Donnerstag, 30. April 2015

Albatros


Nein, keine Sorge, ich tische Ihnen unter dieser Überschrift jetzt nicht ➱Coleridges Ancient Mariner auf, ein Gedicht, das Anglistikstudenten früher salopp das Budweiser Gedicht nannten. Wegen der Zeile a sadder but wiser man He rose the morrow morn. Ich serviere heute etwas ganz anderes. Es kommt aus einem kleinen Buch, das ich letzte Woche fand. In dem solch wunderbare Sätze stehen wie: wenn der maulwurf depressiv ist, zieht er enge blue-jeans an, klebt sich mit brillantine eine schmachtlocke auf die stirn, geht auf die straße, wirft sich geröstete sonnenblumenkerne ins maul, spuckt die schalen hinaus und pfeift den mädchen nach. Das Buch von Said hat den Titel Dieses Tier, das es nicht gibt, womit der Autor auf ein ➱Gedicht von Rilke anspielt.

Der Pawlowsche Hund findet sich auch in diesem Bestiarium, man vermisst allerdings schmerzlich den Wolperdinger. Denn das ist nun wirklich ein Tier, das es nicht gibt. Obgleich man es als Plüschtier kaufen kann. Das erste Prosastück in diesem schönen Buch heißt der albatros:

der albatros begattet grundsätzlich nur schiffbrüchige und bevorzugt blonde matrosen mit schwarzen wollsocken. die ornithologen sind daher um seinen bestand besorgt. doch der albatros will keine kompromisse machen; er findet, davon hat er in seinem leben bereits zu viele gemacht.
     der albatros frißt kaum; einträge durch den wind und den regen.
     der albatros entschuldigt sich nie und bittet niemanden um vergebung.
     früher war er evangelisch, heute will er weder mit dem staat noch mit der kirche etwas zu tun haben; dennoch hält er sich an die amtlich vorgeschriebene geschwindigkeitsbeschränkung.
     nach der pensionierung sitzt der albatros am meeresufer und schreit, wenn schiffe auf klippen zufahren. er hält totenwache für jeden ertrunkenen matrosen - unabhängig von der haar- und sockenfarbe. dabei schweigt er und kaut kaugummi mit zimtgeschmack.

Da muss natürlich zum Abschluss des Poetry Month L'Albatros von Baudelaire folgen. Den gab es zwar schon einmal in dem Post ➱Textil/Text, aber es ist ein Gedicht, das man gar nicht häufig genug lesen kann:

Souvent, pour s'amuser, les hommes d'équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.

À peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l'azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à côté d'eux.

Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu'il est comique et laid!
L'un agace son bec avec un brûle-gueule,
L'autre mime, en boitant, l'infirme qui volait!

Le Poète est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l'archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l'empêchent de marcher.

Eine deutsche Übersetzung habe ich auch anzubieten. Ich will heute einmal nicht die von Stefan George nehmen, die schon in dem Post Textil/Text steht. Auch nicht die von ➱Therese Robinson, obgleich es interessant wäre, einmal über diese außergewöhnliche Frau zu schreiben. Nein, es gibt heute etwas Ungewöhnliches, eine Übersetzung von einem deutschen Politiker. Deutsche Politiker sprechen normalerweise keine Fremdsprachen, wir kennen das von Oettinger, Westerwelle und gerade aktuell ➱Gerd Müller. ➱Theodor Heuss, der England schon 1911 als junger Mann besuchte, hat bei seinem Besuch in England 1958 gesagt, dass er sich ein bisschen genierte, dass er nur wenige Sätze Englisch sprach. Auf die Frage, wie er sich mit der Königin verständigt habe, sagte er: Mein Dolmetscher hat sich gut mit ihr unterhalten. Das erinnert ein wenig an den Außenminister Genscher, der auch keine Fremdsprachen sprach, aber doch so viel Humor hatte, um Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht zu sagen.

Zwischen einem gebildeten Mann wie Theodor Heuss und unseren Durchschnittspolitikern liegen Welten. Und Welten liegen auch zwischen Merkel & Co und dem in Frankreich geborenen Carlo Schmid. Der hat nämlich so nebenbei Machiavelli und Malraux übersetzt. Und Baudelaires Blumen des Bösen. Die Übersetzung ist immer noch als Insel Taschenbuch lieferbar. Und aus der gibt es heute den Albatros:

Oft fängt das Schiffsvolk, dass es sich vergnüge,
Den Albatros, den Aar der Meeresweiten
Und lässigen Gefährten ferner Züge
Den Schiffen, die auf bittrem Strudel gleiten.

Kaum haben sie den Vogel auf den Planken,
Da lässt der Fürst des Blau in täppischer Scham
Wie Ruder ärmlich schleifen an den Flanken
Die großen weißen Schwingen flügellahm.

Der Schwingensegler, ach wie link und matt!
Der einst so schön, was ist er lächerlich!
Da brennt den Schnabel ihm ein loser Maat,
Der äfft mit Hinken den, der hoch in Lüften strich.

Der Dichter gleicht dem Könige der Wolke,
Der Stürme aufsucht und des Schützen lacht;
Verbannt am Boden, ausgeschrien vom Volke
Hemmt seinen Schritt der Riesenflügel Fracht.


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