Montag, 24. Mai 2010

Skandal


Vor einigen Jahren hat mich mein Freund Keith hundert Meter durch einen Gewitterregen geschleppt, damit ich seinen neuen Ferrari bewundern konnte. Der war nicht rot oder gelb, sondern elegant in grau, da hebt sich das gelbe Wapperl mit dem schwarzen Ross schön gegen den Untergrund ab. Ingridgrau, sagte ich. Er guckte mich fragend an. Roberto Rossellini hatte Ingrid Bergman einen Ferrari in dieser Farbe geschenkt, sagte ich. Die hatte es bei Ferrari noch nie gegeben, da haben sie es Ingridgrau (Nuova Grigio Ingrid) genannt. Ferraribesitzer können von Filmfreaks immer noch etwas lernen.

Verweilen wir noch einen Augenblick bei schwedischen Filmschauspielerinnen. Heute vor sechzig Jahren haben Ingrid Bergmann und Roberto Rossellini geheiratet. Da war ihr Sohn Robertino gerade geboren und die Bergmann gerade von ihrem Ehemann, dem schwedischen Zahnarzt Dr. Petter Lindström geschieden. In Mexico, da geht das schneller. Einen solchen Skandal hatten Hollywood und Amerika noch nicht erlebt. Da sind unsere Skandälchen wegen ➯Sie tanzte nur einen Sommer und Hildegard Knefs Die Sünderin nichts dagegen. Die gleiche Maschinerie, die Hollywood dafür benutzt hatte, um aus ihr einen Engel zu machen, wurde jetzt dafür benutzt, um sie zu verteufeln. Da half es auch nichts mehr, dass sie gerade eine Heilige geworden war, mit Filmen wie The Bells of St. Mary's und Joan of Arc. Jetzt geht es abwärts, das puritanische Amerika steht auf. Vor allem das Lästermaul Louella Parsons. Und ein obskurer Senator aus Colorado namens Edwin C. Johnson geißelt sie im Senat als a free-love cultist und einen powerful influence of evil. Pastoren predigen auf der Kanzel gegen die Sünderin aus Schweden, und eigentlich müsste sie jetzt mit einem roten A (für adultery) herumlaufen, wie Hester Prynne in Nathaniel Hawthornes Scarlet Letter. Oder vielleicht noch besser mit einem A+.

Sie hatte ja schon vorher eine Vielzahl von Affären gehabt, aber das war nicht in die Öffentlichkeit gelangt. Die offizielle Version war die glückliche Familie mit dem promovierten Mediziner und dem Töchterchen Pia. Aber jetzt ist die Geburtsstunde der schlimmsten Form des tabloid journalism, hundertmal schlimmer als Frauke Ludowigs Exclusiv: Das Star Magazin. Die amerikanische Doppelmoral lässt ja viel zu, solange es den mächtigen Hollywood Studios gefällt. Grace Kelly blieb ein blonder Engel, obgleich sie dutzende von Affären hatte. Aber Hollywood ist jetzt verunsichert. Seit den dreißiger Jahren tagt ein Senatsausschuss, um in Hollywood gegen Un-American activities zu ermitteln. Also eigentlich gegen alles, was nicht in das Idyll von amerikanischer Kleinstadt, sonntäglichem Kirchgang,  Mom und apple pie passt. Erstaunlicherweise (oder vielleicht auch nicht) sind diese Ausschüsse gegenüber den amerikanischen Nazis blind und untätig geblieben. Was die selbsternannten guten Amerikaner in den Ausschüssen hassen, ist das rote Hollywood. Und das jüdische Hollywood, obgleich der Hass auf die mächtigen, zumeist jüdischen Hollywoodbosse nicht so ganz offen ausgesprochen wird.

Diese Senatsausschüsse, die nun HUAC heißen (House Committee on Un-American Activities), sind jetzt im Kalten Krieg mächtig geworden. Amerikas Volkssport wird die Jagd auf Kommunisten. Hexenjagd hat Arthur Miller ein Theaterstück genannt, das zwar im Salem des 17. Jahrhundert spielt, aber in Wirklichkeit das Amerika von 1950 meint. Ingrid Bergman bekommt in dieser Zeit keine Rollenangebote mehr aus Hollywood. Aber irgendwie ist das auch eine glückliche Fügung, dass sie jetzt in Italien lebt, die schlimmsten Beschimpfungen bekommt sie nicht zu lesen. Sie hat sich vorher ihre Rollen mit Bedacht ausgesucht, immer an der Seite von box office stars wie ➱Humphrey Bogart (Casablanca), Gary Cooper (For Whom the Bell Tolls), Bing Crosby (The Bells of St. Mary's), Charles Boyer (Gaslight), Cary Grant (Notorious). Jetzt hätte sie Schwierigkeiten, einen männlichen Hauptdarsteller oder einen guten Regisseur zu finden, die Hälfte von Hollywoods Stars, Drehbuchautoren und Regisseuren ist auf der schwarzen Liste. Bert Brecht ist vor dem HUAC gewesen und hat Amerika verlassen (der Komponist ➱Hanns Eisler ist ausgewiesen worden). John Huston nimmt die irische Staatsbürgerschaft an, Orson Welles verläßt die USA. ➱Joseph Losey emigriert nach England, Jules Dassin nach Frankreich. Charlie Chaplin, der im Ausland erfährt, das das HUAC gegen ihn ermittelt, kehrt nicht mehr in die USA zurück. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Scoundrel Time wird die amerikanische Theaterautorin Lillian Hellman ihre Autobiographie über diese Zeit der nationalen Hysterie nennen.

Hangmen also Die hieß der Film von Fritz Lang, zu dem Bert Brecht das Drehbuch (und Hanns Eisler die Musik) geschrieben hat. Und die Hexenjagd wird auch die kriminalisieren, die sie angezettelt haben. Der Ausschussvorsitzende des HUAC J. Parnell Thomas landet im Gefängnis (und hat furchtbare Angst, dass er in das gleiche Gefängnis kommen könnte, in das er die Hollywood Ten gebracht hat). Und der Sturz des so mächtigen Joseph McCarthy, der so viel Unheil über Amerika gebracht hat, wird genauso dramatisch sein wie sein Aufstieg. Lediglich der Beisitzer von J. Parnell Thomas, ein junger Rechtsanwalt namens Richard Nixon, wird noch Karriere machen.

Als der gespenstische Spuk vorbei ist, alle Tätigkeiten der Ausschüsse für juristisch unzulässig erklärt worden sind, kehrt Ingrid Bergmann (die inzwischen ein halbes Dutzend italienischer Filme gedreht hat, für die sich in Amerika niemand interessiert) nach Amerika zurück. Kriegt gleich einen Oscar und einen Golden Globe für Anastasia. Und darf im nächsten Film, Stanley Donens Indiscreet, sogar das verpönte Wort damned sagen. Ihr Karriereknick, ein Kollateralschaden der McCarthy Ära, ist vorbei.

Auf dem Photo oben ist Ingrid Bergman vierzehn. Sieht schon richtig sündig aus.

Lesen Sie auch: ➱Schwedinnen, ➱Schweigen, ➱Ingmar Bergman


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