Sonntag, 19. November 2017

La Périchole


Das vorliegende Bühnenwerk ist nicht frivoler als die bereits bekannten von Offenbach in Musik gesetzten Pieçen und es dürfte daher nach Beseitigung der auf Seiten 40 und 118 bezeichneten Stellen zur Aufführung zulässig sein. Das steht 1868 in dem Wiener Libretto von Jacques Offenbachs opéra-bouffe La Périchole (hier gibt es das Libretto im französischen Original). Eine Zensur für Opern muss sein, Opern können gefährlich sein, das wissen wir von Mozarts Figaros Hochzeit. Aber auch wenn die Zensur den Rotstift ansetzt, revolutionäres Potential enthält Offenbachs La Périchole allemal. Zum Beispiel das Il grandira car il est espagnol, das das Premierenpublikum angeblich pfeifen konnte, als es die Oper verließ.

Die Wiener Morgen-Post sagte am 9. Jänner 1869 über das Werk: Beide sind einander in Liebe zugethan, nicht mit der gewöhnlichen Straßenliebe, sondern in der reinsten reinen Liebe; da sieht der Vizekönig von ungefähr die Straßensängerin, und entbrennt in der anderen Liebe zu ihr. Der Straßensänger und die Straßensängerin vertreten also das gute, der Vizekönig das böse Prinzip. Es kann in einer Operette auch gar nicht anders sein. Ein Vizekönig und eine Straßensängerin, was für ein schöner Stoff.

Es hat die Straßensängerin, die man La Perricholi nannte, wirklich gegeben. Sie war die berühmteste Frau im Peru des 18. Jahrhunderts. Prosper Mérimée hat sie in sein Theaterstück Le Carrosse du Saint-Sacrement hinein geschrieben, das Henri Meilhac und Ludovic Halévy als Vorlage für ihr Libretto diente. Und die Straßensängerin La Périchole spielt eine Rolle in Thornton Wilders Roman The Bridge of San Luis Rey. Und natürlich in Jean Renoirs Film Le Carrosse d'or. La Périchole zählt nicht zu den berühmtesten Werken von Jacques Offenbach. Und doch haben berühmte Sängerinnen immer wieder die Lieder der Périchole gesungen, die Offenbach einst für seine Lieblingssängerin Hortense Schneider (Bild) geschrieben hat.

Wenn der an seinem Namenstag nachts inkognito durch die Hauptstadt seiner Bananenrepublik streifende Vizekönig (den trotz der Verkleidung jedermann erkennt) die halbverhungerte Périchole auf der Straße aufliest, lockt er sie mit der Aussicht auf ein Diner in seinen Palast. Hier wird nicht mehr Reich mir die Hand mein Leben Komm auf mein Schloss mit mir gesungen, hier wird die Richtigkeit des Satzes Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral bewiesen. Über das Essen wird sie später leicht angesäuselt singen: Ah ! quel dîner, je viens de faire ! Et quel vin extraordinaire ! J’en ai tant bu... mais tant et tant, Que je crois bien que maintenant Je suis un peu grise, un peu grise... Mais chut ! Faut pas qu’on le dise ! Faut pas, faut pas Chut ! Wir lassen hier mal eben Elīna Garanča das Ah! quel diner singen. Aber Julie Tourreau ist auch ganz witzig. Elise Caron mit sehr artistischen Einlagen kann ich mit dem Ah quel diner je viens de faire natürlich auch anbieten. Und auch die Eheschließung am Ende des 1. Akts, wo Braut und Bräutigam sich nicht erkennen.

Bevor die Périchole in den Palast verschwindet, schreibt sie ihrem Geliebten noch schnell einen Brief:

O mon cher amant, je te jure
Que je t'aime de tout mon coeur;
Mais, vrai, la misère est trop dure,
Et nous avons trop de malheur!
Tu dois le comprendre toi-même,
Que cela ne saurait durer.
Et qu'il vaut mieux -
Dieu! que je t'aime! -
Et qu'il vaut mieux nous séparer!
Crois-tu qu'on puisse être bien tendre,
Alors que l'on manque de pain?
A quels transports peut-on s'attendre,
En s'aimant quand on meurt de faim?
Je suis faible, car je suis femme,
Et j'aurais rendu, quelque jour.
Le dernier soupir, ma chère âme.
Croyant en pousser un d'amour …
Ces paroles-là sont cruelles,
Je le sais bien… mais que veux-tu?
Pour les choses essentielles,
Tu peux compter sur ma vertu.
Je t'adore, si je suis folle.
C'est de toi, compte là-dessus!
Et je signe: La Périchole,
Qui t'aime, mais qui n'en peut plus!

Elise Caron singt das Mon cher amant in der Aufführung von Jérôme Savary sehr rührend und verhalten. Jessye Norman macht da natürlich mehr draus. Aber die wahrscheinlich schönste Aufnahme ist von Suzy Delair (Bild), einer Dame, die am Ende des Jahres hundert Jahre alt wird. Wir hören da mal eben hinein, und Sie stellen das hier auf volle Lautstärke. Elise Caron ist keine Opernsängerin, sie ist eine Chansonssängerin. Ich habe sie in der Silvesternacht 2000 auf arte in der Live Aufführung gesehen, das habe ich schon in dem Post Jacques Offenbach hervorgehoben. Damals war ich noch auf der Suche nach einer DVD, heute habe ich endlich eine. Das war nicht so leicht.

Elise Caron musste für die Rolle eine neue Stimme finden, Prends pas ta voix de bourgeoise! hatte Savary ihr gesagt, Caron orientierte sich nicht mehr an der Bourgeoisie, sondern an den Fischweibern vom Markt. Sie ist auf jeden Fall das langbeinigste Fischweib, das die Rolle der Périchole gesungen hat. Ob in diesem grünen Bikinikostüm oder im Glitzerkleid. Und sie ist ja auch wunderbar vulgär, professionelle Opernsängerinnen wie Régine Crespin hätten damit Schwierigkeiten.

Non, vulgaire, non ! Qu’est-ce que c’est, la vulgarité, si c’est s’amuser, alors soyons vulgaires! hat Hélène Delavault gesagt. Sie war 1984 im Théâtre des Champs Elysées Jérôme Savarys erste Périchole (hier erfahren Sie alles dazu), damals gab es auch eine carrosse d'or auf der Bühne, das hätte Jean Renoir sicher gefallen. Auch Hélène Delavault war wie Elise Caron keine Opernsängerin, war aber mit ihrem Mezzo-Sopran eine formidable Périchole. Ihre CD La Républicaine mit den Liedern der französischen Revolution ist auch sehr interessant.

Der ehemalige Jazztrompeter Savary erlaubt sich viel mit Offenbachs Operette, die er spectacle musical d’après Jacques Offenbach nennt (Karl Kraus nannte die Operetten Offenbachiaden). Da singt der Straßensänger Piquillo (im ersten Akt im Elvis Kostüm) schon mal Love me tender, die Barcarolle erklingt, die Habanera aus Carmen auch. Jacques Offenbach hat einen kleinen Auftritt und hundert anderer kleine Gags. Das muss gestattet sein, wahrscheinlich würde Offenbach diese Slapstick Version sogar gefallen. Das alles ist eher auf der Ebene der London Theatre Group (lesen Sie mehr dazu in The Marriage of Figaro) als auf der Ebene des sinnentstellenden deutschen Regietheaters. Als Dieter Hallervorden letztens gefragt wurde Was haben Sie eigentlich gegen das moderne Regietheater? sagte er: Ich sehe keinen Sinn darin, Schillers “Räuber“ in SS-Uniformen zu spielen. Hamlet muss Ophelia auch nicht in der Sauna kennenlernen. Dies ist kein deutsches Regietheater, dies spectacle musical d’après Jacques Offenbach hat Stil und ist amüsant.

Leider ist die DVD schwer zu bekommen. Bei YouTube schreibt jemand in schönstem Pidgin English: Dear sir, this version is very high prices. Why is a version of collectors. There was no reprint. However, whenever this happens, pirated DVDs appear on e-Bay for sale (illegal copies) at good prices. I have a friend who wants to launch clandestine copies of this DVD on e-Bay. When it happens, I'll let you know! Ich würde da lieber den Händlern von Amazon France vertrauen. Leichter erhältlich sind natürlich CDs von Offenbachs Operette, da hat man die Qual der Wahl. Leider erwähnen Karl Löbl und Robert Werba in ihrem vorzüglichen Lexikon Opern auf Schallplatten die Operette nicht. Das tut leider auch der Good CD & DVD Guide der Zeitschrift Gramophone nicht.

Der Penguin Guide to Compact Discs lobt die Gesamtaufnahme mit Régine Crespin, die habe ich schon lange, ist aber nicht meine Lieblings CD. Weil ich kein Régine Crespin Fan bin. Was ich immer wieder gut hören kann, ist die Gesamtaufnahme mit Teresa Berganza. Ich mag die Aufnahme besonders, weil ich bei Amazon Marketplace drei Cent dafür bezahlt habe. Ungelogen. Es gibt seit einigen Jahren eine deutsche Aufnahme, Sie können hier eine Besprechung lesen. Ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man den französischen Text im Ohr hat. Die Überarbeitung des Textes stammt von Peter Ensikat, die politischen Spitzen, die das französische Orginal enthält, werden hier noch deutlicher. Vor allem, wenn der Chor Wir sind nicht das Volk singt. Wenn aus dem Ah ! Que les hommes sont bêtes ein Ach Gott, was sind die Männer dämlich wird, dann klingt das allerdings ein wenig nach Claire Waldoff. Solche Petitessen beiseite: was die Staatsoperette Dresden hier abliefert, ist eine Studioproduktion mit einem hervorragend eingespielten Klangbild.

Leider enthält das kleine Heftchen, das der CD (JPC hat das preiswerteste Angebot) beiliegt, nicht den Text von Ensikats Übersetzung. Um genauer zu sein: es gibt überhaupt keinen Text. Die beiden anderen von mir genannten Gesamtaufnahmen haben den vollständigen Librettotext. Savarys Péricole war übrigens im letzten Jahr noch bei der Opéra Comique Paris im Programm. Da sang Marie- Stéphane Bernard die Périchole, auch im grünen Kostüm, aber nicht ganz so freizügig wie Elise Caron.

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