Samstag, 16. Dezember 2017

Universitätsromane


In den siebziger Jahren blühte in England ein Romangenre auf, das eigentlich so neu nicht war: der Universitätsroman. Der ungekrönte König des Genres war sicherlich David Lodge. Sein professoraler Kollege Malcolm Bradbury hätte auch gern den Thron für sich beansprucht, aber sein Roman The History Man ist nun mal lange nicht so witzig wie David Lodges Small World. Lodge hat den Universitätsroman charakterisiert als: The high ideals of the university as an institution - the pursuit of knowledge and truth are set against the actual behaviour and motivations of the people who work in them, who are only human and subject to the same ignoble desires and selfish ambitions as anybody else. The contrast is perhaps more ironic, more marked, than it would be in any other professional milieu.

Ich hatte am Anfang der achtziger Jahre eine neue Zeitschrift abonniert, die The London Review of Books hieß. Die Zeitschrift war 1979 von den Herausgebern des Times Literary Supplement gegründet worden, damals - das kann man sich gar nicht mehr vorstellen - erschien die Londoner Times für ein ganzes Jahr nicht mehr. Während des ersten halben Jahres ihrer Existenz erschien die Literaturzeitung The London Review of Books als Beilage des New York Review of Books. Den schickte mir mein Freund ➱Peter Gutkind immer aus ➱Kanada, und durch diese Beilagen war ich auf die Zeitschrift gekommen.

Im London Review of Books las ich, als der Boom der campus novel begann, eine wunderbare Rezension. In der der Verfasser sagte, dass die Universitätsromane ein etwas billiges Vergnügen seien. Jeder wisse doch, dass an der Uni nur Leute seien, die ein klein wenig bescheuert seien und mit dem wirklichen Leben nicht zurecht kämen. Es sei doch kleinlich, über die noch zu witzeln und sie in Romanen lächerlich zu machen. Nach einem halben Leben an der Uni muss ich sagen, dass der anonyme Verfasser da ein interessantes Argument vorbrachte. Ich habe übrigens Professor Malcolm Bradbury (Bild), den Verfasser von ➱The History Man, einmal kennengelernt. Er war geistreich, witzig und gebildet, und er war für einen englischen ➱Professor sehr elegant gekleidet. Also nicht so wie Michael Caine in ➱Educating Rita.

Er war auch ein klein wenig eitel und arrogant, er ließ sein Gegenüber immer wissen, dass er ein bedeutender Mann war. An seiner Uni gab es mal einen Graffito auf einer Klotür, der lautete: What is the difference between God and Professor Bradbury? Die Antwort stand natürlich dabei God is here but everywhere. Professor Bradbury is everywhere but here. Immerhin brachten seine Vortragsreisen und die ständige Abwesenheit an der University of East Anglia solche schöne Dinge hervor. Wie auch einen zweiten Graffito, der ein wenig elegisch klingt: Remote and ineffectual don, Where have you gone, where have you gone? Ich habe es damals nicht gewagt, ihn zu fragen, ob er das witzig fand.

David Lodge und seine Kollegen hatten mit ihren Romanen großen Erfolg in England. Die Welle der Universitätsromane schwappte dann auch nach Deutschland über. Ein obskurer deutscher Professor namens Dietrich Schwanitz schaffte es mit seinem Universitätsroman Der Campus im Spiegel und im Fernsehen ernstgenommen zu werden. Das Werk, das Tom Wolfes Bonfire of the Vanities ausplündert, ist aber eigentlich nur peinlich, noch peinlicher war die Verfilmung.  Da ich eben Tom Wolfe erwähnt habe, sollte ich noch hinzufügen, dass er mit I am Charlotte Simmons auch einen Roman zu dem Genre beigesteuert hat. Wenn schon, dann sollte man englische Universitätsromane lesen. Es ist sicherlich immer witzig, wenn Professoren als völlig tumb oder hilflos in Liebesdingen geschildert werden, aber der Schmäh sollte doch stilvoll daherkommen.

Und das können die Engländer besser als Herr Schwanitz. Vor allem, weil sie mit ihren Universitäten Jahrhunderte von Geschichte und Kulturgeschichte bieten können. Und ihnen ihre Universität etwas mehr bedeutet als Mensa, Fahrradständer und Photokopierer. ➱Joseph Losey hat Teile seiner ➱Verfilmung von Nicholas Mosleys Universitätsroman ➱Accident nach ➱Syon Hall verlegt, stilvoller geht es natürlich nimmer. Auch wenn sich ➱Dirk Bogarde, der stilvoll einen Universitätsprofessor spielt, bei der Aristokratie etwas deplaziert vorkommt.

Jahre vor dem Erscheinen von David Lodges Campus Trilogie hatte J.I.M. Stewart einen fünfbändigen Universitätsroman vollendet. Wir kennen den Autor unter seinem Pseudonym ➱Michael Innes, unter dem der Oxforder Literaturprofessor die besten englischen Krimis geschrieben hat. Er hat natürlich ➱hier schon einen Post. A Staircase in Surrey war kein Bestseller wie Small World, die Romane sind eher in der Tradition von C.P. Snow (dessen Roman The Masters von 1937 ein klassischer Universitätsroman ist) und Anthony Powell. So etwas verkauft sich nicht so leicht. Anthony Powell hat in diesem Blog schon zwei Posts (Tänzer und Bilder - Texte - Bilder), die mir zwar das Lob des deutschen Verlegers von Powell eingetragen haben, aber die Verkaufszahlen wahrscheinlich nicht gerade nach oben getrieben haben.

Raymond Chandler, der eine englische Public School besuchte, war übrigens von Michael Innes begeistert: In spite of several mentions by you I have only just discovered Michael Innes. I think he is quite wonderful and I am about to buy up all the books of his that are still in print. Even if the plot were rotten, it would still be a pleasure to come into contact with a whole literate mind, full of sly humor and soft chuckles. What the typical mystery addict makes of him, God knows. Very little, I imagine, but he suits me fine, and makes all the words-of-one-syllable boys sound like so many lame-brain-dead-end-kids.

Bradburys History Man stand in der Tradition eines Klassikers der campus novel, nämlich des wunderbar komischen Romans Lucky Jim von Kingsley Amis aus dem Jahre 1954. Amis hat diesen Roman seinem Freund Philip Larkin gewidmet, damals waren beide noch jung und noch nicht verbiestert rechtsradikal. Lucky Jim war der erste Roman von Kingsley Amis, der Roman ist heute noch immer ein Klassiker, der sich auch in der Liste der hundert besten Bücher des Magazins Time findet. Der Roman wird man manchmal mit dem Angry Young Men Movement in Verbindung gebracht, aber zu denen wollte Kingsley Amis nicht gehören. Das war ihm irgendwie zu prollig.

Auch Detektivromane können Universitätsromane sein. Die Herren MorseLewis und der junge Inspektor Morse sind literarische Geschöpfe des Cambridge Absolventen Colin Dexter, der wie Morse Klassische Philologie studiert hatte und eines Tages an der Uni Oxford landete. Es gab seine Romane, bevor die beiden Detectives die Lieblinge der Nation auf dem Fernsehschirm wurden. Leider haben sich die Abenteuer des Professors Gervase Fen von Edmund Crispin nicht so durchgesetzt, obgleich das auch schöne Universitätsromane mit Krimihandlung sind.

Bei der Verknüpfung von Uni und Krimi muss ein Roman genannt werden, der sicherlich auf diesem Gebiet der größte Klassiker ist: Gaudy Night von Dorothy Sayers. Nachdem die Autorin neun Krimis geschrieben hatte, wollte sie offensichtlich ausloten, was man diesem trivialen Genre noch abgewinnen könne. Und so steht dann auf der Erstausgabe: a novel not without detection. Es ist mehr als das, es hat auch etwas mit Philosophie zu tun. Und der erste feministische Detektivroman ist Gaudy Night auf jeden Fall. Und natürlich spielt das Ganze in einem College. Und Lord Peter Wimsey, den Sie schon aus dem Post Cricket kennen, ist auch dabei.

Wir mögen Morse und Lewis. Colin Dexters Romane sind Detektivromane mit ein bisschen Universität, sie sind keine echten Universitätsromane. So etwas kann man verfilmen, einen wirklichen Universitätsroman kaum. Ian Carmichael mag als Jim Dixon in der Verfilmung von Lucky Jim gerade noch durchgehen. Schwanitz' Campus ist so simpel gestrickt, dass man ihn leicht verfilmen kann, aber wer glaubt Heiner Lauterbach, dass er ein Professor sein soll? Seine schauspielerische Begabung reicht doch gerade für die Möbelwerbung.

Ein erstaunliches Phänomen beim Universitätsroman war, dass er an den Ort zurückkam, der sein Handlungsort war. Plötzlich wurden an Universitäten Seminare zum Universitätsroman angeboten, Aufsätze und Bücher erschienen. Ich könnte dazu witzige Geschichten erzählen, aber ich lasse das lieber. Einen Universitätsroman könnte ich mit links schreiben. Der Spagatprofessor, der fünf Minuten braucht, um sein Büro aufzuschließen, der käme natürlich drin vor. Und Dr Hilarius würde ich sicher auch erwähnen. Auch den Professor, dessen Ärmel sich vom Jackett löst. Oder den Professor, der eine Vorlesung über den Universitätsroman hielt, ohne einen einzigen gelesen zu haben. Manchmal finden sich in meinen Posts schon Passagen, die wie eine Arbeitsnotiz zu einem Universitätsroman wirken. Ich zitiere mal eben einen Absatz, der sich in dem Nachruf für Peter Nicolaisen findet:

Eine der kuriosesten Aufgaben von uns Hilfskräften betraf den Herrn Professor Germer, der bei seiner Berufung verlangte, dass man die leeren Bücherregale in seinem neuen Dienstzimmer mit Büchern füllte. Eigene Bücher brachte er offensichtlich nicht mit. Books do furnish a room, wie es bei Anthony Powell heißt. Schweren Herzens opferte unsere Bibliothekarin, Frau Gertrud Klein, die sogenannte studentische Ausleihbibliothek, die eigentlich aus nichts anderem als Doubletten und ausgesonderten Luschen bestand. Mein Freund Götz und ich arbeiteten tagelang daran, die vorzeigbarsten Stücke in die Regale zu sortieren. Schön nach Autoren und Jahrhunderten geordnet. Als Rudolf Germer zum ersten Mal sein neues Zimmer betrat, würdigte er unsere Arbeit keiner genaueren Betrachtung. Er sagte nur: Meine Herren, ich bin Ästhet. Ordnen Sie die Bücher bitte nach Farben! Ich habe mir immer gedacht, dass dies zwei Sätze sind, die – wären sie Thomas Bernhard oder Botho Strauß eingefallen – zur Weltliteratur hätten werden können.

Die erste seriöse deutsche Publikation zum Thema Universitätsroman war Der anglo-amerikanische Universitätsroman von Wolfgang Weiß. Das Buch erschien 1988 in der renommierten Reihe Erträge der Forschung der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft und erlebte 1994 eine überarbeitete Neuauflage. Ich kann Ihnen das Buch, das als Motto John Donnes an University is but a wildernesse, though we gather our learning there hat, sogar ➱hier zur Lektüre anbieten. Das Buch wird in dem Wikipedia Artikel zum Universitätsroman nicht erwähnt, aber den Artikel brauchen Sie gar nicht erst anzuklicken, der bringt keinen intellektuellen Zugewinn.

In der Nachfolge von Schwanitz' Campus gab es auch zahlreiche deutsche Universitätsromane. Einen sogar über mein Institut. Im Klappentext heißt es über das Werk: Eine kleine norddeutsche Universitätsstadt: Die junge Magistra Kathrin fühlt sich zu ihrem doppelt so alten Doktorvater Prof. Förster hingezogen. Die romantische Liaison wendet sich zum Unromantischen, als er seine akademische Machtstellung mit sexuellen Forderungen verknüpft. Während die Heldin ratlos zwischen Lachen und Weinen taumelt, weiß der alte Platzhirsch seinen Ruf als ehrbarer Professor geschickt zu wahren. Hier rächt sich eine Studentin, die offenbar eine Affäre mit einem Professor hatte (oder gerne gehabt hätte?) an ihrem Professor. Am Ende des Romans wird er mit einem Herzinfarkt aus einem Kieler Szenelokal getragen, während das Blaulicht von Polizei- und Krankenwagen den Alten Markt beleuchtet.

Glücklicherweise komme ich in dem Roman nicht vor, die Autorin hat auch nie ein Seminar bei mir besucht. Es ist viel Gift und viel Schmäh in dem Roman, aber er hat nichts von den Romanen von Kingsley Amis oder David Lodge an sich. Die Hamburger Morgenpost schrieb in ihrer Rezension: Der Klappentext des Lüneburger Verlages Dreidreizehn attestiert der Autorin "Sprachwitz", mit dem sie "eine Geschichte von hemmungsloser Abhängigkeit und Erotik" erzähle. In Wahrheit jedoch kommt ihre Story ähnlich dröge daher wie ein unterdurchschnittliches Uni-Seminar. Ihre Leser traktiert Bohn mit hölzernen Dialogen ("Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß du mit Frauen recht willfährig umgehst") und kryptischen Satzungetümen ("Berührungen mußten für sie Gegenseitigkeit haben und nicht einen einseitigen Anfall von Lust demonstrieren"). Kurse über Schriftstellerei ("Creative Writing") gehören an angelsächsischen Hochschulen zum Regelangebot. Hierzulande nicht. Eigentlich schade, denn Bohn hätte ein solcher Kurs bestimmt sehr gut getan.

Mehr kann man dazu nicht sagen. Es gibt schöne Sätze in dem Roman, der die Geschichte einer amour fou sein will: Sie hatte immer studieren wollen, und ihre Vorstellung vom wissenschaftlich-akademischen Dasein war von einer elitären Romantik [...] Welche Ironie des Schicksals, daß Kathrin sich nun in trübweißen Seminarräumen wiederfand, in denen mehr oder minder mißmutige Dozenten sich vor recht gleichgültigen Zuhörern verbreiteten, die mehr an einem „Schein“ als an geistigem Zugewinn interessiert waren. Doch letztlich ist ihre Geschichte nur platt wie das Land Schleswig-Holstein. Das Thema 'Studentin liebt Professor', diese unendliche Geschichte von hemmungsloser Abhängigkeit und Erotik, ist schon ein wenig abgegriffen. Ich war mal im Tagungszentrum Steinkimmen, mein Freund Uwe, der zuletzt hier vorkam, hatte mich mitgeschleppt. Ich war in dem Kurs Marionettenbau gelandet, schnupperte aber immer in einen Kurs hinein, der Songs der DDR hieß. Da gab es (es war Anfang der sechziger Jahre) sogar schon Systemkritisches zu hören. Einen Song habe ich nie vergessen, auf jeden Fall die letzten Zeilen des Refrains nicht. Die lauteten:

Denn sie wollt' ja immer einen von der Universität
wenn' s geht, wenn's geht

Das wurde herrlich ordinär herausgebrüllt, aber in diesen zwei Zeilen steckte mehr Potential für einen Universitätsroman als in dem ganzen Roman Magistra.

Monika Bohns Roman ist ein literarischer Rachefeldzug, den man nicht mit Literatur verwechseln sollte. Da sollte man einmal Heidi Frommanns Innerlich und außer sich: Eine Geschichte aus der Studienzeit lesen, das ist schon richtige Literatur. Ich weiß noch, dass ich mir vor Jahrzehnten bei der Lektüre einen kleinen Bleistiftstrich an der Stelle machte, wo die Autorin über die Anglisten ätzt, die immer die Photokopierer der Uni beschlagnahmen. Heidi Frommanns Buch ist bei Diogenes erschienen und erlebte mehrere Auflagen, Monika Bohns Roman erschien bei einem Lüneburger Comicsverlag und erlebte keine zweite Auflage.

Universitätsromane werden häufig von Universitätsprofessoren geschrieben. Und von Akademikern gelesen. In der Zeit des Golden Age of the Detective Novel hatte man das Gefühl, dass hier ein Genre war, das nur von Professoren für Professoren geschrieben wurde. So ähnlich wie der deutsche Philosoph Odo Marquard die Misere der Philosophie beschrieb: Philosophen [...] gleichen Sockenfabrikanten, die Socken nur für Sockenfabrikanten herstellen. Der Kreis der Autoren war klein, der Kreis der Leser auch. Die im Roman beschriebenen Colleges kannten sie alle, sie waren ja alle in Oxbridge gewesen. P.D. James, die später Baroness James of Holland Park wurde, hat in einem Vortrag eine wunderbare Anekdote zum Thema Professoren und Krimis erzählt: Dr Erik Routley, in his book 'The Puritan Pleasures of the Detective Story', tells the story of Professor Henry Robinson, principal of an Oxford theological college and one of the great Old Testament scholars of his day. Professor Robinson was very fond of detective stories and, travelling from Oxford to London for a meeting, he called at the station bookstall to find one for the journey. The professor looked at the paperbacks at the front and said, "I have read them all". The assistant, who was new to the job, directed him to the ones on the side. The professor peered at those and said, "I have read those too". The assistant then suggested that there were some at the back. The professor rummaged there, then came back and said, "I have read them all". The assistant then said, "In that case, sir, may I suggest it is high time you turned your attention to serious literature".

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