Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da einen Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer Übersetzerlexikons, Aleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig, als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht Proust übersetzen (I) und Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.


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