Sonntag, 6. Januar 2013

Albrecht Roth


Heute vor 256 Jahren wurde Albrecht Roth geboren. Den kennen Sie nicht? Wo ich herkomme, kennt man ihn, weil er zwar in Dötlingen bei Wildeshausen geboren wurde, aber 1779 nach Vegesack übersiedelte. Und natürlich gibt es da heute auch eine Albrecht Roth Straße. Bremen hat um 1800 einen Reichtum an Botanikern und Zoologen, wie ihn keine andere Stadt vorzeigen kann: Ludolf Treviranus, Albrecht Poppe Franz Carl Mertens, Franz Buchenau, Philipp Cornelius Heineken und Gustav Focke. Wenn man dann noch die Astronomen ➱Olbers und Bessel dazu nimmt, hätte man leicht eine Universität gründen können. 

Dr. Albrecht Wilhelm Roth ist einer der gebildetsten Männer meines Heimatortes gewesen, sein Briefwechsel mit Goethe liegt im Heimatmuseum. Er hat das erste Buch über die gesamte Flora und Botanik Deutschlands geschrieben (Tentamen Florae Germanicae) und wird mehrere Rufe an deutsche Universitäten ausschlagen (Goethe hatte ihn für den Lehrstuhl in Jena empfohlen). Er hat auch 1782 den Sonnentau entdeckt, den Herr Blume, unser Klassenlehrer in der Volksschule, jedes Jahr zur Begeisterung eines neuen Schülerjahrgangs draußen in dem kleinen Moor in Eggestedt mit einer Fliege füttert. So etwas bleibt unvergessen. Damals gab es noch kein Fernsehen, keine Computer und diesen ganzen Schnickschnack, da war es schon ein richtiges Ereignis, wenn der Sonnentau mit einer Fliege gefüttert wird.

Der Park, den Albrecht Roth anlegen wird, enthält die seltensten Bäume. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Das Land ist nichts wert, ein ödes Sandgebiet. Wahrscheinlich glaubt George III, dieser junge Dr. Roth wolle einen ➱Landschaftsgarten anlegen, wie er jetzt in England Mode ist. Roth wird noch Land dazu kaufen, bis ihm das ganze Unterland der heutigen Weserstraße gehört. Nach seinem Tod werden Teile des Parks an zwei Bremer Kaufleute verkauft, an den Weinhändler Finke und den Senator Fricke. Die dort natürlich Villen errichten. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schreibt 1841 ein junger Mann, der in Bremen im Hause des Großhandelskaufmanns Heinrich Leupold seine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Vier Jahre später wird er nicht mehr im Morgenblatt für gebildete Leser über die Dampferfahrt auf der Weser von Bremen nach Bremerhaven schreiben, da schreibt er Die Lage der arbeitenden Klasse in England: Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen.

Den Park von Albrecht Roth kennt auch ein junger Schriftsteller namens ➱Klaus Groth aus Kiel sehr gut. Er ist da beinahe jeden Sommer gewesen, obgleich er seine angeheiratete puckelige Bremer Verwandtschaft nicht geliebt hat. Denn der junge Dichter hatte eine Frau aus einer reichen Bremer Familie geheiratet. Albert Dietrich Finke, der Vater von Doris Groth, war Weinhändler. Mit Weinen aus Bordeaux (wo Finke eine eigene Dependance hatte) kann man im 19. Jahrhundert in den Hansestädten gute Geschäfte machen. Und wenn man in Bremen reich ist, dann kauft man sich einen Landsitz in Vegesack auf der Geestkante, wo die Villen der Aristokraten liegenderen Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Dort auf dem Finkenhof (der in der Familie Finke auch manchmal Kio heißt) wird Klaus Groth so manchen Sommerurlaub verbringen.

Den Finkenhof gibt es heute nicht mehr. Auch die Nachkommen von Senator Fricke haben ihre Villa, die neben dem Finkenhof lag, abreißen lassen und durch einen scheußlichen Gründerzeitbau ersetzen lassen. In dem ist heute das Ortsamt Vegesack. Früher war da noch (da, wo das linke Fenster ist) die Tanzschule von Nico Arff. Das war sehr praktisch. Wenn die Tanzstunde zu Ende war, konnte man gleich draußen im dunklen Park knutschen. Da war man dem Dr. Roth schon dankbar, dass er diesen schönen Park angelegt hatte.

Das Gelände, das Dr. Albrecht Roth vom englischen König geschenkt bekommen hatte, ist heute ein öffentlicher Park. Mit fremdländischen Bäumen wie Libanonzeder, Perückenbaum (Catalpa bignonioides), Trompetenbaum, Mammutbaum und Sumpfzypresse, die Roth vor zweihundert Jahren angepflanzt hat. Vegesacker Seefahrer haben ihm Setzlinge aus aller Welt mitgebracht. Der Gärtner Hill vom Stadtgarten, der auch manchmal meiner Mutter den Garten machte, soll mal gesagt haben, dass wenn man hier Ausländer raus! ruft, alle Bäume des Stadtgartens verschwunden sind. Das ist ja ganz witzig, aber ich glaube nicht, dass Herbert Hill das gesagt hat. Das ist ihm bestimmt von den Machern des schnell zusammengeschusterten Bandes Der Stadtgarten in Vegesack in den Mund gelegt worden.

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