Sonntag, 29. April 2018

Isaac von Sinclair


Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er hat als Diplomat im Dienste seines Landesherrn von Hessen-Homburg beim Wiener Kongress alles erreicht, was man erreichen konnte. Jetzt will er am Feldzug gegen Napoleon teilnehmen, doch dazu kommt es nicht. Isaac von Sinclair stirbt an einem Schlaganfall (es ist nicht der erste, den er erleidet) unter merkwürdigen Umständen: Am 29. April 1815 gegen 8 Uhr abends kam ein unbekannter Herr in die Wohnung des Schneidermeisters Wanka, Stadt, Spiegelgasse Nr. 1168, jetzt Nr. 8 neu, erklärte alsobald sich unwohl zu befinden und verfiel plötzlich in eine Starrsucht, welche drei Stunden anhielt und sohin den Tod zur Folge hatte, ohne daß der Verstorbene seit dem Betreten der Wohnung auch nur einen Augenblick zur wahrnehmbaren Besinnung gekommen wäre.

So kann man es bei Volker Schupp in ↝Sinclair in Wien nachlesen. Varnhagen von Ense, der Hardenberg auf dem Kongress begleitete, verbreitet das Gerücht, Sinclair sei in einem Bordell gestorben. Es gibt da allerdings noch eine andere Version der Geschichte: Sinclair sey nicht in einem Bordell gestorben; er habe eine Maitresse gehabt, die in einem der ersten Gasthöfe Wiens, ohnfern dem 'Stock am Eisen', ihre Wohnung hatte. An einem Abend, wo er ihr wieder seinen Besuch abstatten wollte, überfiel ihn in deren Zimmer [eingefügt: oder Bette?] ein tödtlicher Schlag. Jahrzehnte zuvor begeisterte sich Sinclair noch für die französische Revolution, jetzt ist er auf der anderen Seite. Hochmütig und herrisch soll er gewesen sein, manche versuchen das aus diesem Bild des französischen Miniaturmalers Favorin Lerebours herauszulesen. Man kann auch Melancholie und Traurigkeit in dem Blick des Edelmannes sehen, der sich als Jakobiner geriert. Und der in den Revolutionstagen einen jungen Dichter kennengelernt hat, über den er sagt: Für diese Legion von Bekannten, die ich verlor, habe ich aber die Zeit einen Herzensfreund instar omnium erhalten, den Magister Hölderlin. Er ist Jung und Leutwein in einer Person: seine Bildung beschämt mich, und gibt mir zur Nachahmung einen mächtigen Reiz; mit diesem strahlenden, liebenswürdigen Vorbild werde ich künftigen Sommer auf einem einsamen Gartenhaus zubringen.

Der Dichter beschreibt das Verhältnis als eins der Untertänigkeit:

Euch alten Freunde droben, unsterbliches
Gestirn, euch frag ich, Helden! woher es ist,
Daß ich so untertan ihm bin, und
So der Gewaltige sein mich nennet.

Sinclair mietet im April 1795 ein Gartenhäuschen in Jena für sich und seinen Freund, aber Hölderlin wird das zuviel, im Mai entflieht er der Idylle. Die Männerfreundschaft wird es noch in die Literatur schaffen. Hermann Hesse wird seinen Roman Demian. Die Geschichte einer Jugend unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichen. Isaac von Sinclair hatte hier vor einem Jahr mit ↝Dichterfreund schon einen Post. Damals gab es hier ein Gedicht von Hölderlin, das er mit Scardanelli signiert hatte (wie ich in meinem ersten ↝Post in der Blogosphere). Heute gibt es wieder eins von diesen späten Gedichten, signiert mit Untertänigkeit d. 24 Mai 1748. Scardanelli:

Der Frühling

Der Tag erwacht, und prächtig ist der Himmel,
Entschwunden ist von Sternen das Gewimmel,
Der Mensch empfindet sich, wie er betrachtet,
Der Anbeginn des Jahrs wird hoch geachtet.

Erhaben sind die Berge, wo die Ströme glänzen,
Die Blütenbäume sind, als wie mit Kränzen,
Das junge Jahr beginnt, als wie mit Festen,
Die Menschen bilden mit Höchsten sich und Besten.

War er wirklich so weit weg von der Welt, als er im Tübinger Turm lebte? Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eins draus, hat Robert Walser gesagt.


Noch mehr Hölderlin in den Posts: HölderlinDichterfreund, Herbstgedicht, Holterling, Michael Hamburger

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