Mittwoch, 20. März 2013

Der wissenschaftliche Witz


Nein, es geht hierbei nicht - obgleich der Titel das vermuten lässt - über das peinlich zusammengestückelte Elaborat, mit dem eine Annette Schavan zum doctor philosophiae promoviert wurde. Diejenige, die vom Vorwurf der Täuschung bis ins Mark getroffen wurde. Hat sie endlich die inkriminierten Stellen im Internet gelesen? Aber es geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität, hat sie verlauten lassen. Integrität? Aus welcher Trickkiste zaubern die spin doctors, die ihr die Reden schreiben, nur diese hehren Worte? Doch man muss bedenken, es geht noch schlimmer: Gemessen an Schirrmachers Uminterpretationen von Quellen ist eine Annette Schavan geradezu ein Musterbeispiel an Seriosität, schreibt jemand im Blog des Merkur. Falls Sie sich nicht mehr daran erinnern sollten: dieser Herr Doktor Schirrmacher von der FAZ (der nach seinen Erzählungen als Kind nach Äthiopien entführt wurde) hat sich seinen Doktortitel auf eine sehr komische Weise ➱erschlichen. Doch die Menschen kaufen trotzdem seine Bücher, er kann schreiben was er will. Aber um diese Form des wissenschaftlichen Witzes - der ja eher ein schmutziger Witz ist - soll es nicht gehen. Auch nicht um zerstreute Professoren, die sich in ihrem Vorlesungsmanuskript notieren: an dieser Stelle pflege ich immer einen Witz zu machen. Und dann im Hörsaal vorlesen: an dieser Stelle pflege ich immer einen Witz zu machen. Ist witzig, ist aber peinlicherweise auch wirklich geschehen.

Als ich meine Doktorarbeit im Dekanat der Fakultät abgeben wollte, fragte mich mein Doktorvater, ob ich darin auch einen kleinen wissenschaftlichen Scherz eingebaut hatte. Ich war etwas verblüfft, aber er erklärte mir, dass es wissenschaftlicher Usus wäre, in akademischen Arbeiten so etwas unterzubringen. Ist in der Welt der Academia offensichtlich so etwas Ähnliches wie im Schimmelreiter - soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein. Als meine Arbeit ein halbes Jahr später als Buch erschien (und von der Zeit wohlwollend rezensiert wurde), sagte mein Professor tadelnd zu mir Sie haben aber keinen Scherz hineingeschrieben. Hatte ich doch, aber der war sehr sophisticated. Es war ein Scherz, den sich einer der von mir behandelten Autoren mit dem englischen Who's Who erlaubt hatte, als er der Redaktion einen völlig fingierten Lebenslauf untergejubelt hatte: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Der Autor war niemals in Eton und Oxford, sein Vater war lediglich Chauffeur. In den letzten vierzig Jahren ist kein Rezensent über diesen kleinen injoke gestolpert.

Als Heinz Ludwig Arnold die dritte Auflage von Kindlers Literaturlexikon vorstellte, merkte er an, dass man natürlich auch in diesem Nachschlagewerk einige Autoren und Werke untergebracht habe, die nicht existierten. Und so sind die seriösesten Publikationen nicht vor dem Ulk gefeit. Ein Artikel wie: Stein|laus: (engl.) stone louse; syn. Petrophaga lorioti; kleinstes einheim. Nagetier aus der Fam. der Lapivora (…) Übertragung: durch Nahrungsaufnahme, Speichel (sog. stone louse kissing disease nach ICD-10), Einatmen von Steinstäuben; Sympt. bei St.-Befall: Euphorie* mit typ. Mimik (Kontraktion des Musculus* risorius u. Musculus* orbicularis oculi) (…) Klin. Bedeutung: (…) Lausotoxin-Injektion in Gesichtsmuskeln (begünstigt Entstehung von Lachfalten) (…) auf S. 1826 des angesehenen Medizinlexikons Pschyrembel (261. Aufl. Berlin 2007) wird Loriot Freunde sicherlich begeistern.

Die Herausgeber waren in einer Bierlaune, hat Martina Bach vom Verlag Walter de Gruyter dazu gesagt. Wahrscheinlich galt das auch für die Herausgeber von Pschyrembel Naturheilkunde und alternative Heilverfahren, die folgenden Artikel in Pschyrembel Naturheilkunde und alternative Heilverfahren unterbrachten: Kurschatten: umgangssprachlich Bez. für eine Person in einer zeitlich u. räumlich auf den Kuraufenthalt beschränkten Partnerschaft; als natürliches Mittel zur Förderung des Kurerfolges schulmedizinisch anerkannt, infolge der besonderen alternativmedizinischen Eigenheit jedoch ethischen u. familienpolitischen Bedenken ausgesetzt; wohl deswegen nicht regelmäßig Teil des Kurplans*. Gelegentliche Initiativen, dies zu ändern (…), scheiterten schon in den Ansätzen am Widerstand der Krankenkassenträger u. Kirchen.

Was Nachschlagewerken recht ist, ist Wikipedia billig. Auch hier gibt es Scherzbolde, die absoluten Unsinn in einem Artikel unterbringen. Der Satz Schaukal wird 1942 in Wien geköpft, wo er zuletzt mit seiner Familie in der Cobenzlgasse 42 im XIX. Wiener Gemeindebezirk wohnte stand im Artikel zu Richard Schaukal lange im Netz, bis der Quatsch am 14.10.2007 gelöscht wurde. Sehr witzig fand ich im Artikel über den Eid des amerikanischen Präsidenten: It is uncertain how many Presidents used a Bible or added the words "I Love Cheese" at the end of the oath, as neither is required by law; unlike many other federal oaths which do include the phrase "So help me God."  Und angeblich haben alle Präsidenten seit Franklin Delano Roosevelt das Wort Käse oder So Cheese Me God  im Text untergebracht. Es war der Morgen der Vereidigung von Barack Obama, ich wollte den Text der Vereidigung in einem Kurs behandelt und hatte deshalb den Wikipedia Artikel angeklickt. Saß für einige Minuten sprachlos vor dem Computer. Wenig später war der Text verschwunden, aber in der Geschichte der Änderungen ist die Seite natürlich aufbewahrt.

Der fingierte Lexikonartikel, auch lateinisch Nihilartikel genannt, ist kein Einzelfall. Er besitzt inzwischen auch schon einen Wikipedia Artikel. Bei dem wir mal hoffen wollen, dass er seriös ist. Aufwendiger als die Fälschung eines Lexikonartikels ist es, wenn man einen wissenschaftlichen Artikel in einer renommierten Fachzeitschrift plaziert, der garantiert nichts bedeutet. Was dem New Yorker Professor Alan David Sokal mit seinem Aufsatz ➱Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity gelungen ist. Das führte zu der sogenannten Sokal Affäre, in der die Wissenschaft ganz schön alt aussah. Sokals Artikel zeigte aber auch, wie leicht Wissenschaft zu parodieren ist.

Oder in den Worten des Handbuchs der KommunikationsguerillaEin gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen […]. Ziel ist, […] einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird. Das Handbuch der Kommunikationsguerilla gibt es tatsächlich, seinen Autor Luther Blisset (Bild oben) wird man wohl vergeblich suchen.

Manche Buchtitel wird man vergebens suchen. Wenn Ihnen jemand ➱Band II von Heideggers Sein und Zeit anbietet, sollten Sie vorsichtig sein. Auch der zweite Band von Wollschlägers Herzgewächse ist nicht erschienen. Hinter diesen Titeln stehen Schicksale, aber es gibt auch Titel, die aus Daffke eine Titelaufnahme einer Bibliothek bekommen haben. Niemand hat je überprüft, ob es zu diesem Buchtitel auch wirklich ein Buch gibt. Das liebste Buch von solchen Titeln ist mir Das goldene Abenteuer: welches Entzücken es uns bereitete, gemeinsam Neues zu lernen von Astrid Nielsen und Heike Urquhart-Tempel (9. Aufl. Kiel. EmDeVau-Verl. 1998. VII, 1.621 S.. BWZ-MAUS. ISBN 3-1606-170-1). Steht so im KVK, aber leider wird niemand die 1.621 Seiten lesen können. Ebenso wenig wie die Werke von Herbert Quain. Falls Sie allerdings glauben sollten, dass der Titel Vampyrologie für Bibliothekare von Eric W. Steinhauer nicht existent wäre, den gibt es wirklich.

Ich habe in einem Donald Duck Forum die Frage gelesen: Geschätzte Donaldistinnen und Donaldisten Verfügt jemand über den Beitrag «Entenhausen – das neue Jerusalem», der seinerzeit wohl im «Der Donaldist» erschienen, aber zurzeit nicht abrufbar ist, und könnte mir diesen gegen Bekanntgabe meiner neuen E-Mail-Adresse in elektronischer Form bitte zustellen? Oder weiss jemand, wie das Archiv erreichbar ist? Oder kann mir den Text jemand kopieren, bitte? Oder kennt jemand einen heimlichen Link ins Archiv? Danke vielmals für sachdienliche Mitteilungen.

Ich kann an dieser Stelle versichern, dass Entenhausen – das neue Jerusalem tatsächlich existiert. Weil ich einer der Autoren bin. Eigentlich war es eine Art Bierzeitung, eine Wissenschaftssatire auf das Institut, an dem wir damals studierten. Aber dann fand Hans von Storch (kein Witz, der heißt wirklich so) das so witzig, dass er den Text als Sonderheft No. 1 von Der Hamburger Donaldist hat erscheinen lassen. Ich habe hier sogar eine Abbildung des Titelblatts, im Gegensatz zu dem Photo von Luther Blisset ist die garantiert echt. Und das Ganze war auch höchst wissenschaftlich. So wurde zum Beispiel streng philologisch der Nachweis geführt, dass Onkel Dagobert der Teufel war. Weil, das wissen wir alle, der Name Dagobert aus dem Altenglischen kommt. Wo daeg Tag heißt und beran tragen bedeutet, Dagobert ist also ein Lichtbringer. Auf Lateinisch Lucifer. Quod erat demonstrandum. Mit solchen Witzen wollten wir gegen den am Institut grassierenden Unsinn protestieren, alle Namen in literarischen Werken mit einer weit hergeholten Symbolik zu befrachten.

So lange ein solcher Titel wie Das goldene Abenteuer nur als Karteileiche in einem Katalog existiert, kann er nichts Schlimmes anrichten. Schlimm wird es allerdings, wenn sich jemand auf Grund von nicht vorhandenen Publikationen (die angeblich bei einem Schiffsunglück vor Neuseeland alle verloren gegangen waren) eine Professur erschleicht. Gibt es nicht, werden Sie sagen. Gibt es doch. Glücklicherweise gibt es das Spiegel Archiv, das diese wunderbare ➱Geschichte aufbewahrt hat, wie ein Felix Krull der Wissenschaft mit einem kleinen Heftchen mit dem Titel Englisch für Eisenbahner in Deutschland ordentlicher (?) Professor werden konnte. Das mit den nicht existierenden Büchern ist ja ganz nett, solange Borges, Stanislaw Lem (Die vollkommene Leere) oder Susanna Clark (Jonathan Strange & Mr Norrell) das betreiben, aber neuerdings scheint es auch zu einem wissenschaftlichen ➱Trend zu werden. Frei nach dem Motto: Plagiate sind out, wir zitieren jetzt nicht existierende Bücher. Ein Buchtitel wie Das Google-Copy-Paste-Syndrom ist von keinem Satiriker erfunden worden, auch dieses Buch gibt es. Es stammt von einem Dr. Stefan Weber, der einen Blog mit dem Namen Blog für wissenschaftliche Redlichkeit betreibt. Irgendwie kommt mir das jetzt vor wie Realsatire.

Mein kleiner Scherz in meiner Arbeit mit dem falschen Lebenslauf im Who's Who hat neuerdings den Namen U-Boot. So belehrt uns der Wikipedia Artikel Betrug und Fälschung in der WissenschaftAls U-Boot wird eine absichtlich falsche, frei erfundene Fußnote in wissenschaftlichen Arbeiten bezeichnet. Sie dient dazu, die Aufmerksamkeit des Prüfers zu testen. Unbemerkte U-Boote gelten als Beleg der Fähigkeit, Unsinn so gut wissenschaftlich darzustellen, dass es dem Fachmann nicht auffällt. Das Wort scheint nicht mehr in diesem engen Sinn gebraucht zu werden, inzwischen werden auch fingierte Lexikonartikel U-Boot Artikel genannt. Wenn man seit dem Skandal um Herrn von und zu Guttenberg diese Seiten im Internet liest, die sich mit Plagiaten beschäftigen, lernt man ständig neue Wörter hinzu. Wie eben das U-Boot. Oder das Bauernopfer. Das ist eine Fußnote zu einem unbedeutenden Teil eines Originaltexts, größere Abschnitte aus demselben ohne Zitatnachweis übernommen. Die Dissertation von Frau Schavan ist voller Bauernopfer, vielleicht wäre sie als Landwirtschaftsministerin besser aufgehoben gewesen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten