Montag, 21. September 2015

Vergil


Sie war jung und hübsch. Sie war keine Studentin, dafür war sie zu gut gekleidet. Wir trafen uns immer frühmorgens in dem kleinen Laden neben der Einfahrt zum Hof, wo man Milch und Brötchen kaufen konnte. Nach einer Woche lächelten wir uns zu und grüßten uns. Die Hofeinfahrt führte zu einem großen Hinterhof voller scheußlicher Mietskasernen der Gründerzeit, man konnte hier billig wohnen. Schön war es nicht, die gentrification dessen, das heute Karo Viertel heißt, hatte noch nicht stattgefunden. Umso dankbarer war ich für meinen morgendlichen Lichtblick beim Brötchenholen, ma belle inconnue.

Einmal entstieg sie einem Auto, das auf der Straße hielt, und ging stracks in den Laden. Es war ein großer Jaguar. Tage später war es ein anderes Auto. Ich dachte mir nichts dabei. Wir lächelten uns an. Irgendwann wurde es mir klar, was die Autos der Luxusklasse bedeuteten, ihre Freier luden sie vor dem Laden ab. Es änderte nichts in unserem schüchternen Verhältnis, aber ich begann, mir Geschichten mit der jungen hübschen Frau auszudenken. Es war der Sommer von Vergil.

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,
Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,
Noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder,
Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
Der blaue Himmel und die grüne Flur,
Mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
Die jugendliche freundliche Natur.

Getrost! es ist der Schmerzen wert, dies Leben,
So lang uns Armen Gottes Sonne scheint,
Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,
Und ach! mit uns ein freundlich Auge weint
.

Das schrieb Hölderlin im März 1794 an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer, der dabei war, Vergils Aeneis im Versmaaß der Urschrift zu übersetzen. Dem hatte er gerade in einem Brief geschrieben: Daß du auch deinem Virgil so ganz treu bleibst, freut mich unaussprechlich. Der Geist des hohen Römers muß den deinen wunderbar stärken. Deine Sprache muß im Kampfe mit der seinigen immer mer an Gewantdheit und Stärke gewinnen. Der Dank für deinen Kampf wird freilich ein Dank deutscher Nation sein, indolenten Angedenkens! Aber Freunde erringst du dir gewis. Überdis scheinen mir unsere Leute in diesen lezten Jaren doch etwas mer an Teilnemung an Ideen, und Gegenständen, die außer dem Horizonte des Unmittelbarnüzlichen liegen, gewöhnt worden zu sein; man hat jezt doch mer Sinn für Schönes und Großes als je; laß das Kriegsgeschrei verhallen, und die Warheit und Kunst wird einen seltnen Wirkungskreis erleben.

Ich konnte der Welt des Hinterhofs in St Pauli jederzeit entkommen. Ich besaß eine Monatskarte der Bundesbahn für die Strecke Hamburg-Bremen. Erster Klasse, war damals spottbillig, den Tarif gab es nie wieder. Am Ende der Reise warteten hübsche Frauen auf mich, die nicht von Luxuskarossen zum Milchladen gebracht wurden. Wie die Frau, die mir Summertime in der Kirche in Dänemark vorgesungen hatte, oder die, die ich auf Langeoog kennengelernt hatte.

Man konnte im Zug gut lesen, besonders im leeren Erster Klasse Abteil. Der römische Dichter Publius Vergilius Maro ist am 21. September 19 v. Chr. gestorben, ich weiß alles über seinen Tod. Weil ich damals in diesem Sommer in der Bahn Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil las. Der stand auf der Leseliste von Professor Walter H. Sokel, der aus Amerika gekommen war, um im Audimax über Kafka, Musil und Broch zu lesen. Das war das große Ereignis in diesem Sommer in Hamburg, zusammen mit dreitausend anderen Studenten lauschte ich seinen Worten. Leider kamen Robert Musil, von dem ich schon Ein Mann ohne Eigenschaften und den Törleß gelesen hatte, und Hermann Broch in der Vorlesung kaum vor. Sokel konzentrierte sich auf Kafka, für Kafka war er damals weltberühmt.

Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine Dissertation schreiben sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich während meiner Studentenjahre gehindert hatte, andere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als ich über ihn schreiben wollte, stellte sich heraus, daß ich ihn nicht verstanden hatte. Was Martin Walser hier beschreibt, konnte mir nicht passieren. Ich hatte beinahe alles von Kafka gelesen, aber ich mochte ihn nicht. Broch war neu für mich, also las ich den Tod des Vergil. Alle 533 Seiten.

Es ist viel vom Tod die Rede in dem Roman. Und viel von der Liebe: Plotia preßte ihre Hände noch inniger in die seinen und führte sie zu ihren Brüsten, deren Spitzen unter der Berührung hart wurden. ... friedlich war die Nähe der fraulichen Nacktheit Plotias. Nichts Furchteinflößendes war erspähbar. Er hatte sich entschieden zur Liebe, und auch Plotia fragte: kehrst du ein zu mir, Geliebter, du sollst mich begehren... Schleiergleich aber rückte sie ein Stückchen von ihm ab, oder richtiger, wehte es sie von ihm ab: Dann schicke den Alexis fort. Den Alexis? wahrlich! mitten in der Landschaft, umtanzt von den gliedstarren Satyrn, stand der Alexis am Fenster, blondlockig, weißnackig, in kurzer Tunica stand er dort und träumte hinaus ins Verschwimmende, hinüber zu den fernen Bergen... Schicke ihn fort, bat Plotia, schaue nicht zu ihm hin; du hältst ihn mit deinen Augen. Und in nacktdurchsichtiger Unmittelbarkeit drängte Plotia: Sind dir meine Brüste nicht begehrenswerter als die Hinterbacken des Knaben dort ... und da verschwand die Jünglingsgestalt, ... und er - war niedergekniet ... und er küßte die Spitzen ihrer Brüste . . . leicht hingebettet auf dem Bette, und obwohl sie sich ihrer Kleider nicht entledigt hatten, lagen sie nackt Haut an Haut, lagen sie nackt Seele an Seele, lagen sie aneinandergleitend, dennoch regungslos vor Begehren... Der Nordexpress aus Kopenhagen glitt durch die dunklen Harburger Berge, das lagen sie nackt Seele an Seele fand ich sehr schön. Ich überlegte mir, ob meine unbekannte Schönheit aus dem Milchladen jemals den Tod des Vergil lesen würde.

Ich las auf den Fahrten auch die Aeneis wieder, die der sterbende Vergil hatte vernichtet sehen wollen, weil sie unvollendet geblieben war. Ich las Vergil in einer zweisprachigen Ausgabe. Nicht mehr dieses Herumraten, was der lateinische Satz bedeuten könnte, wie damals bei Tammo Johannsen im Lateinunterricht. Obgleich ich den Anfang jederzeit schön in Hexametern aufsagen kann, damit kann man noch immer Leute beeindrucken. Heute habe ich die zweisprachige Ausgabe von Edith und Gerhard Binder, in der auch das Aeneidos Liber XIII enthalten ist, das Maffeo Vegio hinzugedichtet hat. Obgleich ich nach mehreren Umzügen manche Bücher nicht wiederfinde, mein Vergil ist immer griffbereit. Man kann darüber auch einschlafen. Auf jeden Fall hat Robert Lowell, der (wie Chief Inspector Morse) Klassische Philologie studiert hat, ein Gedicht geschrieben, das Falling Asleep over the Aeneid heißt. Das Ehepaar Binder bietet eine Prosaübersetzung, das ist zum Lesen sehr praktisch. Aber es fehlt die rollende Wucht der Hexameter:

Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris
Italiam fato profugus Laviniaque venit
litora, multum ille et terris iactatus et alto
vi superum, saevae memorem Iunonis ob iram,
multa quoque et bello passus, dum conderet urbem
inferretque deos Latio; genus unde Latinum
Albanique patres atque altae moenia Romae.


Irgendwie geht doch nichts über den guten alten Heinrich Voß, doch ich zitiere lieber einmal Hölderlins Freund Christian Ludwig Neuffer:

Waffen sind mein Gesang, und der Mann, der von Trojas Gefilden
Schicksalsflüchtig zuerst in Italia und an Lavinums Ufern erschien.
Viel jagte durch Länder ihn und Gewässer
Göttermacht denn Juno die schreckliche grollte gedenksam;
Viel auch erlitt er im Krieg, bis die Stadt er gegründet, und seine
Götter Latium gab. Von da der Latiner Verwandtschaft,
Und der Albanersenat, und die Mauern der mächtigen Roma.


Der Vergil Sommer in Hamburg. Ich denke immer noch an die Schöne aus dem Milchladen. Was wird aus ihr geworden sein? In einem meiner Traumspiele heiratet sie jemanden aus der Elbchaussee und lässt sich einmal in der Woche vom Chauffeur nach St Pauli zu dem Milchladen in der Karolinenstraße kutschieren.

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