Freitag, 14. Mai 2010

Abtanzball


Das sind wir. Ist ein halbes Jahrhundert her. Abtanzball. Was war das damals für ein Ereignis! Nicht alle aus der Tanzstunde sind hier drauf, wir waren viel mehr. Geburtenstarke Jahrgänge hieß das damals euphemistisch. Es muss da noch andere Photos geben. Die jungen Damen haben alle einen Blumenstrauß, den mussten die jungen Herren mitbringen. Man musste auch damals einen Anstandsbesuch bei den Eltern machen. Ich weiß nicht mal mehr, wie meine Partnerin für diesen Abend hieß, ich hatte sie zugelost bekommen. Die scharfe Frau, hinter der ich her war, habe ich natürlich nicht gekriegt.

Aber später doch. So ist das im Leben. Sie ist auch nicht auf diesem Photo, ihren Namen kenne ich natürlich noch. Wir kannten uns damals alle in dem kleinen Bremer Vorort. Wir waren beinahe alle in den überfüllten Klassen der gleichen Volksschule gewesen. Das schweißt in der Not der Nachkriegszeit zusammen. Wir sind mit Sprüchen wie Chesterfield machen meine Schwester wild und amerikanischen Ziggis als Zweitwährung aufgewachsen. Aber jetzt ist Wirtschaftswunder und Adenauerrepublik. Und wir fühlen uns schon wahnsinnig erwachsen, wir tragen richtige Anzüge und haben richtige junge elegante Frauen in Cocktailkleidern oder Abendkleidern an unserer Seite. Die lassen es sich auf diesem Photo nicht anmerken, dass sie uns gehasst haben, weil wir ihnen so häufig auf die Pumps getreten haben. Und sie sehen alle vornehm aus, wie Ruth Leuwerik oder Sonja Ziemann in klein. Irgendwie wirkt das Photo ja intim, weil wir nur eine kleine Gruppe sind. Wenn alle da drauf wären würde es wahrscheinlich so aussehen (und dieses Photo habe ich mir aus dem Internet geklaut):

Ist irgendwie schrecklich, so militärisch ordentlich aufgereiht. Beinahe uniformiert, das weiße Einstecktuch der Herren sieht überall gleich aus. Wie lange haben die jungen Damen in der ersten Reihe, die alle ähnliche Kleider tragen, an dieser perfekten Beinhaltung gearbeitet? War der Photograph noch beim Militär? Oder der Tanzlehrer? Die sind viel jünger als wir, nicht im Krieg geboren wie wir. Als die geboren werden, gibt es schon die Bundesrepublik Deutschland und die D-Mark. Aber sie sehen uns doch äußerlich irgendwie noch ähnlich. Obgleich wir natürlich viel besser aussehen. Vor allem erwachsener. Man ist damals ja schon früher erwachsen, dafür fühlt man sich heute länger jung. Die meisten tragen aber heute keine eleganten Anzüge mehr, eher diese fiesen beigefarbenen Rentnerklamotten von Tchibo. Das ist der Fortschritt.

Man bekam beim Abtanzball kein Zeugnis, auch keine Urkunde wie den Freischwimmerausweis. Aber wenn man es bis zu diesem Abend geschafft hatte, dann beherrschte man die Standardtänze. Was damals Walzer, Foxtrott, Polka und Tango bedeutete. Als Zugabe wurde noch Exotisches wie Samba, Rumba und Cha-cha-cha gelehrt. Und als Zugeständnis an die neue Zeit Boogie-Woogie. Das konnten wir damals alles. Wenig später merkten wir, dass wir im wirklichen Leben das alles nicht unbedingt brauchten. Auf den Parties, die jetzt Mode wurden, genügte in der Dunkelheit der Klammerblues, um zu I found my thrill on blueberry hill zu tanzen. Auf der Heeresoffiziersschule, auf der ich später war, überprüfte der General allerdings noch persönlich die Tanzkünste der Offizieranwärter, da konnte man mit Klammerblues nichts werden. Da wurde auch noch der Handkuss geübt und die Französischkenntnisse abgeprüft. Die junge Armee, die auf Baudissins demokratisches Ideal der Inneren Führung baute, knüpfte mit Manieren und Französisch an den Adel des 18. Jahrhunderts an, als man noch den Rock des Königs trug. Heute haben die alle Computerkenntnisse und tragen olivfarbene T Shirts und einen martialischen Tarnanzug, wie unsere Befreier und Besatzer 1945.

Wir sind auf diesem Photo unseren Eltern noch sehr ähnlich, weiße Oberhemden und dunkle Anzüge (obgleich sich natürlich unser damals modischer Windsor Kragen von der Kragenform der dreißiger Jahre unterscheidet), die Kleider der jungen Damen sind irgendwie zeitlos. Die schmalen Schlipse sind heute wieder Mode, der Windsor Kragen ist auch wieder da. Alles kommt wieder in der Mode, und alles ist schon da gewesen. Wir haben das Leben noch vor uns. Und das Schrecklichste hinter uns, einen Krieg in unserem Land werden wir nicht mehr erleben.

Man kann Photos lesen wie einen Roman. Photoalben einer Familie, sei es der eigenen oder einer wildfremden, können manchmal mehr sagen als ein Geschichtsbuch. Mir gefällt das Buch Porträt (Schirmer/Mosel 1994), das der deutsche Photograph Hans-Peter Feldmann zusammengestellt hat. 330 Bilder einer jungen Frau aus der Zeit von 1943 bis 1994, chronologisch arrangiert. Alles in schwarzweiß. Ein ganzes Leben und fünfzig Jahre deutscher Geschichte. Wenn man in diese Welt eintaucht, glaubt man die junge anonyme Frau (die aussieht wie meine Abtanzballpartnerin) zu kennen. Man wird als Voyeur Teil ihrer Welt und ihres Lebens. Ich könnte an dieser Stelle jetzt noch schlaue Sachen über Photographien sagen, aber ich lasse das, weil leider Roland Barthes in Die helle Kammer: Bemerkungen zur Photographie all diese schlauen Sachen schon gesagt hat.

Mein Dank geht an Ute in Berlin, die mir dieses Photo geschickt hat. Und wenn die schöne Unbekannte neben mir auf dem Photo dies zufälligerweise lesen sollte: Ruf doch mal an!

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