Donnerstag, 21. April 2016

Hofdichter: Gott schütze die Königin


Da war man nicht gut beraten, diese Carol Ann Duffy als Poet Laureate zu nehmen. Weigert sich, ein Gedicht auf Baby George zu schreiben (obgleich das eigentlich zu ihren Pflichten gehört) und schreibt stattdessen über die Verletzung der Achillessehne von David Beckham. Carol Ann Duffy ist not my kettle of fish, ich halte sie auch nicht für eine wirklich bedeutende Dichterin. Geoffrey Hill, ein bedeutenderer Dichter als Duffy, hat sie als Mills & Boon Autor bezeichnet. Sie wird in diesem Blog einige Male erwähnt (in ➱Queen, ➱Morning Coat, ➱Thomas Chatterton), und das ist es. Falls Ihnen das Gedicht über David Beckham entgangen sein sollte, hier ist es:

Achilles (for David Beckham)

Myth's river- where his mother 
dipped him, fished him, a 
slippery golden boyflowed on, 
his name on its lips. 
Without him, it was prophesised,
they would not take Troy.
Women hid him, concealed him 
in girls' sarongs; days of 
sweetmeats, spices, silver 
songs... 
but when Odysseus came, with 
an athlete's build, a sword and a 
shield, he followed him to the 
battlefield, the crowd's roar, 
and it was sport, not war,
his charmed foot on the ball...
but then his heel, his heel, his 
heel...

Kommt natürlich nicht ansatzweise an die ➱Hymne auf Bum Kun Cha von Eckhard Henscheid heran, die schon in dem Post ➱Fußballpoesie erwähnt wird. Ms Duffy hat auch kein Gedicht zur Verlobung von Kate und William geschrieben. Ihr Agent erklärte: She doesn't want to do it and I don't think she will. I don't think she'll do the engagement or wedding as a royal poem. When she took on the role, the deal was that writing for royal events was not a necessity. Heutzutage ist es ja so schwer, gutes Personal zu finden. Ms Duffy hat offensichtlich beschlossen für die £5.000 im Jahr nichts zu tun.

William Wordsworth hatte die Position nur angenommen, weil ihm der Premierminister Robert Peel versicherte, dass er keinerlei Gelegenheitsgedichte schreiben müsste, you shall have nothing required of you. Hat er dann auch nicht getan. Er ist der einzige poet laureate gewesen, der niemals ein Gedicht für offizielle Gelegenheiten verfasst hat. Carol Ann Duffy war schon einmal in der Diskussion für den Posten des Poet Laureate, aber Tony Blair glaubte, man könne dem englischen Publikum diese schottische lesbische Feministin nicht zumuten. Sein Nachfolger, der Schotte Gordon Brown war da anderer Meinung. Wenn Sie jetzt erstaunt sind, dass die Premierminister und nicht die Monarchin über die Position des Poet Laureate entscheiden - das war schon immer so. Allerdings wird Königin Victoria im Falle von ➱Lord Tennyson (Bild) da ein Wörtchen mitgeredet haben.

Diesen Balmoral Tartan hatte Victoria ihrem Lieblingsdichter Lord Tennyson geschenkt. Entworfen von ihrem ➱Albert, darf er eigentlich nur von Mitgliedern des Königshauses getragen werden, aber bei einem Dichter wie Tennyson, dessen Gedichte die Königin immer auf dem Nachttisch liegen hatte, macht man schon mal eine Ausnahme. Carol Ann Duffy wird bestimmt keinen Tartan Shawl von Elizabeth bekommen.

Duffys Vorgänger Andrew Motion ganz anders, der schrieb bei jeder Gelegenheit über die königliche Familie. Zum achtzigsten Geburtstag der Königin, zum hundertsten von Queen Mom, zur Hochzeit von Prince Edward und Sophie Rhys-Jones und zum einundzwanzigsten Geburtstag von William. Und auch für den Prince of Wales und Camilla Parker-Bowles hatte er ein ➱Gedicht parat. Zum Dank wurde seine Apanage auf 5.750 Pfund erhöht, zum Ritter geschlagen wurde er auch. Duffy ist schon Dame Carol Ann Duffy geworden, aber sie schreibt nix.

Ich zitiere mal eben von Andrew Motion die letzte Strophe von ➱Picture This, des schönen Gedichts auf Queen Mom:

No changes, on the face of it: the balconies,
the open smile and wave, the garden parties,
and the hats, the hats, the hats, all pictures
in our albums or our heads along with these:
the photos no-one took of you -
the grandmother-confessor-friend, the mourner
at divorces and the rest, the worldly watcher
of the world who shows the world no changes
on the face of it: the balconies, the open wave
and smile, the hats, the hats, the hats.
My dream of your birthday
is more like a wedding,
the August sky
confused with confetti,
and lit with the flash
of our camera-gaze -
the century's eyes
of homage and duty
which understand best
the persistence of love.

Die Königin hat in ihrer Regierungszeit mehr Hofdichter gehabt als jeder Monarch zuvor. Victoria hatte nur drei: Wordsworth, Tennyson und Alfred Austin, Elizabeth II hat jetzt mit Duffy den sechsten Poet Laureate. Als sie auf den Thron kam, war John Masefield (Bild) noch Hofdichter. Das ist der, der das schöne Gedicht ➱Sea Fever geschrieben hat. Er hatte das Amt seit 1930 inne, nur Tennyson bringt es auf eine längere Amtszeit. Masefield nahm seine Aufgabe sehr ernst. Wenn er etwas zu sagen hatte, schickte er das Gedicht an die Times. Legte immer einen frankierten Rückumschlag bei, falls die Times es nicht veröffentlichen wollte. Die wollte aber immer. Masefield schrieb auch Gedichte, die nur für König und Königin waren, die wurden nicht veröffentlicht.

Nach Masefields Tod wurde Cecil Day Lewis Poet Laureate. Den kennen wir auch unter dem Namen Nicholas Blake als Verfasser schöner Kriminalromane. ➱Richard K. Flesch hat sich die alle für seine Rowohlt Thriller Reihe gesichert. Cecil Day Lewis ist der Vater des Schauspielers Daniel Day-Lewis. Der taucht in diesem Blog mehrfach auf. Er war in ➱The Age of Innocence, aber auch schon in einer Verfilmung von ➱The Last of the Mohicans zu sehen. Und er ist in dem Post ➱Italienische Herrenschuhe, weil er mal eine Lehre bei dem Schuhmacher Stefano Bemer gemacht hat.

Der nächste Amtsinhaber heißt John Betjeman (dies wunderbare Photo von der berühmten Jane Bown musste mal eben sein), den können wir heute auslassen, weil er ➱hier schon einen langen Post hat. Allerdings sollte man sagen, dass man mit Betjeman einen Dichter hatte, den ganz England kannte und liebte. Das hätte man auch über ➱Rudyard Kipling sagen können, wenn er denn das Amt angenommen hätte. Hat er aber nicht, auch einen Adelstitel hat er abgelehnt. Den Nobelpreis nahm er allerdings an, er war der erste Engländer, der ihn bekam. Da ich Kipling erwähne, sollte ich sagen, dass es hier eine ganz wunderbare plattdeutsche ➱Übersetzung seines Gedichts Mandalay gibt. Kipling ist nicht der einzige, der den Posten ablehnt, auch ➱Thomas Gray, ➱Sir Walter Scott und ➱Philip Larkin haben das getan.

Betjemans Nachfolger Ted Hughes (hier von Reginald Gray portraitiert) hatte es schwer, an Betjemans Ruhm anzuknüpfen. Er war nicht der Typ, der die Öffentlichkeit suchte. Hughes reizte die ➱Redaktion der Satirezeitschrift Private Eye immer zu Satiren, die manchmal besser waren als seine eigenen Gedichte. Der immer scharfsinnige Robert Nye (der selbst Dichter ist) schrieb nach der Veröffentlichung von Rain-charm for the Duchy: And Other Laureate Poems (Faber & Faber 1992), in dem auch das siebenseitige Gedicht auf die Taufe von Prince Harry enthalten ist: John Betjeman’s old suit hardly fits a dour Yorkshireman with ambitions to be a sort of royal witch doctor. Only one of those Laureate effusions is included here, the one for HRH Prince Harry, which has some decent lines about salmon responding to a storm. Das Gedicht hat mehr als some decent lines, es ist wirklich große Lyrik, nicht nur ein Gelegenheitsgedicht für die Royals.

Als der englische Schriftsteller Francis Wheen im Guardian die Dichtung des Poet Laureate Ted Hughes kritisierte, sandte ihm Andrew Motion (der damals noch nicht im Traum daran dachte, eines Tages Poet Laureate zu sein) zur Verteidigung seines Dichterkollegens ein kleines Gedicht. Es hat den Titel Lines Composed by Her Majesty Queen Elizabeth In Sympathy With Her Poet Laureate. Das finde ich das hübscheste von all den Gedichten, die für das englische Königshaus geschrieben wurden:

My family are a trial to Ted Hughes:
No sooner do they marry than divorce
His burdens would be lighter if he chose
To write about a corgi or a horse.

Seit die Engländer im 17. Jahrhundert die Position des Poet Laureate erfunden haben, dichten ihre Hofdichter gegen eine geringe Bezahlung, die immer ein Fässchen Wein einschließt (a butt of sack), zu offiziellen Gelegenheiten. Es scheint nirgendwo etwas über ihre Pflichten geschrieben zu sein, aber es ist eine Konvention, an die sich alle (außer Wordsworth) gehalten haben, dass zu feierlichen Gelegenheiten ein Gedicht von nicht spezifizierter Länge fällig ist. Zum achtzigsten Geburtstag der Königin (hier von Sir Peter Blake gemalt) schrieb Andrew Motion die Hymne The Golden Rule, die der Master of the Queen's Music, Sir Peter Maxwell Davies, vertonte:

The waves unfurl and change the shape of coasts,
The shrinking woods fall backwards through their leaves,
The night-horizons twist in chains of light:
The golden rule, your constancy, survives.
The language bursts its bounds and breaks new ground,
The fledgling words lay down a treasure-trove,
The speed of heart-to-heart accelerates:
The golden rule, your constancy, survives.
The sun unwinds its heat through threadbare sky
The lakes and rivers map their stony graves,
The stars still shine although their names grow faint:
The golden rule, your constancy, survives.
The black-and-white of certainty dissolves,
The single mind insists on several lives,
The ways to measure truth elaborate:
The golden rule, your constancy, survives.

Damit folgte er Betjeman, der zehn Jahre zuvor die gleiche Idee gehabt hatte und zusammen mit Malcolm Williamson eine Jubilee Hymn geschrieben hatte:

In days of disillusion,
However low we've been
To fire us and inspire us
God gave to us our Queen.
She acceded, young and dutiful,
To a much-loved father's throne;
Serene and kind and beautiful,
She holds us as her own.
And twenty-five years later
So sure her reign has been
That our great events are greater
For the presence of our Queen.
Hers the grace the Church has prayed for,
Ours the joy that she is here.
Let the bells do what they're made for!
Ring our Thanks both loud and clear.
From that look of dedication
In those eyes profoundly blue
We know her coronation
As a sacrament and true.
[The chorus:]
For our Monarch and her people,
United yet and free,
Let the bells from Ev'ry steeple
Ring out loud the Jubilee.

Und was können wir zum neunzigsten Geburtstag erwarten. Wieder eine Hymne? Wir erwarten besser gar nichts. Ein Sprecher des Palastes äußerte sich zurückhaltend: We are not aware of the poet laureate writing a poem for the Queen's 90th birthday on April 21. It is possible she may be planning to write one for the official celebrations in June, though we have not been told that at this point. Carol Ann Duffy hat die Welt wissen lassen, sie sei zu beschäftigt. Hier liest sie nicht gerade zu Hause ihren Gaszähler ab, nein, sie schreibt ein Gedicht über Gaszähler. Poet Laureate snubs Queen's 90th, but pens ode to gas meter, titelte der ➱Telegraph. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Die Königin hat heute Geburtstag, wozu ich natürlich meine herzlichen Glückwünsche sende. Die Königin hat aber auch noch einmal im Juni Geburtstag, ihr so genannter offizieller Geburtstag. Kennen Sie aus dem Fernsehen mit Trooping the Colour und Charity Lunch in der Mall. Und diesem unvermeidlichen Seelmann-Eggebert im Fernsehen. Diesen offiziellen Geburtstag gibt es übrigens schon seit dem 18. Jahrhundert. Weil im Juni das Wetter besser ist als im April. Sagt man, stimmt nicht immer. In Broxbourne hat man sich einen Dichterwettbewerb ausgedacht, da kann jeder bis zum 13. Mai ein Gedicht hinschicken. Leider nur diejenigen, die in der Gegend von Broxbourne leben. Sie und ich nicht. ➱Jan Böhmermann erst recht nicht.

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