Freitag, 5. September 2014

Photoalbum


Heute vor hundert Jahren hat die Schlacht an der Marne, östlich von Paris, begonnen. In dieser Schlacht ist mein Großvater nicht gewesen. Aber er hat mir davon erzählt. Er hat mir seinen ganzen Krieg erzählt. Über den anderen Krieg, der erst wenige Jahre vorbei war, redete niemand. Seine Spuren konnte man überall sehen. Opas Krieg hatte französische Namen. Ich war sechs und bemühte mich, die vielen fremden Namen zu behalten und richtig auszusprechen. Kemmelberg war ein Name, den ich leicht behalten konnte. St Eloi Estaminet geht mir schwer von der Zunge. In Opas Buch mit den vielen Schlachten und Generälen sahen alle Schlachten auf den gelbbraunen Bildern gleich aus. Opa war nicht mehr jung, als er 1914 in den Krieg zog, da war er schon einunddreißig. Manchmal legte Opa sein Buch zur Seite und holte ein Photoalbum aus dem Schrank.

Das Photoalbum habe ich immer noch. Wenn man in meinem Heimatort ein Photo von einer feierlichen Gelegenheit brauchte, dann ging man zu dem Photographen Erich Maack. Der auch Industrieaufnahmen machte und alle Schiffe photographierte, die der Bremer Vulkan baute. Natürlich alles in Schwarzweiß, mit viel Gelbfilter, sodass die weißen Wolken im Himmel richtig plastisch wurden. Manchmal dachte ich, dass die Industrieaufnahmen von Erich Maack (für dessen ➱Tochter ich mal schwärmte, als ich sieben war) lebendiger waren als seine Portraits.

Solch steife Portraits und Gruppenaufnahmen, wie Erich Maack sie machte, zieren auch die Photoalben, in denen hundert Jahre Familiengeschichte dokumentiert ist. Die Aufnahmen, zum Teil auf steifem Karton, manche mit eingeprägtem Namen des Photographen, haben sich in der Dunkelheit des Photoalbums erstaunlich gut gehalten. Das älteste Bild, Mammis Urgroßmutter aus Epe (was heute Bramsche ist), ist irgendwann einmal von einer Daguerretypie umkopiert worden. Die Verwandtschaft mütterlicherseits ist bis zum Jahre 1900 zurück ziemlich vollständig. Vatis Vorfahren sind unterrepräsentiert, was wohl daran liegt, dass diese Photoalben mit dem Haus in Bremen abgebrannt sind.

Oma Johanna mit ihren schönen Schwestern und deren Männern ist auf vielen Bildern. Die Damen elegant, selbstbewusst, eine nachdenklich. Oma und Tante Margret etwas träumerisch. Die Herren bürgerlich gesetzt, mit Stehkragen und Uhrenkette über der Weste. Dann der erste in Uniform. Mit Pickelhaube, Mantel und Säbel. Und dem Schnurrbart vom Typ es ist erreicht, er könnte für einen Doppelgänger vom Kaiser durchgehen (die Photographie wurde von einem M. Hoffmann in Oldenburg, Heiligengeiststraße 2 gemacht). Vom Kaiser ist auch ein Photo auf diesen Seiten, eine Postkarte Das Kaiserpaar mit seinen Enkelkindern mit der Adresse eines Berliner Hof-Photographen. Der Kaiser trägt natürlich Uniform, und das tun alle abgebildeten Herren auf den nächsten Seiten auch. Es ist Krieg. 

Gleich das erste Photo zeigt Opa und Oma mit dem kleinen Gustav (natürlich im Matrosenanzug), Opa hält seinen Offizierssäbel in der linken Hand, im Knopfloch ist das schwarzweißrote Band vom Eisernen Kreuz. Er guckt etwas griesgrämig, während Oma wirklich nett lächelt. Es sind viele Feldpostkarten in diesem Album. Eine aus dem Mai 1915 von einem jugendlichen Familienmitglied, das zu Hause Krieg spielt. Mit Stehkragen, Norfolkjackett und Knickerbockern, einer Feldmütze, Koppel und der hölzernen Attrappe eines Gewehrs. Die Karte ist an Herrn Heinrich Lemke z.Z. Flandern gerichtet: 

Lieber Heinrich! Zunächst meinen herzl. Glückwunsch zum „Ritter des eisernen Kreuzes“!! Es ist sehr schön, dass Du es hast. Schreib mir doch mal wie Du es bekommen hast. Hier ist alles wohl. Erich + Karl sind wieder in Frankreich in einer grossen Schlacht; Gott beschütze Euch alle. Nun schreib mir bitte bald wieder. Herzl. Grüsse von Deinem Heinz!

Wenig später ist Heinz auch in der grauen Uniform des Heeres, seine Uniform sieht auf dem Photo aus wie eine Wolldecke. Man sieht, dass der Krieg zu Ende geht, die haben kein Geld mehr für richtige Uniformen. Aber Heinz hat den Weltkrieg wie Heinrich, Erich und Karl lebend überstanden. Von Karl kommt 1916 eine Karte aus Cassel [sic] aus einem Lazarett an Oma Johanna. Die sechs Offiziere auf dem Bild in der ersten Reihe dürfen sitzen, zwei Schwerverletzte auch. Der Rest, Mannschaften, Unteroffiziere und Krankenschwestern, stehen. Eine Krankenschwester sitzt in der Bildmitte neben einem Offizier, der sich ganz weltmännisch lässig gibt. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass das Karl ist.

Die Photos von 1915 aus Flandern und 1916 aus der Etappe bei Boulogne zeigen Opa im Kreis seiner Offizierskameraden, und der Text ist lapidar stereotyp. Erst kommt meine geliebte Johanna, dann einen Aufzählung der Herren Leutnants, die mit auf dem Bild sind. Sonst nichts. Also, mit dem Briefwechsel des Bremer Arbeiterehepaars ➱Pöhland kann das nicht mithalten. Wahrscheinlich hat es noch Briefe gegeben, aber davon ist leider nichts erhalten. Ab 1916 trägt Opa auf den Photos einen Stoffbezug über der Pickelhaube, es gibt Photos von Unterständen, von zerstörten Städten. Dann überraschenderweise Photos von einem Russen mit Pelzmütze und folkloristischer Tracht. Da ist Opa in Galizien. Da hat ihm der Kaiser die Hand geschüttelt. Wie oft hat er mir das erzählt! Das ist jetzt die gleiche Front gegen die Russen, an die Joseph Roth seinen Leutnant Trotta versetzt und sterben lässt. Der Hauptmann Lemke aber kehrt wohlbehalten nach Bremen zurück.

Er mag die Uniform aber noch nicht ausziehen. Zwar gibt es jetzt Photos von ihm im grauen Westenanzug im Kreis des Lehrerkollegiums, einmal auch von einem Ausflug mit dem Schreiberdampfer (Gustav und Tante Tilla sind auch mit drauf), aber die meisten Bilder zeigen ihn in der Uniform des Stahlhelms. Militärische Paraden, Aufmärsche, Stahlhelmertreffen auf der Schneekoppe, Stahlhelmertreffen auf dem Kyffhäuser. Dann ein Photo von Opa mit einem Mann in SA Uniform mit einem furchtbar ordinären Gesicht, das ist der neue Ortsgruppenleiter Westphal. Und da zieht Opa seine Uniform aus, mit denen aus der SA will er doch nicht auf einem Photo sein. 

Es gibt wenige Photos, die Opa entspannt zeigen. Selbst auf denen, die ich Jahrzehnte später von ihm mache, ist er immer ernst. Dabei konnte er ja trotz seines westfälischen Dickschädels durchaus witzig sein. Auf einem großen Photo trägt er sogar ein Papierhütchen, da ist er bei einer Feier seiner geliebten ➱Schlaraffia, die den Wahlspruch in arte voluptas hat. Die haben ein Haus in der Breiten Straße, aber hier tagen sie im Theatersaal in der Gerhard Rohlfs Straße (seit den zwanziger Jahren gibt es da, wo vorher die Tonhallen waren, ein Stadttheater). Später wird da das Kino sein, und wenn das pleite ist, entsteht da das Niedrigpreis Warenhaus Kepa, das erheblich zur Verschandelung Vegesacks beigetragen hat. Das Photo muss vor 1933 gemacht worden sein, denn der Bürgermeister Dr. ➱Wittgenstein ist da noch darauf (mit Smoking und diesem seltsamen Papierhut). Den haben die Nazis gleich nach der Machtübernahme aus dem Ort gejagt. Und die Schlaraffia war auch kurz danach verboten. An dieser Stelle endet das Photoalbum, auf das meine Mutter Alte Bilder 1900 bis 1936 geschrieben hat.

Es gibt natürlich noch andere Alben, meine Mutter ist eine begeisterte Photographin gewesen. Mein Vater interessiert sich dagegen überhaupt nicht für die Hobbyphotographie. Wo muss ich drauf drücken? ist immer seine Frage, wenn man ihm eine Kamera in die Hand drückte. Aber die Alben, die jetzt nach 1936 kommen, zeigen wieder beinahe nur Uniformen. Hochzeiten im Krieg, in Uniform mit Paradeschwert, völlig albern. Zeigen mich als Kleinkind, meine Cousine Hannelore (von der ich auch viele Photos aus dieser Zeit bekommen habe) als etwas größeres Kleinkind. Viel aus Bohmte und ➱Bad Essen, wohin sich die Familie geflüchtet hat. Das zerstörte Bremen hat niemand aus der Familie photographiert. Irgendwie liegt die Wirklichkeit hinter den Photos, und das Gedächtnis speichert viel mehr Bilder ab, als ein Kleinbildfilm mit 36 Aufnahmen das kann.

1977 hat Sebastian Haffner zusammen mit dem Regisseur Franz-Peter Wirth den Film Generale – Anatomie der Marneschlacht gedreht. Ohne Kampfszenen, die Schlacht allein aus der Sicht der Generäle. Es ist ein Film, der zeigt, wozu das Fernsehen fähig wäre, wenn es nur wollte. Sie können den Film hier in zwei Teilen sehen (➱Teil 1, ➱Teil 2), es lohnt sich, das anzuklicken.

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