Donnerstag, 13. Mai 2010

Number Ten


Die englische Presse betont, dass der neue Premierminister David Cameron der jüngste Premier seit 1812 sei. Damals war das Robert Jenkinson (Lord Liverpool), der der jüngste Premierminister war (so lange gab es dieses Amt ja auch noch gar nicht) und länger als beinahe alle anderen im Amt blieb. Nur William Pitt d.J. ist länger im Amt gewesen. Dabei hatte der zweite Lord Liverpool den Posten nur bekommen, weil sein Amtsvorgänger Spencer Perceval ermordet worden war. Der einzige englische Premier, der dieses Schicksal hatte, obgleich es an Anschlägen und Mordversuchen nicht gefehlt hat. Lord Liverpool entkommt 1820 knapp den Cato Street Verschwörern, die die ganze englische Regierung umbringen wollen. Man hängt sie am 1. Mai 1820. Das sind jetzt unruhige Zeiten in England.

Der arme Spencer Perceval ist ein stiller, ruhiger, religiöser Mann gewesen, ein Freund von Mr. Pitt, wie er sich bezeichnete, um seine Parteilinie klar zu machen. Erschossen wurde er im Parlament von einem englischen Kaufmann namens John Bellingham, den die Russen einige Jahre ins Gefängnis eingesperrt hatten, und der jetzt von der englischen Regierung eine finanzielle Genugtuung haben will. Den Mord hat er sorgfältig geplant. Er hat sich von seinem Schneider eine Extratasche in seinen Rock arbeiten lassen, in der er die Pistole versteckte. Die englische Justiz arbeitet sehr schnell, der Mord geschah am Montag, dem 11. Mai 1812, am Freitag wird in Old Bailey das Todesurteil ausgesprochen, am Montag dem 18. baumelt er schon am Galgen. Perceval ist ein Politiker gewesen, der sich in seinem Amt nicht bereichert hat. Er hinterlässt bei seinem Tode etwas mehr als 100 Pfund Sterling. Sein Nachfolger Lord Liverpool wird 120.000 Pfund hinterlassen.

1732 hatte George II Robert Walpole das Haus in der Downing Street Nummer 10 (es hatte auch mal im Laufe der Geschichte die Nummer 5 gehabt) geschenkt. Aber der erste Minister seiner Majestät (der Titel Prime Minister ist noch nicht erfunden) nimmt es nur als Amtssitz, nicht als Privateigentum. Das Haus ist von Christopher Wren gebaut worden, für einen adligen Grundstückspekulanten, nach dem die Straße heißt. Lieblos, nicht für die Ewigkeit: shaky and lightly built by the profiteering contractor whose name they bear, hat Winston Churchill über die Häuser gesagt. Denn in Wirklichkeit ist die Number Ten kein einzelnes Haus, Nummer 10 setzt sich aus Nummer 10, 11 und 12 zusammen. Seit der Architekt William Kent das für Robert Walpole so erweitert hat. Als Tony Blair Premierminister war, wohnte er mit seiner Familie in Nummer 11 und 12. Der Tony mit seiner Cool Britannia und New Labour Nummer und den vielen Versprechungen, der braucht viel Platz. In Nummer 10 wohnte damals schon Gordon Brown.

Bevor es der Sitz des Lord Chancellor oder des Prime Minister wird, hatte ein Deutscher darin gewohnt, Johann (oder Hans) Caspar von Bothmer. Der hatte als hannöverscher Diplomat dafür gesorgt, dass die Hannoveraner Könige von England wurden. Dafür waren sie ihm auch richtig dankbar, sodass er für sich und seine Familie einen großen Adelssitz bauen konnte. Allerdings nicht in England, sondern in Mecklenburg, im Klützer Winkel. Er wird das Schloss und  den Park nicht mehr in der Vollendung sehen, es hätte ihm aber gefallen. Also, das geht jetzt links und recht noch ein bisschen weiter. Ungefähr um das Doppelte, wenn man schon einen Barockschuppen baut, dann muss der auch schön groß sein. Als Vorlage hat Bothmer übrigens Buckingham House genommen, was der Vorläufer des Buckingham Palace ist. Aber das gehört dem König erst seit 1761.

Bis dahin residiert man im St. James Palace, was auch heute noch die offizielle Adresse des Hofes ist. Es wird unter den Georgs jetzt viel gebaut in England. Das meiste davon steht noch heute. The Age of Elegance hat der englische Historiker Arthur Bryant sein Buch über die Geschichte Englands in der Zeit von 1812 bis 1822 genannt. Es ist die Zeit der Dandies, die Zeit des Sieges über Napoleon, die Zeit in der London sich zur Metropole wandelt. Hatte man im 18. Jahrhundert auf dem Lande gebaut, so verlagert sich die Tätigkeit der Architekten nun in die Stadt. John Nash baut London um.

Das hier rechts ist das Haus, in das Mr Pitt damals einzog. Zu der Veränderung England in der Zeit von John Nash gibt es (mit Preisen zwischen vier und vierzig Euro bei Amazon) noch den Katalog Metropole London: Macht und Glanz einer Weltstadt. Das war 1992 eine Ausstellung in der Villa Hügel in Essen. Es gibt nichts Besseres als diesen Katalog. Und den Lesern aus den Dandy Blogs sei gesagt, dass es da drin auch viel über Dandies gibt. Die Savile Row (und die Straßen drumherum, wie die Cork Street oder die Sackville Street) werden zum Zentrum der eleganten Herrenmode. Aber neben all dem Glanz und dem schönen Schein gibt es auch Beunruhigendes in England, der Mordversuch der Cato Street Gruppe kommt nicht von ungefähr. Als junger Mann war hatte Robert Jenkinson den Fall der Bastille in Paris miterlebt, und die Angst vor der Revolution sitzt tief im Inneren der englischen Aristokratie. Und jetzt dichten englische Dichter wie Shelley

Men of England: wherefore plough
for the Lords who lay you low,
wherefore weave with toil and care
the rich robes your tyrants wear?

Shelley schreibt das im Jahre 1819, als England das Peterloo Massacre erlebt. Mit militärischer Gewalt und restriktiven Gesetzen bekämpft man die ersten Proteste gegen die Auswüchse der Industrial Revolution (wie das Luddite movement) und die Verarmung der Bevölkerung. Dabei richtet sich der Volkszorn nicht einmal gegen den Premierminister, sondern gegen seinen Aussenminister Lord Castlereagh. Der ist jetzt an allem schuld. So schreibt Shelley in The Masque of Anarchy: I met Murder on the way -/he had the face like Castlereagh. Und selbst wenn Castlereagh, zermürbt vom Hass des Volkes und geistig umnachtet, 1822 Selbstmord begeht, ist er für Lord Byron noch ein Haßobjekt:

Posterity will ne'er survey
a nobler grave than this:
Here lie the bones of Castlereagh:
Stop, traveller, and piss.

Wir wollen mal hoffen, dass dem jüngsten Premierminister nach Lord Liverpool das alles erspart bleibt. Das einzige Missgeschick, das ihn bisher betroffen hat, ist sartorialer Art. Damit meine ich nicht, dass er den Schlips weglässt, um besonders jugendlich zu wirken. Nein, ein ehemaliger Angestellter von Camerons Schneider Ede&Ravenscroft soll alle Unterlagen und Körpermasse der Kunden geklaut haben. Die Firma Ede&Ravenscroft geht zurück bis in das Jahr 1689, da war das Haus in der Downing Street 10 gerade fertig geworden.

Wenn wir demnächst alles über die Anzuggröße von David Cameron erfahren, dann wissen wir, wo es herkommt. Es wird Cameron allerdings wahrscheinlich nicht passieren, dass man ihn wie seinen Vorgänger Gordon Brown zu dem am schlechtesten gekleideten Mann von Großbritannien wählen wird. Das hatte gerade das britische Magazin GQ getan und seinen Konkurrenten David Cameron ganz oben auf die Liste der bestgekleideten Herren gesetzt. Offensichtlich kann man mit Savile Row Klamotten Wahlen gewinnen. Clothes make the man, soll Mark Twain gesagt haben. Steht schon so ähnlich bei Shakespeare (for the apparel oft proclaims the man), wenn Polonius in Hamlet seinem Sohn Laertes gute Ratschläge für die Frankreichreise mitgibt.

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