Freitag, 8. April 2016

ein Poet im vollen Sinne des Wortes


                                O Liebe,
                   Was vor innig-süße Triebe
                   Hegstu nicht in deiner Brust

                 Würden doch nur die Verächter
                 Einmahl unsrer Wollust Wächter
                 Schwör ich bey Amoenens Gunst,
                Daß sie erstlich selbst nicht wüsten,
                     Ob der Himmel zeitlich sey,
                  Und darnach vor Scham und Reu
                  Nur vom Zusehn sterben müsten.
                            Das thäten sie,
                    Das thäten deine Triebe,
                               O Liebe! 

Die Encyclopædia Britannica hat den Dichter Johann Christian Günther als one of the most important German lyric poets of the period between the Middle Ages and the early Goethe bezeichnet. Erstaunlicherweise weiß selbst Goethe etwas über Positives über Günther zu sagen, diesen Mann, der dem Geheimrat vom Naturell her gar nicht liegen kann: Hier gedenken wir nur Günthers, der ein Poet im vollen Sinne des Wortes genannt werden darf. Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbil­dungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unter­richtet; genug er besaß alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervörzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Goethe fügt aber später noch hinzu: Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.

Was soll man sagen? Dieser Johann Christian Günther (der heute vor 321 Jahren geboren wurde), der mit achtundzwanzig Jahren kurz vor seiner Promotion als Mediziner starb, ist heute beinahe vergessen. Ein Dichter zwischen Barock und Aufklärung. Ein Genie, seiner Zeit um hundert Jahre voraus. Mein Nahme dringt durch Sturm und Wetter Der Ewigkeit ins Heiligthum, hat er einmal geschrieben. Dichter neigen zu Übertreibung. Kritiker auch. Da finden sich Formulierungen wie schlesischer Villon und Beginn der deutschen Bohème, wenn von Günther die Rede ist. Johann Christian Günther wäre mir entgangen, hätte ich nicht vor Monaten im Grabbelkasten für einen Euro den schönen Roman Schönheit der Verwilderung: Das kurze Leben des Johann Christian Günther von ➱Henning Boetius gefunden. Und dann im ➱Projekt Gutenberg und ➱hier alles an Gedichten von Günther gelesen. Mein Exemplar des Romans ist nicht diese billige Goldmann Ausgabe, sondern die bei Eichborn erschienene Erstausgabe, aber leider habe ich deren Cover nicht bei Googles Bildern gefunden.

Wir haben kein Bild von Johann Christian Günther. Das Bild bei Wikipedia hatte ein Verleger bei einem Kupferstecher viele Jahre nach Günthers Tod in Auftrag gegeben. Beide hatten den Autor niemals gesehen. Und so geistert dieses Phantombild wohl für immer durch das Internet. Der Verleger hatte Günthers Vater gebeten, ihm zu beschreiben, wie sein Sohn ausgesehen hätte. Und der schrieb: Mein Sohn war von mittelgroßer Statur und wohlproportionierten Gliedern, eines gleichfalls mit den anderen Gliedern wohl harmonierenden Gesichts, etwas länglich und von schwarzbraunen Augen und Haupthaaren, außer daß er damals eine lange Staaatsperücke mit blonden Haaren trug. War sonst freundlich und anschaulich von Angesicht und hatte etwas Reizendes an sich, daß er auch bald von Kindheit an und sonderlich bei seinem Studieren und erwachsenen Jahren jedermann gefiel. Er schrieb nichts davon, dass er seinen Sohn vor die Tür gesetzt und enterbt hatte.

Euch Musen danckt mein treu Gemüthe,
Wofern ich etwas gelt und bin,
Der Lorbeer eurer reichen Güte
Grünt jezt schon auf die Nachwelt hin.
Ihr habt mich von Geburth umfangen,
Gesäugt, geführt, geschüzt, ernährt
Und, wenn mir Freund und Trost entgangen,
Dem Herzen allen Gram verwehrt.

Nun mögen andre meines gleichen
Aus Ehrgeiz mit nach Ungern gehn
Und bey des Adlers Siegeszeichen
Geschlecht und Stand und Glück erhöhn.
Ich schmeichle keiner großen Zofe,
Ich bethe keinen Gözen an,
Der irgend Leute von dem Hofe
Nach Willkühr ziehn und werfen kan.

Ein Lager an den grünen Flüßen
Ergözt mich in gelehrter Ruh,
Hier kan ich alle Noth versüßen,
Hier richtet niemand, was ich thu.
Hier spiel ich zwischen Luft und Bäumen,
So oft die Sonne kommt und weicht,
Und ehre die in meinen Reimen,
Der nichts an Treu und Schönheit gleicht.

Sprecht mehr, ihr hochmuthsvollen Spötter,
Ich hielte nichts von Lob und Ruhm,
Mein Nahme dringt durch Sturm und Wetter
Der Ewigkeit ins Heiligthum.
Ihr mögt mich rühmen oder tadeln,
Es gilt mir beides einerley;
Wen wahre Lieb und Weißheit adeln,
Der ist allein vom Sterben frey.

Das ist Günthers Abschied von Dresden 1719, er hatte nicht wie erhofft den Posten eines Hofdichters erhalten, war besoffen zur Audienz bei August dem Starken erschienen. Er versetzt seine Kleider, die ihm sein Mäzen Johann Burckhardt Mencke gekauft hatte, und wandert nach Hause, nach Striegau. Da, wo eines Tages Ernst von Salomon seine Haft absitzen wird. Günther hofft auf eine Aussöhnung mit dem Vater, aber daraus wird nichts. Dem schlesischen Villon bleibt ein Leben im Suff, in Schuldgefängnis und Armenhaus. Zeit und Glück nicht wollte, daß seine Dichtkunst zur Reife kommen sollte, schreibt Abraham Gotthelf Kästner an Lessing.

Es wird manchmal gesagt, dass die Verse Komm, du Liebste meines Herzens, schau, es geht zur lezten Ruh, Komm und drücke, schönste Seele, mir nur noch die Augen zu seine letzten Verse waren, aber das stimmt nicht. Die stehen in dem autobiographischen Gedicht ➱Lezte Gedancken, das auch 1719 geschrieben wurde. In dem sich auch diese Verse finden: 

Wo verbleibt das Testament? Gut, ich theile meine Sachen.
Läst mich gleich die Dürftigkeit keinen großen Schaz vermachen,
So besiz ich doch noch manches, deßen rein- und frommer Werth
Meinen guten Willen zeiget und in aller Welt erklärt.
Meinen Leichnahm mag der Sand, meinen Fleiß die Faulheit faßen,
Meine Fehler will ich gern der Vergeßung überlaßen,
Meine Thränen nimmt die Buße, meine Drangsahl die Gedult,
Meine Sünden die Erbarmung, mein Gebeth des Heilands Huld.
Die geheime Liebeskunst, so ich ziemlich ausstudiret
Und, verböth es nicht die Zeit, einst in Deutschland aufgeführet,
Schenck ich dem geschickten Kopfe, der nach mir die Lauthe nimmt
Und sie mit gelehrten Grifen nach der griechschen Cither stimmt.
Ihr, o Schönen dieser Zeit, ihr galanten Schäferinnen,
Anders hab ich nichts vor euch, nehmt den besten meiner Sinnen,
Nehmt das zärtliche Gefühle und die treue Redligkeit,
Die ich nechst in unsern Linden Leonilden eingeweiht.
Was ich noch erinnern will, ist das grünende Gerüchte
Meiner in der Jugendzeit schlecht verfertigten Gedichte.
Doch ich seh, sie sind nicht würdig, Glut und Untergang zu fliehn.
Warum hastu, karger Himmel, mir nicht beßre Ruh verliehn?

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