Mittwoch, 15. Juli 2026

Rembrandt Harmenszoon van Rijn

Bei uns im Treppenhaus hingen drei Rembrandts. Natürlich keine echten. Meine Mutter hatte die Radierungen vor dem Krieg in Dresden gekauft, und der Händler hatte ihr erzählt, sie solle gut darauf aufpassen, die seien sehr wertvoll. Das hat sie immer geglaubt. Sie sind natürlich genau so wertvoll wie jeder andere Kunstdruck. Unsere Drucke sind ein Selbstbildnis, sowie ein Stich, der gemeinhin als Faust bekannt ist, und die →Landschaft mit drei Bäumen. Die Landschaft ist für mich das einzig Interessante, wegen der wild bewegten Wolken. Sonst gibt es auf Rembrandts Zeichnungen und Radierungen kaum Wolken (er malt auch eh kaum →Landschaften). Der wilde Himmel passt eigentlich nicht zu den Bäumen, die ganz ruhig dastehen. Und auch nicht zu der kleinen Figurengruppe, die keinerlei Anstalten macht, vor Sturm und Regen Schutz zu suchen. Seltsam, geheimnisvoll. Aber ich tröste mich da immer mit Robert Walsers  Sätzen Man muß nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen. Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten. Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht

Mit Rembrandts Radierungen kenne ich mich aus. Ich habe sie alle in der Hand gehabt. Na ja, nicht alle, aber mehr als zweihundert. Weil ich ein Volontariat in der Kunsthalle Bremen gemacht habe und da die Aufgabe hatte, alle vorhandenen Radierungen mit den detaillierten Angaben des Katalogs zu vergleichen. Mit weißen Baumwollhandschuhen, ohne die ging im →Kupferstichkabinett nichts. Alles hier unten war echt, was man über die Rembrandts oben in der Kunsthalle nicht sagen konnte. Dazu steht mehr in dem Post die Bremer Rembrandts. Auch wenn die Landschaft mit den drei Bäumen, die meine Mutter gekauft hatte, nur eine billige Kopie ist, sie hängt jetzt schön gerahmt bei mir im Flur und ist immer eine Augenweide.

Der Maler →Rembrandt Harmensz. van Rijn wurde heute vor vierhundertzwanzig Jahren geboren, das soll uns einen kleinen Post wert sein. In dem ich darauf hinweisen kann, dass es gerade in Kassel eine ganz besondere Ausstellung mit dem Titel Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke gibt. Die haben da viele Rembrandts in Kassel. Im Inventarbuch von 1749 waren es noch 34 Rembrandts, zur Zeit von König Lustik sind welche abhanden gekommen. Heute hat man noch vierundzwanzig, von denen die Hälfte als echt gilt. Die Führung, an der ich vor über sechzig Jahren teilnahm, ließ die Rembrandts aus, präsentierte stattdessen einen Tischbein nach dem anderen. Bis ich zum Entsetzen meines Klassenlehrers den Museumsführer auf der Wilhelmshöhe unterbrach und laut fragte: Wann hört das hier endlich mal mit den Tischbeins auf? Hier gibt es doch Rembrandts! 

Als ich mich vor Jahrzehnten bei Professor Wolfgang J. Müller  für die mündliche Doktorprüfung anmeldete, bot ich ihm als eins der Themen den ganzen Rembrandt an. Ich hatte seine Rembrandt Vorlesung gehört und in den Semesterferien sorgfältig nachgearbeitet. Die Mitschrift habe ich immer noch. Hatte auch in Holland schon viele Rembrandts gesehen. Er sagte mir, dass ich mit der ganzen altniederländischen Malerei und dem ganzen Dürer schon zwei sehr große Themengebiete hätte, er würde mir gerne ein kleineres Thema gönnen, das nicht so arbeitsintensiv sei. Also einigten wir uns auf die englischen Präraffaeliten. Heute kommt mir das ein klein wenig größenwahnsinnig vor, den ganzen Rembrandt als Prüfungsthema anzubieten. Aber wenn man jung ist, glaubt man, dass man alles mit aweck machen kann. 

Das stand hier schon so ähnlich im Jahre 2011 in dem Post Rembrandt. Und der Maler, den wir immer nur unter seinem Vornamen kennen, tauchte hier immer wieder auf. So in den Posts Rembrandt, once again, Anatomie, Anatomiestunde, Peter Paul Rubens, Govaert Flinck, Hintergrund, Zeitlos und Nachtkasper. Rembrandt stieg nach seinem abgebrochenen Studium an der Universiteit Leiden in der Kunstwelt schnell auf. Er gibt sein Atelier in seiner Geburtsstadt Leiden auf und zieht nach Amsterdam. Hat jetzt eine eigene Werkstatt, wo andere ihm zuarbeiten. Hat Schüler, die genau so malen wie er. Unsere Ideen vom Originalgenie, das der Sturm und Drang aufbrachte, funktionieren bei Rembrandt nicht mehr so ganz. 

Als das Buch Rembrandt als Unternehmer: Sein Atelier und der Markt von Svetlana Alpers erschien, waren viele Kunstfreunde etwas verstört. Der amerikanische Kunstkritiker Hilton Kramer betitelte seine Rezension des Buches mit Rembrandt as Warhol. Die Wörter Unternehmer, Atelier und Markt waren nicht das erste, was einem zu Rembrandt einfiel. Vor hundert Jahren war das Werk von Rembrandt überwältigend groß, es ist heute überschaubarer geworden. Viele Rembrandts haben inzwischen einen anderen Namen bekommen, weil man sie als Arbeiten von Schülern und Kollegen identifiziert hat. Man kennt rund fünfzig seiner Schüler dank des Lebenswerks von Werner Sumowski. Leider kann man die sechs Bände der Gemälde der Rembrandt-Schüler antiquarisch nicht unter tausend Euro bekommen. Ich habe hier für Sie noch eine →Liste der echten Gemälde. Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann sollten Sie die Adressen →Rembrandt Research Project und →The Rembrandt Database aufsuchen.

So erfolgreich Rembrandt ist, er wird als Unternehmer scheitern, Andy Warhol nicht. Es soll auch sein verschwenderischer Lebensstil gewesen sein, der seinen Untergang beförderte. Und sein Malstil ist aus der Mode gekommen, sein Schüler Gerrit Dou verdient mit seinen kleinen Bildern viel mehr als er. Am 26. Juli 1656 muss Rembrandt in Amsterdam offiziell Konkurs anmelden. Seine umfangreiche Kunst- und Raritätensammlung wandert in die Zwangsversteigerung, bringt aber in zwei Jahren nicht das Geld, um die Schulden zu begleichen. Sein großes Haus in der besten Lage, das ihn 13.000 Gulden gekostet hat, muss er 1658 aufgeben, weil er die Hypotheken immer noch nicht abbezahlt hat, das Haus ist heute ein Museum

Wir wissen beinahe alles über seine Bilder, aber nicht annähernd so viel über sein Leben. Dennoch gibt es gute Biographien. Empfehlen würde ich von Gary Schwartz Das Rembrandt Buch: Leben und Werk eines Genies. Christian Tümpels Rembrandt: Mythos und Methode (Taschenbuch bei Rowohlt) habe ich schon in dem Post Rembrandt, once again gelobt. Nils Büttners bei Reclam erschienenes Buch Rembrandt. Licht und Schatten: Eine Biographie kann man auch lesen, aber auf meiner persönlichen Liste bleiben Gray Schwartz und Christian Tümpel vorn.

Und dann ist da noch Simon Schamas Rembrandt's Eyes. Aber so brillant Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz oder Christian Tümpel. Und man merkt das leider bei seinen Büchern in kleinen Details, er schreibt zu viel und zu schnell. Früher hätte es für ein Gelehrtenleben ausgereicht, wenn man ein Buch wie Landscape and Memory (meiner Meinung nach sein bestes Buch) geschrieben hätte. Aber Simon Schama gibt sich damit nicht zufrieden. Je mehr ich von ihm lese, desto häufiger entdecke ich bei ihm kleinen Fehler und kleine Flusigkeiten, das ist sehr witzig. Das alles soll Rembrandt's Eyes nicht abwerten, aber in vielen Dingen ist der Leser bei einem Kunsthistoriker wie Gary Schwartz oder Christian Tümpel besser aufgehoben.

Nach seinem Tod war der Maler Caspar David Friedrich schnell vergessen. aber Rembrandt, der das Haus in der Jodenbreestraat verlassen musste und im Armenviertel weitermalte, der wurde nie vergessen. Von Zeit zu Zeit versammeln sich Holländer wie auf diesem Photo, um in einem tableau vivant ein Gemälde (hier die Nachtwache) nachzustellen. Natürlich darf der Hund nicht fehlen. Selbst in meiner Heimatstadt Bremen hat man vor zwanzig Jahren die Nachtwache nachgestellt. Auch mit Hund. Ein Rembrandt Musical hat es auch schon gegeben.

Im Museumsshop von Den Haag kann man eine Vielzahl von Rembrandt Paraphernalia kaufen. Aber muss man Manschettenknöpfe mit dem Selbstportrait des Malers wirklich haben? Man kann heute alle Gemälde Rembrandts als Kunstdruck kaufen, bei ebay gibt es 2.400 Stück davon. Dieser ganze Rummel hat schon früher eingesetzt. Dem berühmten holländischen Karikaturisten Albert Hahn war der Rummel zur Dreihundertjahrfeier von Rembrandts Geburtstag im Jahre 1906 zu viel. Und er dichtete zu diesem Cartoon:

Met de laatste Rembrandtspeech
klim ik op m’n Rembrandtfiets;
Ontsteek aan m’n Rembrandtlantaren
één van m’n Rembrandtsigaren;
Rembrandtpet op Rembrandtlokken,
aan m’n kuiten Rembrandtsokken.

Rembrandt Fahrräder gibt es immer noch, Rembrandt Zigarren auch. Eine echte Rembrandt Radierung kostet schon richtiges Geld. Da gebe ich mich mit meinem kleinen Kunstdruck der Landschaft mit drei Bäumen zufrieden.

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