Dienstag, 14. Juli 2020

La douce France


Dass ich schon einmal an einem 14. Juli in Paris gewesen bin, habe ich letztens in dem Post Straßenphotographie geschrieben. Der französische Nationalfeiertag ist schon häufig in meinem Blog erwähnt worden. Alles andere Französische auch, der Post Abendlied war lange ein Bestseller, und auch der Post über den französischen Existentialismus schlug sich zahlenmäßig nicht schlecht. Der Post über Alain Robbe-Grillet ist vor Jahren auf eine französische Kulturseite gewandert. Ich habe sehr viele Leser in Frankreich, in der Leserstatistik der letzten zehn Jahre sind die Franzosen nach Deutschland und den USA auf Platz drei. Es gibt ja auch viel von la douce France in diesem Blog, nicht nur die vielen Posts über französische Filme.

La douce France ist der Titel eines Chansons von Charles Trenet (den kennen Sie schon aus dem Post Que reste-t-il de nos amours) aus dem Jahre 1941, in dem der Sänger den Franzosen etwas wiedergibt, was sie unter der deutschen Besatzung zu verlieren glaubten: ihre nationale Identität. Die Identität eines ländlichen Frankreichs der Vergangenheit (cher pays de mon enfance), wo das Leben noch schön ist:

Douce France
Cher pays de mon enfance
Bercée de tendre insouciance
Je t'ai gardée dans mon cœur
Oui je t'aime
Et je te donne ce poème
Oui je t'aime
Dans la joie ou la douleur


Aber dieses la douce France ist älter, viel älter. Es taucht zuerst im Jahre 1080 im Chanson de Roland, dem Rolandslied, auf. Wenn Roland im Sterben liegt, blickt er auf Spanien und auf seine Eroberungen zurück:

Le comte Roland s'étendit dessous un pin.
Vers l'Espagne, il a tourné son visage.
Bien des choses lui reviennent en mémoire,
Tant de terres que le baron conquit,
La douce France, les hommes de son lignage,
Charlemagne, son seigneur qui l'éleva.
Il ne peut s'empêcher de pleurer et de soupirer
.

Charles Trenet nimmt dieses Erinnern (Bien des choses lui reviennent en mémoire) beinahe wörtlich wieder auf, wenn er singt Il revient à ma mémoire des souvenirs familiers. Erinnerung an la douce France bei Roland, dem Paladin von Karl dem Großen, Erinnerung an ein douce France vor der deutschen Besatzung bei Charles Trenet. Das mit dem douce France im Rolandslied weiß ich schon lange, nicht weil ich aus Bremen komme und die Stadt einen Roland hat. Sondern weil ich mich einmal zusammen mit meinem Freund Peter in den Semesterferien durch das altfranzösische Rolandslied gequält habe. Das habe ich schon in dem Post Charlemagne gesagt, wenn Sie beinahe alles über Roland und Karl den Großen wissen wollen, dann lesen Sie diesen Post.

Die Marseillaise wird am heutigen Tag sicher überall in Frankreich gesungen, aber es ist nichts von la douce France darin. Es ist ein Kriegslied, dem Claude Joseph Rouget de Lisle den Titel Chant de guerre pour l’armée du Rhin gegeben hatte. Es war dem Marschall Nikolaus von Luckner gewidmet, dem Oberbefehlshaber der Rheinarmee (unser Seeteufel Graf Luckner, der Telephonbücher zerreissen konnte, ist sein Urenkel gewesen). Es ist ein blutrünstiger Text, der eigentlich nicht mehr in unsere Zeit passt.

Als Nicolas Sarkozy (dessen Frau Carla Bruni Trenets La douce France auf italienisch gesungen hat) im Jahre 2005 anordnen wollte, dass jedes Schulkind in Frankreich die Nationalhymne auswendig lernen sollte, fragte sich der Sänger Graeme Allwright, ob kleine Kinder in der Schule wirklich diesen Text lernen sollten: Je me suis toujours demandé comment les Français peuvent continuer à chanter, comme chant national, un chant de guerre avec des paroles belliqueuses, sanguinaires et racistes. Und er fügte hinzu: Le jour où les politiques décideront de changer les paroles de La Marseillaise, ce sera un grand jour pour la France. Aber dieser jour de gloire ist nicht gekommen, Sarkozy interessierte das alles nicht. Und so schrieb Allwright eine neue, pazifistische Marseillaise:

Pour tous les enfants de la terre
Chantons amour et liberté.
Contre toutes les haines et les guerres
L’étendard d’espoir est levé
L’étendard de justice et de paix.
Rassemblons nos forces, notre courage

Pour vaincre la misère et la peur
Que règnent au fond de nos cœurs
L’amitié la joie et le partage.
La flamme qui nous éclaire,
Traverse les frontières
Partons, partons, amis, solidaires
Marchons vers la lumière.


Es wäre schön, wenn sich dieser Text einmal durchsetzen würde. Eine alternative Marseillaise hat sich ein französischer Präsident allerdings schon einmal anhören müssen. Nicht am 14. Juli, sondern am 10. Mai 2019 im Jardin du Luxembourg bei einer Feierstunde zur Abschaffung der Sklaverei in Frankreich. Da sang die in Nigeria geborene Omo Bello die 1867 von Camille Naudin in New Orleans geschriebene Marseillaise Noire vor Präsident Macron.

Bei YouTube finden sich hunderte von Aufnahmen der Nationalhymne. Mireille Mathieu ist dabei, aber auch Charles De Gaulle, der die Hymne 1945 bei seiner Heimkehr nach Frankreich eigentlich sehr gut singt. Wir haben Aufnahmen von Opernsängern, Kindern, Militärkapellen (auch dem Chor der Roten Armee) und Nationalmannschaften. Die Beatles tauchen mit All you nee is love auch manchmal auf. Und immer wieder dazwischen der Filmausschnitt aus Casablanca. Ich habe mich durch ein halbes Hundert von Aufnahmen durchgearbeitet, auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie soll die Marseillaise gesungen werden? Opernsänger und Opernsängerinnen fallen aus, zuviel Theatralik, zuviel Pathos. Obgleich man Fjodor Schaljapin, der lange in Frankreich lebte, immer anhören kann. Marthe Chenals erstaunliche Aufnahme aus dem Jahre 1915 auch. Serge Gainsbourg mit seiner als skandalös empfundenen Reggae Version und sein Auftritt in Straßbourg sollten auch erwähnt werden.

Ich habe nach langem Suchen eine Version gefunden, die ich sehr schön finde. Ich weiß nicht, wer da die Hymne singt, aber so sollte das Lied gesungen werden, einfach und schlicht und ohne Pathos. Diese Nationalhymne findet sich bei YouTube in einem kleinen, sehr ironischenVideo, das Le jour de gloire est arrivé! heißt. Wir sehen Szenen aus einem alten Spielfilm, wo eine vornehme Dame mit einer Louis Vuitton Tasche mit unsicherem Schritt ein schloßartiges Haus verlässt. Sie beachtet die im Hof liegenden Toten nicht; als sie in der Einfahrt des Hofes stehenbleibt, ihren Mantel lüftet und zu einer Art Striptease ansetzt, erklingt die Nationalhymne. A cappella, nicht strahlend von einem Heldentenor gesungen, sondern eher von einem Chansonnier mit Trauer in der Stimme. Und dazwischen immer wieder Szenen von Straßenkämpfen und Polizeigewalt, die uns beweisen, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Und dass offenbar manche das Aux armes, citoyens falsch verstanden haben. Diese Szenen sind zeitlos, Straßenkämpfe und Polizeigewalt gibt es in Frankreich immer wieder. Das hört nie auf. Außer bei Corona, da ist Ruhe.


Lesen Sie auch: Le jour de gloire est arrivé, 14. Juli, Aufstand, sansculotte, 14. Juli, Gesten, Piloten

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