Montag, 2. April 2018

souvenirs et regrets


1962 in Berlin kratze ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um eine Karte für das erste Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hat Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt werden. Unglücklicherweise sitze ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der ist ein Sitzriese, und ich versuche das ganze Konzert an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne singt. Die Eintrittskarte bewahre ich wie eine Reliquie auf. Das stand hier schon einmal in dem Post ↝Französisch, und wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Aus dem Post ↝Jacques Prévert zitiere ich auch mal eben einen Absatz: Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts und ↝Camus unterm Arm. Nur noch Juliette Gréco hören und ↝französische Filme gucken. Und nebenbei angefangen Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, zuletzt in ↝Liaisons Dangereuses. Aber es ist ja wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch im Schreibtisch. Nur die Frauen, denen man Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Dieses les souvenirs et les regrets aussi findet sich in Préverts berühmten Chanson ↝ Les feuilles mortes (vertont von Joseph Kosma). Es wird schon in den Posts ↝ Lastkraftwagen und ↝ Jean-Louis Trintignant zitiert. Und in dem Post Fernandel, weil Fernandel und Leo Malet einmal in demselben deutschen KZ waren. Dort hat man Leo Malet seine Schuhe weggenommen: An den Füßen trug ich wunderschöne Wildlederschuhe in Herbstblattfarbe, eine unglaubliche Farbe, die ich später nie wieder fand. Jacques Prévert hatte sie mir geschenkt, als er eines Tages seine Garderobe sortierte. Herbstblattfarben! Jacques Prévert. Dieser Anzug und Préverts Schuhe landeten mit mir im Stalag. Dort nahm man sie mir ab... Wenn jemand Les feuilles mortes schreibt, müssen die ↝Wildlederschuhe natürlich die Farbe herbstblattfarben haben.

Serge Gainsbourg, der heute vor neunzig Jahren geboren wurde, hat sich Jacques Préverts berühmtes Chanson genommen und es ein wenig umgeschrieben, ↝La chanson de Prévert heißt es bei ihm. Er hat Prévert zuvor gefragt, ob er Zitate aus Les feuilles mortes verwenden dürfe. Und dann ist es eine Hommage an Prévert und das französische Chanson geworden. Und alle haben es gesungen, ↝ Gainsbourg natürlich auch:

Oh, je voudrais tant que tu te souviennes
Cette chanson était la tienne
C'était ta préférée, je crois
Qu'elle est de Prévert et Kosma

Et chaque fois les feuilles mortes
Te rappellent à mon souvenir
Jour après jour les amours mortes
N'en finissent pas de mourir

Avec d'autres bien sûr, je m'abandonne
Mais leur chanson est monotone
Et peu à peu je m'indiffère
À cela il n'est rien à faire

Car chaque fois, les feuilles mortes
Te rappellent à mon souvenir
Jour après jour les amours mortes
N'en finissent pas de mourir

Peut-on jamais savoir par où commence
Et quand fini l'indifférence?
Passe l'automne, vienne l'hiver
Et que la chanson de Prévert

Cette chanson, Les Feuilles Mortes
S'efface de mon souvenir
Et ce jour là, mes amours mortes
En auront fini de mourir

Et ce jour là, mes amours mortes
En auront fini de mourir

↝ Juliette Gréco hat es auch gesungen, und ich habe ↝ hier eine Version mit Bildern von allen Pariser Friedhöfen. Und ↝hier eine Version mit schönen Bildern.

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