Donnerstag, 4. September 2014

Fallex


Mir geht die Sache mit dem Krieg in diesen Tagen nicht aus dem Kopf. Wir haben ja in diesem Jahr diesen traurigen Jubiläen: den Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren, den des Zweiten Weltkriegs vor fünfundsiebzig Jahren. Und überall ist Krieg, oder es gibt kriegsähnliche Zustände. Sie haben sich wahrscheinlich schon gedacht, dass der Post ➱Gräber gestern aus meinen Bremensien stammte. Er ist da das sechste Kapitel. Vor ihm steht ein Kapitel, das 'Fallex: Der Krieg ist nie zu Ende' heißt. Ich stelle das heute mal hier ein:

Ich habe allerdings diese zweite Heimat (lesen Sie dazu mehr in ➱Zweite Heimat), die Gegend links und rechts des Mittellandkanals, mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende auf eine ganz andere Art und Weise wieder gesehen, bei der die Bombardierung der Brücken des Mittellandkanals wieder aktuell war. Ich war bei einer Wehrübung als Reserveoffizier Schiedsrichter im Rahmen einer Stabsrahmenübung, die den schönen Namen FALLEX und die Jahreszahl trug. Diese Fallex-Manöver (hinter denen sich nur der Begriff fall exercise verbarg) hatten die Bundesrepublik schon in den Jahren zuvor in ihren Grundfesten erschüttert. Fallex 1962 diente dem Spiegel zu seinem Artikel Bedingt abwehrbereit, Konrad Adenauer sprach im Bundestag von einem Abgrund von Landesverrat, Franz Josef Strauß ließ die Spiegel Redaktion in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaften. Ein schmieriger ehemaliger Ritterkreuzträger und Reserveoberst, der wenig später zum Brigadegeneral der Reserve befördert wurde, spielte in der Affäre eine widerliche Chargenrolle. An unserer Schule wird sich später hartnäckig das Gerücht halten, dass unser ehemaliger Schulsprecher Gert dem Spiegel militärisches Material zugespielt hätte. Was aber nicht stimmt, er war damals noch kein Offizier. Es ist ein späterer Skandal (den natürlich auch der Spiegel aufdeckte), bei dem er eventuell der Informant gewesen sein könnte. Wenn die junge Bundeswehr eins hat, dann sind es Skandale. Gerts Karriere haben die Gerüchte nicht geschadet, er wurde noch Oberst im Generalstab. Natürlich bei den Panzeraufklärern, wie es sich für jemanden mit einem alten Adelsnamen gehörte.

Fallex 1966 war das erste Manöver, bei dem die Bundesregierung  in einem Bunker saß und mit zu den Akteuren gehörte (es war nicht die wirkliche Regierung, sondern nur die Bundesregierung [Ueb]). Und wo man endlich die neuen, noch nicht verabschiedeten Notstandsgesetze (wenn auch nur auf dem Papier) ausprobieren konnte. Und sie der SPD so schmackhaft machte, weshalb sie auch den schönen Namen Bunkergesetze bekommen sollten. Auf die Bedenken von Karl Jaspers, den die Deutschen in den fünfziger Jahren noch zu ihrem Lieblingsphilosophen zählten, hörte keiner mehr.

Ansonsten richteten diese Stabsrahmenübungen wenig Schaden an, da keine Truppen beteiligt sind, nur Kommandostäbe von der Kompanie aufwärts bis zur Brigade. Die Schiedsrichter besaßen den ganzen Ablaufplan des Manövers (den die übenden Stäbe nicht kannten) und simulierten zu einem fest gesetzten Zeitpunkt neue militärische Lagen. So konnten junge Reserveoffiziere wie ich Generäle in Angst und Verzweiflung stürzen. Es war ein schönes Gefühl. Meine Überlegenheit gegenüber den Kommandeuren rührte auch daher, dass ich diese ganze Gegend seit meiner Jugend kannte, jene aber häufig nicht in der Lage waren, die ➱Karten richtig zu lesen. Die Schiedsrichter wurden von den übenden Berufsoffizieren gehasst, weil sie das Gefühl der Angst verursachten, die Angst, dass eine falsche Entscheidung das Ende der Karriere bedeuten könnte. Der Hass zeigte sich in tausend kleinen Nickligkeiten, zu deren Krönung es gehörte, dass es nichts zu essen gab. Der Verpflegungswagen war leider immer schon weg, wenn die Schiedsrichter ankamen.

Trotzdem haben mein Jeepfahrer und ich immer gut gegessen in diesen Tagen, weil ich mit ihm zusammen alle Verwandten und alle Freunde meiner Eltern aus den vierziger Jahren besuchte: Gucke mal, Omma, da iss Jay. Der Junge von Marie Luise. Ansonsten spielte man im Manöver militärische Lagen zwischen Blau und Rot durch, die alle Anwohner dieser Gegend noch aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs kannten. Dieser Teil der Übung hieß Herbststurm, das gleichzeitig stattfindende Manöver der DDR hieß Oktobersturm. Man kann heute in den Protokollen des Nationalen Sicherheitsrates der DDR nachlesen, dass sie alle Bundeswehrmanöver sorgfältig ausgewertet haben. Die DDR wusste über das wirkliche Leben in der Bundeswehr damals mehr als der deutsche Verteidigungsminister, das bewies jeden Tag ihr Soldatensender auf 935 Kilohertz (natürlich war es streng verboten, ihn zu hören). Die wussten, wann es einen NATO-Alarm gab, noch bevor der Bataillonskommandeur davon erfuhr.

Am Ende eines Manövers gewinnt immer Blau. Rot, das waren (natürlich niemals ausgesprochen) die Truppen des Warschauer Paktes. Rot durfte nicht gewinnen, auch nicht im Manöver. Die Bundesregierung (Ueb), die bei Fallex 66 zum ersten Mal Krieg spielen durfte, war ja nur bei einem Drittel des Manövers beteiligt worden. Der Rest ging leider nicht so gut für Blau aus. Hätten sie auf die Notstandsgesetze verzichtet, wenn sie gemerkt hätten, dass sie gerade den Krieg verloren hatten? Aber in diesem Herbst war alles anders. Atombomben konnten eingesetzt werden, ohne dass man über Jaspers Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit nachdenken musste. Ab Brigadekommandeur aufwärts durften fünf Kilotonnen geworfen werden. Das Undenkbare war seit Fallex 62 denkbar geworden, auf jeden Fall schon mal in Stabsrahmenübungen. 

Der Brigadekommandeur kam von der Bonner Hardthöhe, dies war sein erstes Truppenkommando. Er war ein Schreibtischkarrierist, der in den ersten Monaten seiner Tätigkeit in dieser Brigade gegen alle Grundsätze der Inneren Führung und der Vernunft verstoßen hatte. Altgediente Offiziere (die zum Teil noch den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatten) wurden von ihm wie Schuljungen behandelt. Auf dem Truppenübungsplatz Munster hatten wir ihm gezeigt, wohin so etwas führt. Eine Nacht lang haben wir Offiziere alle Vorschriften gelesen, mit dem Erfolg, dass in den nächsten zwei Tagen kein einziger Schuss das Rotwild von Munster beunruhigte. Solange kein CO2 Filter in den Schutzmasken der Sanitätspanzerbesatzung war (und die tausend anderen Dinge, die in den Vorschriften stehen, wie zwei unabhängige Fermeldeverbindungen zum nächsten Krankenhaus) wurde hier nicht geschossen. Er hat damals klein beigegeben, aber nicht wirklich etwas daraus gelernt.

Er wusste während des ganzen Manövers nicht so recht, was er tat. Aber er wusste, und das hatten ihm seine Kumpels auf der Hardthöhe wohl vorher ganz klar gemacht, dass er seine Atombombe bis Sonnabendmittag zwölf Uhr Zulu-Zeit geworfen haben musste. Was er auch tat. Ich hatte gerade kurz zuvor das Lagezentrum der Schiedsrichter erreicht, wo an den Wänden speziell dafür umgebauter MAN Fünftonner Karten des Kriegsgebietes von der Porta Westfalica bis Osnabrück hingen, übersät mit farbigen Nadeln und Fähnchen. Der kommandierende Offizier, ein grauhaariger Oberst im Generalstab, hatte schon die feldgraue Uniform mit den karmesinroten Kragenspiegeln für die nachfolgende Besprechung mit der Manöverleitung angezogen. Über seiner obersten Ordensreihe waren kleine Schlaufen. Er trug das Ritterkreuz nicht, wie so viele Offiziere der ersten Stunde, die Schlaufen symbolisierten nur, dass es dahin gehören würde. In unserer Division hatten wir im Stab einen adligen Hauptmann, der niemals mehr befördert werden würde und sozusagen sein Gnadenbrot im Divisionsstab aß. Aber er war ein feiner, vornehmer und melancholischer Mensch, mit ausgesuchten Manieren. Er hatte eine Handbreit von Ordensreihen auf der Brust, Eichenlaub mit Schwertern etc. Er trug keinen seiner Orden, es waren da nur diese leeren Schlaufen.

Der Oberst i.G. nahm den Befehl zum Abwurf der taktischen Atombombe um zwei Minuten vor zwölf selbst am Feldtelephon entgegen. Ungläubig wiederholte er die Koordinaten, während er sie auf der Karte einzeichnete. Ließ sie sich bestätigen. Noch einmal. Und noch einmal. Roger and Out! sagte er. Und in diesem Augenblick rissen alle Funker ihre Kopfhörer von den Ohren und warfen sie voller Begeisterung an die Wagendecke. Der englische Manöverbeobachter, ein Lieutenant Colonel der 11th Hussars (➱Prince Albert’s Own), lächelte still und feinsinnig und nippte an seiner Teetasse. Unser Brigadekommandeur hatte soeben (12 Uhr Zulu-Zeit) seine eigene Brigade mit einer Atombombe vernichtet. Sollen wir trotzdem zünden? fragte ein Artilleriehauptmann den Oberst. Macht es, sagte der Oberst, Er wird diesen Anblick niemals vergessen. Das bezog sich auf einen immens teuren Feuerwerkskörper mit der schönen Bezeichnung Darstellungsmunition, der einmal gezündet den Steuerzahler zwar um 28.000 Mark ärmer machte, aber einen wunderschönen Atompilz produzierte, glücklicherweise ohne die radioaktiven Nebenwirkungen. Die Schiedsrichterbesprechung um 16 Uhr wurde gestrichen. Es gab eine Besprechung, aber die war nur noch für Dienstgrade ab Oberst im Generalstab aufwärts. Wir wurden vergattert, dass wir diese Geschichte niemals, aber auch niemals, erzählen dürften. Als ich nach einem halben Tag mein Bataillon erreichte, kannte schon jeder die Geschichte. 

Ich besuchte vorher noch einmal die Zivilbevölkerung, über die es im geheimen Lageplan hieß: Zivilbevölkerung ist teilweise geflüchtet, größtenteils aber zurückgeblieben ... Die Stimmung ist gedrückt. Familie Brüggemann in Bohmte gegenüber vom Bahnhofshotel (das in den 40er Jahren noch als Selings Hotel weit und breit berühmt war) mochte ich nicht erzählen, dass sie jetzt eigentlich tot wären und dass die ganze zweite Heimat meiner Jugend atomar vernichtet war. Die Karriere des Generals war glücklicherweise auch zu Ende. Er wurde zum Bundesamt für Beschaffung in Koblenz versetzt. Da kann er Wolldecken zählen bis zur Pensionierung und richtet keinen Schaden mehr an, sagte unser S-4, ein kriegsgedienter Hauptmann, dem der Brigadekommandeur ein Jahr zuvor übel mitgespielt hatte.

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