Montag, 18. März 2013

Omnibus


1662: Blaise Pascal gründet in Paris ein Pferdedroschkenunternehmen und markiert damit den Beginn des Personennahverkehrs in Frankreich.
1850: Henry Wells und William Fargo gründen den Eilzustelldienst American Express.
1895: Die erste Buslinie der Welt mit einem benzinbetriebenen Omnibus, eingesetzt durch die Netphener Omnibusgesellschaft, gebaut von Carl Benz, nimmt zwischen Deuz und Siegen ihren Betrieb auf.

Wir können dem Kalendertext entnehmen, dass Philosophen doch für etwas gut sind, erfinden den Omnibus. Aber irgendwie ist das mit diesen drei Ereignissen in der Geschichte der Personenbeförderung auch etwas unheimlich. Alle drei am 18. März. Haben sich die Herren Wells und Fargo und die Netphener Omnibusgesellschaft gesagt, sie wollen den Jahrestag des Beginns des Pariser Omnibusverkehrs begehen? Natürlich gab es in Paris schon Pferdedroschken, bevor es den Omnibus im Frühjahr 1662  gab. Man konnte sie für eine Stunde oder für einen Tag mieten, ihr Hauptstandort soll in der Rue Saint-Fiacre gewesen sein. Der Heilige Fiacrius ist natürlich auch der Namensgeber für den Fiaker, ein Beförderungsmittel, das sich als Wort nur noch im Österreichischen hält.

Der Pariser Busverkehr, der seine Existenz einem Dekret von Louis XIV verdankt, bestand in seinen besten Zeiten aus sieben Kutschen (die acht Personen befördern konnten), die zu festen Zeiten von einer Haltestelle abfuhren. Gleichgültig, ob alle Plätze besetzt waren oder nicht. Es gibt einen Fixpreis für die Kutschen, die deshalb carosses à cinq sous heißen werden. Aber geben wir doch dem Sonnenkönig, der die Omnibuslinie eines Tages selbst benutzen wird, doch selbst das Wort:

LOUIS, PAR LA GRACE DE DIEU, Roy de France & de Navarre, A tous presens & à venir, SALUT. Nostre cher & bien amé le Sieur de Givry, l'un de nos Escuyers ordinaires, Nous ayant trés-humblement supplié de luy vouloir accorder la permission d'établir dans les Carrefours & lieux publics & commodes de nostre bonne Ville de Paris, pour la commodité publique, tel nombre de Carrosses, Calesches & Chariots attelez de deux Chevaux chacun, qu'il jugera à propos, pour estre exposez depuis les sept heures du matin jusqu'à sept heures du soir, dans lesdits Carrefours & lieux publics & commodes, & estre loüez à ceux qui en auront besoin, soit par heure, demy-heure, journée, demy-journée ou autrement, à la volonté de ceux qui s'en voudront servir pour estre menez d'un lieu à l'autre, où leurs affaires les appelleront, tant dans nostredite Ville & Fauxbourgs de Paris, qu'à quatre & cinq lieuës des environs d'icelle, soit pour les promenades des particuliers, ou pour aller à leurs maisons de la campagne: Nous aurions par nostre Brevet du dernier jour d' Avril de la presente année, accordé ladite permission audit Sieur de Givry, lequel nous a requis de luy en faire expedier nos Lettres sur ce necessaires. /.../ Faisant à cette fin, trés-expresses inhibitions & deffenses à toutes personnes, de quelque qualité & condition qu'elles soient, de faire ny souffrir estre fait aucun établissement des Carrosses, Calesches & Chariots de loüage, dans nostredite Ville & Fauxbourgs de Paris, que ceux qui se trouveront estre vallablement par Nous autorisez, sans avoir la permission dudit Sieur de Givry, & de sesdits successeurs& ayans cause, à peine contre les contrevenans de trois mil livres d'amande & confiscation des établissemens qu'ils pourroient faire.

Keine Erwähnung von Blaise Pascal als Erfinder des Busverkehrs, aber die Sache stimmt schon, dass er die Idee zu dem Ganzen hatte und auch Anteile an dem Unternehmen hielt. Weil er als Philosoph ja wusste: Zu unserer Natur gehört die Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod. Er hatte nicht so viel von seiner Idee, als der Omnibusverkehr ins Rollen kam, war er schon tot. Ich weiß auch nicht, ob er das Theaterstück L'Intrigue des carosses à cinq sous, im Théâtre Royal du Marais noch gesehen hat. Ich weiß jetzt auch nicht, ob man für dieses Stück schon Kutschen auf der Bühne hatte. Aber falls es Sie interessiert kann ich Ihnen sagen, dass das erste Automobil im Jahre 1903 in ➱Shaws Theaterstück Man and Superman auf der Bühne stand. Wir wissen nicht genau, wie die Kutschen des öffentlichen Nahverkehrs, die ihre Endstationen an der Porte St. Antoine und dem Palais de Luxembourg hatten, überhaupt aussahen. So wie die ➱Stagecoach von Well Fargo bestimmt nicht. Manche Quellen sprechen davon, dass sie wie die Kutschen auf den Bildern von Adam Frans van der Meulen ausgesehen haben, deshalb habe ich hier ein Bild von ihm.

Von der Inbetriebnahme des öffentlichen Nahverkehrs in Paris haben wir unterschiedliche Zeugnisse. Pascals Schwester Françoise Gilberte versichert in einem Brief, dass ganz Paris begeistert war. Allerdings kann man in Henri Sauvals Histoire et recherches des antiquités de la ville de Paris (1724) lesen, dass es Buhrufe gab und Steine geschmissen wurden. Die carosses à cinq sous waren beim Publikum kein Renner. Trotz des moderaten Fahrpreises wurden sie von den breiteren Bevölkerungsschichten nicht angenommen, sie waren eher ein Spielzeug für den Pariser Adel. Das ganze ➱Unternehmen schlief nach kurzer Zeit ein. Schon Pascal konnte kurz vor seinem Tod sehen, dass viele Kutschen leer fuhren. Es wird Jahrhunderte dauern, bis es in Paris wieder einen Busverkehr gibt. Natürlich kann man auch mit der Métro fahren, aber dann sieht man nichts von der Stadt.

Wenn Sie ganz schnell durch Paris wollen, dann schauen Sie sich diesen kleinen Film von Claude Lelouch ➱hier an. Ja, ich weiß, dass ich den schon in den Posts ➱Ma nuit chez Maude und ➱Jean Louis Trintignant erwähnt habe. Aber ich sehe ihn immer wieder gerne, weil er mich an diese Nacht in Paris im Jahre ➱1959 erinnert.

1 Kommentar:

  1. Und mittlerweile gibt es sogar wieder Trambahnen in Paris, allerdings anders als bis in die Zwischenkriegszeit nicht mehr auf der Straße, sondern auf eigenem Planum. Das waren Zeiten, als noch mehr Straßenbahnen als Autos den Triumphbogen umkreisten...
    aber sie wurden alle abgelöst durch Buslinien, die angeblich so viel schneller waren - aber ständig im Stau steckten.

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