Mittwoch, 16. Mai 2018

Tom Wolfe


Ich war zwei Monate als Blogger im Internet, da gratulierte ich Tom Wolfe zum 79. Geburtstag. Ich hätte ja noch ein Jahr bis zum 80. warten können, aber ich wusste nicht, ob ich dann noch Blogger sein würde oder Tom Wolfe noch leben würde. Er hat noch lange gelebt, vorgestern ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Dennoch war der Märztag 2010 eigentlich sein 80. Geburtstag, ich war nur durch falsche ↝Jahreszahlen getäuscht worden. Wikipedia (deutsch) hält immer noch fälschlicherweise am Geburtsjahr 1931 fest. Der ↝Post vom 2. März 2010 war nicht das einzige Mal, dass der Mann aus den Südstaaten hier einen Auftritt hatte, geben Sie mal seinen Namen in das kleine Suchfeld ein. Es ist erstaunlich, wo er auftaucht. Natürlich in Posts wie ↝Ärmelfutter und ↝Dichtermode, weil ihn Mode mehr interessierte als jeden anderen amerikanischen Schriftsteller. Vielleicht mit Ausnahme von ↝Frederick Seidel. Ich stelle den Post aus dem Jahre 2010 hier noch einmal ein, ich hatte damals noch nicht so viele Leser.

Herzliche Glückwünsche an das whizz kid aus Richmond! Thomas Kennerly Wolfe, Jr. wird heute 79. Er hat sich Tom genannt, weil er nicht mit dem anderen berühmten Thomas Wolfe verwechselt werden wollte. Der, der bei seinem Besuch in Berlin ↝Ernst Rowohlt unter den Tisch getrunken hat. Und diesen Koffer voll Manuskriptseiten abgeliefert hat, aus denen Maxwell Perkins bei Scribners dann Look Homeward, Angel heraus sortieren durfte. Nein, dies ist der Tom Wolfe, der körperlich klein, aber geistig ganz groß ist. Der sich in den siebziger Jahren seinen ersten weißen Anzug bei Vincent Nicolosi in New York machen ließ und seitdem Nicolosis treuester Kunde ist. Die weißen Anzüge sind sein Markenzeichen geworden, schon Mark Twain hatte das erkannt, dass ein weißer Anzug einen großen Wiedererkennungswert hat. Er hat in Yale studiert, hat sogar einen PhD Titel. Begann als Journalist und hat den New Journalism erfunden. Heute assoziiert man ihn mit The Bonfire of Vanities, zu dessen theoretischer Untermauerung er einen langen Essay, ↝Stalking the Billion-footed Beast, geschrieben hat. Rückkehr zum Roman des 19. Jahrhunderts, zu Dickens und (vor allem) Zola war das Rezept, das Dr Wolfe den amerikanischen Schriftstellern verordnete.

Als er noch keinen weißen Anzug trug, hat er The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby geschrieben und den Geist der Sixties eingefangen wie kein zweiter. Ein hypernervöser, vibrierender Stil, geeignet zur Beschreibung von hot rod cars, Las Vegas und Junior Johnson, dem last American Hero. Später werden die American heroes in The Right Stuff wieder auftauchen und ↝Chuck Yeager et al. heißen. Tom Wolfe hat den Begriff New Journalism erfunden und auch einen Sammelband mit einem intelligenten Vorwort über die Anreicherung der Reportage mit literarischen Mitteln versehen. Er war nicht der einzige, der damals so schrieb, auch Hunter S. Thompson hatte es drauf. Und Norman Mailer in The Armies of the Night. Oder die hierzulande weniger bekannte ↝Joan Didion, die eigentlich immer gut ist. Truman Capote sprang auch noch in letzter Minute auf den Zug der non-fiction novel auf und schrieb In Cold Blood. Aufregende Zeiten für die amerikanische Literatur.

Nach den Erfolgen seiner ersten Bücher gab ihm sein Verlag eine carte blanche, und er durfte schreiben worüber er wollte. Er schrieb über Kunst, moderne Kunst und die Kunstkritiker, the kings of cultureburg. Sein Buch The Painted Word war eine Frontalattacke auf alles, was die amerikanische Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte. From Bauhaus to Our House demontiert süffisant die Idolatrie der ↝Bauhaus Architektur: O Beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders? Und er beantwortet die rhetorische Frage, in die er Katharine Bates' America the Beautiful eingebettet hat, mit einem lakonischen I doubt it seriously.

So lesenswert Romane wie Bonfire of the Vanities und A Man in Full sind, ich finde die Essays von The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby und den nachfolgenden Büchern besser. Aber am besten gefällt mir der Tom Wolfe, der der Kunstkritiker und der Literaturkritiker ist. In The Painted Word, in From Bauhaus to Our House, dem Vorwort zu The New Journalism, dem Stalking the Billion-footed Beast und der Jefferson Lecture von 2006. Diese Institution des National Endowment for the Humanities gibt es seit 1972, die crème de la crème Amerikas hat da in Washington gesprochen. Und Tom Wolfe hatte da einen Höhepunkt, als er über La bête Humaine sprach. Ist besser als alles, was amerikanische Präsidenten in letzter Zeit gesagt haben.

Happy birthday, Tom, and many happy returns!

Da der Post damals mit der Erwähnung von amerikanischen Präsidenten endete, sollte ich vielleicht sagen, dass Tom Wolfe, der immer so hip und links wirkt, in Wirklichkeit ein knallharter Konservativer ist. Ich weiß, dass ich damit unser aller Tom Wolfe Bild kaputt mache. Er bewunderte Ronald Reagan (one of the greatest presidents ever) und George W Bush. Donald Trump hat er a lovable megalomaniac genannt. Ich habe in dem Post aus dem Jahre 2010, der nicht häufig gelesen wurde, nichts geändert, nur einige Links eingfügt. Zum Beispiel zu Wolfes programmatischem Aufsatz ↝Stalking the Billion-footed Beast. Tom Wolfe hat sich immer wieder zum Verhältnis des von ihm geprägten New Journalism geäußert. Dass diese neue Form des Schreibens would wipe out the novel as literature’s main event ist wohl ein klein wenig übertrieben. Ich kann hier noch Tom Wolfe aus dem Jahre 1972 mit einem ↝Artikel anbieten, wo er die Entstehung des New Journalism beschreibt.

Ich habe vor Jahrzehnten mal ein Seminar über Tom Wolfe und den ↝New Journalism gemacht. Eine meiner Studentinnnen, die über The Bonfire of the Vanities eine Seminararbeit schreiben wollte, machte etwas Erstaunliches. Sie schrieb dem Professor Dietrich Schwanitz einen Brief, in dem sie sagte, ihr Dozent hätte gesagt, dass sein Roman Der Campus bei Tom Wolfe abgekupfert sei. Professor Schwanitz warf den Brief nicht in den Papierkorb. Nein, er antwortete. Er wolle die Seminararbeit erst sehen, bevor er sich dazu äußere. Die Studentin schickte ihm ihre Arbeit, und Schwanitz schrieb eine lange Stellungnahme, weshalb er was bei Tom Wolfe übernommen hatte. Die Studentin pappte das an ihre Arbeit dran. Bekam natürlich eine eins dafür. Das hätte Tom Wolfe sicher amüsiert.

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