Samstag, 6. März 2021

der Marquis de Sade


Heute vor zweihundertzwanzig Jahren wurde der Marquis de Sade im Büro seines Verlegers verhaftet, so etwas kennt er schon, er ist schon häufig verhaftet worden. Zur Zeit des Terreur war der Bürger de Sade knapp der Guillotine entkommen; jetzt ist Napoleon an der Macht, der mag den Marquis nicht, de Sade wandert für die letzten Jahre seines Lebens in die Irrrenanstalt Charenton. Wenn er im Alter von vierundsiebzig Jahren stirbt, wird er siebenundzwanzig Jahren seines Lebens in Gefängnissen und Irrenanstalten verbracht haben. Wo er auch seine Werke schreibt. Der Comte, der sich selbst zum Marquis gemacht hatte, begegnete mir immer wieder, als ich vor vielen Jahren über die Literatur der Gothic Novel zu forschen begann, ein Genre, zu dem sich de Sade auch selbst geäußert hat. Auf diesem Bild (das einzige, das es von ihm gibt) ist er zwanzig Jahre alt, da ist er noch ein junger Kavallerieoffizier, sein Leben als Wüstling, Schriftsteller un dilettierender Philosoph hat noch nicht begonnen.

Die erste Biographie, die ich damals las, war die von Walter Lennig, die bei Rowohlt in der Reihe der rowohlts monographien erschienen war. Walter Lennig war nach dem Zweiten Weltkrieg Feuilletonchef der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel gewesen, und er hatte 1962 sein zweites Buch in der Rowohlt Reihe über Gottfried Benn geschrieben. Der war in Berlin sein Nachbar gewesen, den kannte er gut. Dann schrieb Lennig den de Sade Band, der sich länger als vierzig Jahre (immer wieder von der Rowohlt Redaktion leicht überarbeitet) in der Reihe hielt. Sei Buch über Edgar Allan Poe, das, wie alle Bücher von Lennig, sehr substantiell war, war 1959 erschienen und war bis 2003 lieferbar.

Noch substantieller als Lennigs Buch über de Sade war für mich das Buch The Romantic Agony von Mario Praz, das 1933 bei der Oxford University Press erschienen war. Das italienische Original La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica war drei Jahre zuvor veröffentlicht worden. Die deutsche Ausgabe (dtv 2 Bände) hielt sich an den italienischen Titel: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. Das Buch, das mit Im Zeichen des göttlichen Marquis ein hundertsiebzig Seiten langes Kapitel für de Sade hat, gibt eine Rezeptionsgeschichte für das, was de Sade mit Justine und anderen Büchern angerichtet hat. Mario Praz war Anglist und Kunsthistoriker (sein Buch Conversation Pieces wird hier schon in dem Post über Vilhelm Marstrand erwähnt), und er bewohnte in Rom einen Palazzo. Sein Buch ist inzwischen ein Standardwerk, wie beinahe alle Bücher, die er geschrieben hat.

Wenn man sich mit der Gothic Novel beschäftigt, wie ich es damals vorhatte, kommt man ohne das Buch von Praz nicht aus. Und de Sade begegnet uns überall. Sie könnten jetzt einmal die beiden langen Posts Gothick und Fantasy lesen, dann wissen Sie, was ich meine. Ich hatte mir überlegt, ob ich heute etwas von dem Text von Justine hier einstelle, aber dann habe ich es gelassen. Das Manuskript, das Napoleons Polizei einst suchte, und die verschiedenen Ausgaben von Justine, die einst verboten waren, sind heute frei zugänglich. Die französische Nationabibliothek bewahrt de Sades Schriften nicht mehr im Enfer auf, seit 1995 gibt es die dreibändige Ausgabe der Bibliothèque de la Pléiade. Sie können Justine hier bei Zeno oder im Orginal bei Wikisource lesen. Falls Ihnen bei Zusammenfassung genügt, gehen Sie zu Seite getastract, eine Seite, die eigentlich immer zuverlässig ist. Und den Film von Jess Franco, der zu diesem Plakat gehört, den habe ich auch für Sie. Mit Klaus Kinski als Marquis de Sade, das passt doch.

Da ich bei den Kuriosa angekommen bin, muss ich diesen Roman erwähnen, der heute noch als Klassiker der Erotik angeboten wird. Der Roman heißt Schwester Monika (hier im Volltext), er erschien zum ersten Mal ein Jahr nach dem Tod von de Sade. Er geriet in Vergessenheit, bis ihn 1910 der Wiener Kulturhistoriker Gustav Gugitz neu herausgab. Und ihn dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann zuschrieb. Die Meinungen der Literaturwissenschaftler sind geteilt, aber eins zeigt der Roman: man kann de Sade leicht imitieren und parodieren. Ein Faksimile der Ausgabe von 1910 (in Halbleder gebunden) kam in den sechziger Jahren dank des Hamburger Gala Verlags, der sich auf Pornographie spezialisierte, auf den Markt. Auf Bütten gedruckt, mit einer nummerierten Auflage von 1.600 Exemplaren.

Im selben Jahr, in dem das Buch von Mario Praz in Italien erschien, erschien in Deutschland ein Buch über den Marquis de Sade von Otto Flake, einem Schriftsteller, der ja ein halber Franzose ist. Ich schätze den Autor sehr, und er hat hier mit Otto Flake schon einen Post. Die Ausgabe von 1930 hatte nicht diesen schönen Cover, das Bild zeigt die spanische Ausgabe von 1931. Die deutsche Ausgabe ist als Fischer Taschenbuch erhältlich, und Fischer hat sie 2015 mit einem Nachwort von Michael Farin, der 1979 seine Doktorarbeit über Flake geschrieben hat, wieder neu aufgelegt. In seinem Vorwort sagt Flake: Der Absicht, mich mit Leben und Werk des Marquis de Sade zu befassen, konnten einige Bedenken entgegenstehen. Die Bedenken lagen nicht im Bewußtsein mangelnder Zuständigkeit. Man muß weder Arzt noch Psychiater sein, um dieses Thema zu behandeln, das vor allem in das Gebiet des Charakterologen fällt. Die Bedenken galten der Tatsache, daß die Nachfrage nach Biographien zu einer gewissen Betriebsamkeit geführt hat; daher leicht in den Verdacht der Spekulation kommt, wer sich eine der krassesten Erscheinungen aussucht.
     Aber es gilt doch wohl heute als selbstverständlich, daß alles, was gelebt hat, des Interesses würdig ist. Bei uns wirken noch alte idealistische Vorschriften nach. Natürlich ist es erhebender, sich mit Calvin oder Leibniz zu beschäftigen als mit Sade oder Rétif, die zu den negativen Phänomenen gehören. Aber die negativen Phänomene ergänzen die positiven, und erst bei der Darstellung eines Problematikers zeigt sich, wie wertvoll Gesundheit, Norm, höhere Menschlichkeit sind.
     Mein Buch ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte und zur Seelenforschung.

Es ist ein Beitrag zur Geistesgeschichte, und es ist glänzend geschrieben. Wenn Flake seine Leser schonen will, lässt er Sätze im französischen Original. Wie zum Beispiel: Je parricidais, j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais. Darum geht es in de Sades Romanen, um nichts anderes. Man könnte mit Oto Flake aufhören, aber der Strom der Literatur zu de Sade kommt nicht zum Versiegen. 1909 hatte Guillaume Apollinaire in Introduction à l'oeuvre du marquis de Sade geschrieben: Dieser Mann, der während des gesamten 19. Jahrhunderts keine wichtige Rolle spielte, könnte im 20. Jahrhundert sehr wohl dominierend in den Vordergrund treten. Ernst Ulitzsch hatte 1920 plakativ formuliert: Donatien Alphonse François Marquis de Sade ist der Bluthusten der europäischen Kultur. Als die Körper der Rokoko-Aristokraten immer muskelschwächer wurden, stieß er mit kraftvollem Arm die Fenster der schlecht belüfteten Salons ein. Die Schuld lag nicht bei D.A.F., wenn nun, statt ersehnter Morgenluft, der Gestank des Schlachthauses einströmte, und jauchefahle Fratzen der frische Duft warmen Blutes zum Erbrechen reizte. Auf diesem Bild sehen wir den Ersten Konsul Napoleon, wie er den Roman Justine dem Feuer übergibt. Dass ihm de Sade ein in Leder gebundenes Exemplar geschickt hatte, stieß bei ihm offenbar auf keine große Begeisterung. Noch auf Sankt Helena entrüstete er sich gegenüber seinem Sekretär de Las Cases über die Verwilderung der Pariser Sitten. Dabei erwähnte er auch Justine, ein Buch, das er nur einmal durchgeblättert habe, es sei ein schmutziges und widerliches Produkt einer total verderbten Phantasie. Das können wir einmal so stehen lassen.

Die beiden Romane Justine und Juliette sind schmutzige und widerliche Romane. Sie sind keine große Literatur. Niemand sagt über Justine Sätze wie: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend. Das hat Hermann Hesse über den Briefroman Les Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos gesagt, ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts, das man zur Weltliteratur
zählt. Es kann sein, dass der Erfolg des Romans (21 Auflagen zu Lebzeiten des Autors) de Sade dazu angeregt hat, seine Romane zu schreiben. Les Liaisons dangereuses ist ein erotischer Roman, zwischen Erotik und Pornographie gibt es Unterschiede. Franz Blei hat in seiner Geschichte der erotischen Literatur für de Sade nur eine Seite übrig: 'Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte. Und darum ist sie eine Tugend und nicht ein Laster.' Dieser Satz steht in des Marquis de Sade Philosophie dans le boudoir, einem Buche kalter Obszönität, das den Situationswitz des jüngeren Crébillon ohne Talent nachahmt und nicht besser ist als des Marquis andere pornographischen Kolportageromane, nur kürzer.

Und wenn Sie ein Beispiel für die Grausamkeit bei de Sade haben wollen, lasse ich doch mal eben seine Juliette reden: Ich lasse mir ein prachtvolles Mädchen von 18 Jahren vorführen, in meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen so schönen Körper gesehen. Nachdem ich sie überall tüchtig abgeküßt, abgegriffen und abgeschleckt hatte, führte ich sie selbst auf die Bühne; dort mit den Henkern um die Wette arbeitend, zerhaue ich sie derart mit einem derben Lederriemen, daß Stücke Fleisch größer wie meine Hand, davonflogen; endlich haucht sie ihren Geist aus, worauf ich mich von den Henkern auf ihrem Leichnam vögeln lasse. Das geht jetzt ad infinitum so weiter. Wir müssen allerdings bedenken, dass de Sade nichts wirklich erfunden hat, er ist nur einer der Autoren, der einer weiblichen Libertinage Worte verleiht. Es gibt einen riesigen Markt für Pornographie im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Kulturhistoriker Robert Darnton, der den wunderbaren Essay über Washingtons falsche Zähne geschrieben hat, hat mit The Literary Underground of the Old Regime 1982 ein interessantes Buch zu den französischen Verhältnissen vorgelegt.

Für die Leser der 1790er Jahre kommt zu den Texten noch ein reichhaltiges Bildmaterial hinzu. Einhundert Kupferstiche enthielt Justine in der Fassung von 1797. Perversionen auf Bildern hat es schon vorher gegeben, wie zum Beispiel hier auf dem Ausschnitt vom rechten Altarflügel von Hieronymus Boschs Garten der Lüste. Aber das ist der Teil des Altars, der der Hölle gewidmet ist. Hier sagt niemand mehr: Das Laster bereitet uns Vergnügen und die Tugend nur Langeweile und ich bin der Meinung, dass dasjenige, was uns Freude verschafft, stets den Sieg über das davon tragen wird, was uns gähnen macht.

Zum zweihundertsten Todestag von de Sade im Jahre 2014 erschien der Roman Der göttliche Marquis von Wolfgang Marx und eine Biographie von dem Historiker Volker Reinhardt. Über die Thomas Macho in der NZZ schrieb: Die Hitze der Debatten hat sich in den jüngstvergangenen Jahrzehnten deutlich abgekühlt. Als sichtbares Dokument dieser Abkühlung und Ernüchterung kann die umfangreiche Biografie betrachtet werden, die der Historiker und Golo-Mann-Preis-Träger Volker Reinhardt zum zweihundertsten Todestag de Sades veröffentlicht hat: Schon der Untertitel – 'Die Vermessung des Bösen' – verrät, dass vom 'göttlichen Marquis' ebenso wenig übrig geblieben ist wie vom 'Propheten des Grauens', den der erste Abschnitt der Einleitung, auch mit Blick auf die Greuel des 20. Jahrhunderts, skizziert. Der experimentelle Atheismus Sades, der die Hostienschändung mit dem Ziel eines 'negativen Gottesbeweises' verfolgte, wirkt heute eher komisch; und die mit nahezu geometrischer Präzision choreografierten Orgien verblassen angesichts von zeitgenössischen SM-Inszenierungen, die mit wenigen Klicks im Internet entdeckt werden können. Das ist es, dahin ist alles gewandert, was sich de Sade an sexuellen Perversionen ausgedacht hat. Diese junge Dame ist eine französische Porno-Actrice, die sich den Namen Justine de Sade gegeben hat.

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