Donnerstag, 28. April 2016

Eugen Roth


Mit vorwurfsvoller Miene kam der Student in mein Büro: Was Sie uns seit Jahren zitieren, das ist gar nicht von Ihnen, das ist von Eugen Roth. Ich hatte nie behauptet, dass der wunderbare Vierzeiler (von dem ich nur die ersten zwei Zeilen zu zitieren pflegte) von mir sei. Das hatte ich nie gesagt, das würde ich nicht tun. Etwas von jemand anderem als Eigenes auszugeben, das überlässt man zweifelhaften Existenzen wie diesem Herrn von und zu ➱Guttenberg und dieser ➱Frau Schavan. Oder der ➱Flinten Uschi. Ich zitierte Eugen Roths Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt immer, wenn es darum ging, wie man richtig an eine wissenschaftliche Arbeit herangehen sollte. Vom ersten Konzept bis zum Papiergewicht der DIN A4 Seite und der MLA Norm. Eugen Roths Gedicht hat übrigens noch zwei Zeilen mehr, deshalb sei es hier einmal ganz zitiert:

Die Wissenschaft, sie ist und bleibt,
was einer ab vom andern schreibt -
doch trotzdem ist, ganz unbestritten,
sie immer weiter fortgeschritten.

Eugen Roth, in manchem der Nachfolger von ➱Wilhelm Busch, ist heute vor vierzig Jahren gestorben. Er war einer der wenigen Dichter, der das aut prodesse volunt aut delectare poetae der antiken Poetik verstanden hat. Millionen von Lesern, die noch nie etwas von der Forderung des Horaz an die Dichter gehört haben, haben bestätigt, das Roths Gedichte ihnen durch ihre Heiterkeit und den Hintersinn Freude gemacht haben. Das kann nicht jeder Dichter von sich sagen. Wir sollten ihn nicht als simplen Humoristen abtun, er hat durchaus etwas zu sagen. Das folgende Gedicht wurde vor fünfzig Jahren veröffentlicht, es ist immer noch aktuell:

Die Welt, bedacht auf platten Nutzen, 
sucht auch die Seelen auszuputzen. 
Das Sumpfentwässern, Wälderroden, 
schafft einwandfreien Ackerboden
und schon kann die Statistik prahlen, 
mit beispiellosen Fortschrittszahlen, 
doch langsam merkens auch die Deppen, 
die Seelen schwinden und versteppen, 
denn nirgends mehr so weit man sieht, 
gibt es ein Seelenschutzgebiet.
Kein Wald drin Traumes Vöglein sitzen, 
kein Bach drin Frohsinns Fischlein blitzen, 
kein Busch im Schmerz sich zu verkriechen, 
kein Blümlein Andacht rauszuriechen, 
nichts als ein ödes Feld mit Leuten, 
bestellt es restlos auszubeuten, 
drum wollt ihr nicht zugrunde gehen, 
laßt noch ein bißchen Wildnis stehen.

Das Bild mit den toten Bäumen von Thomas Cole habe ich schon in den Posts ➱Thomas Cole und ➱Bäume gebracht, die auch etwas mit diesem Thema zu tun haben. Und auch dazu hat Eugen Roth etwas zu sagen, er ist einfach für alles zu gebrauchen:

Zu fällen einen schönen Baum,
braucht´s eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk´es, ein Jahrhundert!

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