Samstag, 28. Oktober 2017

Hans Fander ✝


Es war ein schöner Sommerabend, als wir bei Harald Eschenburg saßen. Wir: das waren neben dem Gastgeber und seiner Freundin noch Hans Fander, der Literaturwissenschaftler Jörg Joost und ich. Wir redeten über Cricket, weil das da in der Gegend im Sommer manchmal gespielt wurde. Wir redeten über Bücher. Der Gastgeber hat nicht nur sein Antiquariat voller Bücher, auch das Haus ist voll. Wir redeten auch über Religion, wobei Hans Fander uns mit vielen Beispielen bewies, dass die katholische Religion speziell für die Menschen vom Niederrhein erschaffen worden war. Hans Fander hatte viel Humor, sehr viel. Und er war ein geborener Geschichtenerzähler.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber nach dem Essen wurde plötzlich nur noch über Pariser Friedhöfe geredet. Herr Joost war ein großer Frankreichliebhaber. Hans Fander sowieso, der besaß einen französischen Pass, weil er als junger Mann in der Légion étrangère gewesen war. War in Indochina gewesen und hatte die Hölle von Dien Bien Phu überlebt. Irgendwann brachte Hans Fander den wunderbaren Satz heraus: In meinem Alter googelt man schon mal Friedhöfe. Joost war davon so begeistert, dass er sich den Satz sofort aufschrieb. Hans Fander war damals noch quicklebendig. Jörg Joost war leider wenige Monate nach dem schönen Sommerabend tot. Eigentlich wollte er noch bei mir vorbeikommen, ich sollte ihm alles über seine goldene Omega Taschenuhr erzählen.

In seiner Todesanzeige las ich das Gedicht Der Rauch von Bert Brecht:

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.


Für jemanden, der ein Buch über Brecht geschrieben hatte, passte das schön. Eine Geschichte hatte Jörg Joost an dem Abend, als das Gerede über Friedhöfe losging, nicht zum Besten gegeben: er war bei der Beerdigung von Hans Henny Jahn als Sargträger dabei.

Die Sache mit In meinem Alter googelt man schon mal Friedhöfe war an dem Abend nicht nur eine Art Gedankenspiel, Hans Fander hat auf seiner eigenen Internetseite über einen Besuch auf dem Père Lachaise geschrieben: Um hier seine letzte Ruhe zu finden, muss man für eine Grabstelle zwischen zehn und zwanzigtausend Euro anlegen, Dekoration, also Grabsteine und Monumente nicht eingeschlossen. "Wäre doch nett", dachte ich beim Verlassen der Totenstadt, "wenn Du hier auch mit einem 'Steinchen' vertreten wärst". Inschrift: "Hier, Zweimeterfünfzig tiefer, hat sich Hans Fander hingelegt. Sein letztes Geld gab er her, um ein wenig vom Glanz seiner Mitschläfer zu profitieren". Dabei dachte ich so zwischen Edith Piaf und Simone Signoret der Ewigkeit entgegen zu schlummern. Ives hätte mich nicht weiter gestört. Er liegt wohl auf der anderen Seite. Und Chopin hätte für die Himmelfahrt vielleicht noch eine Melodie komponiert. Aber aus der Umbettung der von mir verehrten Damen wird wohl nichts. Doch Träumen ist erlaubt. Wenn dann vielleicht der eine oder andere Besucher vorbei wandern würde, und sich die Frage stellt, wer Hans Fander wohl war, dann wäre ich der Vergessenheit entkommen. Und das mit einem billigen Stein, denn das Grab auf dem Père Lachaise wäre ja schon reichlich teuer.

Ich fange mit einem schönen Sommerabend an und lande bei Friedhöfen und dem Tod. Das liegt daran, dass mir Hans Fanders Lebensgefährtin Gerlinde Kammholz (hier die beiden auf einem schönen Photo) vor Tagen mitgeteilt hat, dass Hans Fander im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Er war einer der liebenswürdigsten, reizendsten und großzügigsten Menschen, die ich erlebt habe. Zu seinem achtundachtzigsten Geburtstag hatte er hier in diesem Blog den Post achtundachtzig bekommen, worüber er sich sehr gefreut hatte. Damals ging es ihm noch gut, auch wenn er beinahe blind geworden war und das Herz nicht nur Gerlinde, sondern auch häufig den Arzt brauchte. Aber sein Lebenswille und sein Humor waren ungebrochen. Seine Erika Schreibmaschine hatte er schon vor Jahren mit dem Computer vertauscht. Er hatte den neuesten Mac mit einem Riesenbildschirm. Um genau zu sein, war es ein IMac, ein unheimlich cooles Teil. Und wegen der Augen kam dann später noch ein Bedienungssystem für Sehbehinderte dazu.

Eine eigene Seite im Internet zu haben und dort Geschichten zu erzählen, das war ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Wenn man Dien Bien Phu überlebt hat und dort nicht, wie so viele seiner Kameraden, in Gefangenschaft geraten war, dann musste einem das neue Leben wie ein Geschenk vorkommen. Hans Fander verließ die Fremdenlegion und kam nach Krefeld zurück. Er ging ins Versicherungsgeschäft, wurde Direktor einer Versicherung und fuhr einen dicken Mercedes. Im Ruhestand wurde er Maler. Lebenskünstler war er immer, jetzt wurde er Künstler. Frankreich (hier die Provence), das ihm eine zweite Heimat war, kam immer wieder auf die Leinwand. Eins seiner Bilder schenkte er der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Und bekam vom Direktor diesen Brief:

Cher Monsieur Fander,

vous êtes de ces artistes passionnés de notre pays qui aimez à retrouver régulièrement les ciels et paysages lumineux de Provence chers à tant de peintres. Nous devons à votre coeur de francophile le don que vous venez de faire au Centre Culturel Français d'une de vos oeuvres. Votre tableau illustre picturalement fort bien la relation franco-allemande. Les couleurs emblématiques de nos deux pays s'y mêlent en un tourbillon chromatique qui me paraît évoquer les tourments et les bonheurs d'une amitié agitée mais aujourd'hui plus que jamais nécessaire à l'Europe.
     Je tiens à vous exprimer ici mes remerciements en vous assurant que votre tableau figurera en permanence dans la galerie d'exposition de notre institut dont il illustre symboliquement l'activité.
     Je vous prie de croire, cher Monsieur Fander, à mes sentiments les meilleurs

Jacques Sparfel
Directeur


Wenn dann vielleicht der eine oder andere Besucher vorbei wandern würde, und sich die Frage stellt, wer Hans Fander wohl war, dann wäre ich der Vergessenheit entkommen. Nein, er wird nicht vergessen werden, man wird sich immer an ihn erinnern. Er wird jetzt im Himmel sein. Ich weiß nicht, was Edith Piaf und Simone Signoret sagen werden, wenn sich der Monsieur Fander zu ihnen gesellt. In Chansons ist er fit, weil er in den letzten Jahren zu Weihnachten von mir wegen seiner Augen keine Bücher, sondern nur noch CDs mit französischen Chansons bekam. Ich nehme an, dass er in diesem Augenblick mit Edith Piaf und Simone Signoret (vielleicht auch mit Yves) Non, je ne regrette rien singt:

Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait, ni le mal
Tout ça m'est bien égal
Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
C'est payé, balayé, oublié, je me fous du passé


Avec mes souvenirs j'ai allumé le feu
Mes chagrins, mes plaisirs
Je n'ai plus besoin d'eux
Balayé les amours avec leurs trémolos
Balayé pour toujours
Je reparts a zéro


Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait, ni le mal
Tout ça m'est bien égal
Non, rien de rien, non, je ne regrette rien
Car ma vie, car mes joies
Aujourd’hui ça commence avec toi



Hans Fander hat eine eigene Seite im Internet, die schon viele Besucher hat. Er hat über seine Geschichten gesagt: Erinnerung ist von unschätzbarem Wert. Erlebtes, Erfahrenes, Gutes und weniger Gutes ist gespeichert und abrufbar. Meine Geschichten schreibe ich so, wie sie mir einfallen. Bunt durcheinander. Einmal kürzer, einmal länger. Mal mit Bildern, aber vieles nur als Text. Es lohnt sich unbedingt, seine Erzählungen zu lesen. Sie können in meinem Blog noch mehr über Hans Fander in diesen Posts lesen: achtundachtzigTango, Fremdenlegion, Monte Carlo or Bust!, Gary Glitter, Schwarzenbek, LeuchttürmeHans Henny JahnHirschsprung.

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