Sonntag, 24. April 2016

Hirschsprung


Kann ich Ihnen schon wieder einen Hirsch zumuten? Hatte ich ja am Monatsanfang in dem Post ➱Zähmung. In der elisabethanischen Lyrik sind Hirsche und Rehe ja heimisch. Als ich anfing zu studieren, lernte ich einen älteren Studenten kennen, der über die elisabethanische Hirschjagdmetapher promovierte. Er war im vierzigsten Semester. Ich beschloss, in meinem Studium um dieses Thema einen Bogen zu machen. Aber der Hirsch heute hat nichts mit Petrarca zu tun, der ist auf dem Etikett einer kalifornischen Weinmarke, die Stag's Leap heißt. Keine billige Plörre wie Valpolicella oder was die Nolibrüder auf der Straße trinken. Nein, dies ist etwas Erlesenes, da kostet die Bouteille schon mal einen Hunni.

Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich eigentlich keinen Wein trinke. Den trinken bei mir nur die Gäste. Letztens, als der Rotwein alle war, bin ich zu Tiemann, wohin sonst? Ich hatte zwar noch eine Flasche Robert Vollmöller, die mir Herr Vollmöller (dem ich den kleinen ➱Moby Dick verdanke) geschenkt hat, aber der wird nicht angerührt. Ich wurde bei Tiemann gut beraten, fand aber nicht so recht, was ich suchte. Dann sah ich Frau Tiemann (zweite von rechts) und fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könne, welchen Rotwein ➱Hans Fander mir vor Jahren geschenkt hatte. Der trinkt und verschenkt immer den hier, sagte sie und hatte ratzfatz eine Flasche in der Hand. So soll es sein.

Das heutige Gedicht ist von der renommierten amerikanischen Dichterin Sharon Olds. Es heißt Stag’s Leap, hat nichts mit elisabethanischen Hirschjagdmetaphern zu tun, aber viel mit dem Lieblingsrotwein von Sharon Olds Ehemann. Das Gedicht war titelgebend für einen Gedichtband, der 2013 erschien. Sharon Olds gewann damit den Pulitzer Prize for Poetry und den T. S. Eliot Prize. Die Frau, die eine Einladung von Barbara Bush ins Weiße Haus mit einem offenen Brief ablehnte, war die erste Amerikanerin, die diesen Preis erhielt, sie dichtet in einer anderen Liga als Carol Ann Duffy. Als die Gedichte erschienen, hatte die Dichterin sie lange in der Schublade liegen gehabt, die meisten waren 1997 geschrieben worden.

In gewisser Weise ist das Jahr ihr annus mirabilis, obgleich es eher das Gegenteil zu sein schien: ihre Ehemann hatte sie nach 32 Jahren verlassen. Sie schreibt hunderte von Gedichten, ihre Art, die Krise zu bewältigen. I was never good at being angry, hat sie gesagt. Sie findet wunderbare Bilder dafür my job is to eat the whole car of my anger, part by part, some parts ground down to steel-dust. Sie können das hier im Kontext lesen:

When my husband left, there was pain I did not
feel, which those who lose the one
who loves them feel.  I was not driven
against the grate of a mortal life, but
just the slowly shut gate
of preference. At times, I envied them—
what I saw as the honorable suffering
of one who is thrown against that iron
grille.  I think he had come, in private, to
feel he was dying, with me, and if
he had what it took to rip his way out, with his
teeth, then he could be born.  And so he went
into another world—this
world, where I do not see or hear him—
and my job is to eat the whole car
of my anger, part by part, some parts
ground down to steel-dust.  I like best
the cloth seats, blue-silver, first
car we bought together, long since
marked with the scrubbed stains—drool,
tears, ice-cream, no come, but only
the month's blood of release, and the letting
go of the broken waters.


Von den hunderten von Gedichten aus dem Jahre 1997 werden neunundvierzig in den Band Stag's Leap wandern. Sogar die Vogue, die nicht unbedingt eine Literaturzeitschrift ist, war von dem Gedichtband begeistert und nannte Olds our foremost poet of the self in all its seasons (über das Photo Shooting bei dem Magazin hat Olds ein ➱Gedicht geschrieben). Ein foremost poet of the self ist sie sicherlich. Man kann das confessional poetry nennen und Vergleiche mit ➱Robert Lowell (den sie erst ➱spät in ihrem Leben gelesen hat) ziehen. Sie hat auch eine Tendenz zu dem total recall, der ➱Joan Didion auszeichnet; würde Didion Gedichte schreiben, dann wäre sie Sharon Olds. Die Juroren, die ihr den Pulitzer Preis und den T.S. Eliot Preis zugesprochen haben, lagen nicht daneben. Stag's Leap mit seinen 89 Seiten ist ein erstaunliches Buch. Und hier gibt es jetzt daraus das Titelgedicht:

Stag’s Leap

Then the drawing on the label of our favorite red wine 
looks like my husband, casting himself off a 
cliff in his fervor to get free of me. 
His fur is rough and cozy, his face
placid, tranced, ruminant, 
the bough of each furculum reaches back 
to his haunches, each tine of it grows straight up 
and branches, like a model of his brain, archaic, 
unwieldy. He bears its bony tray 
level as he soars from the precipice edge, 
dreamy. When anyone escapes, my heart 
leaps up. Even when it’s I who am escaped from, 
I am half on the side of the leaver. It's so quiet, 
and empty, when he's left. I feel like a landscape, 
a ground without a figure. Sauve 
qui peut—let those who can save themselves 
save themselves. Once I saw a drypoint of someone 
tiny being crucified 
on a fallow deer’s antlers. I feel like his victim, 
and he seems my victim, I worry that the outstretched 
legs on the hart are bent the wrong way as he 
throws himself off. Oh my mate. I was vain of his 
faithfulness, as if it was 
a compliment, rather than a state 
of partial sleep. And when I wrote about him, did he 
feel he had to walk around 
carrying my books on his head like a stack of 
posture volumes, or the rack of horns 
hung where a hunter washes the venison 
down with the sauvignon? Oh leap, 
leap! Careful of the rocks! Does the old 
vow have to wish him happiness 
in his new life, even sexual
joy? I fear so, at first, when I still 
can’t tell us apart. Below his shaggy 
belly, in the distance, lie the even dots 
of a vineyard, its vines not blasted, its roots 
clean, its bottles growing at the ends of their 
blowpipes as dark, green, wavering groans.

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