Dienstag, 10. April 2018

das Jahr ohne Sommer


Sonntag und tropische Mittagshitze in der Südsee: »das weiße Meer ist eingeschlafen, und purpurn steht ein Segel drauf«. Und Kommodore LINDEMANN, vom holländischen Dampfer GOUVERNEUR=GENERAAL LOUDON, kann, wenn er gähnend das Doppelglas vor die Augen hebt, zumindest noch 2 Mastspitzen in der Ferne wahrnehmen; denn obwohl die Boote der eingeborenen Fischer längst auf den Strand gezogen wurden, und ihre Eigentümer Siesta halten, ist die Sunda=Straße – einer der Hauptverkehrswege unseres Globen – immer belebt.
     Und wieder die gleißende Stille jenes 26. August 1883.
Gegen 14 Uhr beginnt dumpfes Rollen im Nordosten, wie wenn schwerkalibrige Schiffsgeschütze übten – aber schon nach wenigen Augenblicken verzieht Kommodore Lindemann die Stirn :so schnell schösse Niemand, und wenns ein ganzes Geschwader wäre! Gleich darauf bildet sich am Horizont etwas, »Wolken vergleichbar«, das sich langsam höher schiebt; bis, gegen 17 Uhr, der ganze Himmel überzogen ist. Gleichzeitig vernimmt man ein knisterndes Geräusch in der Atmosphäre; die Kompaßnadel beginnt zu tanzen; es wird immer finsterer; und der Kommodore beschließt, solange das bißchen Sicht noch anhält, lieber linker Hand in die Bucht von Lampong einzulaufen, und dort vor Anker zu gehen.
     Denn der Himmel ist entsetzlich geworden! Erfüllt mit klumpigem Schwarz, aus dem in rasender Folge Blitze wimmeln:
     »Weiße Riesenschlangen auf tintigem Grund«, notiert einer der Offiziere.

Schon atmet man schwerer, denn feinster Staub erfüllt die Luft des zur Nacht gewordenen Tages; greifbar geht Geruch um: nach glühender Asche ; und wie Schwefelflammen.
     Dort im Südosten steigen »Feuerketten« in die Luft und ganze Katarakte weißglühender Bälle. Vorsichtshalber lotet man die Tiefe um das geängstete Schiff – die ist zwar noch konstant, und stimmt mit den Angaben der offiziellen Seekarte; aber als man das Bleilot, aus 200 Metern Tiefe, in die Hand nimmt, ist es so heiß, daß es den zuckenden Fingern entfällt!
     Und überall beginnen Szenen, wie wir sie atemloser und makabrer nicht aus Coleridge’s ‹Ancient Mariner› kennen: Masten, Rahen und Aufbauten wimmeln plötzlich von St.Elms=Feuern, unruhigen, zuckenden. Und die farbige Besatzung verliert alle Fassung: sie huschen, braun und zartgliedrig, umher, von einem der blaßblauen Flämmchen zum anderen, und schlagen sie mit den Händen aus; die eingeborenen Heizer verlassen ihre Kesselfeuer und helfen bei dem Geschäft, die schwefligen Kleindämonen zu ersticken.

So beginnt ↝Arno Schmidts Prosastück ↝Krakatau, überschrieben mit die größte aller historisch bekannten Naturkatastrofen. War es wirklich die größte? Vulkanologen können dem Arno nicht zustimmen, es gibt da noch eine größere Naturkatastrophe. Heute vor 203 Jahren hatte der am 5. April begonnene Vulkanausbruch des Tambora seinen Höhepunkt. Dieser Vulkanausbruch steht auf dem Vulkanexplosivitätsindex mit der Stärke 7, der Krakatau kommt nur auf 6. Es gibt vielleicht auf der Insel Sumbawa in Indonesien nicht so viele Tote wie beim Ausbruch des Krakatau, aber die Spätfolgen sind größer. 1816, 1817 und 1818 sind die Jahre ohne Sommer.

So etwas hatte man Jahrzehnte zuvor schon in kleinerem Ausmaß gehabt. Nämlich 1783, als es im Sommer nicht hell zu werden scheint, und ein nebliger Rauch über allem liegt. ↝Lichtenberg schiebt es auf die armen Kolonisten an der holländischen Grenze, die das Moor abbrennen. Das steht auf jeden Fall in dem Gutachten, das der Professor Lichtenberg erstellt. Auch ein anderer Gelehrter, Christoph Gottfried Bardili, äußert sich 1783 Über die Entstehung und Beschaffenheit des außerordentlichen Nebels in unserer Gegend. Aber eigentlich ist er Philosoph und beschäftigt sich eher mit dem transzendentalen Nebel Immanuel Kants, den er nicht ausstehen kann. Darauf, dass die isländischen Vulkane an dem Wetter schuld sind, scheint niemand zu kommen (lesen Sie mehr dazu in den Posts ↝Wintersonnenwende und ↝Vulkane). Außer Benjamin Franklin, der 1784 Meteorological Imaginations and Conjectures vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen isländischen Vulkanen und dem kalten Winter in Amerika geben kann.

Wer es kann, flieht vor Dunkelheit und Hungersnot. Das Leben der Baronin Barbara Juliana von Kruedener bekommt eine ↝Wende, aber noch berühmter wird eine Gruppe von englischen Schriftstellern, die es in die Schweiz zieht. Die ↝Gothic Novel verdankt einem Vulkanausbruch ihren Höhepunkt. Lord Byrons Leibarzt Polidori und Mary Shelley werden ↝The Vampyre und ↝Frankenstein schreiben. Und Lord Byron schreibt das Gedicht Darkness:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came, and went—and came, and brought no day,
And men forgot their passions in the dread
Of this their desolation; and all hearts
Were chill’d into a selfish prayer for light


Sie finden das ganze Gedicht in dem Post Dracula. Und noch mehr Lord Byron hier: Lord Byron, ByronLord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo,

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