Dienstag, 10. März 2015

Eisernes Kreuz


Heute vor 202 Jahren hat der König Friedrich Wilhelm III von Preußen den Orden des Eisernen Kreuzes gestiftet. Die Kabinettsorder zur Ordensstiftung war auf den 10. März zurückdatiert worden. Das war der Geburtstag der verstorbenen Königin Luise. Symbolik muss jetzt in den letzten Jahren des Kampfes gegen Napoleon sein. Das Kreuz musste auch aus Eisen sein, nicht aus Silber oder Gold. Wochen später gab es in Preußen eine Sammelaktion Gold gab ich für Eisen, und das kitschige Bild der Ferdinande von Schmettau, die ihr goldenes Haar opfert, wird man nicht mehr los. Auf jeden Fall nicht, wenn man es als Fünfjähriger in einem von Opas Büchern mit Historienbildern entdeckt hat.

Der Dichter Max von Schenkendorf fühlte sich bei seinem Gedicht Das eiserne Kreuz an die deutschen Ordensritter erinnert, die ja schon ein ähnliches Kreuz wie das von ➱Karl Friedrich Schinkel entworfene Symbol besaßen:

War das alte Kreuz von Wollen,
Eisern ist das neue Bild,
Anzudeuten, was wir sollen,
Was der Männer Herzen füllt.

Denn nur Eisen kann uns retten,
Und erlösen kann nur Blut,
Von der Sünde schweren Ketten,
Von des Bösen Uebermuth.

Heil'ges Kreuz, ihr dunkeln Farben,
Seid in jede Brust geprägt.
Männern, die im Glauben starben,
Werdet ihr aufs Grab gelegt.

Um die kühnen Heldengeister
Schlingt sich dieses Ordens-Band,
Und der König ist sein Meister,
Der das alte Zeichen fand.


Das Kreuz aus Eisen sollte als Auszeichnung nur in diesem einzigen Krieg, den man gegen Napoleon führte, verliehen werden. Sonst nie wieder. Die Worte des Monarchen waren da ganz klar: Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. etc. 
        In der jetzigen großen Katastrophe, von welcher für das Vaterland Alles abhängt, verdient der kräftige Sinn, der die Nation so hoch erhebt, durch ganz eigenthümliche Monumente geehrt und verewigt zu werden. Daß die Standhaftigkeit, mit welcher das Volk die unwiderstehlichen Übel einer eisernen Zeit ertrug, nicht zur Kleinmüthigkeit herabsank, bewährt der hohe Muth, welcher jetzt jede Brust belebt und welcher, nur auf Religion und auf treue Anhänglichkeit an König und Vaterland sich stützend, ausharren konnte.
        Wir haben daher beschlossen, das Verdienst welches in dem jetzt ausbrechenden Kriege, entweder im wirklichen Kampf mit dem Feinde oder außerdem im Felde oder daheim jedoch in Beziehung auf diesen großen Kampf um Freiheit und Selbständigkeit, erworben wird, besonders auszuzeichnen und diese eigenthümliche Auszeichnung nach diesem Kriege nicht weiter zu verleihen.
        Dem gemäß verordnen Wir wie folgt:
1. Die nur für diesen Krieg bestehende Auszeichnung des Verdienstes Unserer Unterthanen um das Vaterland ist das eiserne Kreuz.

Andere Orden sollten während des Krieges nicht verliehen werden: Die Militair-Ehrenzeichen erster und zweiter Klasse werden während der Dauer dieses Krieges nicht ausgegeben; auch wird die Ertheilung des rothen Adler-Ordens zweiter und dritter Klasse so wie des Ordens pour le mérite, bis auf einige einzelne Fälle, in der Regel suspendirt. Das eiserne Kreuz ersetzt diesen Orden und Ehrenzeichen und wird durchgängig von Höheren und Geringeren auf gleiche Weise in den angeordneten zwei Klassen getragen. Der Orden pour le mérite wird in außerordentlichen Fällen mit drei goldenen Eichenblättern am Ringe ertheilt. Wenn der Pour le Merite verliehen wurde, erhielten ihn damals vorzugsweise ausländische Militairs.

Man hat sich an den Satz Die nur für diesen Krieg bestehende Auszeichnung des Verdienstes Unserer Unterthanen um das Vaterland ist das eiserne Kreuz nicht gehalten, das Eiserne Kreuz ist noch in vielen Kriegen verliehen worden. Und selbst, wenn es heute nicht mehr verliehen wird, sieht das Hoheitszeichen der Bundeswehr immer noch so aus wie das Design aus Deutschem Orden und ➱Schinkels Neoklassizismus.

Das Eiserne Kreuz sah eigentlich immer gleich aus, und eigentlich hätte es nur eine Klasse geben dürfen. Es gab aber zwei und dann noch ein Großkreuz (Das Großkreuz kann ausschließlich nur für eine gewonnene entscheidende Schlacht... der Kommandirende erhalten), das am Halse zu tragen war: All animals are equal, but some animals are more equal than others. Um die erste Klasse zu bekommen, musste man zuerst das Kreuz zweiter Klasse bekommen haben: Die zweite Klasse des eisernen Kreuzes soll durchgängig zuerst verliehen werden; die erste kann nicht anders erfolgen, als wenn die zweite schon erworben war. Nur einer hatte sein ganz eigenes Eisernes Kreuz. Das war nicht der König, das war unser Feldmarschall ➱Blücher. Es war eine Sonderform des Großkreuzes, die den Namen Blücherstern erhielt.

Mein Opa hatte auch ein Eisernes Kreuz. 1914 steht darauf, es muss die Erste ➱Flandernschlacht gewesen sein, in der er es bekommen hat. Opa hatte auch das weinrote Hanseatenkreuz, er bewahrte die Orden in einer kleinen Schachtel auf. Heute liegt die Schachtel bei mir in der Schreibtischschublade. Das ist das Schicksal der Orden, sie landen in kleinen Schachteln, die deutsche Vergangenheit liegt in den Schubladen. Der Bruder meines Freundes Jimmy hat kurz vor Weihnachten den Pour le Merite Orden gefunden, den der Kaiser ihrem Opa verliehen hatte. Was macht man damit? ➱Ernst Jünger wusste das, er hat seinen bei jeder Gelegenheit getragen.

1939 wurde das Eiserne Kreuz wieder eingeführt. Man brauchte offensichtlich diese deutsche Tradition, so wie man sie 1870 und 1914 gebraucht hatte. Ich weiß nicht, wo das Eiserne Kreuz meines Vaters geblieben ist. Er hat es 1942 bekommen, steht in seinem Wehrpaß. Da ist auch noch das Verwundetenabzeichen in Schwarz und in Silber vermerkt. Und die Ostmedaille, die bei der Truppe nur Gefrierfleischorden hieß. Mein Vater hat den ganzen Wahnsinn überlebt, eine Vielzahl von Granatsplittern hat er im Körper behalten.

Das weinrote Hanseatenkreuz am Ordensband der Speckflagge war im Ersten Weltkrieg eine Ausnahme. Die Hansestädte haben es nicht so mit den Orden. Die Freie Hansestadt Bremen hat als einziges Bundesland gegen die Einführung des Bundesverdienstkreuzes gestimmt. Bremen und Hamburg sind auch die einzigen Bundesländer, die keinen landeseigenen Verdienstorden gestiftet haben. Und das ist ja auch gut so. Bremer nehmen eh nie einen Orden an. Als Wilhelm II dem Bremer Senator Alfred Dominicus Pauli einen Orden verleihen wollte, befragte der spätere Bürgermeister erst einmal den Bremer Senat. Der befand: Von altersher ist es Gebrauch, daß Decorationen von Senatsmitgliedern niemals angenommen werden, und so empfiehlt es sich auch – abgesehen von anderen Gründen – schon um deswillen hieran festzuhalten. Auch weil der Bremer Senat nicht in der Lage ist, derartige Höflichkeiten zu erwidern. Pauli nahm den Orden nicht an.

Sechzig Jahre später schrieb der Bürgermeister Theodor Spitta dem Bundespräsidenten ➱Heuss: Der Senat fühlt sich auch heute noch an einen sehr alten Beschluß gebunden. Dieser Senatsbeschluß ist nicht Ausdruck irgendeines unberechtigten und unangebrachten Stolzes oder eine allgemeine Ablehnung des Ordensgedankens überhaupt, sondern entspricht einer besonderen, jahrhundertealten hanseatischen Tradition, die in unserer Bevölkerung noch heute lebendig und auch in mir als geborenem Bremer wirksam ist. Und lehnte den Orden, der ihm zugedacht war, ab.

Hier huldigen die deutsche Fürsten dem Kaiser Franz Joseph zu seinem sechzigsten Thronjubiläum (an dieser Stelle kann ich vielleicht die Lektüre von ➱Radetzkymarsch empfehlen). Ganz rechts steht ohne jeden Orden der Hamburger Bürgermeister Johann Heinrich Burchard. Wo er steht, ist Hamburg, darauf ist man in Hamburg stolz. Selbst wenn die Amtstracht mit dem Mühlsteinkragen letztlich genau so lächerlich aussieht wie die Uniformen der Fürsten.

Die Amtstracht der Hamburger, die man dort Senatsornat nennt, ist alt. Dies ist natürlich kein Hamburger Bürgermeister, das ist Peter Paul Rubens mit seiner Gattin. Der Kragen, den sie trägt, ziert auch Heinrich Burchard, und das gibt schon einen Hinweis auf die modehistorische Herkunft dieser Verkleidung. Es ist die sogenannte spanisch-niederländische Hoftracht, die die Hamburger Bürgermeister seit dem 17. Jahrhundert (mit Ausnahm der Franzosenzeit) immer getragen haben. Bürgermeister Burchard ist in diesem Blog schon einmal erwähnt worden, lesen Sie doch einmal den Post ➱Jungfernstieg. Wenn ich noch mehr Leser brauchte, würde ich die Schlagzeile dazu setzen: Dänenkönig stirbt in Hamburger Puff!

Eigentlich braucht man wirklich keine Orden, die Bremer haben da schon recht. Ich möchte am Schluss eine kleine Geschichte erzählen, die ich irgendwo bei Karl Lerbs gelesen habe, aber jetzt nicht wiederfinde. Der Bremer Schriftsteller war auch als Übersetzer tätig, er hat Oscar Wildes An Ideal Husband übersetzt und das Drehbuch zu Lady Windermeres Fächer geschrieben. Und er hat (neben Sherwood Anderson) auch Duff Coopers Talleyrand übersetzt, ein Buch, das ich mit achtzehn zum Geburtstag geschenkt bekam. Ich habe den großen Dandy Duff Cooper schon ➱mehrfach erwähnt, irgendwann schreibe ich mal über ihn. Bremer kennen Lerbs eigentlich nur als Autor von Büchern voller Schnurren und Anekdoten, die Der Lachende Roland und ähnlich heißen. Diese Geschichte handelt von einem Bremer Schlepperkapitän. Nennen wir ihn einmal Sengstake. Der schippert den Kaiser Willem durch den Bremer Hafen, nicht zum ersten Mal. Und Majestät erkundigt sich in vorwurfsvollem Ton, warum er den schönen Orden denn nicht trüge, den er ihm beim letzten Mal verliehen habe. Da sagt Sengstake: Aber Majestät, den trag ich doch nur bei ganz feierliche Gelegenheiten.

Das wird nur noch übertroffen durch das kleine Gedicht Die Orden, das Carl Spitzweg 1865 verfasste, als man ihm den Orden vom Heiligen Michael verliehen hatte:

Wenn einer einen Orden kriegt,
Bei uns ist's so der Brauch,
Sagt jeder grad ihm ins Gesicht:
"Verdient hätt ich ihn auch!"
Wahrhaft erfreulich ist dies schon,
Es gibt ein treues Bild.
Wie hoch muß stehen die Nation,
Wo jeder sich so fühlt.

Lesen Sie auch: ➱Uniformen, ➱Nelsons Orden

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