Sonntag, 6. Oktober 2019

exis


Exi war damals beinahe jeder, man brauchte dafür einen schwarzen Rollkragenpullover und ein graues Tweedjackett. Graue Tweedjacketts (möglichst mit einem Harris Tweed Label) waren in den fünfziger Jahren eine große Sache. Man trug sie in Deutschland vorzugsweise mit einem weißen Hemd. Engländer wären nie auf diese Idee gekommen. Sah am Durchschnittsdeutschen auch nicht so elegant so wie hier an Gabriele Ferzetti in Antonionis Film L'avventura.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche (wie ihn hier Hubertus Hierl photographierte) oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen (für die sogar Sartre ein Chanson schrieb), was ich selbstverständlich tat. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Und non, je ne regrette rien.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die 'Frisur einer Ertrunkenen', wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem 'völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum', schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit.

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclubs lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

Was wir nicht wussten, war die Tatsache, dass die großen Existentialisten, selbst wenn sie Bars und Nachtclubs frequentierten, nicht so aussahen wie wir in unserem Exi Outfit, die waren sehr bürgerlich ordentlich gekleidet. Wir legten diese Kleidung auch bald wieder ab und wurden dann Mods, wie sie Engländer diese Jugendkultur nannten. Als ich 1962 Juliette Gréco in Berlin hörte, hatte ich meinen guten blauen englischen Anzug von Charlie Hespen an.

Die Photos, die Henri Cartier-Bresson von Camus oder Sartre gemacht hatte, haben schnell einen ikonischen Charakter bekommen. Philosophen wurden damals in Frankreich inszeniert wie Filmstars. Oder wie die beiden neuen Herrscher am Modehimmel. Christian Dior und Jacques Fath. Und auch der französische Film war häufig nichts anderes als existentialistische Philosophie auf Zelluloid. Wenn Jean Paul Belmondo in A bout de souffle sagt: Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig, dann ist das nahe dran am Existentialismus.

Camus war einer der Helden meiner Jugend, ich wollte so cool sein wie er auf dem Photo von Cartier-Bresson. Camus hatte immer gute Photographen. Er gefiel mir auch, weil er immer gut gekleidet war und Stil hatte, einer seiner Mitschüler hat sich erinnert, dass er schon als Jugendlicher graue Flanellanzüge zum Unterricht trug.

Wenn er mit einundzwanzig heiratet, wird ihm seine reiche Schwiegermutter die eleganten Anzüge bezahlen. Camus sah, selbst wenn er sich als Bohemien gab, nicht so heruntergekommen auf den Bildern aus wie Heidegger, der auf seinen Holzwegen immer wie ein Waldschrat aussah. Olivier Todd hat Camus in seiner faktenreichen 920-seitigen Biographie als einen Dandy, Elegant und Frauenhelden beschrieben - der Philosoph des Absurden als Don Juan. Das konnte ich damals nicht wissen. Als ich damals Camus las, verstand ich auch mehr von Camus als von den Frauen.

Wenn man die französische Szene des Rive Gauche auch leicht in ihrem Habitus nachahmen konnte, wenn es auch leicht war, einen schwarzen Rolli zu einem zerlumpten Tweedjackett zu tragen, all diese Äußerlichkeiten waren nicht das, was uns als kleine Exis damals wirklich antrieb. In Paris gewesen zu sein, half viel auf dem Weg zum Existentialismus. Die Gedichte von Jacques Prévert (hier von Robert Doisneau photographiert) im Original zu lesen, das war das eine (ich konnte alle seine Chansons, die Juliette gesungen hatte, auswendig). Camus zu lesen, das war das andere. Er gab einem Sätze, über die man nachdenken konnte. Wie kläglich war der Philosophieunterricht der Oberstufe gegen sein Werk. Ich las Camus, obgleich ich vieles nicht verstand. Oder falsch verstand. Aber wenn man achtzehn ist, versteht man schon vieles richtig, selbst wenn man es nicht versteht. Man kann nicht richtig leben, wenn das Leben keinen Sinn hat.

Das alles, was ich bisher hier geschrieben habe, stand schon in der ein oder anderen Form in meinem Blog, aber wenn ich heute noch einmal das Paris der Nachkriegszeit heraufbeschwöre und dazu ein paar CDs der Sammlung Jazz in Paris von Gitanes höre, dann liegt das an diesem Buch hier. Das hat mir der Yogi gerade aus Amerika geschickt, er hatte es vom Autor geschenkt bekommen. Mit Widmung, jetzt ist es meins. Ich habe gleich begonnen, es zu lesen, weil es ein Lesevergnügen ist. Das im letzten Jahr bei Harper Collins erschienene Buch hat auch sehr gute Kritiken erhalten, und das zu Recht.

Der Autor Gordon Marino hat auch Kierkegaard in the Present Age und The Quotable Kierkegaard veröffentlicht und ist Mitherausgeber des Cambridge Companion to Kierkegaard. Ein Kierkegaard Spezialist also, dem man nicht ansieht, dass er auch etwas ganz anderes kann. Er war nämlich einmal Boxer und ist heute noch Boxtrainer. Philosophen werden ja nicht unbedingt mit dem Sport assoziiert, obgleich wir natürlich Thomas Hobbes erwähnen müssen, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Als Sartre noch am Gymnasium unterrichtete, brachte er seinen Schülern das Boxen bei, das er selbst während seines Studiums erlernt hatte. Ob Heidegger wirklich gesagt hat: Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch, weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass Albert Camus in seiner Jugend Torwart bei Racing Universitaire d’Alger war. Er hat über diese Zeit gesagt: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Gordon Marino ist auch Direktor der Kierkegaard Bibliothek des St Olaf College in Northfield (Minnesota), und dass die kleine Universität die vielleicht beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt, verdankt sie diesem Herrn hier. Er heißt Howard Hong und hat keinen Wikipedia Artikel, die Bibliothek, die er aufgebaut hat, hat allerdings einen Artikel. Dieses Internet Lexikon weiß auch nicht, was es tut. Wir nehmen einmal für die Beschreibung seines Lebens diesen Nachruf aus der Star Tribune.

Die Bibliothek, die heute seinen und Kierkegaards Namen trägt, aufzubauen, wäre schon Grund genug dafür, dass es einen Howard Hong Artikel geben müsste. Doch es gibt noch viel mehr. Hong hat zusammen mit seiner Ehefrau den ganzen Kierkegaard ins Englische übersetzt, sieben Bände der Journals and Papers (Indiana University Press) und 26 Bände von Kierkegaards Werk (Princeton University Press). Für den ersten Band bekamen Edna und Howard Hong den National Book Award. Viele Ehrungen wie der Dannebrog Orden und ein Ehrendoktorat in Theologie der Universität von Kopenhagen für Howard Hong sollten folgen.

Kierkegaard habe ich für mich selbst entdeckt, das können Sie meiner Leseliste für das Jahr 1962 entnehmen. In meinem Philosophiestudium kamen Kierkegaard und Camus niemals vor. In den deutschen Universitäten der 68er Jahre wurden nur zweitklassige Denker wie Marx und Hegel angeboten. Hätte ich nicht den Vortrag von Gabriel Marcel gehört, hätte es in diesem Studium überhaupt kein Highlight gegeben.

Als ich zehn Jahre später der Philosophiedozentin, die hier lieber namenlos bleiben soll, Sören Kierkegaard als Prüfungsthema für die Doktorprüfung vorschlug, lehnte sie das Thema glatt ab. Das sei kein Philosoph, sagte sie. Da wußte ich, dass ich den Namen Arthur Schopenhauer jetzt gar nicht erst ins Spiel zu bringen brauchte. Sie schlug mir Hegel vor, ich dachte nur: Igitt. Wenn Sie den Post Hegel in diesem Blog lesen, wissen Sie weshalb. Und da habe ich noch nicht einmal Jürgen Kuczynskis schönen Satz von Hegels grausam verklausulierten Ausführungen zitiert. Wir einigen uns auf das Thema des Staatsvertrags bei Hobbes, Locke, Rousseau und Kant. Ist ein nettes Thema, concédé, ist aber eben kein Kierkegaard. Man braucht auch nicht Philosophie zu studieren, um Kierkegaard zu lesen. Denn er gehört, wie Schopenhauer (dessen Werk er erst kurz vor seinem Tod richtig entdeckte) zu den Philosophen, die man ohne Hilfe von anderen lesen kann. Jeder Leser wird ihn anders verstehen, aber es ist ein Vergnügen ihn zu lesen. Weil er ja eigentlich ein Dichter ist.

Und da ich bei Philosophen bin, die man lesen kann, ohne Philosophie studiert zu haben, komme ich noch einmal auf Gordon Marinos Buch zurück. Den Existentialist Survival Guide mit dem schönen Untertitel How to Live Authentically in an Inauthentic Age kann jeder Leser lesen, der lesen kann. Sapere aude! Das Buch ist kein self-help manual, ebenso wenig wie Claude Lelouchs Film Hommes, femmes: Mode d'emploi eine Gebrauchsanleitung für das Zusammenleben mit Frauen ist. Marinos Existentialist Survival Guide ist eine Einführung in die Geschichte des Existentialismus, der für englische Kritiker häufiger nichts als eine Mode, ein numinoser Daseinsschmerz, ist. Andrew Hussey formulierte das hübsch ironisch im GuardianFrench philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the second world war.

Das Internet ist voll von kleinen Filmchen, die in wenigen Minuten in ein philosophisches Thema einführen. Der von der BBC produzierte Film über Sartre, von Stephen Fry vorgelesen, hat mir sehr gefallen. Über eine Introduction to Kierkegaard bei YouTube schreibt ein Zuschauer: I so wish I had read some of Kierkegaard's works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. Das ist ein Satz, den auch die Leser von Marinos Buch sagen können. Der Autor, der immer als Mensch mit allen Fehlern greifbar ist, nimmt den Leser gleichsam an die Hand und ist ihm ein Wegführer durch die Wildnis der Gedanken.

By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions, hat Edward F. Mooney im Los Angeles Review of Books geschrieben.

Es ist schön, wenn Philosophen über ihre Kollegen solche Dinge sagen. Und nicht etwas schreiben wie: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das hätte ich damals gerne der Philosophiedozentin gesagt, aber ich wollte das Rigorosum ja noch bestehen. Der Satz ist übrigens von Arthur Schopenhauer.

Lesen Sie auch: Kierkegaard, Blauer Dunst und Albert Camus. Und wenn Sie wissen wollen, was Philosophie wirklich bedeutet, dann klicken Sie dies Video von Monty Python an, der Gruppe, die gestern ihren fünfzigsten Geburtstag feiern konnte.

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