Mittwoch, 26. Mai 2010

Heidegger


Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher (so fängt der kleine Philosophenwitz aus den zwanziger Jahren an) erhalten den Auftrag, eine Studie über das Kamel zu schreiben. Der Engländer schickt die ganze Dienerschaft seines Schlosses zum Schneider (in Geschichten dieser Art haben Engländer immer ein Schloss und einen Schneider), damit er ihnen Tropenuniformen anmisst. Dann macht er eine mehrjährige Expedition in die afrikanische Wüste und kehrt mit einem empirisch fundierten Werk über die Lebensweise des Kamels zurück. Der Franzose lädt zwei Freundinnen zu einem Besuch des Pariser Zoos ein, kauft sich vorher einen neuen Sommeranzug und guckt sich das Kamel fünf Minuten lang an, während er mit seinen Freundinnen flirtet. Danach schreibt er einen Essay voller Esprit über das Liebesleben des Kamels. Der Deutsche schließt sich in einem Turm ein und kommt nach sieben Jahren mit einem tausendseitigen Werk wieder heraus, das Das Kamel an sich heißt.

Deutsche Philosophen sind immer an sich oder a priori. Große, schwere Denker wie Heidegger. Der heute ist vor 34 Jahren gestorben. Große deutsche Denker schreiben keine Aperçus wie Lichtenberg und Schopenhauer. Große deutsche Denker schreiben einen grauenhaften Kanzleistil wie Kant oder eine schlichtweg unverständliche raunende Sprache wie Heidegger. Le style c'est l'homme. Heideggers Werk, sagen vom Staat bezahlte berufsmäßige Philosophen, wird selten objektiv betrachtet, weil sich alle über Heideggers Eintreten für die Nazis echauffieren. Ja, warum denn auch nicht, das ist auch Teil seines Werkes und Wirkens. Philosophen können ja, so die Ansicht von beamteten Berufsphilosophen, auch nur von Philosophen verstanden werden. Das ist, so der witzige deutsche Philosoph Odo Marquard, als ob Sockenfabrikanten nur Socken für andere Sockenfabrikanten herstellten. Ohne Heidegger, sagt Günter Figal in der Einleitung seines kleinen Buches Heidegger zur Einführung, ohne Heidegger wären Foucault und Derrida nicht möglich gewesen. So what? Auf die könnte man doch leicht verzichten. Der sehr witzige Philosoph Paul Feyerabend hatte, seinen Tod vor Augen, über den unverständlichen Stil vieler Philosophen gesagt: Liegt es vielleicht am Wunsch, großartig, tief und philosophisch zu wirken? Aber was ist wichtiger? Von Außenstehenden verstanden oder als "tiefer Denker" betrachtet zu werden? Auf einfache Weise zu schreiben, so daß es ungebildete Leute verstehen können, bedeutet keineswegs Oberflächlichkeit. Ich rate dringend allen Autoren, die ihren Mitmenschen etwas mitteilen wollen, sich nicht mit Philosophie zu beschäftigen, und wenn sie es schon tun, sich nicht von Obskuranten wie Derrida einschüchtern und beeinflussen zu lassen, sondern stattdessen Schopenhauer oder Kants volkstümliche Schriften zu lesen. Zack, Derrida, da hast du es.

Wenn man wissen will, wer Heidegger war, so kann man Rüdiger Safranskis Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit lesen. Und wenn man etwas über Heideggers Sprache erfahren will, dann sollte man den Essay Heidegger und Hebel oder die Sprache von Meßkirch von dem großen Franzosen Robert Minder lesen. Danach kann dann jeder für sich entscheiden, ob er noch Heidegger lesen will. Denn es gibt ja Besseres. Als die Berliner 68er Revolutionäre den französischen Philosophen Alexandre Kojève fragten, was sie denn in dieser entscheidenden Phase der Revolution lesen sollten, hat der gesagt: Lest die alten Griechen!

Mein Antiquar hat mir einmal die bezaubernde Geschichte erzählt, dass ihm eine Philosophieprofessorin (die ich kenne, weil sie meine Prüferin in der Doktorprüfung war) einmal eine Kiste von Büchern verkauft hat. Dabei war auch Heideggers Sein und Zeit. Erste Hälfte. Da hat er danach gefragt, ob sie auch den zweiten Teil hätte. Sie hat ihm gesagt, den hätte sie bestimmt, sie wolle danach suchen. Wenn sie ihn fände, würde er ihn auch noch bekommen. Die gute Frau, angeblich Heidegger Spezialistin, sucht heute wahrscheinlich immer noch. Wie jeder außer ihr weiß, ist der zweite Teil von Heideggers Sein und Zeit nie erschienen.

Das kleine Bild, das einen Philosophen in der Tonne zeigt (Nachdenklich liegt in seiner Tonne, der Philosoph hier in der Sonne), ist natürlich von Wilhelm Busch.

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