Montag, 31. Mai 2010

Song of Myself


So sah er aus, der Dichter. Auf der linken Buchseite neben dem Titel Leaves of Grass. Dann nur noch Brooklyn, New York: 1855. Kein Name. Dichter erlauben sich damals ja vielleicht mal, auf eine Krawatte zu verzichten und tragen einen Schiller-Kragen oder einen Byron-Kragen. Aber dies hier, das hat noch keiner gewagt, so vor sein Publikum zu treten. Amerikanische Bohème. Dichter inszenieren sich in der Mitte des Jahrhunderts ja noch als Herren von Welt, elegante schwarz gekleidete viktorianische Gentlemen. Dieser Dichter, der uns so frech und herausfordernd anguckt, hat seine erste Auflage von Leaves of Grass selbst gestaltet und selbst gedruckt. Sein Name, Walter Whitman, erscheint nur in der Copyrightangabe und einmal im Text: Walt Whitman, an American, one of the roughs. Und er hat dem noch hinzugefügt: a kosmos. rough ist er sicherlich, so wie er auf dem Stahlstich aussieht, der poet of commonsense, der poet of the body und poet of the soul. Der Dichter aus New York, der 1855 seine Gedichtsammlung mit den Worten I celebrate myself beginnt, will der Dichter des gemeinen Mannes sein, der Dichter von ganz Amerika. Es ist kein Zufall, dass der Band am Nationalfeiertag, dem vierten Juli erschienen ist.

Das amerikanische literarische Establishment im puritanischen Boston hätte die erste schmale Ausgabe  (95 Seiten) der Leaves of Grass nicht zur Kenntnis genommen, hätte nicht Ralph Waldo Emerson dem jungen Dichter einen Brief geschrieben, in dem der Satz stand The most extraordinary piece of wit & wisdom that America has yet produced. Und der zwei Jahre ältere Henry David Thoreau, der ein Jahr zuvor Walden, Or Life in the Woods veröffentlicht hatte, war von Whitmans Gedichten so angetan, dass er den Dichter in New York besuchte.  Leaves of Grass wird der Titel von Walt Whitmans lyrischem Werk bleiben, von 1855 bis zur so genannten deathbed edition von 1892 wird der Band immer voluminöser werden. Wenn man als Dichter Amerika singen hört, dann braucht man viele Seiten um das aufzuzeichnen. Dreaming of your enumerations hat Allen Ginsberg in A Supermarket in California geschrieben, und diese endlosen Aufzählungen werden Whitmans Langgedichte charakterisieren. Mitunter schwer erträglich, aber wenn man es laut liest, dann kommt das Ganze ins Rollen. Whitman wirft alle Konventionen der Lyrik wie Strophe und Reim weg. Darin ist er revolutionär. Viele amerikanische Dichter werden ihm folgen.

Whitman ist gerne in die Oper gegangen, viele Kritiker haben einen Einfluss der Oper auf seine Dichtung gesehen, die weniger Gedichte als große Arien auf Amerika sind. Walt Whitman schreibt nicht nur über Amerika, er ist Amerika, hat Ezra Pound gesagt. Der Dichter, der erklärt, dass washes and razors for foofoos seien, für ihn gäbe es nur freckles and a bristling beard, ist am heutigen Tag geboren worden. Im Jahre 1819 haben noch andere bedeutende Schriftsteller das Licht der Welt entdeckt: Herman Melville und Theodor Fontane.

Wenn man ihn heute lesen will, sollte man nicht versuchen, Leaves of Grass von vorne bis hinten lesen zu wollen. Aber Starting from Paumanok und Out of the Cradle Endlessly Rocking (die man auf www.bartleby.com findet) geben schon einen guten Eindruck. Wenn man dann noch When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd liest, ist man schon beinahe ein Whitman Fachmann. In dem Film Dead Poets Society bekommt Robin Williams eine Prep School Klasse dazu, dass sie auf Tischen und Bänken stehen und Whitman deklamieren. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch hinkriegen würden.

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Hallo Jay,

    der folgende Kommentar passt eigentlich nicht ganz hierher, aber trotzdem: gestern bin ich bei Amazon auf Ihre Besprechung von "Die Pöhlands im Krieg" gestoßen.

    Die viel zu früh verstorbene Herausgeberin der Briefe war eine gute Freundin von mir, aber auch wenn das nicht so wäre: Man sollte das Buch wirklich, wie Sie schreiben, zur Pflichtlektüre machen - wenn schon nicht an Schulen, dann doch vielleicht an Bundeswehrhochschulen

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