Mittwoch, 16. Oktober 2019

Fernsehen


Das erste, was ich im Fernsehen sah, war die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Ich saß im Wohnzimmer der Familie Lürssen; da war ich als Kind damals häufiger, weil mein Bruder mit Fidi Lürssen in einer Klasse war. Lürssen hatten eine Werft, und sie hatten den ersten Fernseher bei uns in der Straße. Als ihre Tochter achtzehn wurde, bekam sie ein Mercedes 190 SL Cabrio von ihren Eltern geschenkt. An dem sie keine große Freude hatte, weil von Vorübergehenden immer wieder Worte wie Nuttenauto und Nitribitt fielen. Es ist in den fünfziger Jahren nicht leicht, reich zu sein.

Die Rückkehr der Gefangenen nach Friedland war ein großes nationales Ereignis, das stundenlang übertragen wurde. Mir war das zu langweilig, ich habe mich nach einer halben Stunde verabschiedet. Man konnte das Programm nicht wechseln, es gab nur das eine Programm. Mein Vater zögerte lange mit dem Kauf des Fernsehers, ich glaube, wir waren die letzten in der Straße, die einen hatten.

Wenn man die Nachrichten aus aller Welt sehen wollte, ging man ins Kino, manchmal mehrfach in der Woche. Man wollte ja wissen, wie es mit dem heldenhaften Captain Carlsen und seiner Flying Enterprise weiterging. Wir guckten nicht viel Fernsehen. Eigentlich nur die Tagesschau und am Wochenende die Aktuelle Schaubude mit Werner Baecker, der war immer gut angezogen. Die Sendung kam aus dem gläsernen Studio. Das gläserne Studio war in Wirklichkeit ein Showroom von Opel am Hamburger Dammtor, aus dem an jedem Sonnabend um 14 Uhr die Autos herausgerollt wurden. Fernsehen war damals noch einfacher zu machen als heute. Und natürlich guckten wir immer Kulenkampff, weil der ja aus Bremen kam. Fernsehen gab es damals nur bis elf Uhr abends, dann kam das Testbild.

Den ersten Spielfilm im deutschen Fernsehen habe ich 1957 gesehen, er hieß Der Richter und sein Henker, es war die Verfilmung eines Romans von Friedrich Dürenmatt. Kaum war das Fernsehen da, gab es auch die ersten Krimis. Eine der ersten Krimireihen hieß Stahlnetz, an das Haus an der Stör kann ich mich noch gut erinnern. Dann kamen irgendwann die sogenannten Straßenfeger, Edgar Wallace und das alles, und dann kam der Tatort. Der war früher einmal etwas Besonderes, heute kann man ja jeden Tag einen sehen. Bei den Wiederholungen, aus denen das Fernsehen besteht, tauchen dann immer mal wieder Sendungen aus der Frühzeit des Fernsehens auf, nostalgische Gelegenheiten, um über die Entwicklung des Mediums nachzudenken.

Nach der Schule ging ich zur Bundeswehr, da gab es jahrelang kein Fernsehen. Im Studium auch nicht, ich habe viele Jahre ohne das deutsche Fernsehen gelebt. Im Kino war ich aber immer, wie Sie meinem Themenblog Silverscreen entnehmen können. Habe ich etwas verpasst, weil ich nicht vor der Glotze hockte? Die Fernsehgebühren sind kontinuierlich gestiegen, was sich leider nicht in der Qualität der Sendungen niederschlägt. Erst einmal in den Jahresgehältern der Intendanten. Der Intendant des WDR verdient mehr als Frau Merkel, das ist eine seltsame Sache, ich habe schon in dem Post Manfred Sexauer Böses über die Intendanten gesagt. Und wahrscheinlich noch irgendwo anders.

Ich bin fernsehmäßig nicht auf der Höhe der Zeit, bei mir gibt es kein Netflix und kein streaming, und ich kann meinen Fernseher auch nicht an den Computer oder das IPhone anschließen. Ganz so alt wie das Fernsehgerät auf diesem Photo ist mein Fernseher nicht. Es ist ein großes Röhrengerät von Metz, war mal state of the art, aber das ist lange her. Es ist schon HD, aber nicht Full HD, an UHDTV oder OLED gar nicht zu denken.

Die Qualität der Fernsehgeräte ist immer besser geworden, die Qualität des Programms nicht. Das ist so flach wie ein Flachbildschirm. Fernsehen heute - so schlecht war es noch nie, titelte die FAZ. Das war im Jahre 2001. Grundig bewirbt zur Zeit ein Fernsehgerät als Fenster zur Welt, da ist schon Amazon Fire eingebaut: Bitten Sie Alexa, den Fernseher anzuschalten, die Lautstärke zu verstellen oder die Wiedergabe zu steuern, selbst von der anderen Seite des Raums aus. Wenn Sie keine Alexa zu Hause haben, sondern eine Heidi oder Ingeborg, dann müssen Sie die mal bitten.

Immer mehr vom Fernsehen wird in das Internet verlagert, die öffentlich-rechtlichen Sender haben eine Mediathek. Dort kann man Filme in einem begrenzten Zeitraum sehen. Dominik Grafs Film Zielfahnder mit der sekundenlang nackten Anna Schäfer, den ich in dem Post Nackt erwähnte, können Sie noch ein paar Tage lang sehen. Für das Fernsehen mit dem Computer bin ich bestens gerüstet, mein Bildschirm kann LED, Full HD und all so etwas.

Das Fernsehen hat auch einen Bildungsauftrag, auf jeden Fall die öffentlich-rechtlichen Sender. Und Fernsehen bildet ja wirklich. Sagte auf jeden Fall Groucho Marx: I find television very educating. Every time somebody turns on the set, I go into the other room and read a book. Ein wenig Literatur gibt es auch im Fernsehen, vermittelt von Elke Heidenreich, Jürgen von der Lippe und Thomas Gottschalk. Und diesem Herrn im karierten Anzug. Das ist Denis Scheck (der hier schon einen Post hat), der hat gerade einen neuen Literaturkanon aufgestellt, den sein Verlag so bewirbt: Mit seiner Auswahl der 100 wichtigsten Werke präsentiert Denis Scheck einen zeitgemäßen Kanon, der auf Genre- oder Sprachgrenzen schlicht pfeift. Von Ovid bis Tolkien, von Simone de Beauvoir bis Shakespeare, von W. G. Sebald bis J.K. Rowling: Charmant, wortgewandt und klug erklärt er, was man gelesen haben muss – und warum. Sebald habe ich gelesen, J.K. Rowling nicht. Und Tim und Struppi, das auch auf der Liste ist, auch nicht.

Nicht auf Denis Schecks Liste ist der Roman Fernsehen von Jean-Philippe Toussaint, in dem der Romanheld beschliesst, nie wieder den Fernseher anzuschalten: Kam es früher häufig vor, daß ich abends, wenn ich allein zu Hause blieb, nicht fernsah und einfach etwas anderes machte, zum Beispiel lesen oder Musik hören, um anständig zu bleiben, so hatte das Fernsehen an jenem Abend für mich eine maßlose Bedeutung schlicht deshalb angenommen, weil ich den Entschluß gefaßt hatte, mit Fernsehen aufzuhören, und obwohl es mich einige Überwindung kostete, mußte ich doch einräumen, daß es jetzt alle meine Gedanken in Bann zog. Aber ich tat, als sei nichts. Ich hatte meine Zeitung aufgeschlagen, und mit einem netten kleinen Kissen im Nacken las ich seelenruhig die Fernsehprogramme durch – mir gegenüber der ausgeschaltete Fernseher. Ich verrate nicht, wie das Experiment ausgeht, es gibt hier keinen spoiler alarm.

Ich bekomme meine Programme über das DVB-T2 mit einer kleinen Zimmerantenne, bei Regen und manchen Wetterlagen fallen Programme aus. Aber eins muss ich meinem alten Metz lassen, die Tonqualität ist erstklassig. Hätte ich Kabel oder eine Luxusantenne auf dem Balkon, hätte ich mehr Sender. Aber ist Masse gleich Klasse? Ich nehme im Fernsehen das, was kommt. Heute Abend fange ich mal mit Hogan's Heroes an, kenne ich zwar schon, ist aber immer noch witzig. Ich gehe danach zu Horst Lichter über, um mich ein bisschen fremdzuschämen und nehme dann den nächsten Tatort oder Polizeiruf 110, was immer im Angebot ist. Und dann noch die wirklichen Klassiker des Fernsehens: Trucker Babes oder Border Patrol Australia. Aber vielleicht gucke ich auch auf arte Lady Chatterley mit der schnuckeligen Französin Marina Hands, die ich letztens in der schrillen kleinen Serie Eine kleine Lüge gesehen habe.

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