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Mittwoch, 23. März 2016

Liaisons dangereuses


Am 23. März des Jahres 1782 erschien der Roman Les Liaisons dangereuses. Ein Skandalerfolg. Der Briefroman von Choderlos de Laclos gilt heute als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und zählt zur Weltliteratur. Das war mir nicht so klar, als ich den Roman las, über den Hermann Hesse sagte: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. Ich glaube, ich habe den Roman damals gelesen, weil mir jemand erzählt hatte, dass da Sex drin vorkäme. Das ist für Jugendliche natürlich ein Grund, um Romane zu lesen. Vor allem die, die in dem Schrank mit den abgeschlossenen Glastüren sind.

Dieses sex sells war offensichtlich im 18. Jahrhundert die große Entdeckung, mir fallen ohne langes Nachdenken neben den Liaisons dangereuses noch Klassiker der schlüpfrigen Literatur wie Fanny Hill und de Sades Justine ein. Und dann kommen diese Unmengen von Gothic Novels, in denen halbbekleidete junge Damen (meistens adlig) von Bösewichten (immer adlig, niemals englisch) durch die dunklen Verliese des Schlosses gejagt werden. Ich lasse das jetzt einmal weg, Sie können alles dazu in dem Post lesen, der ↝Gothick heißt.

Als ich in dem Tageskalender von Wikipedia für den 23. März las, dass an diesem Tag der Roman von Choderlos de Laclos veröffentlicht worden ist, hatte ich eine Assoziationskette, die Berlin - Regenmantel - Ingrid hieß. Geht nicht anders. Berlin deshalb, weil ich den Film Gefährliche Liebschaften von Roger Vadim (die erste von vielen Verfilmungen) damals kurz nach seiner Erstaufführung dort gesehen habe. Regenmantel: weil ich einen ganz tollen ↝Trenchcoat hatte, gegen den dieser hier von Jean-Louis Trintignant mickrig aussah. Und Ingrid: das war diese Frau, die immer wieder durch mein Leben irrlichterte. Und in diesem Blog auch immer wieder auftaucht, sodass manche Leser sie schon für ein literarisches Phantasieprodukt halten. Aber das ist sie nicht, es gibt heute sogar mal ein Photo von ihr.

Was ich damals nicht wusste, war die Tatsache, dass man das französische ↝Original beschnitten und umgeschnitten hatte, bis man das Prädikat Nicht freigegeben unter 18 Jahren und für stille Feiertage von der Freiwilligen Selbstkontrolle bekam. Es wird in dieser Zeit um jeden Quadratzentimeter nackter Haut gekämpft, ob es da um ↝Ulla Jacobsson in Sie tanzte nur einen Sommer geht oder um ↝Ingmar Bergmans Das Schweigen. Was die Freiwillige Selbstkontrolle nicht unter der Kontrolle hatte, waren die Nacktbadestrände von Sylt, wo man auch schöne Frauen sehen konnte. Ohne Kinokarte. Manche von denen (in Begleitung fetter Sugardaddys mit Goldkettchen) träumten wohl auch davon, einmal auf die Leinwand zu kommen.

Dies ist ein Nostalgie Blog, das wissen Sie schon. Ich nehme Sie mal eben mit zurück in die Vergangenheit. Nicht in das Frankreich des Jahres 1782, nein, in das Berlin des Jahres 1961. Die Filme sind noch schwarz-weiß. Ich auch. Unter meinem italienischen Trenchcoat trage ich einen dunkelgrauen Anzug aus einem ↝Tonic Stoff; ich trage ein weißes Hemd mit einem schmalen Schlips und habe schwarze ↝Apollo Schuhe an meinen Füßen. Ich sehe mindestens so gut aus wie ↝Jean-Louis Trintignant oder ↝Gérard Philipe. Das bildet man sich ein, wenn man achtzehn ist.

It was about eleven o'clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. So beginnt ↝Raymond Chandler seinen Roman The Big Sleep. In meiner Geschichte ist es auch Oktober, ich bin auch well-dressed, aber ich mache keinen Besuch bei einem Millionär. Es ist kurz vor acht, und ich warte vor dem  Kino auf Ingrid. Ich ahne schon, dass sie nicht kommt.

Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Schreibt der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Ich weiß nicht mehr, wer wer ist, in dem Liebesgewirr und den Intrigen von Les Liaisons dangereuses. Ich könnte jetzt noch So gibt es denn überhaupt keine Frau, die nicht die Herrschaft mißbraucht, deren sie sich zu bemächtigen wußte! zitieren. Der Roman von de Laclos ist voll von Sentenzen, Aphorismen und Platitüden. Ich lasse des jetzt beiseite, ich habe angefangen, eine Geschichte zu erzählen. Und ↝Geschichten wollen zu Ende erzählt werden:

Neben den Museen ist das Schönste, was mir Berlin zu bieten hat, die Welt der Filmpaläste (und natürlich 1962 ↝Juliette Gréco). Hier werden schon Filme gezeigt, die sich erst viel später in die Bremer Kinos verirren. Die Kinos heißen noch nicht Cinemaxx oder Astor Film Lounge, der Zoo Palast heißt aber schon damals Zoo Palast. Da kann man noch nach dem Kino bei Aschinger am Zoo ein Würstchen im Stehen essen. Und so viel Brötchen, wie man will. Die heißen hier Schrippen und sind ziemlich klein, stehen aber seit 1900 immer auf den runden Stehtischen. Seit den siebziger Jahren nicht mehr, es gibt kein Aschinger mehr. In diesem Herbst sind wir in einer Jugendherberge in Zehlendorf untergebracht, das ist der Berlinaufenthalt, bei dem ich auf die ↝S-Bahn verzichte. Ich nehme nachts nach Kino oder Oper diese tollen Doppeldeckerbusse, die nachts die Clayallee herunter rauschen. Die passen in meine Inszenierung vom einsamen Stadtwolf, nachts in meinen Trenchcoat gehüllt, oben in den leeren Bussen auf der Clayallee, beschlagene Scheiben, vorbeihuschende Neonleuchten, die nächtliche Lyrik der Großstadt.

Ich hatte Ingrid eingeladen, mit mir Gefährliche Liebschaften im Kino zu sehen, Ku’damm, Erstaufführungstheater, wie das damals so schön heißt. Wer nicht kommt, ist Ingrid. Ich habe für meinen italienischen Trenchcoat den teuersten Garderobenplatz von ganz Berlin neben mir. Passt zum Trenchcoat. War von Hans Kalich in Bremen, schweineteuer, wie alles bei Kalich. Mammi musste erst zuhause Vaddi anrufen, um zu fragen, ob sie ihn mir kaufen dürfe. Vaddi hat natürlich Ja gesagt. Ich hätte im Kino lieber diese schöne Frau mit den Sommersprossen neben der Nase neben mir gehabt statt des Trenchcoats, aber sie zickt immer rum. Das haben Frauen in den fünfziger Jahren schon gelernt, die Unnahbare zu spielen.

Aber hinter der scheinbaren Überlegenheit ist auch viel Unsicherheit, das Rouge auf ihrer Unterlippe bröckelt ab, weil sie immer mit den Zähnen darauf knabbert, wenn sie nervös ist. Fang mich auf, sagt sie in den Dünen von ↝Langeoog, dann ist sie wieder ganz anders. Wenn irgendetwas eine amour fou ist, dann ist es meine Beziehung zu Ingrid. L’amour est un oiseau rebelle, schreibt sie mir wenig später aus Frankreich. Und l’amour est simple, il est ou il n’est pas... Aber jetzt hasse ich sie erstmal. Nachts auf dem Flur der Jugendherberge sehe ich sie im Licht der Notbeleuchtung, ich drücke ihr die zweite Karte in die Hand und sage Hier hast Du Deine Karte, es waren die besten Plätze. Aber ich kann ihr nicht böse sein, vor allem nicht, wenn sie mir am nächsten Morgen das Butterbrot schmiert. Les Liaisons dangereuses war schon der richtige Filmtitel für uns.

Jahrzehnte später werde ich ↝Jimmy plötzlich zwingen, auf die Bremse von seinem Alfa Romeo zu treten, mitten auf dem Teltower Damm. Warte auf mich, sage ich ihm. Ich habe im Vorbeifahren diesen kleinen Park gesehen. Mit dieser Telephonzelle an der Ecke. Hier war ich mal mit ihr verabredet, sie ist natürlich nicht gekommen. Der kleine Park hat sich in einem Vierteljahrhundert nicht verändert, hier ist die Zeit stehen geblieben. Es ist Oktober wie damals, die roten und gelben Blätter auf dem Boden sehen aus, als lägen sie seit 1961 hier, ↝Les feuilles mortes. Der Geruch von der Brauerei reicht noch immer bis hier. Ich drehe mich abrupt um. Fahr los, sage ich zu Jimmy. Manchmal kann man es nicht ertragen, vom Zauber eines Ortes wieder gefangen zu werden. Ich könnte Jimmy jetzt in ein philosophisches Gespräch über Kierkegaards Die Wiederholung verwickeln. Der kleine, jetzt piekende Muskel, den wir Herz nennen, würde lieber Jay Gatsbys Satz Can’t repeat the past? Of course, you can hören.

Montag, 11. April 2016

Jacques Prévert


In seinem Vorwort in der Manier von Jacques Prévert zu dem Buch Gedichte und Chansons dichtet Préverts Übersetzer Kurt Kusenberg: Er ist ein Bänkelsänger ein Kabarettist ein Moritäter/ein Rattenfänger ein Moralist ein Attentäter/wie sein Ahne François Villon/er dichtet für den Tag/und für die Stunde/er ist in aller MundeGedichte und Chansons war zweisprachig, das war 1962 praktisch, mein Französisch (über das ich hier schon schrieb) war noch nicht so gut.

Es wurde damals aber von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts und Camus unterm Arm. Nur noch Juliette Gréco hören und französische Filme gucken. Und nebenbei angefangen Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, zuletzt in Liaisons Dangereuses. Aber es ist ja wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch im Schreibtisch. Nur die Frauen, denen man Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Als Préverts Band Paroles nach dem Krieg erschien (hier der Originalumschlag), wurden mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Prévert ist zwar nie in die Academie Française aufgenommen worden, aber ein Unsterblicher war er für viele Franzosen doch. In Deutschland hatte Prévert das Glück, einen Übersetzer zu finden, der mit ähnlicher Leichtigkeit Nachdichtungen schuf: Kurt Kusenberg, schrieb die Zeit 1977 in ihrem Nachruf auf Prévert, der am 11. April 1977 starb.

Dass der andere Teil Deutschlands den Franzosen auch kannte, wurde nicht erwähnt. Sollte aber hier Erwähnung finden, dass der Band Ein schöner Wal mit blauen Augen: Gedichte, Chansons, Prosa in der Übersetzung von Henryk Keisch 1975 beim Verlag Volk und Welt erschienen war. Der Name Kurt Kusenberg sagte mir etwas, als ich 1962 Gedichte und Chansons kaufte, denn Kusenberg war der Herausgeber der Reihe rowohlts monographien (die später rororo bildmonographien hieß). Es war eine Reihe, der ich viel verdanke. Ich habe mehr als einen Meter von diesen hervorragenden Büchlein. Das kann ich mit einem Blick sehen: das Lundia Regal ist 98 cm lang, es ist pickepacke voll. Und es liegen noch viele oben drauf. Obgleich in der Literaturwissenschaft der biographische Ansatz etwas verpönt ist, ist es doch interessant, etwas über einen Autor zu wissen. Ich habe immer erst die Biographien gelesen, bevor ich mich über die sogenannte Sekundärliteratur hermachte, wenn ich mich mit einem Autor beschäftigte. Es wäre schön gewesen, wenn Kurt Kusenberg durchgesetzt hätte, dass es auch einen Jacques Prévert Band in der Reihe rowohlts monographien gegeben hätte.

Jacques Prévert war nicht nur Schriftsteller, er leistete auch einen großen Beitrag zum französischen Film. Er schrieb Drehbücher für seinen sechs Jahre jüngeren Bruder Pierre, der eines Tages die Dokumentation Mon frère Jacques drehen würde. Er hat auch ein Drehbuch für Jean Renoir geschrieben. Zwar nicht für La Règle du Jeu (ein Film, der hier einen ausführlichen Post hat), aber für Le Crime de M. Lange. Einem Film, der übrigens in Le Tréport gedreht wurde (ein Ort, der ➱hier auch schon einen Post hat). Das alles reicht ihm noch nicht, zusammen mit Marcel Carné (und dem Kameramann Eugen Schüfftan) erfand er den Poetischen Realismus. Was wäre aus Jean Gabin geworden, hätte es Hafen im Nebel oder Der Tag bricht an nicht gegeben? Irgendwann schreibe ich noch einmal über Prévert und den französischen Film.

Als Gedicht des Tages würde ich ja gerne Les feuilles mortes nehmen, die Hymne der Nachkriegsära in Frankreich, wie sie der Deutschlandfunk bezeichnet hat. Kann ich immer noch auswendig. Aber dies Gedicht, das dank der Musik von Joseph Kosma zu einem Chanson (und als Autumn Leaves zu einem Jazzstandard) wurde, habe ich schon zu häufig zitiert. Es muss etwas ganz anderes her. Ich nehme ein Gedicht, das Sanguine heißt:

La fermeture éclair a glissé sur tes reins
et tout l’orage heureux de ton corps amoureux
au beau milieu de l’ombre
a éclaté soudain
Et ta robe en tombant sur le parquet ciré
n’a pas fait plus de bruit
qu’une écorce d’orange tombant sur un tapis
Mais sous nos pieds
ses petits boutons de nacre craquaient comme des pépins
Sanguine
joli fruit
la pointe de ton sein
a tracé une nouvelle ligne de chance
dans le creux de ma main
Sanguine
joli fruit

Soleil de nuit.

Blutorange

Der Reißverschluß ist über deine Hüften hingeglitten
das Glücksgewitter deines liebedurst’gen Leibes

mit seiner schönen Schattenmitte
ist plötzlich ausgebrochen
Und als dein Kleid auf das gebohnerte Parkett
herabfiel hat es nicht mehr Lärm gemacht

wie wenn ein Stück Orangenschale auf den Teppich fällt
Doch unter unsern Füßen krachten
die kleinen Knöpfe aus Perlmutt wie Kerne

Blutorange
schöne Frucht
die Spitze deiner Brust
hat eine neue Linie des Glücks

ins Innre meiner Hand gezogen
Blutorange
schöne Frucht

Sonne der Nacht.

Habe ich ➱hier auch von Yves Montand gesungen. ➱Les Feuilles Mortes natürlich auch. Von dem Chanson habe ich noch eine Version von ➱Edith Piaf, die wohl für den amerikanischen Markt bestimmt war. Ich habe natürlich in diesem Blog noch mehr Prévert. Sie könnten auch noch diese Posts anklicken: Jean-Louis Trintignant, Kulturwandel, Französisch, Jean Gabin, Liaisons dangereuses, Yves Montand, Lastkraftwagen, Lohn der Angst, Klippen, Léo Malet, Arletty


Samstag, 6. März 2021

der Marquis de Sade


Heute vor zweihundertzwanzig Jahren wurde der Marquis de Sade im Büro seines Verlegers verhaftet, so etwas kennt er schon, er ist schon häufig verhaftet worden. Zur Zeit des Terreur war der Bürger de Sade knapp der Guillotine entkommen; jetzt ist Napoleon an der Macht, der mag den Marquis nicht, de Sade wandert für die letzten Jahre seines Lebens in die Irrrenanstalt Charenton. Wenn er im Alter von vierundsiebzig Jahren stirbt, wird er siebenundzwanzig Jahren seines Lebens in Gefängnissen und Irrenanstalten verbracht haben. Wo er auch seine Werke schreibt. Der Comte, der sich selbst zum Marquis gemacht hatte, begegnete mir immer wieder, als ich vor vielen Jahren über die Literatur der Gothic Novel zu forschen begann, ein Genre, zu dem sich de Sade auch selbst geäußert hat. Auf diesem Bild (das einzige, das es von ihm gibt) ist er zwanzig Jahre alt, da ist er noch ein junger Kavallerieoffizier, sein Leben als Wüstling, Schriftsteller un dilettierender Philosoph hat noch nicht begonnen.

Die erste Biographie, die ich damals las, war die von Walter Lennig, die bei Rowohlt in der Reihe der rowohlts monographien erschienen war. Walter Lennig war nach dem Zweiten Weltkrieg Feuilletonchef der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel gewesen, und er hatte 1962 sein zweites Buch in der Rowohlt Reihe über Gottfried Benn geschrieben. Der war in Berlin sein Nachbar gewesen, den kannte er gut. Dann schrieb Lennig den de Sade Band, der sich länger als vierzig Jahre (immer wieder von der Rowohlt Redaktion leicht überarbeitet) in der Reihe hielt. Sei Buch über Edgar Allan Poe, das, wie alle Bücher von Lennig, sehr substantiell war, war 1959 erschienen und war bis 2003 lieferbar.

Noch substantieller als Lennigs Buch über de Sade war für mich das Buch The Romantic Agony von Mario Praz, das 1933 bei der Oxford University Press erschienen war. Das italienische Original La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica war drei Jahre zuvor veröffentlicht worden. Die deutsche Ausgabe (dtv 2 Bände) hielt sich an den italienischen Titel: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. Das Buch, das mit Im Zeichen des göttlichen Marquis ein hundertsiebzig Seiten langes Kapitel für de Sade hat, gibt eine Rezeptionsgeschichte für das, was de Sade mit Justine und anderen Büchern angerichtet hat. Mario Praz war Anglist und Kunsthistoriker (sein Buch Conversation Pieces wird hier schon in dem Post über Vilhelm Marstrand erwähnt), und er bewohnte in Rom einen Palazzo. Sein Buch ist inzwischen ein Standardwerk, wie beinahe alle Bücher, die er geschrieben hat.

Wenn man sich mit der Gothic Novel beschäftigt, wie ich es damals vorhatte, kommt man ohne das Buch von Praz nicht aus. Und de Sade begegnet uns überall. Sie könnten jetzt einmal die beiden langen Posts Gothick und Fantasy lesen, dann wissen Sie, was ich meine. Ich hatte mir überlegt, ob ich heute etwas von dem Text von Justine hier einstelle, aber dann habe ich es gelassen. Das Manuskript, das Napoleons Polizei einst suchte, und die verschiedenen Ausgaben von Justine, die einst verboten waren, sind heute frei zugänglich. Die französische Nationabibliothek bewahrt de Sades Schriften nicht mehr im Enfer auf, seit 1995 gibt es die dreibändige Ausgabe der Bibliothèque de la Pléiade. Sie können Justine hier bei Zeno oder im Orginal bei Wikisource lesen. Falls Ihnen bei Zusammenfassung genügt, gehen Sie zu Seite getastract, eine Seite, die eigentlich immer zuverlässig ist. Und den Film von Jess Franco, der zu diesem Plakat gehört, den habe ich auch für Sie. Mit Klaus Kinski als Marquis de Sade, das passt doch.

Da ich bei den Kuriosa angekommen bin, muss ich diesen Roman erwähnen, der heute noch als Klassiker der Erotik angeboten wird. Der Roman heißt Schwester Monika (hier im Volltext), er erschien zum ersten Mal ein Jahr nach dem Tod von de Sade. Er geriet in Vergessenheit, bis ihn 1910 der Wiener Kulturhistoriker Gustav Gugitz neu herausgab. Und ihn dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann zuschrieb. Die Meinungen der Literaturwissenschaftler sind geteilt, aber eins zeigt der Roman: man kann de Sade leicht imitieren und parodieren. Ein Faksimile der Ausgabe von 1910 (in Halbleder gebunden) kam in den sechziger Jahren dank des Hamburger Gala Verlags, der sich auf Pornographie spezialisierte, auf den Markt. Auf Bütten gedruckt, mit einer nummerierten Auflage von 1.600 Exemplaren.

Im selben Jahr, in dem das Buch von Mario Praz in Italien erschien, erschien in Deutschland ein Buch über den Marquis de Sade von Otto Flake, einem Schriftsteller, der ja ein halber Franzose ist. Ich schätze den Autor sehr, und er hat hier mit Otto Flake schon einen Post. Die Ausgabe von 1930 hatte nicht diesen schönen Cover, das Bild zeigt die spanische Ausgabe von 1931. Die deutsche Ausgabe ist als Fischer Taschenbuch erhältlich, und Fischer hat sie 2015 mit einem Nachwort von Michael Farin, der 1979 seine Doktorarbeit über Flake geschrieben hat, wieder neu aufgelegt. In seinem Vorwort sagt Flake: Der Absicht, mich mit Leben und Werk des Marquis de Sade zu befassen, konnten einige Bedenken entgegenstehen. Die Bedenken lagen nicht im Bewußtsein mangelnder Zuständigkeit. Man muß weder Arzt noch Psychiater sein, um dieses Thema zu behandeln, das vor allem in das Gebiet des Charakterologen fällt. Die Bedenken galten der Tatsache, daß die Nachfrage nach Biographien zu einer gewissen Betriebsamkeit geführt hat; daher leicht in den Verdacht der Spekulation kommt, wer sich eine der krassesten Erscheinungen aussucht.
     Aber es gilt doch wohl heute als selbstverständlich, daß alles, was gelebt hat, des Interesses würdig ist. Bei uns wirken noch alte idealistische Vorschriften nach. Natürlich ist es erhebender, sich mit Calvin oder Leibniz zu beschäftigen als mit Sade oder Rétif, die zu den negativen Phänomenen gehören. Aber die negativen Phänomene ergänzen die positiven, und erst bei der Darstellung eines Problematikers zeigt sich, wie wertvoll Gesundheit, Norm, höhere Menschlichkeit sind.
     Mein Buch ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte und zur Seelenforschung.

Es ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte, und es ist glänzend geschrieben. Wenn Flake seine Leser schonen will, lässt er Sätze im französischen Original. Wie zum Beispiel: Je parricidais, j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais. Darum geht es in de Sades Romanen, um nichts anderes. Man könnte mit Oto Flake aufhören, aber der Strom der Literatur zu de Sade kommt nicht zum Versiegen. 1909 hatte Guillaume Apollinaire in Introduction à l'oeuvre du marquis de Sade geschrieben: Dieser Mann, der während des gesamten 19. Jahrhunderts keine wichtige Rolle spielte, könnte im 20. Jahrhundert sehr wohl dominierend in den Vordergrund treten. Ernst Ulitzsch hatte 1920 plakativ formuliert: Donatien Alphonse François Marquis de Sade ist der Bluthusten der europäischen Kultur. Als die Körper der Rokoko-Aristokraten immer muskelschwächer wurden, stieß er mit kraftvollem Arm die Fenster der schlecht belüfteten Salons ein. Die Schuld lag nicht bei D.A.F., wenn nun, statt ersehnter Morgenluft, der Gestank des Schlachthauses einströmte, und jauchefahle Fratzen der frische Duft warmen Blutes zum Erbrechen reizte. Auf diesem Bild sehen wir den Ersten Konsul Napoleon, wie er den Roman Justine dem Feuer übergibt. Dass ihm de Sade ein in Leder gebundenes Exemplar geschickt hatte, stieß bei ihm offenbar auf keine große Begeisterung. Noch auf Sankt Helena entrüstete er sich gegenüber seinem Sekretär de Las Cases über die Verwilderung der Pariser Sitten. Dabei erwähnte er auch Justine, ein Buch, das er nur einmal durchgeblättert habe, es sei ein schmutziges und widerliches Produkt einer total verderbten Phantasie. Das können wir einmal so stehen lassen.

Die beiden Romane Justine und Juliette sind schmutzige und widerliche Romane. Sie sind keine große Literatur. Niemand sagt über Justine Sätze wie: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. Das hat Hermann Hesse über den Briefroman Les Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos gesagt, ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts, das man zur Weltliteratur
zählt. Es kann sein, dass der Erfolg des Romans (21 Auflagen zu Lebzeiten des Autors) de Sade dazu angeregt hat, seine Romane zu schreiben. Les Liaisons dangereuses ist ein erotischer Roman, zwischen Erotik und Pornographie gibt es Unterschiede. Franz Blei hat in seiner Geschichte der erotischen Literatur für de Sade nur eine Seite übrig: 'Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte. Und darum ist sie eine Tugend und nicht ein Laster.' Dieser Satz steht in des Marquis de Sade Philosophie dans le boudoir, einem Buche kalter Obszönität, das den Situationswitz des jüngeren Crébillon ohne Talent nachahmt und nicht besser ist als des Marquis andere pornographischen Kolportageromane, nur kürzer.

Und wenn Sie ein Beispiel für die Grausamkeit bei de Sade haben wollen, lasse ich doch mal eben seine Juliette reden: Ich lasse mir ein prachtvolles Mädchen von 18 Jahren vorführen, in meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen so schönen Körper gesehen. Nachdem ich sie überall tüchtig abgeküßt, abgegriffen und abgeschleckt hatte, führte ich sie selbst auf die Bühne; dort mit den Henkern um die Wette arbeitend, zerhaue ich sie derart mit einem derben Lederriemen, daß Stücke Fleisch größer wie meine Hand, davonflogen; endlich haucht sie ihren Geist aus, worauf ich mich von den Henkern auf ihrem Leichnam vögeln lasse. Das geht jetzt ad infinitum so weiter. Wir müssen allerdings bedenken, dass de Sade nichts wirklich erfunden hat, er ist nur einer der Autoren, der einer weiblichen Libertinage Worte verleiht. Es gibt einen riesigen Markt für Pornographie im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Kulturhistoriker Robert Darnton, der den wunderbaren Essay über Washingtons falsche Zähne geschrieben hat, hat mit The Literary Underground of the Old Regime 1982 ein interessantes Buch zu den französischen Verhältnissen vorgelegt.

Für die Leser der 1790er Jahre kommt zu den Texten noch ein reichhaltiges Bildmaterial hinzu. Einhundert Kupferstiche enthielt Justine in der Fassung von 1797. Perversionen auf Bildern hat es schon vorher gegeben, wie zum Beispiel hier auf dem Ausschnitt vom rechten Altarflügel von Hieronymus Boschs Garten der Lüste. Aber das ist der Teil des Altars, der der Hölle gewidmet ist. Hier sagt niemand mehr: Das Laster bereitet uns Vergnügen und die Tugend nur Langeweile und ich bin der Meinung, dass dasjenige, was uns Freude verschafft, stets den Sieg über das davon tragen wird, was uns gähnen macht.

Zum zweihundertsten Todestag von de Sade im Jahre 2014 erschien der Roman Der göttliche Marquis von Wolfgang Marx und eine Biographie von dem Historiker Volker Reinhardt. Über die Thomas Macho in der NZZ schrieb: Die Hitze der Debatten hat sich in den jüngstvergangenen Jahrzehnten deutlich abgekühlt. Als sichtbares Dokument dieser Abkühlung und Ernüchterung kann die umfangreiche Biografie betrachtet werden, die der Historiker und Golo-Mann-Preis-Träger Volker Reinhardt zum zweihundertsten Todestag de Sades veröffentlicht hat: Schon der Untertitel – 'Die Vermessung des Bösen' – verrät, dass vom 'göttlichen Marquis' ebenso wenig übrig geblieben ist wie vom 'Propheten des Grauens', den der erste Abschnitt der Einleitung, auch mit Blick auf die Greuel des 20. Jahrhunderts, skizziert. Der experimentelle Atheismus Sades, der die Hostienschändung mit dem Ziel eines 'negativen Gottesbeweises' verfolgte, wirkt heute eher komisch; und die mit nahezu geometrischer Präzision choreografierten Orgien verblassen angesichts von zeitgenössischen SM-Inszenierungen, die mit wenigen Klicks im Internet entdeckt werden können. Das ist es, dahin ist alles gewandert, was sich de Sade an sexuellen Perversionen ausgedacht hat. Diese junge Dame ist eine französische Porno-Actrice, die sich den Namen Justine de Sade gegeben hat.

Sonntag, 11. August 2019

Les Films de ma Vie


Obgleich das Photo auf dem Rücken des kleinen Buches verkleinert und beschnitten war, hat die Gundula sofort erkannt, dass es aus Eric Rohmers Film Ma nuit chez Maud stammte. Es war einer von Peters Lieblingsfilmen, sagte sie. Ich wusste das, denn Peter hatte mir vor einem halben Jahrhundert das Drehbuch aus Paris mitgebracht. War aus der Reihe L'Avant-Scène Cinéma, die waren die ersten, die Drehbücher von Filmen auf den Markt brachten. Das französische Kino hatte es Peter und mir damals angetan, ich habe schon häufig darüber geschrieben, nicht nur über Ma Nuit Chez Maud. Die kleine Geschichte hat mich auf die Idee gebracht, einmal etwas Ordnung in den Blog zu bringen und alle Posts zum französischem Film zusammenzustellen.

Denn da gibt es noch etwas, nämlich eine Internetadresse, bei der man viele der klassischen französischen Filme sehen kann. Ich hatte sie mir vor Jahren bei meinen Lesezeichen notiert, als ich über den russischen Film Mein Freund Iwan Lapschin schrieb. Ich habe diese russische Seite schon in Cyrano mit Mac erwähnt und gesagt, dass es eine Art Müllkippe des Internets ist, wo man aber auch kleine Edelsteine des französischen Kinos findet. Auf der russischen Seite kann man lesen: Развлекательная социальная сеть – общение с друзьями, фото и видео, фильмы и сериалы, музыка, игры, группы по интересам. Das bedeutet nach DeepL: Entertainment soziales Netzwerk - Kommunikation mit Freunden, Fotos und Videos, Filme und TV-Serien, Musik, Spiele, Interessengruppen. Ich gab zum Test Jean-Paul Rappenaus Film La vie de chateau, von dem mir Peter auch ein Drehbuch mitgebracht hatte, bei der russischen Adresse ein, und siehe da, der Film ist da. In sehr guter Qualität. Und im Original.

Sogar Renoirs Le règle du Jeu gibt es da zu sehen, mit Untertiteln in einer Sprache, die ich nicht kenne. Und das ist der Schwachpunkt der Seite, vieles ist Russisch oder mit russischem Ton übersprochen. Und vieles ist auch Breitwand, nicht gerade für den Bildschirm des Computers geeignet. Aber ich bin trotzdem dankbar für die Breitwandversion von Noyade interdite, weil es den Film nicht als DVD gibt.

Ertrinken verboten ist ein schöner französischer Krimi, in dem Philippe Noiret und Guy Marchand zwei Polizeikommissare spielen. Der Jazzklarinettist und Sänger Guy Marchand wird mit seiner Paraderolle Nestor Burma schon in dem Post Léo Malet erwähnt. Bei der russischen Adresse kann man beinahe alle Nestor Burma Filme finden. Mit im Film Noyade interdite ist neben Marie Trintigant und Gabrielle Lazure die junge Elisabeth Bourgine. Die kennen Sie aus Death in Paradise, wo sie die Mutter von Sergeant Camille Bordey spielt. Und dass sie die Hauptrolle in dem kleinen bösen Film Cours Privée hat, das habe ich schon in dem Post Roman Polanski erwähnt.

Ich bin jetzt dabei, in alle Posts zum französischen Film, die da unten aufgelistet sind, Links zu der russischen Seite einzuarbeiten, wenn die den Film haben. Das wird ein bisschen dauern, vor allem, weil ich das Ganze auch noch in meinen Blog Silverscreen kopieren muss. Ich weiß nicht, ob die Liste da unten vollständig ist, aber für ein kleines Buch würde es schon reichen. Uschi Glas ist dabei, weil Zur Sache, Schätzchen Deutschlands Antwort auf A bout de souffle war. Wenn Sie mich fragen, weshalb Bonnie und Clyde auf der Liste steht, habe ich dafür natürlich eine Antwort: die Drehbuchautoren hätten gerne François Truffaut als Regisseur gehabt. 

Von dem habe ich mir auch den Titel Les Films de ma Vie geklaut. Bei Arthaus gibt es eine Collection Französisches Kino, aber die kann ich nicht empfehlen. Von den zehn Filmen in der Kassette, die einen Hunni kostet, kämen nur wenige auf meine Liste der Top Ten des französischen Films. Verlassen Sie sich lieber auf meine Liste. Da heute Sonntag ist, könnten Sie ja mal mit dem schönen Film Un dimanche à la campagne anfangen.

Und dann haben wir noch die Posts: Ma Nuit Chez Maud, La vie de chateau, Spielregeln, Sabbelkino, Waltz into DarknessLiaisons Dangereuses, Mai-Unruhen, Fahrstuhl zum Schafott, Aimez-vous Brahms?, Lastkraftwagen, where life and movies overlap, Menschen am Sonntag, Piloten, Cyrano mit Mac, Ertrinken verboten, Bon anniversaire, Jean-Louis
     Jeanne MoreauCatherine DeneuveEt Dieu… créa la femmeFanny ArdantMireille DarkArlettyJacqueline BissetHundertAngie DickinsonUschi GlasReste
     Yves Montand, Jean Gabin, Lino Ventura, Jean DesaillyJean-Louis Trintignant, Michel PiccoliAlain DelonLe grand blondSteve CochranGregor von RezzoriFernandel
     François Truffaut, Claude LelouchHenri Langlois, Alain Resnais, Bourgeoisie, Roman Polanski, Bertrand Tavernier, Ray Bradbury, Jacques Tourneur, Robbe-Grillet
     Michel Legrand, Mundharmonika, Mademoiselle chante le blues, temps perdu, Bonnie und Clyde, Fantasy, Kulturwandel, Jugendkultur, Paris, Sommer 1959, Two-Lane Blacktop

Montag, 2. April 2018

souvenirs et regrets


1962 in Berlin kratze ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um eine Karte für das erste Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hat Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt werden. Unglücklicherweise sitze ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der ist ein Sitzriese, und ich versuche das ganze Konzert an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne singt. Die Eintrittskarte bewahre ich wie eine Reliquie auf. Das stand hier schon einmal in dem Post ↝Französisch, und wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Aus dem Post ↝Jacques Prévert zitiere ich auch mal eben einen Absatz: Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts und ↝Camus unterm Arm. Nur noch Juliette Gréco hören und ↝französische Filme gucken. Und nebenbei angefangen Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, zuletzt in ↝Liaisons Dangereuses. Aber es ist ja wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch im Schreibtisch. Nur die Frauen, denen man Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Dieses les souvenirs et les regrets aussi findet sich in Préverts berühmten Chanson ↝ Les feuilles mortes (vertont von Joseph Kosma). Es wird schon in den Posts ↝ Lastkraftwagen und ↝ Jean-Louis Trintignant zitiert. Und in dem Post Fernandel, weil Fernandel und Leo Malet einmal in demselben deutschen KZ waren. Dort hat man Leo Malet seine Schuhe weggenommen: An den Füßen trug ich wunderschöne Wildlederschuhe in Herbstblattfarbe, eine unglaubliche Farbe, die ich später nie wieder fand. Jacques Prévert hatte sie mir geschenkt, als er eines Tages seine Garderobe sortierte. Herbstblattfarben! Jacques Prévert. Dieser Anzug und Préverts Schuhe landeten mit mir im Stalag. Dort nahm man sie mir ab... Wenn jemand Les feuilles mortes schreibt, müssen die ↝Wildlederschuhe natürlich die Farbe herbstblattfarben haben.

Serge Gainsbourg, der heute vor neunzig Jahren geboren wurde, hat sich Jacques Préverts berühmtes Chanson genommen und es ein wenig umgeschrieben, ↝La chanson de Prévert heißt es bei ihm. Er hat Prévert zuvor gefragt, ob er Zitate aus Les feuilles mortes verwenden dürfe. Und dann ist es eine Hommage an Prévert und das französische Chanson geworden. Und alle haben es gesungen, ↝ Gainsbourg natürlich auch:

Oh, je voudrais tant que tu te souviennes
Cette chanson était la tienne
C'était ta préférée, je crois
Qu'elle est de Prévert et Kosma

Et chaque fois les feuilles mortes
Te rappellent à mon souvenir
Jour après jour les amours mortes
N'en finissent pas de mourir

Avec d'autres bien sûr, je m'abandonne
Mais leur chanson est monotone
Et peu à peu je m'indiffère
À cela il n'est rien à faire

Car chaque fois, les feuilles mortes
Te rappellent à mon souvenir
Jour après jour les amours mortes
N'en finissent pas de mourir

Peut-on jamais savoir par où commence
Et quand fini l'indifférence?
Passe l'automne, vienne l'hiver
Et que la chanson de Prévert

Cette chanson, Les Feuilles Mortes
S'efface de mon souvenir
Et ce jour là, mes amours mortes
En auront fini de mourir

Et ce jour là, mes amours mortes
En auront fini de mourir

↝ Juliette Gréco hat es auch gesungen, und ich habe ↝ hier eine Version mit Bildern von allen Pariser Friedhöfen. Und ↝hier eine Version mit schönen Bildern.

Mittwoch, 8. Mai 2019

Wiederholungen


Aber nicht alle drei Tage, sagte sie. Dann einmal im Monat, sagte ich. Hmmm, sagte sie. Das Hmmm war eher ein Ja als ein Nein. Wir redeten nicht über Sex. Wir redeten über das nächtliche Telephonieren. Früher haben wir mal jede Nacht telephoniert, ich höre ihre Stimme gerne, sie hat so etwas Vertrautes. Den Klang von Heimat und Jugend. Was ist die Jugend? Ein Traum. Was ist die Liebe? Der Inhalt eines Traumes. Hat Sören Kierkegaard gesagt, er hat viel zur Liebe gesagt, aber er ist mit seiner Liebe zu Regine Olsen nicht glücklich geworden. Mancher Philosoph ist durch Frauengeschichten aus seiner Bahn geworfen worden. Seltener ist es, das einer durch eine Frau überhaupt erst auf die Bahn gerät. Und dies nicht durch eine bedeutende Dame von Welt, sondern durch ein einfaches Bauernmädchen von ganzen fünfzehn Jahren. Eben dies widerfährt Sören Kierkegaard. Denn ohne Regine Olsen wäre er nicht geworden, was er geworden ist, und hätte er nicht geschrieben, was er geschrieben hat.

Wir telephonierten damals nachts, weil es bei der Post einen Nachttarif gab. Also in diesem damals, als es noch gelbe Telephonzellen gab, einen Postminister und Zinsen aufs Sparbuch. Wenn wir am selben Ort waren, brauchten wir nicht zu telephonieren. Dann konnten wir das andere tun, mindestens alle drei Tage. Irgendwann über die Jahre hörten wir auf, jede Nacht zu telephonieren; wir entglitten uns, tout doucement, sans faire de bruit. Es gab keine Nachttarife mehr und auch keinen Postminister. Man brauchte keine langen Telephonkabel mehr, es gab schnurlose Telephone. Doch bei allem technischen Fortschritt fehlte mir etwas. Ihre Stimme.

Es war noch nicht so schlimm wie in Dorothy Parkers Erzählung A Telephone Call, wo es heißt: Please, God, let him telephone me now. Dear God, let him call me now. I won't ask anything else of You, truly I won't. It isn't very much to ask. It would be so little to You, God, such a little, little thing. Only let him telephone now. Please, God. Please, please, please. Nein, so schlimm war es nicht, aber ich habe dieses Harmoniebedürfnis, das zurück möchte in den Traum der Jugend. Da bin ich wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman, der Can't repeat the past? Why of course you can! sagt. Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Das ist nicht Kierkegaard, das schreibt in Les Liaisons Dangereuses der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Der Verbalerotiker Kierkegaard wird das Buch gekannt haben, denn sein Buch Tagebuch des Verführers erscheint wie eine Variation zu Choderlos de Laclos.

Kierkegard hat uns zum Thema der Wiederholung auch etwas zu sagen: Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen ‚Erinnerung‘ war. So wie diese damals lehrten, dass alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, dass das ganze Leben eine Wiederholung ist. Das schreibt er in Die Wiederholung, einer kleinen Erzählung, die er als einen Versuch in der experimentierenden Psychologie bezeichnet. Sie ist nichts als die philosophische Aufarbeitung seiner Liebe zu Regine Olsen, die ihn verlassen und sich neu verlobt hat.

Die Liebe der Wiederholung ist in Wahrheit die einzig glückliche, sagt Kierkegaards Erzähler Constantin Constantinus. Sie kennt ebensowenig wie die Erinnerung die Unruhe der Hoffnung, nicht die beängstigende Abenteuerlichkeit der Entdeckung, aber auch nicht die Wehmut der Erinnerung, sie hat des Augenblicks selige Sicherheit. Die Hoffnung ist ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend, man hat es jedoch niemals angehabt, und weiß darum nicht, wie es einen kleiden wird oder wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr paßt, da man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unverschleißbares Kleid welches fest und zart sich anschmiegt, weder drückt noch schlottert.... Die Wiederholung ist ein geliebtes Eheweib, dessen man niemals leid wird.

Die Ansichten von Kierkegaards romantischem Helden Constantin werden konterkariert durch den kommentierenden ironischen Sören Kierkegaard. Zwischen Kierkegaards Bruch mit Regine und der Niederschrift von Die Wiederholung liegen zwei Jahre. Zwischen unserem nächtlichen Telephonieren und den Telephongesprächen jetzt liegen fünfzig Jahre. Je t'aimais tant, tu étais si jolie, comment veux-tu que je t'oublie? Wir wissen, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können. Doch was immer das Hmmm damals bedeutete, wir telephonieren wieder. Nicht alle drei Tage. Aber immer nachts. Reden ist Silber, Schweigen ist Blei, niemand weiß das besser als der Autor von À la recherche du temps perdu. Das letzte Mal haben wir eine dreiviertel Stunde geredet, das Mal davor war es eine Stunde. War alles, alles wieder gut! Alles! Alles, Lieb und Leid. Und Welt und Traum! Es wäre an der Zeit, dass sie mal wieder anruft. Damit ich diese Stimme mit der leisen Ironie wieder hören kann. Sprich, damit ich dich sehe.

Samstag, 22. Januar 2022

Verliebt in scharfe Kurven

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen. Vor zehn Jahren schrieb ich in dem Post Axel Eggebrecht:

Man kann überall nachlesen, dass Eggebrecht eine Radio Legende ist. Den NWDR hatte er als Hauptabteilungsleiter schon 1949 wegen parteipolitischer Querelen verlassen, blieb dem Sender aber als Freier Mitarbeiter erhalten. Und er war eine Institution, die nicht wegzudenken war. Eine Woche, ohne Axel Eggebrecht mit seiner unnachahmlichen Stimme gehört zu haben, war keine Woche. Irgendwie verkörperte er den letzten Rest des Geistes der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er brachte Bildung und Vernunft in seine Sendungen. Das alles ist verloren gegangen. Der NDR ist vor wenigen Tagen in einer Medienanalyse als bester Sender im Norden herausgestellt worden, wie der Intendant Lutz Marmor stolz vor der Presse bekannt gab. Lutz Marmor verdient 286.000 Euro im Jahr, und das Niveau seines Senders ist flach wie das Land. Ich weiß nicht, ob Axel Eggebrecht für seine Radioarbeit in seinem ganzen Leben soviel Geld bekommen hat wie Lutz Marmor in einem Jahr kriegt.

Das lassen wir mal so stehen, Lutz Marmor ist im Ruhestand, und er bekommt bestimmt eine schöne Rente. Vor der Rente hatte er noch Til Schweiger in den Tatort geholt und war bannig stolz darauf. Die Qualität der Fernsehgeräte ist immer besser geworden, die Qualität des Programms nicht. Das ist so flach wie ein Flachbildschirm. Fernsehen heute - so schlecht war es noch nie, titelte die FAZ. Das war im Jahre 2001. 

Der Stern hatte früher eine erstklassige Programmzeitschrift als Beilage. Haben sie schon seit Jahren nicht mehr, legten da ein kümmerliches Heftchen von RTL ins Heft. Und jetzt? Seit dem 1. Januar gehört der Stern zur RTL Group. Wo soll das noch hinführen? Man braucht auch überhaupt kein Programmheft, es gibt ja sowieso nur noch Horst Lichter, Talkshow und Tatort. Aber wo bleiben Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung, die einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten sollen? Vor allem Kultur. Warum sendeten arte, 3Sat oder N3 nach dem Tod von Peter Bogdanovich nicht The Last Picture Show? Warum gab es nach dem Tod von Jean-Jacques Beineix nicht Diva im TV? Immerhin zeigt arte für vier Wochen Betty Blue.

Manchmal aber, da gibt es spät in der Nacht doch was richtig Gutes. Vor fünf Tagen gab es bei arte Verliebt in scharfe Kurven (Il Sorpasso), ein italienisches Road Movie von 1962 mit Vittorio Gassman und Jean-Louis Trintignant. Ich kenne den Film, ich habe ihn damals im Kino gesehen, also in dem damals, in dem ich noch so aussah wie Jean-Louis Trintignant. Ich habe auch eine DVD, italienischer Originalton. Ich hab zwar ein paar Italienischkurse an der Uni belegt, weil Professor Tintelnot der Meinung war, man könne kein Kunsthistoriker sein, wenn man kein Italienisch könne, aber doll ist mein Italienisch nicht. Es gibt neben Gassman und Trintignant auch eine Menge schöner Frauen in dem Film. Diese hier erscheint nicht auf der Liste der Darsteller bei dem ansonsten guten Wikipedia Artikel, aber ich glaube, es ist Edda Ferronao

Auch nicht im Wikipedia Artikel erwähnt wird Annette Stroyberg, deretwegen sich Roger Vadim von Brigitte Bardot scheiden ließ. Als Annette Vadim war sie in Les Liaisons Dangereuses zu sehen gewesen. Sie hat im Film nur eine kleine Rolle als deutsche Touristin. Aber wir haben im Film auch noch Luciana Angiolillo, Catherine Spaak und Mila Stanic

Der schüchterne Jurastudent Roberto (Trintignant) wird keine abbkommen, auch sie hier (Mila Stanic) nicht. Der Lebemann und Prahlhans Bruno (Gassman) mit seinem Lancia Aurelia bekommt auch keine, obgleich er in seinen Erzählungen einer zweiter Don Juan ist. Der Film, zu dem Fellinis Freund Ettore Scola das Drehbuch schrieb, ist eine hektische Fahrt auf der Überholspur vom menschenleeren Rom in die Toscana, durch ein Italien des Wirtschaftswunders. Der Film hat manches mit den Filmen von Fellini und Antonioni gemein. Über Antonioni sagt Bruno im Film großspurig: Antonioni? Bei L’éclisse bin ich sanft eingeschlummert. Ein großartiger Regisseur!

Il Sorpasso gilt als ein Meisterwerk Dino Risis. Martin Scorsese hat den Film, der den englischen Verleihtitel The Easy Life hatte, auf die Liste der ihm wichtigsten italienischen Filme gesetzt: Perhaps the least famous movie on the list, 'The Easy Life' is carried to classic status by the chemistry of its two male leads, Jean-Louis Trintignant and Vittorio Gassman. Trintignant plays Roberto, a young and painfully shy law student, studying for an important exam. Looking out his window he notices Bruno (played by Gassman) and his stylish Lancia. Bruno needs to make a phone-call and Roberto offers him to come up. Soon after, Bruno offers Roberto to come for a drink. However, there’s nowhere in the city to drink, because everyone is away on holiday. Not to be put off by this, Bruno decides to take Roberto on a road trip into the country.side. So begins a messy odd-couple friendship. 

As usual with this form of comedy, the plot is driven by the polar opposition of the two characters, and elicits sympathy at those brief moments when their common humanity is revealed. While the movie is often seen as a commentary on Italy’s 'economic miracle', it is not an overtly satirical film. Both characters are treated with tenderness, and both actors were already known for their abilities to charm audiences. But the film does display a suspicion, especially considering it’s final scene, towards Italians’ increasing individualism and consumerism.

Wenn Ihnen das Fernsehprogramm heute und morgen nicht gefällt, dann habe ich hier Verliebt in scharfe Kurven für Sie.