deutsche Gräber in Nordfrankreich zu pflegen und jetzt als Soldat in Frankreich sein. Wir tragen nur Nato-Oliv, die graue Uniform mit Stiefeln, Koppel und Schirmmütze könnte zu sehr an die Besatzer des Zweiten Weltkriegs erinnern. Wir sind im Camp militaire de La Courtine im Massif Central. Die zerklüftete Landschaft war die Heimat der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Oradour ist nicht weit entfernt. Vor zwanzig Jahren haben die deutschen Besatzer das Lager verlassen, die Luftwaffe hatte dort eine Erdkampfschule. Hinter diesem seltsamen Begriff verbirgt sich ein Schulungzentrum für Fallschirmjäger, man träumte hier in Südfrankreich von der Invasion in England. Als die Deutschen weg waren, übernahm der Maquis das Lager.

Und jetzt kommen wir, eine ganze deutsche Brigade. Die ersten deutschen Soldaten nach den Zweiten Weltkrieg, der Élysée Vertrag von 1963 macht auch das möglich. Hier sind in diesem Jahrhundert schon viele Nationen gewesen. Eine russische Sonderbrigade hat hier nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches gemeutert, die französische Armee bereitete sich hier auf den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg vor. Die polnische Fallschirmjägerbrigade von General Wladislaw Anders wird hier darauf warten, Deutschland zu besetzen oder nach Polen zurückkehren zu können. In den letzten Jahren hatte man das Lager an die Holländer vermietet. Auch Engländer waren hier, die mit besoffenem Kopp die Kneipen des Ortes auseinander genommen haben. Was anderes können sie nirgendwo, ob Berufssoldaten oder hooligans.

De Gaulle war vor zwei Jahren hier, um persönlich ein Großmanöver der französischen Armee zu leiten. Wahrscheinlich fühlte er sich nach dem Attentat im August hier im Schoße seiner Armee sicherer. Von all dem erfahren wir nichts. Sagt uns auch keiner, dass dies hier Vichy-Frankreich war. Unsere Brigadeführung weiß das vielleicht auch nicht, wir sind geschichtslose Wesen. Glauben, dass das Schlagwort von der Inneren Führung ein großes demokratisches Wundpflaster für die Sünden der Vergangenheit ist. Unsere Vorbereitung besteht darin, dass ich den Soldaten Französischunterricht gebe, einfache Floskeln, damit sie Bonjour, Monsieur sagen können, sich ein Bier kaufen können. Sinnlos werden auf Befehl von oben die Dienstgrade der französischen Armee und der Marine (die im französischen Zentralmassiv nicht so häufig anzutreffen ist) gepaukt, obgleich wir kaum einen französischen Soldaten sehen werden. Die einfachen Soldaten erst recht nicht, sie dürfen die Kaserne nur am Wochenende in Begleitung eines Unteroffiziers verlassen. Nur Portepeeunteroffiziere und Offiziere dürfen jederzeit raus. 

Glücklicherweise bin ich gerade Fähnrich geworden. Ich darf das Offizierkasino des Lagers betreten, was ich in den ganzen Monaten nie tun werde. Ich streife lieber durch den Ort, unterhalte mich mit den Franzosen. Die beginnen uns zu lieben, alles im Ort bleibt heil, das sind sie nicht gewohnt. Ich esse mit Gerald beim Vietnamesen. Der heißt nur so, er ist Franzose, war Fallschirmjäger in Indochina, hat eine Vietnamesin geheiratet und ist in seinen Heimatort zurückgekehrt. Die Küche ist regional französisch, nur manchmal kocht Madame etwas Asiatisches. Gerald, Fähnrich wie ich, macht gerne Konversation und findet sich gerne geistvoll. Ist er auch manchmal. Ich schreibe auf einen Zettel Gerald hat Talent. Zwischen Hauptgericht und Fromage, um 20.17 am 29. November 1964. Da er den Zettel nicht haben wollte, habe ich ihn behalten. So weiß ich heute, dass wir am 29. November abends beim Vietnamesen waren. Der Patron setzt sich immer an unseren Tisch und erzählt von Dien Bien Phu. Jahre später werde ich im Fernsehen Peter Scholl-Latour ähnliche Geschichten erzählen hören. Ich denke an den Engel von Dien Bien Phu, den ich vor zehn Jahren in der flackernden Wochenschau im Kino gesehen habe. Der Patron hat sie erlebt, eine feine Frau, lieutenant im Sanitätscorps, eine Aristokratin, vicomtesse, aber kein bisschen eingebildet, wir haben von ihr geträumt. Die weiße Uniform, die sie in der Wochenschau trägt, war nach wenigen Tagen hin. Sie hat unsere Para-Uniform getragen.

Wir sind mit dem Zug gekommen, über Metz. Metz, Toul und Verdun: das waren für Opa noch heilige Namen. Wir rollen über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, was vielleicht keinem bewusst ist. Wir haben einen Übersetzer und Begleiter, einen rundlichen Polizisten mit kleinem Menjoubärtchen aus dem Elsass. Auf dem Ärmel seiner immer gebügelt aussehenden dunkelblauen Uniform hat er drei Winkel. Meine Soldaten fragen mich, warum die Polizei die gleichen Dienstgrade wie die Armee hat. Ich erkläre ihnen, dass die Gendamerie in Frankreich dem Verteidigungsministerium untersteht. Als ich mich in den Zuständigkeiten der verschiedenen französischen Polizeiorgane verheddere (die für Georges Simenon-Leser eigentlich klar sein müssten), hilft er mir lächelnd aus. Unser Kompaniechef, der ansonsten keinerlei Manieren hat, sagt unserem Elsässer, dass er selbstverständlich in der Ersten Klasse mitfährt. Die wäre eigentlich für einen sergent-chef tabu, aber es wird mit militärischer Notwendigkeit begründet. Die ist auch gegeben: Hauptmann Schlüter spricht kein Wort Französisch. Die dunkelblauen Erste Klasse Waggons der SNCF stammen noch aus der Zeit von Agatha Christies Orientexpress, es gibt etwas heruntergekommene, aber ungeheuer bequeme Plüschohrensessel in den Abteils. Eine ganze Panzergrenadierbrigade mit Panzern und Ausrüstung durch Frankreich zu bringen, ist es eine logistische Herausforderung für die SNCF, wir bewegen uns tagelang langsam auf Nebenstrecken und sehen viel von Frankreich.

Es wird auch lange Aufenthalte in Kleinstädten und Dörfern geben, wir können den Zug verlassen, um uns die Beine zu vertreten, etwas essen und trinken. Die Mannschaften werden davor gewarnt, Pernod oder Ricard pur zu trinken, wenn du da abends beim Zähneputzen 'nen Schluck Wasser trinkst, biste besoffen. Es ist September, immer noch Hochsommer. Und das Wetter wird unglaublicherweise bis in den November hinein so bleiben, ein ewig scheinender Indian Summer. Mein Kompaniechef ist der Sohn eines Oberförsters (habe sieben Jahre im Wald gelebt), ihn interessieren nur Flora und Fauna. Für Architektur, Kultur, Geschichte oder sublime and beautiful ist er blind und taub. Wir haben uns nicht viel zu sagen für den Rest des Jahres. Am 1. Januar werde ich diese Kompanie verlassen (das weiß ich jetzt schon), dann werde ich zum Leutnant befördert (weiß ich auch schon, die neue Uniform ist schon bestellt) und wieder zu meiner ursprünglichen Kompanie zurückkehren.

Hinter Clermont-Ferrand haben wir einen langen Aufenthalt, der Zug wird mehrfach geteilt, Spezialloks werden uns ins Gebirge ziehen. Unser Sergeant pfeift Malbrouck s’en va-t-en guerre, ne sait quand reviendra. Pfeift er nur ein jahrhundertealtes Kinderlied oder ist es ein ironischer Kommentar auf unser Treiben? Wenn wir ins Gebirge kommen, können wir jetzt schon den ersten Schnee sehen, auf der Spitze des Puy de Dôme, den nächsten werden wir Anfang Dezember sehen. Dann bedeckt er das Plateau de Millevaches einen Meter hoch. Wir haben eine spezielle Winterausrüstung mitbekommen, die in keiner Dienstvorschrift der Truppe verzeichnet ist. Wahrscheinlich ist die schon für den nächsten Russlandfeldzug eingelagert. Glücklicherweise brauchen wir sie nicht. So schön die Landschaft im Spätsommer ist, im Winter möchte ich hier nicht sein. Wie muss sich Hölderlin gefühlt haben, wenn er sich Anfang Januar 1802 durch das Gebirge schleppt, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauen Bette.

Militärisch gesehen ist das beinahe 7.000 Hektar große Militärcamp, das 4.000 Soldaten aufnehmen kann, natürlich ein Traum, zumal man von den Bergen mit Panzern und Schützenpanzern auf viel größere Entfernungen schießen kann, als das jemals in Munster Lager oder Bergen-Hohne möglich ist. Das ist aber auch das einzige, was man auf der Plusseite verbuchen kann. Die Unterkünfte sind offensichtlich im gleichen Zustand wie vor einem halben Jahrhundert, dreckig und verwahrlost. Vielleicht eine Spur besser als bei Hölderlin. Man ist erstaunt, dass es elektrisches Licht gibt. Aber wir sind die Infanterie, wir schlafen normalerweise im Wald, wir sind schon froh, wenn es ein Dach über dem Kopf gibt. Ich teile mein Zimmer mit drei Feldwebeln, als ich meine Aktentasche aufs Bett werfe, huschen unten die Mäuse heraus. Ich greife mir einen Soldaten meines Zuges, während ich zu einer Dienstbesprechung haste, und befehle ihm, das Zimmer mäusefrei zu machen. Als ich nach anderthalb Stunden wiederkomme, liegen acht tote Mäuse vor der Zimmertür, sorgfältig in Reih und Glied, die Schwänze parallel ausgerichtet. Der brave Soldat Schwejk hätte es nicht besser machen können. 

Die Lebensbedingungen für den einfachen Soldaten sind schlecht, er darf das Lager nicht verlassen. Gut, es gibt am Wochenende Filme zu sehen (an deren Auswahl ich nicht unmaßgeblich beteiligt war), und es gibt einmal in zwei Monaten eine Sightseeing-Bustour. Aber das ist auch alles. Die große Chance des Kontaktes mit der Bevölkerung zu einer Aussöhnung gerade in dieser Region wird vertan. Ich ecke höheren Ortes mit Vorschlägen an, die auf einen besseren Kontakt mit der Bevölkerung zielen, und ich habe dabei Ailly-sur-Somme vor Augen. Die Idee, eine Delegation mit einem Kranz zu einer Ehrung der von der SS ermordeten Opfer in Oradour zu entsenden, wird sofort vom Tisch gewischt. Wie stellen Sie sich das vor? Die haben doch hier schon unserem Vorkommando die Scheiben der Jeeps eingeschmissen. Und das mit dem Besuch des Teppichmuseums in Aubusson hätte ich auch besser nicht erwähnen sollen. Ich bin kurz davor, den kleinen gelben Zettel vorzulesen, den mir gerade jemand mit einem Kreuz auf den Schulterstücken  zugesteckt hat: Jesus, Heiland der Welt, erbarme Dich meiner! Wir beten Dich an! Schenke der Welt Frieden. Hat einen Stempel drauf Aumonerie Militaire Catholique. Die Katholiken habe es drauf, einen evangelischen Pastor werde ich in der ganzen Zeit nicht sehen. Bin auch am Sonntag zu keinem Gottesdienst, da ich am Wochenende immer UvD oder OvD (Fähnriche kriegt man zu beiden Tätigkeiten dran) bin. Ist die permanente Strafe für die vielen kleinen Frechheiten, die ich mir erlaube. Ich kontrolliere dann immer die feuerpolizeiliche Sicherheit des Saales, in dem die Filme gezeigt werden. Die Tätigkeit als Unteroffizier (oder Offizier) vom Dienst ist nicht immer von Nachteil. An einem Sonntag verpasse ich das Festtagsmenu, lapin au vin. Der Koch brät mir ein paar Spiegeleier und  schiebt mir eine Stange Brot rüber. Am nächsten Tag bin ich der einzige, der nicht mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett liegt.

Wenn Dienstschluss ist (man weiß nie, wann der ist), kann ich aus dem Lager heraus, man kann sich auch mal unter einem Vorwand einen Fahrbefehl für die kleineren Städte der Umgebung wie Meymac und Ussel besorgen. Gut, da ist auch nichts los, aber es sind immerhin Provinzstädte. Es gibt keine Mädchen in meinem Alter auf den Straßen, die werden offensichtlich in dieser Gegend von den Eltern bewacht und reingeholt, wenn Fremde kommen. Aber die Konditoreien servieren göttliche Eclairs. Und aus den Cafés dudelt die Musik von Françoise mit den langen blonden Haaren. Und dann ist da diese atemberaubende Landschaft des Spätsommers mit dem Laub der Bäume in allen Farben.

Der einzige Herrenabend der Offiziere meines Bataillons in einem Hotel in Aurillac verläuft sehr seltsam. Wir tragen die graue Uniform, aber ohne Knobelbecher und Schirmmützen, das Hotel hat eine heruntergekommene Eleganz der dreißiger Jahre und hat wahrscheinlich schon einmal deutsche Offiziere gesehen. Nach der Suppe werden kleine Wachtelbrüstchen serviert. Die älteren Berufsoffiziere, die der Meinung sind, dass dies der Hauptgang ist, stürzen sich verzweifelt auf die Körbe mit dem Brot und beginnen, dies zu vertilgen. Ich bin neben Volker und Gerald der einzige, der Frankreichkenntnisse hat. Als ich auf der Heeresoffiziersschule war, wurden Französischkenntnisse abgeprüft. Bei diesen Soldaten der ersten Stunde hat man da wohl eine Ausnahme gemacht. Ich versuche, den Hauptleuten neben mir (man soll ja das Gesicht wahren) flüsternd beizubringen, dass im Laufe des Abends noch mindestens drei bis vier Gänge serviert werden. Volker, der schon Leutnant ist, will sich totlachen. Es gibt noch vier Gänge, die meisten Offiziere können nichts mehr essen, da sie nach den Wachtelbrüstchen ganze Brote vertilgt haben, that’s the army for you. Statt monatelang französische Militärdienstgrade zu pauken, hätte man ja mal über die französische Lebensart reden können. Aber in einer Brigade, die von einem General wie Uechtritz befehligt wird, ist das wohl nicht möglich.

Den Mannschaften bleibt nichts anderes übrig, als sich zu betrinken, Skat mit pornographischen Karten zu spielen (ein Verkaufschlager in einem Dorf, das vom Truppenübungsplatz lebt) und kleinere Fluchten zu begehen. Ich werde nachts aus dem Bett geholt (es gibt hier immerhin schon Telephon), damit ich eine halbe Stunde den Berg runter durch den Wald zum Eingang des Lagers latschen kann, um einen fahnenflüchtigen Obergefreiten aus Wanne-Eickel aus der Hand (genauer: den Handschellen) der Feldjäger in Empfang zu nehmen. Den ganzen Rückweg den Berg hinauf erzählt er mir von den tollen Nutten in Clermont-Ferrand. Auch eine Form der Völkerverständigung. Eine Woche später ballert er beim Schießen auf der Schießbahn Font Rouge (901 Meter hoch) sinnlos hundert Schuss 20-mm Munition durch die Täler. Ich kloppe ihm den Stock des roten Fähnchens für den Abbruch des Schießens auf den Stahlhelm und frage ihn, ob er total bescheuert sei. Mit einem glücklichen Grinsen kommt er aus dem Geschützturm des HS-30. Herr Fähnrich, die Bundesrepublik und ich sind jetzt wieder quitt. Ich sehe ihn verständnislos an. Ja, Sie müssen das mal so sehen. Ich musste 300 Mark Strafe zahlen, Truppendienstgericht. Was ich für die Nutten bezahlt habe, rechne ich nicht mit, das war privat. Aber ich wollte die 300 Mark vom Staat wieder haben, deshalb habe ich eben die hundert Schuss verballert. Wir sind jetzt quitt. Es gibt eine höhere Logik, der man sich in solchen Situationen nicht widersetzen kann. Wir leben von unserem Zusammenhalt als Kampftruppe und davon, dass wir schon Jahre zusammen in Manövern gewesen sind. Diese Kameradschaft wird aufs äußerste gespannt, denn die Mannschaften stehen manchmal kurz vor dem Meutern. Die einzigen, die das nicht wahrhaben wollen, sind die Offiziere der Brigadeführung. Wahrscheinlich sind sie volltrunken vom französischen Cognac, den es zu Dumpingpreisen im Offiziercasino gibt. Wir sind Zollausland.

Wir fahren durch die Gegend auf der Suche nach einer geeigneten Stelle, um unsere Panzer zu waschen, eine Panzerwaschanlage besitzt das Camp nicht. Wir finden ein Haus halb auf dem Berg, wo man uns auch bereitwillig einen Schlauch und eine Wasserleitung zur Verfügung stellt. Ich gehe die Straße hinunter, um ihm Café unten an der Kreuzung einen café au lait zu trinken. Nach einer halben Stunde kommt ein Obergefreiter, um mir zu sagen, ich könne gerne noch einen zweiten Kaffee trinken, es würde noch etwas dauern, technische Schwierigkeiten mit der Wasserleitung. Ich lese die gestrige Ausgabe von La Montagne und bestelle mir einen kleinen cassis. Als wir abrücken, sind unsere Panzer sauber. Ich empfehle den anderen Zugführern diesen Ort, werde aber nach Tagen etwas seltsam angeguckt. Ob ich denn nicht gemerkt hätte, dass dieses Haus das örtliche Bordell ist? Jetzt weiß ich es.

Unsere Abreise steht bevor. Draußen liegt ein Meter Schnee. Wir müssen die Eisenbahnwaggons freischippen, um unsere Panzer darauf zu kriegen. Die Unteroffiziere kaufen im Ort den ganzen Vorrat an pornographischen Skatkarten auf, die sie zurück in der Kaserne an ihre Freunde verticken werden. Unsere Panzer sind beladen mit Cognacflaschen, ich habe auch eine Flasche Cognac Napoléon für meine Eltern gekauft. Ich unterschreibe, ohne mit der Wimper zu zucken, Zollerklärungen, wonach wir keine Schmuggelware an Bord haben. Unser kleiner sergent-chef ist auch wieder da, gut gelaunt wie immer. Die Truppenführung ist zufrieden, es hat keine Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung gegeben, keine Schießunfälle, die Feldjäger haben alle Entlaufenen zurückgebracht. Dass eine einmalige Chance des Kennenlernens zweier Nationen vertan wurde, interessiert sie nicht.

Heute vor fünfzig Jahren wurde im Élysée Palast der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit besiegelt. Die militärische Zusammenarbeit steht in ihm noch vor der kulturellen Zusammenarbeit. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

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