Donnerstag, 2. April 2015

Berlin


Ich war gerade mal einen Tag Blogger, da tauchte Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau hier schon in dem Post ➱I skovens dybe stille ro auf. Noch mehr Meerjungfrauen finden Sie in dem Post ➱Meerjungfrauen + Waldnixen. Ich hätte ja das Gedicht Seejungfräulein von Andersen, der heute vor 210 Jahren geboren wurde, genommen, aber das ist mir zu lang (Sie können es ➱hier lesen). Und es sollte schon etwas Dänisches sein. Damit ich die Daniela testen kann, die gerade einen tollen Job in Dänemark bekommen hat und jetzt Dänisch lernen muss. Da bietet sich doch das Gedicht Martsviolerne an:

Sig Himlen hvælver saa reen og klar,
Iisblomster fryse paa Rudens Glar.
I Solens Flamme saa smukt de staae,
En Yngling kommer og seer derpaa.
Men som han paa de Blomster seer,
To Pige-Øine derude leer.
Saa skjønne Blomster han aldrig saae,
To Martsvioler saa smukke blaae.
Iisblomsten smelter ved Kindens Brand,
— Vor Herre hjelpe den unge Mand!

Für alle, die gerade kein Dänisch lernen müssen, habe ich die Martsviolerne auch auf deutsch, und zwar in der Übersetzung von Adelbert von Chamisso. Den hatte Andersen bei seinem Besuch in Berlin kennengelernt: Chamisso konnte Dänisch lesen; ich schenkte ihm meine Gedichte, und er wurde der erste, der mich übersetzte, der mich in Deutschland einführte. Zwei Monate später veröffentlichte Chamisso in der Zeitschrift Der Gesellschafter: Blätter für Herz und Geist eine Übersetzung von einem Gedicht Andersens. 1833 erscheinen im Morgenblatt für Gebildete Stände drei Gedichte aus dem Dänischen des H.C.Andersen. Das Märzveilchen war auch dabei:

Märzveilchen

Der Himmel wölbt sich rein und blau,
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.
Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,
Ein Jüngling steht, ihn betrachtend, davor,
Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar,
Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn.
Der Reif wird, angehaucht, zergehn.
Eisblumen fangen zu schmelzen an,
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.

Robert Schumann hat das Gedicht vertont. Wahrscheinlich hätte es Hans Christian Andersens gerne gehabt, wenn es von seiner ganz großen Liebe Jenny Lind gesungen worden wäre. Die ➱schwedische Nachtigall hat natürlich in diesem Blog längst einen Post, aber wir haben sie leider nicht auf einer Platte. Hören Sie stattdessen ➱Tiana Lemnitz (mit Michael Raucheisen am Klavier), wie sie Robert Schumanns Märzveilchen singt. Robert Schumann war übrigens ebenso wie Hans Christian Andersen ein großer Bewunderer von Jenny Lind, die mit seiner Frau Clara befreundet war.

Berlin ist eine Schicksalsstadt für Andersen. Hier wird er Jenny Lind kennenlernen. Berlin ist auch, dank Chamisso, der Beginn des internationalen Ruhms für Andersen, 1846 wird ihn der König einladen und ihm den Roten Adlerorden verleihen. Aber Berlin ist auch der Augenblick der größten Schmach für Andersen. Als der Märchenkönig den Märchenforscher Jakob Grimm besucht, hat der den Namen H.C. Andersen noch nie gehört: Nun wurde ich verlegen, nannte jedoch meine Märchen. Ich kenne diese Märchen nicht! sagte er. Nennen Sie mir andere Schriften von Ihnen, vielleicht habe ich von diesen etwas gehört. Ich nannte den Improvisator und noch ein paar meiner Bücher. Er schüttelte den Kopf, und mir wurde ganz ungemütlich dabei. (…) Aber Sie müssen mich doch kennen! 

Nein, Andersen mochte Berlin nicht wirklich. Schon am dritten Tag seines ersten Aufenthalts in der Stadt hatte er geschrieben: 

Schnurgerade Straßen, Palais an Palais,
Füße und Augen tun einem hier weh.
Hübsche Soldaten - der erste schien mir
Mitten durchs Herze zu gehen schier.
"Nie sah ich Schöneres!" rief ich laut,
"Gott, wie ist er doch prächtig gebaut!"
Unter den Linden ging alle Welt
(Am schönsten als Kupferstich dargestellt).
Schmutzig die Straßen, die Jungen sind,
Ach, dafür wäre man lieber blind!
Echten Berliner Witz finden man kann,
Und der ist kostbar, insonderheit dann,
Wenn er per Schnellpost reiset fürbaß,
Ist er, weil zu schwer, ein teurer Spaß!
R wird gerollt hier, man sagt: "Mein Jott!"
Sonst aber sind diese Leute sehr gut.
Sieht man die Stadt jedoch kreuz und quer,
Paßt ihre Größe in Verse nicht mehr.
Moral
Merk dir: Berlin ist mitnichten klein
Und die Moral davon ist überaus fein. 


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