Freitag, 6. März 2015

Giftmord


Der Journalist des Bremischen Unterhaltungsblatts entdeckte im April 1831 in dem Gesicht der Toten edle Züge: Sehr interessant ist der Anblick dieses Kopfes. Die Gutmüthigkeit schauet auch im Tode noch aus allen Zügen. Mit Mühe sucht jeder die Züge der Bosheit, der Arglist, der Mordsucht zu entdecken, weil jeder diese finden will. Aber jene Züge des Edlen stellen sich überall dar. [...] Dieser Ausdruck ihres Gesichts, der den Trieben ihrer schwarzen Seele so zuwider war, macht uns die Möglichkeit erklärbar, daß ihre bösen Handlungen so lange unentdeckt bleiben konnten. Vertrauen erweckte sie allgemein, und jedes Mißtrauen verschwand vor ihrer Freundlichkeit, ihrer Dienstfertigkeit und ihrer Aufmerksamkeit. So wußte sie alle guten Menschen für sich zu gewinnen. Er schreibt über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried. Die begann ihre Untaten, indem sie ihren ersten Mann vergiftete: Der Mann, den ich in meinem Herzen haben möchte – wie der gemacht sein muss, will ich dir sagen, Johann: Der Mann muss akzeptieren, dass die Frau Verstand in ihrem Kopf hat und Vernunft! Kann sein, dass dieser Mann noch nicht geboren ist. So werd' ich mich enthalten können.

Das sind nicht originale Sätze von Gesche Gottfried, das legt ihr ➱Rainer Werner Fassbinder in den Mund. Und das hier im Fernsehbild von 1Plus ist auch nicht die wirkliche Gesche Gottfried, das ist Margit Carstensen in Fassbinders Bremer Freiheit: Frau Geesche Gottfried - Ein bürgerliches Trauerspiel. Ein Theaterstück, das er nicht unbedingt als Emanzipationsstück sehen wollte: Sicher sagt das was über die Frauenbewegung aus, weil die Möglichkeiten, zu denen Frauen greifen, wenn sie sich emanzipieren wollen, sind halt sehr beschränkt. Ich mein, die Gesellschaft, in der wir alle leben, ist eine von Männern gemachte Gesellschaft, in der die Frauen nur so 'ne Wehrmechanismen haben, die ihnen natürlich auch 'ne gewisse Macht gibt, auch 'ne große Macht innerhalb der Familie gibt. Aber das sind alles kranke Verhältnisse, ich mein, das ist alles nicht sehr gesund, ganz bestimmt nicht.

Margit Carstensen ist nicht die einzige Gesche Gottfried auf der Leinwand gewesen, 1973 hatte es eine dänische Version (Fru Geesches frihed) von Fassbinders Drama mit Birgitte Federspiel gegeben. Und 1978 konnte man Sabine Sinjen in der ARD sehen. Dies hier ist Geno Lechner 1997 in Walburg von Waldenfels' Film Gesches Gift (Margit Carstensen spielt in dem Film die Mutter der Mörderin).

Neuerdings gibt es immer wieder Stimmen, die weniger aus der Geschichtsschreibung als aus der Popular Culture kommen, die die Bremer Giftmörderin mit der Emanzipationsdiskussion verknüpfen. Das macht zum Beispiel der Worpsweder Autor Peer Meter, der zusammen mit der Zeichnerin Barbara Yelin das Buch Gift veröffentlicht hat (vielen Dank für dieses schön-scheußliche Geschenk, lieber Götz). Ein Rezensent bemängelte zu Recht diesen Versuch, die Morde der Gesche Gottfried vorderhand als Akt weiblicher Emanzipation präsentieren, schloss die Rezension aber mit dem Satz: Nichtsdestotrotz täte man Yelin und Meter absolut unrecht, würde man behaupten, ihre Graphic Novel «Gift» richte sich an Feministinnen, die sich in ihrem Groll gegen eine von Männern regierte Welt einmal mehr bestätigt fühlen wollen. Wenn ich jetzt noch sage, dass übermorgen Internationaler Frauentag ist, dann sitze ich in einer Falle, aus der ich nicht mehr herauskomme.

Früher waren es die Bremer Stadtmusikanten, ➱Hans-Joachim Kulenkampff oder die Autos von ➱Carl Borgward, worüber man redete, wenn der Name Bremen fiel. Manchmal hatte man auch Assoziationen, die ➱Werder Bremen hießen. Heute scheint es diese Frau zu sein, die wegen ihrer Fürsorglichkeit in der Nachbarschaft den Namen Engel von Bremen bekam. Sogar der berühmte Pastor Johann Heinrich Bernhard Dräseke hatte für die von so vielen Todesfällen heimgesuchte christlich starke Dulderin öffentliche Fürbitten gehalten.

Von den fünfzehn Morden in vierzehn Jahren und den neunzehn Bekannten, die ihre Mordanschläge nur knapp überlebt haben, wollen wir da lieber nicht reden. Sie tötet ihre ganze Familie. 1816 kommt ihr Zwillingsbruder aus dem Krieg nach Hause. Er hat nicht etwa in dem Bremer Jäger Corps des Hauptmanns ➱Heinrich Böse gegen Napoleon gekämpft, nein, er hatte sich 1809 im damals französischen Bremen von französischen Werbern in die Grande Armee locken lassen. Nun ist er zurück, verwahrlost und krank, und fordert sein Erbteil. Seine mildtätige Schwester serviert ihm Schellfisch à la Gesche (mit einer ausreichenden Prise Arsenik).

Ich lasse die detaillierte Beschreibung ihrer Untaten lieber aus, die ständig wachsende Literatur zu Gesche Gottfried (inklusive historischer Krimis von Bettina Szrama und Hermann Syzygos) ist voll davon. Ich präsentiere stattdessen mein zweites Beispiel für die Emanzipationsthese, den Songtext Wir haben Blut geleckt von der Band Jennifer Rostock. Vorgetragen von ihrer Sängerin Jennifer Weist. Sie können das emanzipatorische Lied über den Engel von Bremen ➱hier hören. Und den Text hier lesen. Ist zu lang, um den hierher zu stellen, den Refrain zitiere ich aber einmal:

Wer Wunden hat, kann Wunden lecken
Wir haben Blut geleckt, 
wir haben Dreck am Stecken
Wer Wunden hat, kann Wunden lecken
Wir haben Blut geleckt, wir haben Blut geleckt

Männer morden nicht durch Gift, die vergiften bestenfalls ➱Tauben im Park. Frauen morden durch Gift, das weiß man. Vor allem, wenn man Mortimer Brewster heißt. Wenn sie keine wirklichen Mörderinnen werden wollen, schreiben sie über Morde. Als die Firma Montblanc einen ➱Agatha Christie ➱Füllfederhalter herausbrachte, zierte die Kappe eine Giftschlange. Im 19. Jahrhundert begehen die Frauen, die aus der Gesellschaft ausbrechen, Selbstmord oder siechen langsam dahin.  Auf jeden Fall im Roman, wenn wir an ➱Madame Bovary, ➱Anna Karenina oder Effi Briest denken.

Im Fin de Siècle sind die Damen der Wiener High Society hysterisch. ➱Sigmund Freud, der zu dieser Diagnose seinen Teil beigetragen hat (Well, Doctor Freud, oh Doctor Freud How we wish you had been differently employed), nannte die Hysterie die Krankheit des Gegenwillens. Am Ende des Jahrhunderts macht sich die Wissenschaft über die Giftmischerinnen her. Es erscheinen Bücher wie Adolph Kohuts Berühmte und berüchtigte Giftmischerinnen: Eine culturgeschichtlich-psychologische Studie (1893) und das von A. Sper herausgegebene Buch Berühmte Giftmischerinnen (1904).

Dieser A. Sper heißt in Wirklichkeit Hans Rau, ein Blick auf seine Buchtitel wird das Blut in unseren Adern gerinnen lassen: Elisabeth Bathory, die »Blutgräfin« und verwandte Erscheinungen, Capri und die Homosexuellen, Lustmörder der Neuzeit, Der Marquis de Sade und der Sadismus und Die Grausamkeit mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren. Soweit die Wissenschaft (oder Pseudowissenschaft). Aber auch in der Literatur sind Giftmörderinnen nicht unbekannt. Da brauchen wir nur einen Blick auf die Jacobean Tragedy zu werfen (die Stücke werden heute noch mit großem Erfolg auf London Bühnen gespielt). Und was ist mit Shakespeare? Hier auf dem Bild sieht ja alles noch so harmonisch aus, aber something is rotten in the state of Denmark. Hamlets Vater fällt einem Giftmord zum Opfer und Hamlet im letzten Akt auch.

It is here, Hamlet. Hamlet, thou art slain.
No medicine in the world can do thee good.
In thee there is not half an hour of life.
The treacherous instrument is in thy hand,
Unbated and envenomed. The foul practice
Hath turned itself on me. Lo, here I lie,
Never to rise again. Thy mother’s poisoned.
I can no more. The king, the king’s to blame. 


Seit wir die Gothic Novel haben, sind wir gegenüber Giftmordanschlägen vorsichtig geworden (Sie könnten jetzt den langen Post ➱Gothick lesen). Und wir wissen, wenn uns eine zarte Frauenhand den Tee - sei es 正山小種 / 正山小种 oder Earl Grey - aus einem solchen Becher serviert, dass wir den am besten in den Topf der nächsten Zimmerpflanze kippen. Vor Jahren erschien das Buch Schwarze Witwen und eiserne Jungfrauen: Geschichte der Mörderinnen von den Herren Christian Bolte und Klaus Dimmler, das ein Kapitel mit dem etwas exaltierten Titel Gesche Gottfried und der Giftmord als weibliche Kunstform beinhaltet. Man kann es heute für 99 Cent bei Amazon Marketplace kaufen. Es hat wunderbare Verrisse bekommen:

Man staunt, mit welch selbstbewußter Attitude hier die allergrößten Plattheiten vorgestellt werden. Wer es bisher nicht wußte, erfährt von den Herren, daß auch Frauen zu extremen Gewalttaten imstande sein können, man kennt das ja, traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend, die nicht in Autoaggressionen umschlagen, sondern nach außen gewendet werden. Das Buch ist ein Sammelsurium tatsächlicher und literarischer Mordfälle, die mit Populärpsychologie, Brocken von poststrukturalistischer Theorie und Zitaten aus der Sensationspresse zu einem durchaus unbekömmlichen Brei verrührt werden. Weshalb die junge Professorin Susanne Kord in ihrem bei der Cambridge University Press erschienenen Buch Murderesses in German Writing, 1720-1860: Heroines of Horror dieses Machwerk erwähnt, das weiß ich wirklich nicht. Wir wenden uns mit Grausen von diesem Thema ab und kehren mal eben wieder nach Bremen zurück.

Dass vor dem Bremer Dom im Pflaster ein Spuckstein ist, das weiß ich, seit ich klein war. Hier soll entweder das Schafott gestanden haben (oder bis hier soll der abgeschlagene Kopf der Giftmörderin gerollt sein), man weiß es nicht so genau. Für Theodor von Kobbe war das in seinen Wanderungen an der Nord- und Ostsee (1841) eine der Sehenswürdigkeiten von Bremen. Die Geschichte von Gesche Gottfried, die heute vor 230 Jahren geboren wurde, kenne ich schon lange. Mein Opa hat sie mir erzählt, er war gut im Erzählen von schauerlichen Geschichten (lesen Sie ➱hier mehr). Wenn ein pensionierter Lehrer einem Fünfjährigen vorm Schlafengehen die Geschichte von Hake Betken siene Duven erzählt, dann mag das etwas absonderlich erscheinen. Aber der Sinn all dieser Geschichten und der Märchen mit all dem Mord und Totschlag ist letztlich die Katharsis, man nimmt die Schrecken der Welt in einer Erzählung vorweg.

Der letzte Bremer Scharfrichter Johann Christian Göpel war 1822 gestorben, man musste einen Kollegen namens Dietz aus Nienburg kommen lassen. Das Richtschwert aus dem Jahre 1755, das sich heute im Focke Museum befindet, zeigt das Bremer und das hannöversche Wappen und die Inschrift Vim vi rebellere licet, Gewalt darf durch Gewalt erwidert werden. Auf der anderen Seite der Klinge steht der Satz Wenn ich das Schwert thue aufheben so wünsche ich dem armen Sünder das ewige Leben. Dieser Ort ist der Schauplatz vom Ende der Gesche Gottfried, davor hatte sie drei Jahre in der neu gebauten Ostertorwache verbracht.

Es sind wohl weniger die Einflüsse von Palladio (der ➱hier einen langen Post hat), die die Bauten der beiden Häuser der Bremer Ostertorwache kennzeichnen, es ist eher der Einfluß von Schinkel. Wenn man so will, unserem preußischen Palladio. Vielleicht hat seine Neue Wache für diese Wachgebäude Pate gestanden. Ich kann mich noch daran erinnern, wie zu DDR Zeiten die Elite der Volksarmee mit ihren seltsamen Stahlhelmen hier paradierte. Man hat die Bremer Ostertorwache einmal Jacob Ephraim Polzin zugeschrieben, der unsere ➱Vegesacker Kirche gebaut hat, aber das stimmt nicht. Sie sind von Friedrich Moritz Stamm, der auch die Planung für Bremerhaven geliefert hat.

Gesche Gottfried war die erste Gefangene in dem Neubau, der gleich hinter der Bremer Kunsthalle ist (und der in dem Post ➱Lampen schon vorkommt). Aus dem Gefängnis heraus schreibt sie an ihren Schneider: Ob sie nicht für mich um eine milde Strafe bitten können, damit ich doch nicht ganz als eine Sünderin aus dieser Welt gehe. Ich möchte so gern der Obrigkeit durch meinen Wandel zeigen, dass ich mich gebessert hätte. Zuerst ist die Wache ein Gefängnis für Mörder, hundert Jahre später übernehmen die Mörder das Gefängnis, da sind dann in dem kleinen Haus die Gefangenen der Gestapo inhaftiert.

Der Stadtteil hinter der Kunsthalle, dem Theater und der Ostertorwache gilt den Bremern als nicht so fein. Da gibt es zum Beispiel die Helenenstraße, Bremens Äquivalent für die Hamburger Herbertstraße. In den sechziger Jahren siedelte sich links und rechts des Ostertorsteinwegs die linke Szene an. Die Sielwallkrawalle der achtziger Jahre kommen auch in Hermine Huntgeburths Verfilmung von Neue Heimat Süd (lesen Sie mehr in dem Post ➱Derby) vor. Es war ein Stadtteil, den man nicht so gerne betrat, aber ich habe in einem Schuhgeschäft hinter dem Ostertor 1960 ein Paar dunkelgrüne Clarks Desert Boots gekauft. So etwas hatte niemand. In den achtziger Jahren war die Ostertorwache Abschiebeknast für nicht anerkannte Asylbewerber, in Bremen hat man ein feines Gefühl für die Vergangenheit. Erst Gefängnis für Gesche Gottfried, dann die Gestapo, dann Abschiebeknast.

Die Bremer Mörderin konnte für ihre Taten mit ihrer Mäusebutter keinerlei Motive angeben, der Untersuchungsrichter Senator Droste schrieb Eine Charakteristik der Inculpatin zu geben, scheint mir bis jetzt eine Aufgabe, die ans Unmögliche gränzt! Denn was kann man aus einem Satz aus dem Verhörprotokoll wie: Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden, was ich mir selbst nicht erklären kann ableiten? Nein, die Motive liefert die Literatur nach. Ich weiß nicht, ob Novalis' Satz: Es ist sonderbar, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Religion und Grausamkeit die Leute aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat etwas in diesem Zusammenhang taugt, aber die Religionsfrömmelei in Bremen mit einem Bürgermeister Johann Smidt - für den die Lutheraner noch unterhalb der ihm verhassten Juden stehen - ist ein ungesundes Klima.

Lange vor Fassbinder legt ihr Adalbert von Chamisso in seinem Gedicht Die Giftmischerin folgende Worte in den Mund:

Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.
Laßt einmal noch mich atmen diese Luft
und meine Leichenrede selber halten.
Was schauet ihr mich an so grausenvoll?

Ich führte Krieg, wie jeder tut und soll,
gen feindliche Gewalten.
Ich tat nur eben, was ihr alle tut,
nur besser; drum, begehret ihr mein Blut, so tut ihr gut.

Ich zitiere da lieber zum Schluss einen Dichter, der nicht so berühmt wurde wie Chamisso. Er heißt Heinrich Goltermann, er hat in Bremen die Domschule besucht und in Hamburg die Konditorlehre gemacht. Danach ist er für sieben Jahre nach Amerika gegangen, aber enttäuscht von der neuen Welt 1861 nach Bremen zurückgekehrt. Wo er als fliegender Buch- und Zeitschriftenhändler lebte. Er hat viel geschrieben, meistens auf Platt. Von etwa 1885 ab bis 1898 gab er jährlich eine, manchmal zwei Sammlungen plattdeutscher Erzählungen und Gedichte, meistens im Selbstverlage heraus, die interessante Einblicke in das Leben der unteren Volksschichten Bremens gewähren, heißt es in den Bremischen Biographien des neunzehnten Jahrhunderts. Auf der plattdeutschen Wikipedia Seite zu Gesche Gottfried (ja so etwas gibt es auch) heißt es über Holtermann: De Bremer Heimatdichter hett dat 1885 in sien lütt Book „Bremer Volks- und Sittenbilder“ in Eegenverlag rutgahn laten. Dat is keen grote Kunst, man interessant is et doch, weil dor in dat ole Bremer Platt schreven is un weil een sehn kann, wat vun Indruck de Saak dormals in Bremen maakt hett.

Ich kann noch Platt lesen, ich bin damit aufgewachsen, früher begann mein Tag mit Ruolf Kinaus Hör mal ’n beten to. Und für die Liebhaber dieser schönen Sprache hätte ich einige interessante Links zu Posts in diesem Blog. Wie zum Beispiel ➱Klaus Groth und ➱Germanisten. Und zu der wirklich schönen plattdeutschen Übertragung von Kiplings ➱Mandalay durch Werner Seifert, die es exklusiv in diesem Blog gibt. Das Gedicht En Erinnerung des Augenzeugens Heinrich Goltermanns ist keen grote Kunst, aber es klingt viel ehrlicher, viel authentischer als vieles, das über diese Frau gedichtet wurde:

En Erinnerung

Et is woll her all mannig Jahr,
Doch liggt mi’t in’t Gedächtniß klar,
Dat Nahmdags, rum bi Klocke veer,
As eben just de School ut weer,
In vull Hurrah un een Gottloff
Um’n Dom wi schrammden, nah’n Domshoff.
Mien Gott, wat schall den hier geschehn?
Wi Jungens mossen dat ja sehn.
Et is doch lang noch kien Freemark!
De Timmerlied sünd hier an’t Wark?
Unheemlich släpden Männer her
Hier Balken un ok Bräder, swer,
Un booden dichte vorr’n Dom
En Kasten, hoch as wi’n Boom,
In swartet Dook deep ingehullt
Scholl sühnen he een grote Schuld-
Dat Bild, so lang ik blief an’n Leben,
Deit ummer mi vor Ogen swäben,
Wenn ick den Weg nah’n Krietzsteen lenk
An den Aprilmorgen ick denk
De Sunne stund an’n Himmel klar,
Unafsehbare Minschenschaar,
So wiet dat Oge sehen kann
Weer Kopp an Kopp, stund Mann an Mann,
Rund um den Kasten in’t Gewehr
Un Bajonett de Borgerwehr.
En Wagen keem bald angerullt
De deepste Stille - denn de Schuld-
In vullen Staat, mit’n siden Kleed,
Steeg af-mit grootet Harteleed (??-)
Nah de Tribün’ warrt hen se fehrt;
Den Richterspruch se jetzt hier heert -
De Herren gifft se ähre Hand
Drup fallt de letzte Scheidewand.
Dat Swert blitzt inne Sonne hell,
De Slußakt geiht gewaltig snell,
De Streich de fallt, kinks vonne Hand
Hoch hollt de Mann jetzt anne Kant
Dat Haupt - en gräslichet Gejubel
Stimmt an, un- ut is all de Trubel
Drup bald naher, de Platz is leer,
As wenn gar nicks passeert da weer.

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