Montag, 6. März 2017

Rechtsprechung


Heute vor einhundertundsechzig Jahren hat der achtzigjährige Chief Justice Roger B. Taney ein Urteil verkündet, wonach die Mehrheit des Supreme Court der Auffassung sei, dass Sklaven kein Recht auf Freiheit hätten, dass sie fernerhin ein Eigentum seien und keine freien Bürger. Weshalb sie auch nicht vor Bundesgerichten antragsberechtigt seien. Ihre Eigentümer dürften mit ihrem Eigentum den Wohnsitz wechseln, ohne von der Bundesregierung enteignet zu werden. Der letzte Punkt des Urteils bedeutete in der Praxis eine Aufhebung des Missouri-Kompromisses. Denn dieser Dred Scott (Bild), der da geklagt hatte, hatte mit seinem Besitzer in verschiedenen Bundesstaaten, unter anderem im freien Norden, gelebt. Sieben Jahre zuvor hatte ein Gericht nach der Missouri-Doktrin Einmal frei, immer frei geurteilt. Das Urteil wurde allerdings schnell kassiert: Die Zeiten sind jetzt nicht so, wie sie waren, als die früheren Entscheidungen zu diesem Thema getroffen wurden.

Ein halbes Dutzend Eingaben und Prozesse, zehn Jahre wartet das Ehepaar Scott auf das Recht. Und dann verliest Roger B. Taney (Bild) das Urteil: In the opinion of the court the legislation and histories of the times, and the language used in the Declaration of Independence, show, that neither the class of persons who had been imported as slaves, nor their descendants, whether they had become free or not, were then acknowledged as a part of the people, nor intended to be included in the general words used in that memorable instrument. It is difficult at this day to realize the state of public opinion in relation to that unfortunate race which prevailed in the civilized and enlightened portions of the world at the time of the Declaration of Independence and when the Constitution of the United States was framed and adopted. But the public history of every European nation displays it in a manner too plain to be mistaken. They had for more than a century before regarded as beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations; and so far inferior, that they had no rights which the white man was bound to respect; and that the negro might justly and lawfully be reduced to slavery for his benefit. He was bought and sold, and treated as an ordinary article of merchandise and traffic, whenever a profit could be made by it.

Als junger Jurist hatte Taney in einem Prozess über das, was der Süden euphemistisch die peculiar institution nennt, gesagt: A hard necessity, indeed, compels us to endure the evil of slavery for a time ... It cannot be easily or suddenly removed. Yet, while it continues, it is a blot on our national character; and every real lover of freedom confidently hopes that it will be effectually, though it must be gradually, wiped away. Ein Jahr später wird Taney seine Sklaven freisetzen, wird ihnen sogar eine Art Rente aussetzen. Aber Jahrzehnte später wird er dieses Urteil der Schande verkünden und argumentieren, dass das Recht auf Sklavenhaltung in der ➱Verfassung stehe. Schizophrenie? Die New York Tribune schrieb damals: It is most true that this decision is bad law; that it is based on false historical premises and wrong interpretations of the Constitution; that it does not at all represent the legal or judicial opinion of the Nation; that it is merely a Southern sophism clothed with the dignity of our highest Court.

Warum ist ein New Yorker Journalist so viel klüger als der höchste Richter (hier ein Portrait von ➱Emanuel Leutze)? Weil er kein Jurist ist, wäre eine Antwort, der normale Menschenverstand ist keine Qualifikation für das höchste Gericht. Nicht jeder Richter im Supreme Court hat das Format von ➱Oliver Wendell Holmes. Oder müssen wir sagen, dass der Journalist der Tribune nicht wie Taney aus einer prominenten Sklavenhalterfamilie Marylands kommt? Taney ist nicht der einzige, der seltsame Urteile produziert. Im Jahre 1884 wird das Oberste Gericht befinden, dass der 14. Zusatzartikel der Verfassung nicht für Indianer gilt, weil sie nicht in den USA geboren sind, sondern auf einem Gebiet ihres Stammes. Also sind sie keine Amerikaner. Juristen können auf seltsame Dinge verfallen.

Was kommt nach dem Urteil? Der Missouri Kompromiss ist Altpapier, Abraham Lincoln wird seine berühmte Rede A House Divided Against Itself Cannot Stand halten. John Brown will die Sklaven befreien, Melville wird ihn in The Portent 1859 ➱The meteor of the war nennen. Und der Krieg wird kommen, vier Jahre nachdem Chief Justice Roger B. Taney von beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations sprach. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Truth is the daughter of time. Nach dem Bürgerkrieg wird der 13. Zusatzartikel der Verfassung die Sklaverei beenden. Doch es wird nach dem Dred Scott Urteil beinahe hundert Jahre dauern, bis ➱Earl Warren mit dem Urteil in dem Fall Brown v. Board of Education neue Rechtsgeschichte schreibt. Erst dann kann die kleine ➱Ruby Bridges zu einer weißen Schule gehen.

Ein New Yorker Richter namens John H. McCunn wird nach dem Tod von Roger B. Taney sagen, that, perhaps since the establishment of this Republic, no greater loss had befallen the country than the death of Chief Justice Taney. He has been not only a very useful member of society, but an enlightened and brilliant ornament of the judiciary, occupying for many years the highest position in this or any other land; and it was with feelings of the deepest regret that I learned this morning of his death. I had hoped that the Almighty would have spared him until peace was restored to our distracted country. An Allwise Providence has willed it otherwise, and I most sadly concur in ordering this resolution of adjournment on the minutes of the court.

Das klingt wunderbar, ganz anders als das, was der Senator Charles Sumner an Abraham Lincoln in einem Brief schreibt: Providence has given us a victory in the death of Chief Justice Taney. It is a victory for Liberty and the Constitution. Wir müssen allerdings bei beiden Aussagen auf die Sprecher schauen. Charles Sumner ist ein bedeutender Mann in der amerikanischen Geschichte. John H. McCunn ist ein kriminelles Mitglied des berüchtigen Tweed Rings, der wenig später seinen Posten als Richter verliert. Abraham Lincoln betrauerte den Tod seiner Nemesis Roger B. Taney kaum, ist aber höflichkeitshalber zur Trauerfeier gegangen.

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